Notker Wolf: Das Unmögliche denken, das Mögliche wagen

Notker Wolf: Das Unmögliche denken

Wozu brauchen wir Visionen?

»Wozu brauche ich Visionen?«, wurde ich einmal gefragt. »Ich bin mit mir im Reinen und habe alles, was ich brauche. Ich bin zufrieden.«
Gegenfrage: »Haben Sie noch Ziele?«
»In meiner Jugend habe ich das Geigenspiel erlernt, es dann aber nicht mehr gepflegt. Ich frage mich manchmal, ob es mir nicht guttäte, wenn ich es wieder anfinge. Ich weiß nur nicht, ob meine Finger dafür noch geeignet sind.«
»Probieren geht über Studieren«, riet ich meinem Gegenüber dann.
»Vielleicht finden Sie erst in einem Einzelunterricht heraus, ob Ihre Finger noch gelenkig genug sind und ob Ihnen das Fiedeln überhaupt noch Spaß macht.«
Nach zwei Monaten erzählte er mir voller Freude, er könne wieder Solo-Partien von Mozart-Konzerten spielen und habe sich einem Kammerorchester angeschlossen. Auch so kann eine Vision aussehen, die nicht nur im Alter das Leben bereichert. Wir können in nahezu jeder Lebensphase etwas Neues beginnen oder scheinbar längst Verschüttetes wieder zum Blühen bringen.

Gott hat uns mit so vielen Talenten beschenkt, dass ein Leben manchmal gar nicht ausreicht, sie alle zu entwickeln. In vielen von uns steckt eine künstlerische Begabung, eine musische Ader oder die Fähigkeit, Vorstellungen ins Bild zu setzen, zu malen oder zu zeichnen. Wir können diese Talente in Kursen wiederbeleben oder sogar weitergeben. Viele können sich für die Kunst der Gartengestaltung begeistern: gemeinsam einen kleinen japanischen Garten in unserer Klausur. Das Reifen und das Wachstum von Pflanzen zu gestalten und mitzuerleben, ist ein existenzielles Erlebnis. Musik? Dazu brauchen Sie oft nicht einmal ein Instrument, außer Ihrer Stimme. Warum singen Sie nicht in einem Chor mit und erleben dabei außer der Musik auch das Erlebnis der Gemeinschaft? Singen ist immer wieder ein elementares Erlebnis.

Musik kann Ihr Leben nicht nur bereichern,
sondern sogar verlängern. Und der musikalische Genuss ist ohnehin unbezahlbar. Sport ist für viele zum tragenden Lebensinhalt geworden. Individualsport, um möglichst fit zu bleiben, und Mannschaftssport wie Fußball und Handball, in dem wir nicht nur unseren Teil zu einer gemeinsamen Leistung einbringen können, sondern auch gewinnen und verlieren lernen können. Auch Sport ist eine Schule des Lebens. Manche Sportarten, vor allem individuelle wie Gymnastik, Laufen und Radfahren, können wir ein Leben lang ausüben, manche andere, wie Bergsteigen (nicht Bergwandern), Skifahren (nicht Skiwandern), Fußball oder Volleyball, sollten wir besser unserer körperlichen Verfassung anpassen. Selbst habe ich es mir seit mehr als 50 Jahren zur Gewohnheit gemacht, den Tag, am besten gleich frühmorgens nach dem Aufstehen, mit einigen Muskel kräftigenden und Bänder dehnenden Übungen zu beginnen. Diese zehn Minuten gönne ich mir, nicht nur, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, sondern auch in dem Bewusstsein, dass jeder Muskel, der nicht täglich zumindest einmal richtig angespannt wird, zu verkümmern beginnt.

Und dann: Lies! Lesen Sie! In der Benediktsregel gibt es, gleichberechtigt zum täglichen »Ora et labora«, auch die Aufforderung: »Lege«, lies! Lesen ist für uns Benediktiner die dritte Dimension unseres Lebens. Deshalb sind unsere Bibliotheken auch der Stolz jedes Klosters, und wir haben unseren Büchern ebenso kostbare Räume gewidmet wie dem gesprochenen Wort, der Musik und dem Gesang in unseren Kirchen.

Visionen, in jeder Lebensphase? Eine Frage – viele Antworten und Möglichkeiten. Wir können unser Leben jeden Tag um Visionen bereichern. Ohne Visionen aber beginnt unsere Hoffnung zu schwinden. Oder, im großen Ganzen, nach der Weisheit Salomos: »Ohne Vision geht ein Volk zugrunde.« Sich zufrieden zurücklehnen à la »Weiter so ...«, das genügt nicht.

Deshalb kann die Antwort auf die Frage »Wozu brauchen wir Visionen?« nur lauten: Wir brauchen Visionen für unser Leben, unsere Gesellschaft, für die Politik und Wirtschaft, weil sie uns Hoffnung und Lebensfreude schenken.

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