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Nimm Zimt. Tröstende Rezepte in Zeiten der Trauer

Ingrid Niemeier
© Lorenz Niemeier
Meinem Bekanntenkreis blieb nicht verborgen, dass ich mich mehr als zur Ernährung nötig in der Küche aufhielt. Hin und wieder brauchte ich auch Aufesser und Kritiker. Ja, was ist das für ein Buch? Ich versuchte zu erklären. Über das Kochen, das mir und vielleicht auch anderen helfen sollte, die alleine mit einem Verlust dastehen. »Aha, Rezepte für eine Person?« Zuerst war ich gekränkt – mir derart Profanes zu unterstellen! Dann ermutigt. Dass Kochen Trost, ja Therapie sein kann, das würde vielen eine neue Sicht in die Küche bringen. Nicht essen, weil man muss, sondern kochen, weil es guttut! Es muss ja nicht gerade ein liebster Mensch gestorben sein. Man kann im Leben in vielerlei Hinsicht verletzt zurückbleiben.

Ich maße mir nicht an, Ratgeberin zu sein. Ich erzähle, wie es mir ergangen ist, und will das auf möglichst praktische und unkomplizierte Art tun. Dieses Buch soll ein freundlicher Begleiter sein, und wenn Sie zwischendurch mal lachen müssen, schadet das nach meiner Erfahrung nicht.

Ich versuche, mich kurzzufassen in der Beschreibung meiner Unpässlichkeiten. Aus den Abgründen berichte ich, weil wir uns sicher begegnen in der einen oder anderen dunklen Ecke des Empfindens – und es kann helfen, ein Gefühl auch bei anderen zu entdecken.

Ich habe aus meinen rund 1.000 Tagen in der Küche Gerichte ausgesucht, die vielen schmecken, auch wenn die Rezepte manchmal auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Ich habe mich bemüht, sie so aufzuschreiben, dass das Zubereiten Freude macht. Während des Kochens haben wir fotografiert, um das Empfinden zu dokumentieren, aus der Hand, ofenfrisch. Dabei ging es uns nicht um die Perfektion, wie man sie aus Kochbüchern gewohnt ist. Unsere Bilder sollen vom staunenden Schauen und Schmecken berichten, ganz nah dran – manchmal kann man sogar sehen, wie es duftet.

Zuletzt hier Zimt. Mein Held. Zahlreiche Rezepte enthalten tatsächlich Zimt, vor allem steht er für die Idee dieses Buches: Zimt ist die Ermunterung, etwas zu wagen. Zuerst in der Küche, dann sehen wir weiter.

Ingrid Niemeier

Mit Kartoffeln allein zu Haus

Suppe mit Zimt und kanarische Erdäpfel

Immer noch gibt es Tage, an denen ich mein Gesicht für mich behalte. Ich bleibe zu Hause, wenn der rote Lippenstift wie ein Schrei aussieht. Ich weiß nicht, wie es geschieht, es geht vorbei – bis dahin versuche ich, so wenig Schaden anzurichten wie möglich. Besser geht es, wenn ich nicht kämpfe, Kartoffelsuppe tut gut. Noch besser: mit Zimt.

Der Titel des Buches entspringt hier. Was hat ausgerechnet Zimt in der deutschesten aller Suppen zu suchen? Meine Inspiration kommt in erster Linie aus meines alten Vaters schöner Pfalz, wo zur Kartoffelsuppe = Grumbeersupp auch heute noch Quetschekuchen = Zwetschenkuchen mit Zimt gegessen wird. – Die Volksheilkunde preist seine krampflösende, beruhigende und stimmungsaufhellende Wirkung, Ayurveda, TCM und Aromatherapie sprechen auch dafür, und die brave Kartoffel kriegt eine erotische Kurve. Was tue ich bloß gegen diese Tage, David?

Nichts, das ist schon ok. Man darf auch mal schlecht drauf sein, und man muss sich nicht dafür entschuldigen.
Willibert Pauels ist bei uns im Bergischen eine Sonderausgabe, jeder kennt ihn, Diakon und Karnevalist, die Leute schmeißen sich weg vor Lachen, er ist ein urkomischer Büttenredner – mit einem schwarzen Hund. So nennt er seine Depression. Er geht ganz offen mit der Traurigkeit um und hat auch ein Buch darüber geschrieben. Neulich erzählte er, dass eine Grußkarte ihm mehr geholfen hat als vieles andere mit dem schönen Spruch »Lieber ein warmes Bier als das arme Tier!« Wir wollen jetzt aber mal nicht Trauer mit Depression in einen Topf werfen. Trauer ist keine Krankheit.
Wichtig ist es, sie zuzulassen, auch wenn sie die paar Tage Sonderurlaub überschreitet, die bei uns in der Regel für Verluste vorgesehen sind. Wir sind keine Maschinen, das müssen wir zuallererst selbst anerkennen.

