Nach dem legendären Schafskrimi ermittelt jetzt eine Senioren-WG:

Eigentlich hat Agnes Sharp mit der Hüfte, dem Treppenlift und den Bewohnern ihrer umtriebigen Senioren-WG genug zu tun. Und dann ist da auch noch die Tote im Schuppen. Und die Tote im Nachbarsgarten. Ganz klar: das englische Idyll trügt, und ein perfider Mörder hat es auf alte Damen abgesehen! Kurzentschlossen machen sich die streitbaren Senioren samt Schildkröte auf Mörderjagd – eine Suche, die sie nicht nur auf das trügerische Parkett des örtlichen Kaffeetreffs führt, sondern auch in den dubiosen Lindenhof und schließlich tief in die eigene Vergangenheit. Denn auch Agnes und ihre Mitbewohner haben das eine oder andere Geheimnis zu hüten.

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Reinlesen & begeistern:

Hettie war heiß. Sie hatte zu viel Zeit auf ihrem Sonnenstein verbracht, und die Hitze des Nachmittages war ihr in den Panzer gefahren und schwirrte nun etwas aufdringlich in ihrem Kopf herum. Wie jeder verantwortungsvolle Kaltblüter musste sie sich daranmachen, wieder eine Balance herzustellen, und der richtige Ort dafür war traditionell die schattige Schlucht alter Blumentöpfe hinter dem himmelhohen Holz, wo Farne unbeaufsichtigt aus Ritzen rankten und Schnecken sich über feuchte Erde tasteten.
Hettie legte los, einen geschuppten Fuß vor den anderen. Über den Kiespfad, unter den Hortensien hindurch, vorbei
am großen Stumpf.
Doch etwas war anders als sonst. Wo normalerweise das himmelhohe Holz aufragte, war diesmal nichts, ein großes,
gähnendes Nichts, und dahinter Schatten. Wie alle Schildkröten hielt Hettie nicht viel von Neugier, aber dieses unbekannte Schattenreich zog sie an. Sie schob sich die Rampe hinauf, zögerte kurz an der Sonne-Schatten-Grenze und glitt dann weiter, hinein in die angenehme Kühle. Ihr Panzer streifte altes Holz, geglättet von der Zeit und unzähligen Großen Füßen. Sie roch die Großfüße auch jetzt, nah und unverkennbar, salzig und ledrig.

Im Prinzip hatte Hettie gegen Großfüße nichts einzuwenden, sie waren ihr immer mit Respekt begegnet und wurden manchmal begleitet von den Händen-die-Salat-hielten. Ermutigt kroch sie weiter, tiefer in die Schatten hinein. Dort hinten. Aha. Sie sah sofort, dass mit diesen Großfüßen etwas nicht stimmte. Anders als die meisten ihrer Artgenossen ruhten sie nicht flach und stabil auf dem Boden, sondern zeigten mit ihrem spitzen Ende nach oben, hinauf in den Äther, wo Sonnenlicht durch das Halbdunkel schnitt und Staubsterne tanzten.
Höchst ungewöhnlich. Auch war dieses Pärchen seltsam reglos. Krank, eindeutig. Hettie hatte noch nie einen kranken
Großfuß zu Gesicht bekommen. Jetzt machte sich doch so etwas wie Neugier in ihr bemerkbar, oder wenn nicht Neugier, dann zumindest Appetit. Probehalber und etwas verwegen biss sie in einen der Großfüße. Der Fuß wehrte sich nicht, und Hettie biss triumphierend zum zweiten Mal zu, mehr aus Prinzip als aus Enthusiasmus. Ledrig und hart. Nicht ihr Geschmack. Doch wo sich Großfüße fanden, waren Hände-die-Salat-hielten meistens nicht fern. Sie beschloss, sich auf die Suche nach ihnen zu machen, und stellte zu ihrer Verwunderung fest, dass es jenseits der Großfüße weiterging, weiter und weiter, ein ganzes Reich von Hügeln,
Tälern und Kurven.
Und tatsächlich: Dort hinten, tiefer im Dunkel, ruhte eine der Hände-die-Salat-hielten. Nur hielt sie keinen Salat, sondern schien zusammengekrümmt, einer toten Spinne nicht unähnlich.
Schildkröten sind im Allgemeinen ein eher ungeduldiges Volk, doch Hettie war eine Ausnahme. Sie konnte warten. Vor allem auf Salat. Sie fand einen bequemen Ort am Fuße der ungewöhnlichen Hügellandschaft. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Gemütlich, aber nicht beengend. Hier ließ es sich aushalten.
Als jedoch auch nach geraumer Zeit kein Salat aufgetaucht war, hatte Hettie genug von der Warterei. Außerdem war der
anfangs angenehm temperierte Hügel neben ihr kälter und kälter geworden, ungemütlich kalt, und die Fliegen begannen ihr auf die Nerven zu gehen. Erst waren es nur zwei oder drei gewesen, und Hettie hatte sie nach Schildkrötenart ignoriert, aber mittlerweile kreiste dort oben eine ganze Wolke. Summte, sank und hob sich, umtanzte den Hügel und auch Hettie selbst. Als eine der Fliegen sich erfrechte, auf Hetties Kopf zu landen, und versuchte, aus ihrem Auge zu trinken, schob sich die Schildkröte entrüstet von ihrem
Platz, wanderte durch eine seltsam klebrige, metallisch riechende Pfütze hindurch und wieder hinaus in die Nachmittagssonne.

