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Fünf Fragen an Norbert Horst

„Kaltes Land“ ist der dritte Roman mit Ihrer Hauptfigur Kriminalhauptkommissar Thomas Adam, genannt „Steiger“. Steiger, Anfang 50, hat es nicht so mit Autoritäten, ist als erfahrener Polizist aber hoch respektiert. Wie würden Sie ihn beschreiben, glaubt er noch an das Gute?

Steiger glaubt ganz sicher noch an das Gute, auch wenn er es selbst gar nicht weiß, sonst würde er diese Arbeit nicht mehr machen, oder er würde sie nicht mehr so machen, mit dieser Hingabe, wenn es drauf ankommt. Und er hält ja nicht grundsätzlich alle Führungskräfte für „semibegabte, denkökonomische Charakteramateure“, sondern nur die nassforschen Aufzeiger, für die Führung etwas ist, was in erster Linie mit Hierarchie zu tun hat, nur ihnen selbst guttun sollte und für die Kollegen einfach nur „Einsatzmittel“ sind. Er ist oft allein, aber nicht einsam, er ist karrieremäßig gescheitert, aber nicht unglücklich. Er war konzipiert als jemand, der normal, aber interessant genug ist, dass man sich mit ihm gern auf ein Bier treffen würde.


Ihre Bücher verdanken ihre Authentizität unter anderem der Tatsache, dass Sie selbst seit vielen Jahren im Polizeidienst sind – wieviel von Norbert Horst steckt in Steiger, und finden Sie Ihre Themen über Ihre Arbeit, oder müssen Sie ganz bewusst Grenzen ziehen?

„In guten Romanen erfährt man viel über die Figuren, in schlechten viel über den Autor.“
Ich halte diesen Satz schon lange für einen der klügsten über das Schreiben. Darum hatte ich am Anfang als Autor die Illusion, ich könnte meine Figuren ganz frei von mir zeichnen, was aber natürlich Unsinn ist. In jeder meiner Figuren steckt etwas von mir, in manchen mehr, in manchen weniger, natürlich auch in Steiger. Dennoch bin ich weiterhin überzeugt, dass mit der Distanz, die ich zu meinen Figuren – zumindest zeitweise – aufbauen kann, die Qualität meiner Texte wächst.
Und natürlich werde ich im Dienst angeregt auf sehr vielen Ebenen, aber ich habe von Anfang an eine ganz harte Grenze gezogen. Nichts, was wirklich geschehen ist, erscheint in meinen Büchern.

„Kaltes Land“ befasst sich unter anderem mit der hochaktuellen Situation minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge in Deutschland – wie ist es, quasi neben der Realität her zu schreiben? Überschlagen sich da nicht manchmal die Ereignisse?

In der Tat. Als ich mir das Thema ausgesucht hatte, waren sich nur die Fachleute in den damit befassten Organisationen und Behörden dessen Brisanz bewusst. Auch in den Medien fand das nicht statt, obwohl das BKA (traditionell vorsichtig) schon länger schätzte, dass es derzeit etwa 6000 vermisste UMFs (Beamtenjargon für „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“) gibt.
Als ich in diesem Frühjahr in der Endphase des Schreibens war, kam plötzlich eines Abends in der ARD die Reportage „Verschwunden in Deutschland“, die exakt dieses Problem zum ersten Mal beleuchtete. Aber damit nicht genug. Das Setting der Reportage wies ein paar so erstaunliche Parallelen zu „Kaltes Land“ auf, dass mich das Ganze zwei Tage beim Schreiben behindert hat.


Thomas Adam begleitet Sie nun seit fast zehn Jahren – entwickelt eine Romanfigur eigentlich ein Eigenleben, wird zum imaginären Freund oder verblüfft Sie als Autor?

Hätte man mir, bevor ich längere Prosa schrieb, gesagt, Figuren entwickeln ein Eigenleben, hätte ich das für eine etwas kokette Autoren-Attitüde gehalten, aber es ist ganz genau so. Viele Figuren entwickeln sich ganz anders, als sie mal geplant waren. In den Steiger-Romanen gilt das auch für Steiger, aber viel mehr noch für andere Figuren, z. B. für Jana und Batto.
Und nicht nur Steiger, sondern alle Figuren sind mir sehr nah primär aus zwei Gründen. Einmal bin ich durch meine Frau, die Familientherapeutin ist, in der glücklichen Situation, dass ich mein Figurenensemble am Beginn des Schreibens in einer Systemaufstellung aufstellen kann, was immer ein wichtiger Termin für das Buch ist: Jeder Charakter aus meinem Roman wird von einer realen Person nachgestellt. Die Teilnehmer erhalten nicht viele Infos zu ihrer Person und müssen im Raum miteinander interagieren, ohne die eigentliche Handlung des Romans zu kennen. Ich werfe bestimmte Fragestellungen in den Raum und beobachte die Reaktionen.
Und dann lebe ich – vor allem in der Endphase des Schreibens – wirklich in einer Parallelwelt, in der ich meinen Figuren, vor allem emotional, teilweise sehr, sehr nah bin.


Haben Sie schon einen neuen Roman in Planung?

Ich habe mir dieses Mal geschworen, dass ich das neue Buch beginne, bevor das letzte erscheint. Es ist zwar nicht mehr viel Zeit, aber ich bin sicher, dass das klappt. Es gibt da eine Idee. Und wenn der Krimi noch nicht so weit sein sollte, greife ich auf einen „Nicht-Krimi“ zurück, den ich schon seit geraumer Zeit ziemlich fertig im Kopf habe.

Horst, Norbert
© Joachim Grothus

Norbert Horst, „Kaltes Land“ erscheint am 18. September 2017 als Originalausgabe im Goldmann Taschenbuch.

Die Fragen stellte Susanne Grünbeck.

Kaltes Land Blick ins Buch

Norbert Horst

Kaltes Land

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