David Roth
© Manfred Esser
Als Ingrid Niemeier mit der Idee zu mir kam, gemeinsam ein Kochbuch zu schreiben, war ich gleich Feuer und Flamme. Die Regale in den Buchhandlungen sind zwar voll mit Kochbüchern – von Sterneküche über Hausmannskost bis Low-Carb ist alles zu bekommen. Worüber man aber so gut wie nie etwas liest, ist das Verbindende, das Gemeinschaft stiftende, das mit dem Kochen verbunden sein kann. Auch und gerade Trauer braucht Gemeinschaft, denn wer einen geliebten Menschen verliert, braucht in den schweren Stunden jemanden, der für ihn da ist. Warum in dieser Zeit also nicht gemeinsam kochen? Dazu möchten wir ermuntern, denn unser Buch zeigt, wie man über das Kochen nach einem schweren Schicksalsschlag zurück ins Leben finden kann.

Von der Auswahl der Zutaten bis zur Zusammenstellung einer Gästeliste kann Kochen auf positive Gedanken bringen, wobei es überhaupt nicht darum geht, von der Trauer abzulenken. Beim Kochen und Essen erinnert man sich sehr bewusst auch an vergangene schöne Stunden, die man mit dem Verstorbenen verbracht hat.

Mir ist es an dieser Stelle ebenso ein Anliegen, über das gemeinsame Essen nach einer Beerdigung nachzudenken, denn dieses Ritual gerät leider immer weiter in Vergessenheit. Nach einer Trauerfeier war und ist es leider nur noch vereinzelt üblich, sich zum Leichenschmaus oder, wie es in meiner Heimat, dem Bergischen Kreis, heißt, zum sogenannten »Fell versaufen« zusammenzusetzen und sich zu stärken.
Bei dieser Stärkung geht es nicht nur um das leibliche Wohl, sondern auch die Seele soll durch die Gemeinschaft Kraft erfahren. Man erinnert sich und kann so ganz nebenbei auch Kontakte auffrischen. Die Trauernden sind in den schweren Stunden nach dem Abschied nicht alleine. Diese Tradition ist häufig darauf zusammengeschrumpft, dass man nach der Beisetzung noch auf einen Kaffee, Blechkuchen oder eine belegtes Brötchen einlädt und zwischen Tür und Angel anstandshalber ein bisschen Zeit miteinander verbringt. Früher hingegen wurde beim Leichenschmaus richtig getafelt. Nicht selten gab es ein üppiges Menü wie bei einer Hochzeit oder Taufe. In dem Wort Trauerfeier ist ja eben auch das Wort Feier enthalten.

In der Trauerhalle redet heute häufig nur ein Trauerredner oder Pfarrer, beim anschließenden Zusammensein hielten früher oft Angehörige und Freunde kleine und manchmal auch große Reden auf den Verstorbenen. Es wurde mehrfach auf den Toten angestoßen, und je länger die Feier dauerte, desto lustiger wurden manchmal die Geschichten, die über den Verstorbenen erzählt wurden. Aus der Trauerfeier wurde so nicht selten eine Feier des Lebens.

Nun möchten wir niemandem vorschreiben, wie er zu trauern hat. Natürlich entscheidet jeder Trauernde selbst, wie er mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen möchte, doch vielleicht kann dieses Buch auf Ideen bringen.

Als mein mittlerweile verstorbener Vater Fritz Roth in unserem Bestattungshaus in Bergisch Gladbach anfing, Kochkurse für Trauernde zu organisieren, erntete er damit zunächst nur Kopfschütteln. Doch er hat sich nicht beirren lassen. Viele Leute, die an diesen Seminaren teilgenommen haben, bestätigen uns noch heute, wie gut es ihnen getan hat, sich morgens zu treffen, gemeinsam zum Markt zu gehen, frische Produkte einzukaufen und dann mit anderen Trauernden in der Küche zu stehen, das Essen zuzubereiten, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen, zu essen und sich zu erinnern.

Ich habe die Hoffnung, dass ein bisschen vom Geist dieser Kochkurse in diesem Buch steckt und Sie über das sinnliche Kocherlebnis Schritt für Schritt zurück ins Leben finden.

David Roth

Nimm Zimt

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