Die Türglocke erklang, und Agnes Sharp unterbrach die Suche nach ihren dritten Zähnen, erfreut und verärgert zugleich.
Erfreut, weil sie die Türglocke überhaupt gehört hatte – ihre Ohren spielten in letzter Zeit nicht mehr so mit, und manchmal hörte sie nur einen hohen, nervenaufreibenden Ton, begleitet von Rauschen. Da war die Türglocke eine angenehme Abwechslung.
Andererseits würde es etwas peinlich sein, ohne die besagten Dritten die Tür zu öffnen, unartikuliert und zahnlos. Doch der Klingler musste abgewimmelt werden, bevor er auf die Idee kam, im Garten herumzuschnüffeln – Zähne hin oder her.
»Isch komme! Augenblick!«, brüllte sie in den Flur, dann machte sie sich auf. Aus dem Zimmer. Vorsicht Schwelle! Und dann die Treppe. Ein Schritt, eine Stufe, dann den zweiten Fuß nachholen. Ein schwindelerregender Moment ohne jede Balance, ein Atemzug, Mut sammeln für die nächste Stufe. Und so weiter. Sechsundzwanzig Mal. Augenblick. Von wegen!
Es klingelte erneut.
Die Hüfte beschwerte sich.
Es klingelte schon wieder.
»Moment, verdammt noch mal!«
Als sie den ersten Absatz erreichte, hatte sich eine gehörige Wut in ihr aufgestaut, auf die Treppe, den Klingler, die abtrünnigen Dritten, aber auch auf ihre Hausgenossen. Wieso bekam immer sie die unangenehmen Aufgaben? Wie Treppensteigen. Oder Müllraustragen. Oder… überhaupt alles!
Edwina wäre die Stufen um einiges schneller hinuntergekommen, aber an der Tür war sie natürlich nutzlos. Bernadette saß in ihrem Zimmer und heulte sich die blinden Augen aus. Der Marschall war um diese Zeit meistens irgendwo im Internet, unerreichbar, mit dem Computer wie durch eine Nabelschnur verbunden. Und natürlich konnte man von Winston kaum erwarten, dass er sich ohne Treppenlift an den Abstieg machte.
Warum reparierte niemand den blöden Treppenlift? Dann erinnerte Agnes sich daran, dass es ihre Aufgabe gewesen wäre, den Reparaturmann zu rufen, aber mit ihrem unberechenbaren Gehör und ihrer Abneigung gegen das Telefon hatte sie es immer wieder vor sich hergeschoben. Selbst schuld also, wie so oft dieser Tage.
Blieb als Sündenbock nur der Klingler, und auf den hatte sie nun eine Stinkwut. Sie hatte die letzte Stufe gemeistert und schleppte sich, begleitet von einem Klingelstakkato, mit berechnender Langsamkeit auf die Haustür zu. War sie vielleicht taub? Was erfrechte sich der Flegel? Was wollte er überhaupt um diese Zeit? Und wie viel Uhr war es eigentlich? Agnes fummelte kurz an dem Riegel herum, dann riss sie die Haustür auf. Gern hätte sie dem Klingler jetzt so richtig die Meinung gesagt, aber ihr fiel nichts ein.
»Na und?«, schnauzte sie. Es passte nicht so richtig, und sie ärgerte sich noch mehr.
»Äh, Frau Sharp?« Der Klingler äugte frech an ihr vorbei ins Haus. So ein verdammter Jungspund mit Beamtenbrille und Aktentasche unter dem Arm. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Agnes verschränkte die dünnen Arme, während der Jungspund mit einiger Verspätung ein gewinnendes Lächeln anknipste.
»Frau Sharp, ich habe wundervolle Neuigkeiten für Sie!«
Das hätte er besser nicht gesagt. Bisher hatte Agnes einfach vorgehabt, den Störenfried nach Plan abzuwimmeln, aber jetzt platzte ihr der Kragen. Wundervolle Neuigkeiten? Ausgerechnet heute? Das ging zu weit!
Sie versuchte sich trotz fehlender Zähne an einem freundlichen Alte-Dame-Lächeln – mit mäßigem Erfolg, wie sie dem zweifelnden Gesichtsausdruck des Vertreters entnahm.
»Oh, für misch? Wie schön! Kommen Schie doch bitte in den Schalon!«
Das hatte der Klingler nur sich selbst zuzuschreiben!

