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SPECIAL zu Olaf Ihlau »Weltmacht Indien«

Indien - Ein Riese erwacht

Rezension von Maria Hinz

Wenn in den letzten Jahren von den Wirtschaftsmächten der Zukunft die Rede war, dann konzentrierte sich der Blick des Westens meist auf China. Seit dort Ende der 70er Jahre mit dem Experiment einer "sozialistischen Marktwirtschaft" begonnen wurde, hat das Reich der Mitte ein atemberaubendes Wirtschaftswachstum erlebt und Investoren aus aller Welt angezogen.

Bei aller Fokussierung auf China ist der Aufstieg eines anderen asiatischen Giganten bisher kaum angemessen wahrgenommen worden: Indien, die größte Demokratie der Welt und in naher Zukunft das bevölkerungsreichste Land der Erde, ist ebenfalls auf dem Sprung an die Weltspitze. Als Nuklear- und Militärmacht wird es in den kommenden Jahrzehnten nicht nur als politische Großmacht agieren, sondern es nimmt schon jetzt eine Spitzenstellung in der Informationstechnologie ein - und ist längst dabei, sich mit seinem riesigen Potential gut ausgebildeter Arbeitskräfte weitere Wirtschaftsbereiche zu erschließen.

Die Republik am Ganges wird, das prophezeit Olaf Ihlau, zu dem globalen Wachstumsmotor der nächsten Jahre werden. Der Journalist und langjährige Indien-Korrespondent wirft einen differenzierten Blick auf den Subkontinent, seine Religionen und Mentalitäten, seine eklatanten Widersprüche und seinen faszinierenden kulturellen Reichtum. Im Reportagestil analysiert er Stärken und Schwächen des Landes, informiert über die politischen Konfliktlinien und die rasante wirtschaftliche Entwicklung. Welche Chancen der erwachende Riese auch für den Westen bietet, und was wir vom "indischen Elefanten" lernen können, schildert dieses Buch ebenso anschaulich wie fundiert.

Hightech-Zentrum Bangalore
Spätestens seit der Debatte um die Einführung einer "Green Card" ist die fachliche Klasse indischer IT-Spezialisten auch hierzulande allgemein bekannt. Das Land verfügt über einen gigantischen Pool an ausgezeichneten Software-Entwicklern, die Absolventen der technisch-mathematischen Elitehochschulen werden international umworben und schließen oft schon während des Studiums Vorverträge. Microsoft-Gründer Bill Gates räumt ein, dass sein Unternehmen längst abhängig ist von indischen Fachkräften.

Obwohl noch immer viele IT-Spezialisten in die USA abwandern, blüht mittlerweile auch im südindischen Bangalore die Cyber-Industrie: "Nirgendwo auf diesem Planeten haben die globalen Computergiganten so viele Entwicklungslabors gegründet wie in Indiens Technopolis Bangalore. Nirgendwo, nicht einmal im kalifornischen Silicon Valley arbeiten mehr Informatiker und Ingenieure. (…) Mit dem Software- und Internetboom hat Bangalore seine Einwohnerzahl auf sieben Millionen verdoppelt, die meisten der Erwerbstätigen sind mit dem IT-Geschäft und der Outsourcing-Industrie verbunden."

Neben der IT-Branche expandiert Indien auch im Dienstleistungsbereich: Indische Arbeitskräfte übernehmen die Buchhaltung internationaler Konzerne, die Analyse von Röntgenaufnahmen, die Suche nach verlorenem Reisegepäck oder die Beantwortung von Hilferufen. Über Satellitenverbindungen und Unterseekabel kümmern sich indische Callcenter-Agenten um die Bedürfnisse amerikanischer Kunden - auf Englisch, der Verkehrssprache der Gebildeten in einem vielsprachigen Land. Sie begrüßen die Anrufer mit angelerntem amerikanischen Akzent, stellen sich als "Mark" oder "Nancy" vor, und vermitteln dem Kunden so das Gefühl, "er werde von irgendeinem Kumpel in einem der nächsten Blocks betreut."

Konkurrenzfähig ist Indien im IT- und Dienstleistungssektor nicht zuletzt wegen der niedrigeren Gehälter: ein Fünftel bis ein Viertel seines deutschen Kollegen verdient ein indischer SAP-Software-Ingenieur in Bangalore, Callcenter-Agenten verdienen umgerechnet 250 bis 400 Euro - für indische Verhältnisse ein vergleichsweise gut bezahlter Prestigejob.

Apartheid auf indische Art
Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten: große Teile der indischen Bevölkerung profitieren bisher nicht vom rasanten Wirtschaftsaufschwung. Das Kastensystem, 1949 offiziell abgeschafft aber weiterhin bestimmend für die Gesellschaftsstruktur, ist der vielleicht größte Hemmschuh für die Entwicklung des Landes. Das Kastenwesen, von Olaf Ihlau ganz ungeschönt als ein "rassistisches Ausbeutungssystem", eine verfeinerte Version von Apartheid benannt, hat seine Ursprünge in der hinduistischen Glaubenslehre. Die Einteilung der Menschen in vier Hauptkasten wird im Rigveda als göttliches Prinzip der Weltordnung legitimiert und weist dem Menschen mit seiner Kastenzugehörigkeit eine bestimmte gesellschaftliche Position zu, die er nicht verlassen kann. Rassistisch ist dieses System zu nennen, weil sich die gesellschaftliche Zuordnung an der Hautfarbe ablesen lässt: die Hauptkasten wurden nach der Eroberung Indiens durch die hellhäutigen Arier gebildet; die Unterdrückung der dunkelhäutigen drawidischen Bevölkerung durch das Kastensystem legitimiert.

