Interview mit Mungi Ngomane

»I am because you are«

Ubuntu – 14 südafrikansiche Lektionen für ein Leben in Verbundenheit

Sie haben sich das Wort „Ubuntu“ auf die Innenseite Ihres rechten Handgelenks tätowieren lassen. Was bedeutet Ubuntu und was bedeutet es für Sie?
Ubuntu ist ein Leitprinzip, das verdeutlicht, wie jeder von uns sich in der Welt verhalten sollte. Ubuntu wird meistens mit den folgenden Worten beschrieben: „Ich bin nur, weil ihr seid.“ Dahinter steckt der Gedanke, dass wir alle durch unser Menschsein miteinander verbunden sind. Für mich ist es die Vorstellung, dass alle Menschen unendlich wertvoll sind und ich mich deshalb jeden Tag bemühen muss, sie auch so zu behandeln.


Sie haben die südafrikanische Lebensphilosophie Ubuntu von Ihrem Großvater, dem Erzbischof Desmond Tutu, vorgelebt bekommen. Was war die wichtigste Lektion, die Ihr Großvater Ihnen mit auf den Weg gegeben hat?
In seiner Arbeit setzte mein Großvater sich sein Leben lang für die Unterdrückten und Ausgegrenzten ein. Manchmal kannte er die Menschen, denen er versuchte zu helfen, andere wiederum waren Fremde für ihn. Er war nicht nur eine Leitfigur für Leute, mit denen er in direkter Beziehung stand – er war ein Anführer für alle. Er glaubt daran, dass jeder Mensch – auch Fremde – Würde, Respekt und Gerechtigkeit verdient. Diese Lektion war in meiner Kindheit allgegenwärtig.


Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Ubuntu Ihr Leben und das von anderen Menschen verändern kann?
Ich glaube nicht, dass man einen speziellen Moment ausmachen kann, an dem eine Lebenseinstellung das eigene Leben verändert – zumindest kann ich es nicht. Ich hatte mit Ubuntu kein Aha-Erlebnis. Ich bin damit aufgewachsen, wurde so erzogen und ich habe gesehen, wie viel Gutes dadurch entstehen kann. Es ging Schritt für Schritt; man übernimmt ja in der Regel die Ratschläge der Eltern nicht sofort, sondern muss eigene Erfahrungen sammeln und meine Beziehung zu Ubuntu musste meine eigene sein. Ich habe viel von meinem Großvater und meiner Mutter gelernt, aber ich musste es selbst in mein Leben integrieren und meine eigenen Erkenntnisse gewinnen. Als ich sah, wie die Leute darauf reagierten, wenn ich Ubuntu in die Tat umgesetzt habe, habe ich realisiert, was Ubuntu bewirken kann.


Welche Ubuntu-Lektion ist aus Ihrer Sicht in unserer heutigen Zeit die wichtigste?
Das ändert sich beinahe täglich für mich, je nach dem, was ich in den Zeitungen lese oder was ich selbst erlebe. Ich glaube Lektion fünf, „Behandle dich selbst und jeden anderen mit Achtung und Respekt“, ist sehr wichtig. Wenn wir uns selbst geachtet und respektiert fühlen, behandeln wir andere Menschen meist genauso. Es gibt das Sprichwort „verletzte Menschen, verletzen Menschen“, wohingegen Menschen, die sich geachtet fühlen, versuchen, die Mitmenschen genauso zu behandeln. Wir beginnen unsere gemeinsame Menschlichkeit klarer zu sehen, wenn wir uns selbst gut fühlen. Von diesem Standpunkt aus ist es viel leichter die anderen Lektionen zu berücksichtigen, zum Beispiel „Sieh dich selbst in anderen“ oder „Lerne, wirklich zuzuhören“.

Sie sind Schirmherrin der Tutu Foundation UK – was motiviert Sie zu Ihrer Arbeit?
Davon abgesehen, dass ich sehr stolz darauf bin, das Vermächtnis meines Großvaters in Großbritannien vorantreiben zu können, sieht die Tutu Foundation in jungen Menschen und all ihren Möglichkeiten unsere Zukunft – und das auf die gleiche Weise, wie mein Großvater es getan hat. Sie hilft den Jugendlichen dabei, genau die Anführer zu werden, die wir in unserer Welt brauchen. Ihr Bemühen darum, Jugendliche und die Polizei zusammen zu bringen, um schwierige Themen zu besprechen und so Veränderungen in den Gemeinden anzustoßen, ist bemerkenswert und notwendig.


Seit 2015 gehört das Wort „Flüchtlingskrise“ zum europäischen Vokabular – welchen Gedanken möchten Sie den Politiker*innen mit auf den Weg geben?
Mein Rat bezieht sich auf meinen Großvater, der ein Führer aller Menschen war und nicht bloß derer, die ihm ähnlich waren. Ich würde den Politikern sagen, dass sie davon profitieren können, wenn sie den Flüchtlingen wirklich zuhören, anstatt einfach zu behaupten, sie wüssten, wie man eine Krise löst. Politiker sollten direkt von den Menschen lernen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Die Welt mit den Augen von Flüchtlingen zu sehen, könnte den Politikern helfen, mehr Mitgefühl beim Bewältigen der „Flüchtlingskrise“ zu haben und es könnte ihnen tatsächlich auch dabei helfen, geeignete Lösungen zu finden.


Vielen Dank, Mungi Ngomane, für das Gespräch.
Danke Ihnen!

Mungi Ngomane

Mungi Ngomane
© privat
Mungi Ngomane ist die Enkelin von Erzbischof Desmond Tutu und Schirmherrin der Tutu Foundation UK. Sie setzt sich für Menschenrechte ein, insbesondere für die Förderung von Frauen und Mädchen, den Schutz von Flüchtlingen und die Befreiung des palästinensischen Volkes. Sie hat einen Master in International Studies und Diplomatie von der Universität London und lebt zurzeit in Nashville, USA.

Desmond Mpilo Tutu, der südafrikanische anglikanische Geistliche, wurde 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

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