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Das sagen die LeserInnen

Der wohl witzigste Kriminaltoman seit langem

Von: Chiara
05.10.2020

Das Buch beginnt aus der Sichtweise einer Schildkröte, die auf der Suche nach einem Menschen ist, der ihr ein Salatblatt geben kann. Sie findet auch einen Menschen, allerdings sieht der ganz anders aus als die anderen und hat überall rote Flecken und riecht so komisch.

Das Buch hat mich mit diesen Anfang sofort gepackt! Es ist wirklich zum Piepen wie die älteren Damen und Herren sich verhalten und unterhalten. Ich kann es nur empfehlen für alle, die etwas zum Lachen brauchen!

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cosy crime

Von: Lorixx
13.09.2020



Leonie Swann hat mit "Mord in Sunset Hall" wieder einen witzigen Krimi geschrieben.

Eine etwas andere Senioren-WG lebt zufrieden in Sunset Hall. Sie sind schon etwas älter, manche sind krank oder verwirrt, aber sie halten zusammen, kümmern sich umeinander und haben jede Menge Humor.
Dann geschieht ein Mord... eine der Mitbewohnerinnen wird tot im Schuppen gefunden.

Egal welche Wehwechen plagen, die Senioren machen sich auf die Suche nach dem Täter und spielen Detektiv.

Der Roman liest sich sehr gut, Spannung gemischt mit einer guten Prise (schwarzem) Humor, wirft er auch die Frage nach dem älter werden auf. Interessante Charakter runden das Ganze ab.
Ein guter Cosy-Crimi Roman.

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Leonie Swann
© Mark Bassett

Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England.


Erfahre mehr über Leonie Swann und ihre Bücher auf ihrem Instagram-Kanal:

Leonie Swann auf Instagram

„Auf den ersten Blick völlig ungeeignet für die Detektivarbeit“

Leonie Swann über skurrile Ermittler, englische Hundenamen und die Grenzenlosigkeit der Phantasie


Frau Swann, in Ihren Kriminalromanen lösen sehr ungewöhnliche Ermittlerteams die Mordfälle. In „Glennkill“ war es eine gewitzte Schafherde, in „Gray“ ein Uni-Dozent mit einem gesprächigen Papagei und in Ihrem neuen Buch macht eine Senioren-WG der Polizei Konkurrenz. Worin besteht der detektivische Charme der Bewohner*innen von „Sunset Hall“?

Ich mag vor allem, wie ungeeignet die ganze Bande auf den ersten Blick für die Detektivarbeit zu sein scheint. Agnes hört nicht gut und ist ausgesprochen schlecht zu Fuß, der Marschall hat ernstzunehmende Erinnerungslücken, Bernadette ist blind, Winston sitzt im Rollstuhl und Edwina ist zwar körperlich fit, lebt aber geistig in Wolkenkuckucksheim. Nicht gerade das ideale SWAT-Team!
Aber wenn man genauer hinguckt, merkt man, dass diese Rentner-WG doch einiges auf dem Kasten hat. Die meisten von ihnen haben in der Vergangenheit bei der Polizei oder beim Militär gearbeitet (so haben sie sich kennengelernt) und zeichnen sich darüber hinaus durch ihre große Hartnäckigkeit und Entschlossenheit aus. Und natürlich hilft ihnen auch die Tatsache, dass sie von aller Welt unterschätzt werden, bei der Mörderjagd. Am reizvollsten finde ich aber, wie diese sehr verschiedenen Menschen trotz aller Kabbeleien zusammenhalten, Probleme gemeinsam lösen und sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Da kann man sich die eine oder andere Scheibe abschneiden!


