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Nina Ruge im Interview zu »Der unbesiegbare Sommer in uns« (Kailash Verlag)

SIEBEN FRAGEN AN NINA RUGE

Nina Ruge
© Markus Tedeskino

Ihr neues Buch trägt einen wunderschönen, sehr poetischen Titel: „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Was ist damit gemeint? Und welche - möglicherweise bislang unbekannte - Seite von Nina Ruge lernen wir als Leser dabei kennen?

Ich sammle seit ich denken kann Sinnsprüche, die Lebensweisheit konzentrieren. Der Satz von Albert Camus hat mich schon immer besonders fasziniert: „Im tiefsten Winter entdeckte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt“. Heute denke ich, dass dieser Satz ein geheimes Motto meiner lebenslangen Suche ist – nach tiefer Zufriedenheit, nach Erfülltheit, nach innerer Harmonie. Und als ich mich entschied, diese Suche – und das Finden – aufzuschreiben, da musste das Buch natürlich genau diesen Titel haben. Ja, ich lege damit eine unbekannte Seite von mir offen, und ich habe beim Schreiben auch sehr darum gerungen, was ich preisgeben möchte und was nicht. Denn es geht nicht um eine verkappte Autobiographie, sondern darum, anhand von mehr oder weniger einschneidenden Erfahrungen einen Bewusstwerdungs-Prozess so zu beschreiben, dass sich die Leserinnen und Leser evtl. wieder finden und zudem angeregt fühlen, sich auf den Weg zu ihrem eigenen „unbesiegbaren Sommer“ zu machen.


Sie sind eine gefragte Journalistin und Moderatorin, nicht nur für das Fernsehen, sondern Sie moderieren auch zahlreiche Veranstaltungen im Bereich Politik und Wirtschaft, Sie schreiben Bücher und Sie haben zwei Hunde. Wie schaffen Sie es in der Hektik des Alltags, Ruhepunkte zu finden? Wo ist Ihr Kraftort?

Mein Kraftort ist mobil! Ich trage ihn in mir. Lange hat mir all das recht gut getan, was wir in Ratgebern und Illustrierten empfohlen bekommen: Yoga-Stunden, Meditation, Atemübungen, Massagen oder Wellness, Schwimmen, Laufen, Lounge-Musik und Hunde-Spaziergang. Die Liste ließe sich ellenlang fortführen und zeigt vor allem eins: die diversen Angebote, ‚Kraft zu tanken‘ und von außen in uns herein zu holen, passen in einen hektischen Alltag des 21. Jahrhunderts gar nicht hinein. Im Gegenteil: Sie führen zu noch mehr Terminstress. Und so begann ich, meinen ganz eigenen Weg zu suchen – zu dem unbesiegbaren Sommer in mir. Ich begann Wege aufzuspüren, wie ich die Tore öffnen kann in die Fülle des Seins, die oft so fest verschlossen sind. Wie ich sie offen halten kann. Und wie ich damit die warmen Strahlen des unbesiegbaren Sommers in mir den ganzen Tag, rund um die Uhr sogar, in mein Leben holen kann. Damit wohnt mein Kraftort in mir – und ist mobil!


Haben Sie spezielle Methoden ausprobiert, die bei Ihnen gut funktionieren und die Sie deshalb Ihren Lesern empfehlen möchten?

Ich halte nicht viel vom ‚Methoden-Empfehlen‘. ‚Methoden‘ sind überflüssig, wenn ich gar nicht genau weiß, wo ich hin will. Also brauche ich ein Gefühl vom Ziel. Ich sage bewusst „Gefühl vom Ziel“, weil das, was viele von uns ersehnen, mit Worten, mit dem Intellekt nicht zu definieren ist. Das, was wir ersehnen, ist streng genommen ein Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes. Ich versuche im Buch natürlich, dieses Bewusstsein dennoch mit Worten zu beschreiben, etwas anderes haben wir zur Verständigung ja nicht zur Verfügung. Doch es handelt sich um etwas, das sich jeder exakten Beschreibungen entzieht: „Tiefer innerer Frieden“, „Einssein mit dem Leben“, „Dankbarkeit für die Lebendigkeit“, „Heiligkeit des Seins“ – da wird es schnell schwammig. Aber nur in der Formulierung. Nicht als Bewusstsein dafür. Und wenn ich mir dessen also bewusst bin, was ich ersehne, dann werde ich auch die für mich passenden, richtigen ‚Methoden‘ finden. Welches die meinen sind, das beschreibe ich im Buch. Für die Leser können es aber ganz andere sein.


