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Nicci French - Seit er tot ist

SPECIAL zu Nicci French

Gespräch mit dem Autorenpaar Nicci Gerrard und Sean French

von Bianca Reineke

© laif - agentur für photos & reportagen

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag für "Nicci French" aus - falls es so etwas überhaupt gibt?

Nicci French: Eigentlich gibt es keinen "typischen" Arbeitstag für uns. An Schultagen müssen die Kinder bis 8.30 Uhr das Haus verlassen haben. Und wenn wir dann gerade an einem Buch arbeiten, können wir solange schreiben, bis die Kinder gegen 16.30 Uhr wieder zu Hause sind. Während der Planungsphase für ein Buch reden wir lange darüber, machen Notizen, gehen spazieren und reden dabei, recherchieren… Es ist eigentlich nichts Glamouröses am Schreiben!

Schreiben Sie beide auch noch eigene Bücher, unabhängig von Ihrer gemeinsamen Arbeit als Autorenduo "Nicci French"?

Nicci French: "Nicci French" ist für uns beide ein ganz besonderer Autor, den wir in gewisser Weise aus der Distanz heraus erleben. Wir haben auch ganz andere Ideen, andere, eigene Projekte.

Woher bekommen Sie Ihre Inspiration - besonders für die vielen verschiedenen Charaktere und die hochspannenden Plots?

Nicci French: Unsere Ideen stammen aus unterschiedlichsten Quellen: etwas, das wir gelesen haben, eine Geschichte, die uns jemand erzählt hat, ein Gefühl, eine Diskussion, die wir geführt haben. Es ist irgendwie so, dass Ideen und Inspiration ganz unerwartet kommen, gerade dann, wenn man es überhaupt nicht erwartet. Wir hatten einige unserer besten Ideen, während wir dabei waren, ein ganz anderes Buch zu schreiben.

Wie schreiben Sie? Bei anderen Interviews haben Schriftsteller wie Anne Perry und Robert Goddard erzählt, dass sie ihre Bücher per Hand schreiben.

Nicci French: Wir schreiben beide auf Laptops, und wir kritzeln unleserliche Notizen auf Papier.

Was würden Sie beide beruflich machen, wenn Sie nicht Schriftsteller geworden wären? Gab es eine Alternative?

Nicci French: Wir haben als Journalisten gearbeitet, bevor wir Schriftsteller wurden. Bücher schreiben war aber immer das, was wir beide wollten. Doch wenn es nicht geklappt hätte, wären wir beide noch immer Journalisten.

Warum haben Sie als Autorenname "Nicci French" und nicht "Sean Gerrard" gewählt?

Nicci French: Als wir unser erstes Buch geschrieben hatten, da war uns schon klar, dass wir nur einen Namen auf dem Cover haben wollten, denn wir dachten, für den Leser sei das einfacher. Wenn man ein Buch liest, hört man nur eine Stimme, die die Geschichte erzählt. Und da die Erzählerin eine Frau war, dachten wir, es sei nahe liegend auch einen weiblichen Autorennamen zu wählen.

Wie ist es, zusammen zu leben und zu arbeiten? Ich gehe ja davon aus, dass Sie nicht in ein Büro gehen, sondern beide von zuhause arbeiten.

Sean French: Wir grenzen die einzelnen Lebensbereiche nicht strikt voneinander ab. Wir arbeiten zusammen im Haus, wir versuchen, die Kinder groß zu ziehen, füttern eine Vielzahl von Haustieren…alles läuft irgendwie zusammen. Doch ich muss zugeben, dass ich mir in diesem Jahr ein Gartenhaus gebaut habe, in dem ich nun schreibe. So kann ich das Haus verlassen und in mein Gartenhäuschen gehen - so, als hätte ich einen echten Job.
Es ist etwas ganz Besonderes, zusammen zu arbeiten und zu leben. Es ist sehr erfüllend, denn wir beide teilen die Aufregung und die Befriedigung, wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, dann ist das ganz anders!

Wie hat der enorme Erfolg Ihr Leben verändert?

