Mut zur Angst

Angst ist nur auf den Kopf gestellter Glaube –
sie ist der Glaube an das Böse statt an das Gute.

Florence Scovel Shinn

Meine Cousine Rebecca und ich kamen uns vor wie Thelma und Louise, als wir auf dem Weg zu einem Aussichtspunkt in Colorado Springs in einem Cabrio saßen und unsere langen Haare im Sommerwind wehten. Hinter einer Tunneleinfahrt blockierte plötzlich ein Fahrzeug die Straße, zwei Männer beugten sich über den Kofferraum, als kramten sie nach einer Reifenpanne nach dem Ersatzreifen. Wir hatten gerade auf Schritttempo heruntergebremst, als die beiden sich umdrehten und mit Sturmhauben auf den Köpfen und aufblitzenden Schusswaffen in Händen auf uns zustürzten. Mit unserem offenen Verdeck und ohne die Möglichkeit zu wenden waren wir ihnen schutzlos ausgeliefert. Wir saßen in der Falle. Jede Zelle meines Körpers krampfte sich zusammen, während die beiden Maskierten auf uns zu rannten. Mein Herz pochte wild, und das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich darüber kaum die Stimmen hörte, die uns anschrien, wir sollten unsere Handtaschen herausrücken.
Ich war vor Angst wie gelähmt. Gleichzeitig übernahm irgendein überraschender Teil von mir das Kommando. Während ich gleichzeitig die beiden bewaffneten Männer im Blick behielt, nach Rebecca sah und sogar darüber nachdachte, was gerade in ihr vorging und was ich selbst empfand, registrierte ich quasi in Überschärfe jedes noch so kleine Detail. So verängstigt ich war, war da doch gleichsam eine eigentümliche Ruhe in mir, während dieses … Etwas mich durch die Situation hindurchbegleitete.
Als einer der Angreifer meine Handtasche forderte, sah der ruhige Teil von mir dabei zu, wie ich sie unter dem Autositz hervorzog und ihm überreichte. Die Tasche enthielt nichts von überragendem Wert – nur ein paar Dollarscheine, Kreditkarten, einen Lippenstift. Der Mann pflügte mit ungelenken Fingern meine Tasche um und erspähte einen Goldring, den er sich mit großer Geste überzog. Dann nahm er meinen Führerschein heraus und schob ihn in die Hosentasche, trat so nahe an uns heran, dass ich seine Fahne riechen konnte, als er meine Haarspange löste und mir auch noch den silbernen Haarreif abnahm, den ich trug, sodass mir das lange Haar über die Augen fiel.
Der andere herrschte derweil Rebecca an: »Raus aus dem Wagen!« Der ruhige Teil von mir schickte ihr stumm die Nachricht: Tu, was er sagt, und uns wird nichts passieren. Doch Rebecca war offensichtlich auf Krawall gebürstet. Als der Mann ihre Kamera in seine Tasche fallen ließ, bettelte sie: »Kann ich nicht wenigstens den Film behalten?«
»Raus aus dem Wagen«, wiederholte er. »Wird’s bald?«