Sie schreiben in Ihrem Buch auch über Ihren persönlichen Werdegang. Wann in Ihrem Leben haben Sie begonnen, sich auf Sinnsuche zu begeben – und gab es dafür ein auslösendes Ereignis?

Ich war ein sehr scheues Kind – und genau das führte mich in der Pubertät dazu, nach Wegen aus der Schüchternheit zu suchen und nach Wegen, stark, frei und lebensfroh zu werden. Also begann meine Suche tatsächlich sehr früh. Ich beschreibe in meinem Buch einige Schlüsselerlebnisse, die mir z.T. sehr schmerzhaft vor Herz und Augen führten, dass etwas schief läuft, wenn ich ausschließlich auf die Botschaften meines Verstandes baue, wenn ich den unaufhörlichen Gedankenbrei in meinem Kopf weiter quellen lasse – wie in dem Grimmschen Märchen „Der süße Brei“. Und ich beschreibe, wie ich so langsam zu verstehen begann, dass da etwas Großes in mir wohnt, etwas Kraftvolles, Warmes, das durch den ständigen Gedankenbrei verklebt wird, zugequollen, festgebacken. Ich begann zu verstehen, dass es nicht einfach sein würde, diesen Gedankenbrei zum Versiegen zu bringen – um dann zu dem zu gelangen, was viel tiefer wohnt in mir. Aber ich spürte: Die Anstrengung würde sich lohnen!


Wir kennen Sie aus dem Fernsehen als sehr präsente Moderatorin. Ist dieser Zustand höchster Konzentration vor der Kamera auch ein spiritueller Moment?

Na, auf jeden Fall ist diese Form der extrem fokussierten Konzentration ein großartiger Zustand. Chirurgen kennen ihn noch viel intensiver, Piloten, Rennfahrer – denn schließlich hängen von deren Konzentration Menschenleben ab. Messerscharfe Konzentration bedeutet, den Verstand genauso zu trainieren, wie er uns am besten dient: Keine Abschweifungen, nicht „gedankenverloren“, nicht „abwesend“ zu sein. Sondern „da zu sein“. Das zu erleben ist großartig. Wenn es dann gelingt, die Gedanken-„Moskitos“, wie ich sie nenne, zu verscheuchen, die sich sofort einnisten wollen, wenn wir wieder in den Modus der normalen Alltagsverrichtungen eintreten, dann haben wir super Voraussetzungen, den unbesiegbaren Sommer zu entdecken.


Sind Sie im Grunde Ihres Herzens ein spiritueller Mensch? Muss man Ihrer Meinung nach seinen Verstand (vorübergehend) ausschalten, um zu seinem wahren Ich und zur Ruhe zu finden?

„Spirituell“ – eine häufig missverstandenes Vokabel. Wenn mich ein Wirtschaftsverband für eine Podiumsdiskussion zur Zukunft des Euro bucht, dann wird man keine „spirituelle“ Moderatorin beauftragen wollen. Also verwende ich lieber die Vokabel eines „neuen Bewusstseins“ – eines Bewusstseins nämlich, das sich der anderen Seite in uns gewahr ist, derjenigen, die nicht durch Worte zu beschreiben ist und die uns innerlich trägt.


„Alles wird gut“: Ihre aufmunternde Verabschiedungsformel für das Publikum von Leute heute wurde zum geflügelten Wort. Hatte dieser Satz damals schon seine zweite, spirituelle Bedeutung? Und haben Sie heute ein neues Mantra (oder eine neue Formel)?

„Alles wird gut“ ist kein Mantra, sondern die heitere Erinnerung gewesen am Ende der Sendung, vielleicht ein wenig in sich hinein zu horchen: Gibt es wirklich Grund zu meckern? Was würde passieren, wenn ich annehme, was ist – anstatt Widerstand zu leisten - und mit heiterer Gelassenheit das Beste draus mache? Und wenn ich dann noch in jeder Situation meines Lebens mein Bestes gebe – dann wird doch alles gut, oder? Na gut. Das ist dann vielleicht doch ansatzweise… spirituell.