Nicci French: Der Erfolg hat zu keinen einschneidenden Veränderungen geführt. Wir sitzen immer noch jeder für sich in einem Zimmer und schreiben. Das war früher, als wir Journalisten waren, auch so. Was sich geändert hat: Der Erfolg hat uns von vielen Ängsten befreit. Wir müssen nie wieder für etwas arbeiten, was wir nicht wirklich wollen.

Beinahe all Ihre Bücher spielen in der aufregenden und atemlosen Business-Metropole London, wo toughe und erfolgreiche Karrierefrauen ihr scheinbar perfektes Leben auf der Überholspur leben. Doch schnell müssen diese Frauen dann feststellen, dass alles, an das sie glauben, sehr zerbrechlich und lediglich schöner Schein ist. Freunde, Familie, alles ist nur Illusion, und die Sicherheiten im Leben brechen weg. Denken Sie, dass so etwas wirklich passieren kann?

Nicci French: Wir glauben dass das Leben sehr zerbrechlich ist, egal wie erfolgreich und glücklich wir zu sein scheinen. Viele von uns versuchen sich ständig selbst einzureden, dass wir alle sicher sind, viel sicherer als wir es tatsächlich sind. Wir sind immer nur einen kleinen Unglückschritt von der Katastrophe entfernt. Vielleicht ist es gut, ab und zu daran erinnert zu werden!

Sie wechseln oft die Erzählperspektive. Geschieht dies nur, um Spannung zu erzeugen oder liegt das am Arbeitsstil eines Autorenduos?

Nicci French: Es hat nichts damit zu tun, dass wir zwei Autoren sind. Manchmal muss man eine Geschichte einfach aus einer weiteren Perspektive sehen. In "Der Feind in deiner Nähe" ist die Heldin Holly so sehr in ihrer eigenen Persönlichkeit gefangen, dass es zu nichts führen würde, nur aus ihrer Sichtweise zu erzählen. Wir mussten ihre Welt auch aus einem anderen, eher normalen Standpunkt aus erfahrbar machen.

Sie schreiben nie über blutige und grausame Details, über die eigentliche Mordhandlung oder die Phantasien eines Killers. Warum umschreiben Sie den eigentlichen Kern des grauenhaften Geschehens lieber auf diese subtile Weise?

Nicci French: Wir haben das Gefühl, dass die Romane, die Gewalt und Grausamkeit explizit beschreiben, eben nicht mehr schockieren, sondern wir uns einfach an diese blutigen Schilderungen gewöhnt haben. Irgendwie ist die Gewalt in diesen Büchern beinahe so künstlich geworden, wie die idyllische Beschreibung der Pfarrhäuser und Herrensitze in den Büchern von Agatha Christie. Uns interessieren mehr die Ängste und Befürchtungen, die sich im Alltag ergeben können.

Der reine Horror trifft den Leser ihrer Romane immer völlig unvorbereitet. Man beobachtet mit hilflosem Entsetzen, wie das Leben der Protagonisten auf eine Katastrophe zusteuert. Ein kleiner Fehler, eine falsche Entscheidung, entpuppt sich plötzlich als Wendepunkt, von dem an die Normalität dem Grauen weicht. Macht es Ihnen Spaß, ihre Helden und den Leser so sehr leiden zu lassen?

Nicci French: Das ist eine gute und zugleich beunruhigende Frage. Wir haben uns auch schon manchmal gefragt, ob wir uns wie eine Art Gottheit gebärden, die ihre selbst geschaffenen Kreaturen grausam behandelt. Wir hoffen doch sehr, dass wir nicht so sind! In vielen Thrillern sind die Opfer nur reine Staffage. Wir hoffen, dass wir unseren Lesern vermitteln können, was es wirklich bedeutet, ein Opfer zu sein - eine Erfahrung, die jeder von uns auch im wirklichen Leben machen kann.

Ihr Roman "Höhenangst" wurde ja von Hollywood verfilmt, mit der großartigen Heather Graham und dem Herzensbrecher Joseph Fiennes in den Hauptrollen. Hat Ihnen als Autorenteam diese Umsetzung Ihres Buches gefallen?