Ihr literarischer Erstling, der Schafskrimi „Glennkill“, eroberte vor 15 Jahren die Bestsellerlisten. Für den Fortsetzungsroman „Garou“ haben Sie sogar ein Schäferpraktikum in Frankreich gemacht. Wie sah die Vorbereitung auf „Mord in Sunset Hall“ aus?

Egal wie viel Recherche ich betreibe, der erste Schritt in meine Romanwelt ist für mich immer eine Art Gedankenspiel. Was wäre wenn? In diesem Fall also: Was, wenn ich selbst gebrechlich und schlecht zu Fuß wäre und mich auf einmal mit einem Mord konfrontiert sähe? Wie würde ich die Sache angehen? Welche Möglichkeiten hätte ich? Was wäre mir wichtig? Wovor hätte ich Angst?
Darüber hinaus habe ich aber auch wissenschaftlich recherchiert und auf meine eigenen Erfahrungen mit alten Menschen zurückgegriffen: meinen Großeltern, die zuletzt leider alle in Heimen waren, einigen meiner Nachbarn. Es ist mir natürlich wichtig, meine Phantasie mit Fakten zu unterfüttern. Aber in erster Linie geht es für mich immer um Emotionen – wenn man sich etwas nicht vorstellen kann, nützen die ganzen Fakten auch nichts.


Tiere spielen immer eine wichtige Rolle in Ihren Geschichten. Nach Schafen, Papageien und Flöhen haben nun eine eigensinnige Schildkröte und ein quirliger Wolfshund ihren Auftritt. Was macht tierische Protagonisten so reizvoll für Sie?

Es wird nur wenige Leute überraschen zu hören, dass ich einfach ein großer Tierfreund bin. Tiere sind unser Bindeglied zur Natur, sie stehen uns so nah und sind gleichzeitig so anders, sie sind überraschend, unberechenbar, echt, lustig und emotional – und damit hervorragende Romanhelden. Darüber hinaus sind Tiere in ihrer ausdrucksvollen Sprachlosigkeit auch wundervolle Projektionsflächen, die nicht nur meinen Protagonisten, sondern auch den Lesern den Spiegel vorhalten können.

Duck End ist ein ländliches Idyll, in dem ziemlich haarsträubende Dinge passieren. Ist die Provinz ein perfekter Krimischauplatz?

Im Prinzip lässt sich natürlich überall gut morden, aber gerade für einen eher heiteren, humorvollen Krimi bietet das Landleben einen wundervollen Hintergrund. Hier kennt jeder jeden, kleine Ereignisse ziehen weite Kreise und selbst schauerliche Morde kommen malerisch daher, wenn sie sich vor idyllischer Kulisse abspielen.
Landmorde in der Tradition von Agatha Christie haben für mich einen ganz besonderen Charme, weil sie neben Spannung auch so etwas wie Behaglichkeit verbreiten.


Sie wohnen selbst in Großbritannien. Was schätzen Sie am Leben auf der britischen Insel?

Da hat sich natürlich in den letzten Jahren einiges verändert, und ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, ob mir die Richtung, in die sich das Land gerade entwickelt, besonders gefällt. Eher nicht. Aber ich lebe auf dem Lande in der Nähe von Cambridge, und in diesem Mikrokosmos merkt man von den großen gesellschaftlichen Umwälzungen noch wenig. Mein Dorf ist wirklich ein Idyll. Ich mag die Tatsache, dass man hier so schräg sein kann, wie man möchte, ich mag die Natur und Cream Tea, alte Herrenhäuser und zauberhafte Gärten. Ich mag die Glockenblumenwälder im Frühling und das gelehrsame Treiben in Cambridge.
Vor allem aber mag ich die Sprache. Ich denke, im Grunde geht meine Liebe zu Großbritannien auf Leseerlebnisse in meiner Jugend zurück. Da habe ich die ganzen Klassiker erstmals im Original verschlungen: Jane Austen, Wilkie Collins, Charles Dickens, die Brontës, Hardy, Thackeray... Und nun, da ich hier lebe, hallt das alles nach. England ist für mich das Land der Geschichten!