Auf einmal sah ich aus dem Augenwinkel den Revolver, den er ihr an die Schläfe hielt. Endlich fügte sie sich, trat mit erhobenen Händen neben mich und presste genau wie ich selbst die Stirn gegen die kühle Betonwand des Tunnels.
Im selben Moment spürte auch ich die eisige Mündung eines Revolvers an meinem Hinterkopf und war schlagartig steif vor Schreck und Angst, während der ruhige Teil von mir flüsterte: Atme einfach weiter. Keine abrupten Bewegungen. Mit dem Revolver im Nacken hörte ich plötzlich einen Schuss, und mein Körper begann zu beben. Eine Art Stromstoß durchzuckte mich, und mir war flau im Magen. Schmerzen hatte ich keine – aber was ich sehr wohl spürte, war eine warme Flüssigkeit, die mir übers Gesicht rann. Ich wischte mit dem Handrücken darüber und erwartete schon, jenes Dunkelrot vor mir zu sehen, das mir als Chirurgin wohlvertraut ist. Doch die Nässe war kein Blut – es handelte sich lediglich um Schweiß.
Konzentriert versuchte ich, die Situation einzuschätzen. Ich roch Schießpulver. Ich konnte Schritte auf dem Asphalt hören und den keuchenden Atem unserer Angreifer. Ich hoffte auf herannahende Fahrzeuge – vergebens. Ich konnte Rebecca neben mir spüren – ihre Energie noch ruhiger als meine. Der Wind frischte auf und blies mir das Haar über die Augen. Ich konnte zwar nichts sehen, aber umso wacher waren meine anderen Sinne.
In meinem Kopf kreisten die Gedanken, während ich versuchte, mir den Schuss zu erklären. Was war geschehen? Wenn ich nicht erschossen worden war – hatten sie etwa Rebecca umgebracht? Eine Welle der Panik rollte über mich hinweg, als mir klar wurde, dass es für mich schlimmer wäre, ihren Tod zu überleben, als selbst umgebracht zu werden. Dann hustete Rebecca – wir waren also beide noch am Leben. Ich war unendlich erleichtert.
Mit vorgehaltener Waffe scheuchten uns die beiden Maskierten hinters Cabrio, wo wir uns mit dem Gesicht nach unten auf den Asphalt legen mussten. »Und jetzt nicht bewegen!«
Es folgte eine Salve von Schüssen, und ich spürte, wie Steinsplitter auf meine nackten Waden prasselten. Dann Stille – gefolgt von schwerem Atmen und gedämpftem Flüstern, das ich nicht verstand. Hastige, schwere Schritte. Autotüren, die aufgerissen wurden und ins Schloss fielen, ein aufheulender Motor und Reifenquietschen. Der Wagen schälte sich rückwärts aus dem Tunnel. Dann war wieder alles still.
Ich blieb für mein Gefühl noch lange liegen, meine Wange immer noch heiß vom Asphalt, bis ich einen Wagen aus derselben Richtung herannahen hörte, in die unsere Angreifer geflüchtet waren. Der Motor erstarb, zwei Wagentüren schlugen auf und wieder zu. Dann die sanfte Stimme eines Mannes: »Alles okay bei Ihnen?« Als ich aufblickte, beugten sich zwei Männer in Wanderkleidung über uns. »Brauchen Sie Hilfe?« Die Gefahr war gebannt.