Nicci French: Die beiden sind einfach wunderbare Schauspieler und der Regisseur Chen Kaife ist wirklich sehr begabt. Leider fanden wir beide, dass die Geschichte auf der Leinwand aus verschiedenen Gründen nicht richtig gewirkt hat.

Wer wäre denn Ihre Traumbesetzung für die Verfilmung von "Der Feind in deiner Nähe"? Wen würden Sie gerne als Holly sehen?

Sean French: Das hat immer etwas von einem Gesellschaftsspiel. Eine Schauspielerin, die die vielen verschiedenen Seiten von Holly darstellen kann ... - Kate Winslet wäre sicher die Idealbesetzung für diese Rolle, denke ich.

Nicht all Ihre Bücher enden mit einem Mord und sind doch immer faszinierend und hoch spannend. Warum haben Sie sich gegen den klassischen "Whodunit"-Plot entschieden?

Nicci French: Für uns hat ein Thriller keine festgelegten Regeln oder eine bestimmte Form. Jede Geschichte, jedes Thema hat seine eigenen Bedingungen. Was man sagen kann, ist, dass wir eigentlich den allzu glatten Enden misstrauen und wir glauben, dass die Leser auch so empfinden. Wir sind der Meinung, dass man sich immer bewusst sein sollte, dass das Leben in unvorhersehbaren und häufig völlig verrückten Bahnen verläuft.

Welche Bücher lesen Sie selber gerne in Ihrer Freizeit? Gibt es bestimmte Autoren, die Sie beide mögen, vielleicht sogar Krimis?

Sean French: Ich mag gute Krimis, aber ich mag sowieso gute Bücher jeglicher Art, Romane, Sachbücher, Poesie, alles, was es so gibt. Im Moment lese ich "Sturmhöhe" von Emily Bronte und dann noch so etwa zehn unterschiedliche Sachbücher.

Andrew Taylor, Laura Wilson und eine ganze Menge anderer Autoren tauschen ihre Ideen, Probleme und Erfahrungen über das Bücherschreiben miteinander aus. Sind auch Sie beide Teil eines solchen Forums?

Nicci French: Das Schreiben ist eine seltsame Sache, irgendwie zu privat, als dass wir uns das vorstellen könnten. Es ist schon für uns beide schwierig genug, die eigene Arbeit miteinander zu diskutieren!

Haben Sie eine Theorie, woher das Böse in der Welt kommt? Warum sind manche Menschen Mörder, ohne dass sie einen Grund zu haben scheinen? Wie können scheinbar normale Menschen so voller Hass sein, dass sie nur noch ein Ziel im Leben haben: zu töten?

Nicci French: Das ist eine der großen Fragen des menschlichen Daseins, und wir diskutieren ziemlich oft darüber, ohne dass wir eine Antwort finden. Menschen tun furchtbare Dinge. Manchmal im Affekt, aus einer verworrenen Gefühlslage heraus, die einen an extreme Grenzen gebracht hat; manchmal führt ein schlimmer Fehler oder eine falsche Wendung zu solchen Taten. Und manche Menschen haben einfach kein Gefühl für ihre Mitmenschen, sorgen sich nicht um sie und sind gleichgültig gegenüber anderen. - Aber die Frage ist doch, woher der Impuls zum Töten kommt, der so komplex und stark ist, dass wir immer die Kunst oder die Religion brauchen, um ihn einordnen zu können.

In ihren Büchern geht es oft um christliche Themen wie Schuld, Sünde, Vergebung, die Hölle. - Sind Sie religiös?

Nicci French: Wir sind beide sehr fasziniert von den Denkanstößen und den Problemen, die den Kern der Religionen ausmachen. Wir sind beide fasziniert von den weltanschaulichen Denkanstößen, die von einer Religion ausgehen, von ihrer Geschichte, den Ritualen, der Kultur, die dadurch entstanden ist, aber auch von den zahlreichen Konflikten, die Religionen ausgelöst haben. Alles was uns fehlt ist der Glaube…

Vielen Dank für das Interview!

Bianca Reineke
Cuxhaven, März 2006

Dunkler Donnerstag Blick ins Buch

Nicci French

Dunkler Donnerstag

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