Einen kleinen ironischen Schlenker zum politischen Geschehen macht das Buch ebenfalls: Der WG-Hund heißt ausgerechnet Brexit. Was lassen Sie mit dieser Namenswahl durchschimmern?

Hier geht es darum, den aktuellen Dingen neue Blickwinkel abzugewinnen. Brexit, wiewohl ein sehr zweifelhafter Sachverhalt, kann noch immer einen hervorragenden Hundenamen abgeben!

Die Charaktere von „Sunset Hall“ sind liebevoll gezeichnet, allen voran die patente Agnes Sharp, die sich trotz ihres Hüftleidens mit vollem Einsatz in die Ermittlungen stürzt. Was war Ihnen bei der Figurengestaltung wichtig?

Ich war sehr darauf bedacht, dass meine Figuren, wiewohl scharf gezeichnet, nicht als Karikaturen enden. Ich wollte das Alt-Sein weder schönreden noch lächerlich machen, und bei allem Humor respektvoll damit umgehen. Das war mir so wichtig, dass ich sogar ein paar betagte „Testleser“ um Feedback gebeten habe, um sicherzustellen, dass nichts im Text als taktlos wahrgenommen wird. Und natürlich geht es mir auch immer darum, runde, komplexe Romanhelden zu erfinden: Leute mit vielen Facetten, die nicht einfach vor allem „alt“ sind. Es geht immer darum, das allgemein Menschliche durchschimmern zu lassen. Das, was uns alle verbindet.

Das selbstverwaltete Wohnprojekt „Sunset Hall“ wirkt wie eine Villa Kunterbunt für Senior*innen - etwas chaotisch zwar, dafür aber ein wahres Zuhause. Das örtliche Altersheim Lindenhof hingegen verströmt die Aura einer Verwahranstalt. Welche Denkanstöße möchten Sie Ihren Leser*innen zum Thema Lebensabend mitgeben?

Jeder von uns wird irgendwann alt sein – wenn er Glück hat. Trotzdem denken die meisten Menschen über diesen Lebensabschnitt nur ungern nach. Ich habe versucht, mich da auf eine Gedankenreise zu begeben und mir ehrlich zu überlegen, was mir im Alter wohl wichtig wäre. Das ist sicher nur bis zu einem gewissen Grade vorstellbar, denn niemand kann so ganz nachvollziehen, was alles passiert, wenn Körper und Geist irgendwann auf dem Rückzug sind. Aber man kann sehr einfach beobachten, dass eines der großen Probleme, mit dem viele Leute im Alter zu kämpfen haben, die Einsamkeit ist. Freunde und Partner sind oft schon verstorben, die Familie verstreut. Sunset Hall ist ein Gegenentwurf zu dieser Alterseinsamkeit: eine WG, in der sich Senioren gegenseitig unterstützen und gemeinsam den Laden schmeißen. Das geht natürlich nur, wenn man bereit ist, sich noch einmal auf andere Menschen einzulassen. Das ist die Stärke meiner Figuren: Sie sind sehr frei im Kopf und scheuen sich nicht davor, neue Wege zu gehen. Dabei haben sie ihr Schicksal ein Stück weit selbst in der Hand. Der Lindenhof dagegen ist ein Ort, wo die körperliche Versorgung zwar gewährleistet ist, Autonomie und Initiative aber an der Eingangspforte abgegeben werden. Davor hätte ich persönlich Angst. Ich möchte hier wirklich nicht Pflegeheime angreifen, von denen sicher viele wundervolle und wichtige Arbeit leisten – doch meine Idealvorstellung vom Alter sieht anders aus. Eine Utopie? Vielleicht. Aber wozu sind Bücher gut, wenn nicht dazu, im Kopf Dinge einfach einmal auszuprobieren.

Können Sie uns noch verraten, ob Sie schon an neuen Projekten arbeiten?

Allerdings! Und es würde mich ganz und gar nicht überraschen, wenn der Leser den Bewohnern von Sunset Hall bald wieder begegnet!


Das Interview führte Annika Kindermann.
© Goldmann Verlag

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