Wenn die Angst Ihr Freund ist
Was mein Körper und Geist bei diesem Überfall erlebten, war eine wohlbegründete Angst – die Art von Angst, die in uns angelegt ist und die wir empfinden, sobald unser Leben in Gefahr ist. Meine Angst löste eine Reaktion aus, für die der Physiologe Walter Cannon von der Harvard University schon vor etlichen Jahrzehnten den Namen »Kampf-oder-Flucht-« oder »Stressreaktion« prägte: ein Überlebensmechanismus, hier dazu gedacht, den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen, falls sich die Notwendigkeit zur Flucht oder eben die eines gigantischen Kraftaufwands ergeben hätte, um Rebeccas oder mein Leben zu retten.
Mit einer Waffe am Kopf ist Angst durchaus begrüßenswert. Sie dient dazu, uns zu schützen. Begründete Angst sichert Ihre körperliche Unversehrtheit und kann Ihnen das Leben retten. Allerdings stehen heutzutage unser Leben und unsere körperliche Unversehrtheit selten tatsächlich auf dem Spiel, während wir uns in prähistorischen Zeiten viel häufiger auf diesen Urinstinkt verlassen mussten. Wenige, die dieses Buch lesen, dürften heute noch Gefahr laufen, von einem Tiger attackiert zu werden oder zu verhungern. Die meisten Ängste, die uns mittlerweile plagen, existieren nur in unseren Köpfen, es handelt sich dabei nicht um echte Bedrohungen. Allerdings kann die Amygdala in unserem Hirn das eine nicht vom anderen unterscheiden, und so verrennt sich unser Nervensystem in unnötige Stressreaktionen, die der Gesundheit schaden und unnötiges Leid verursachen.
Wenn Angst aber Schaden anrichtet, sollte man »sich von der Angst kurieren« womöglich neben einer gesünderen Ernährung und mehr Bewegung zu seinen Neujahrsvorsätzen hinzufügen? Nein. Vielmehr will ich Sie einladen, eine neue Beziehung zur Angst einzugehen, damit die Angst Sie stattdessen kurieren kann.
Lassen Sie das einen Moment lang auf sich wirken. Ist Angst vielleicht gar nichts, was es zu vermeiden gilt, dem Sie widerstehen oder wofür Sie sich schämen müssten? Was, wenn Sie dazu da wäre, Ihnen zu helfen? Wenn die Angst womöglich der Fingerzeig auf all das wäre, was zwischen Ihnen und Ihrem wahren Wohlergehen
steht? Die meisten von uns wenden eine Menge Energie auf, um zu vermeiden, wovor wir die größte Angst haben. Dabei kann Angst ein Bote sein, der Sie aufrüttelt und Sie auf all das im Leben stößt, was nach Heilung verlangt. Wenn Sie etwa ein Dach über dem Kopf und Geld auf dem Konto haben, aber von der Angst vor dem Bankrott
beherrscht sind, könnte diese Angst ein Hinweis auf ein in Ihrer Kindheit erlerntes Muster in Sachen Geldknappheit sein. Um den Frieden erfahren zu können, der mit einem üppigen Finanzpolster einhergeht, heißt es vielleicht, althergebrachten Glaubenssätzen auf die Schliche zu kommen, die ebendies verhindern. Oder wenn Sie Angst davor haben, sich verletzlich zu zeigen und jemandem Ihr Herz zu öffnen, steckt hinter dieser Angst vielleicht der Hinweis auf noch nicht verheilte Verletzungen aus der Vergangenheit. Oder wenn Sie Angst vor einer Erkrankung haben, könnte die Angst ein Signal dafür sein, dass Sie sich besser um sich selbst sorgen sollten.
In der Angst steckt eine kostbare Botschaft – und wenn Sie bereit sind hinzuhören, statt vor der Angst davonzulaufen, kann sie Ihnen helfen, körperliche, geistige und seelische Heilung zu finden.
Um Freundschaft mit der Angst zu schließen, müssen Sie jedoch gut mit ihr umzugehen wissen. Bei unmittelbarer Lebensgefahr ist
die Angst dazu da, Ihnen »Feuer unter dem Hintern zu machen«, damit Sie etwas unternehmen. Bezieht sich aber Angst auf etwas, was nur in Ihrer Fantasie existiert, gilt es, ihre Botschaft zu verstehen, sonst übernimmt womöglich die Angst das Regiment und bestimmt fortan Ihre Entscheidungen. Es gilt also, genau zwischen der Angst zu unterscheiden, die auf reale, gegenwärtige Gefahren hinweist, und einer Angst, die Ihnen blinde Flecken und Wachstumschancen in Ihrem Leben aufzuzeigen sucht. Aber wie?
Meist bezieht Angst sich auf etwas, was nur in Ihrem Kopf existiert. Sie ist die Stimme, die Ihnen einflüstert, dass Ihr Partner eine Affäre hat, ohne dass irgendetwas darauf hinweist – Sie sind diesbezüglich bloß ein gebranntes Kind, weil einst Ihr Vater Ihre Mutter betrogen hat. Die Angst lässt die Fantasie mit Ihnen durchgehen, wenn Sie sich ausmalen, Ihr Chef könnte Sie in einer Nacht-und- Nebel-Aktion feuern. Dabei haben Sie gerade eine Gehaltserhöhung bekommen.
Beide Formen der Angst sind dem Menschen geläufig. Und beide dienen seinem Schutz. Für die begründete Angst gilt dies im engsten Sinne – wenn Sie oder Ihnen Nahestehende in Gefahr sind. Doch auch unangebrachte Angst kann Ihnen eine Hilfe sein, wenn Sie bereit sind, sie zu Ihrer Lehrmeisterin zu machen. Mit diesem Buch entdecken Sie, wie Sie Ihren natürlichen Mut freilegen, damit die unangebrachte Angst Ihnen hilft zu wachsen. Statt Ihre Marschbefehle von Gedanken entgegenzunehmen, die Ihnen eine unangebrachte Angst diktiert, lernen Sie, ihre Botschaften zu decodieren, indem Sie sich von Ihrem »inneren Leitstern«, wie ich ihn nennen will, übersetzen lassen, was sie bedeuten.

Mut zur Angst

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