Außerhalb des Systems der Hauptkasten - mit einer Diversifizierung in über 3000 Unter- und Nebenkasten - stehen die so genannten "Unberührbaren" oder Parias, heute immerhin 18 Prozent der indischen Bevölkerung. Zu ihnen zählen Wäscher, Schlächter, Abdecker, Lederarbeiter, Fischer und andere Personengruppen, die "mit unsauberen Tätigkeiten beschäftigt sind". Ihr Leben ist voller Erniedrigungen, sie werden als Aussätzige behandelt und bilden in den Städten das bitterarme Lumpenproletariat. In der Provinz Bihar reicht es oft schon, "den gesetzlich garantierten Mindestlohn zu verlangen, um als Kastenloser erschlagen oder bei lebendigem Leib verbrannt zu werden."


Das Kastensystem legt der indischen Gesellschaft ein starres Korsett an: Heiraten werden zumeist innerhalb einer Kaste geschlossen, die Ausbeutung der niederen Kasten für Profit und Wohlergehen der oberen Kasten ist vor allem auf dem Land institutionalisiert und Diskriminierung alltäglich. Wie weit die Diskriminierung geht, illustriert der weit verbreitete Umstand, dass Unberührbare auf dem Land daran gehindert werden, Wasser aus Brunnen zu holen, die traditionell einer höheren Kaste vorbehalten sind.

Indien entwickelt sich auseinander: Die Metropolen boomen dank der Wirtschaftsreformen der letzten Jahrzehnte und nähren eine kaufkräftige indische Mittelschicht, die sich immer weiter vergrößert. Doch das rigide Kastensystem steht einem dynamischen Aufschwung im Weg, und die sozioökonomischen Konflikte, die durch das Kastenwesen nur verschärft werden, bergen immensen sozialen Sprengstoff. Massenarmut - mindestens 400 Millionen Inder leben heute in bitterster Armut - und ungebremstes Bevölkerungswachstum, archaische Unterdrückungsverhältnisse auf dem Land, Slums mit katastrophalen hygienischen Zuständen in den Großstädten, weit verbreiteter Analphabetismus und Kinderarbeit, eine katastrophale Infrastruktur, Korruption und anarchische Verhältnisse verschaffen sozialrevolutionären Bewegungen Auftrieb. Das Fazit, das Olaf Ihlau zieht, ist eindeutig: "[N]ur, wenn es der indischen Demokratie gelingt, die Spaltung der Gesellschaft durch Überwindung des Kastensystems zu beseitigen, also mit einer egalitären sozialen Transformation, dürfte ihr die Geschlossenheit und Dynamik zuwachsen, um sich dereinst als Weltmacht zu etablieren."

Wettlauf der asiatischen Giganten
In politischer Hinsicht ist Indien bereits eine Weltmacht, und dass nicht erst, seit die Bush-Administration den Subkontinent 2002 offiziell zur "Großmacht" deklarierte. Diesen Status hat es nicht nur seinem demographischen Gewicht als bald größter Staat der Erde zu verdanken - es ist auch die sechste offiziell anerkannte Atommacht mit der viertgrößten Armee der Welt. Als Gegengewicht zum neuen Giganten China wird Indien in Zukunft eine Schlüsselrolle im internationalen Machtpoker zukommen. Ein Zusammenspiel der beiden asiatischen Großmächte würde sie unschlagbar machen und ist dennoch unwahrscheinlich: Indien und China konkurrieren um Rohstoffe, Weltmarktanteile und Jobs, und, wie Ihlau feststellt, "der Rest der Menschheit dürfte alles dafür tun, damit dies auch so bleibt." Darüber hinaus herrscht auf indischer Seite berechtigtes Misstrauen gegen die Chinesen, die Pakistan bei der Entwicklung der Atombombe unterstützt und so den nach wie vor virulenten indisch-pakistanischen Konflikt um die Grenzregion Kaschmir weiter verschärft haben.

Was Indien maßgeblich von seinem Konkurrenten China unterscheidet, ist seine demokratische Tradition - und die könnte, argumentiert Ihlau, ein entscheidender Vorteil auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht sein. Trotz aller Auswüchse von Korruption, Bestechung und Nepotismus - von denen auch westliche Demokratien nicht verschont geblieben sind - ist Indien der Beweis geglückt, dass ein Vielparteiensystem auch in einem höchst pluralistischen Land mit Massenarmut und hohen Analphabetismusraten erfolgreich regieren kann: "Indien wirkt stets unruhig und lärmend an der Oberfläche, doch sein demokratisches System scheint in sich gefestigt. Demgegenüber präsentiert sich China nach außen wie ein unerschütterlicher Monolith, aber in seinem Innern rumort es gefährlich."

Ein Kontinent der Extreme
Der Blick auf Indien wäre nicht vollständig, unterschlüge man den religiösen und kulturellen Facettenreichtum dieses faszinierenden Landes. Die europäische Sehnsucht nach dem magischen, rätselhaften Indien, das schon Goethe als Welt der "Phantasie und Empfindung" pries, ist auch im Zeitalter von New Age und Bollywood-Film ungebrochen. Auf beeindruckende Weise schildert Olaf Ihlau den "spirituellen Supermarkt" mit seinen unzähligen Heiligen, Gurus, Yogis und Sadhus, seinen falschen Propheten und bizarren Kulten. Er entführt seine Leser in die Welt der Sekten und Eunuchen, aber er führt auch sachkundig in den Hinduismus ein, die beherrschende Religion Indiens mit ihren vielfältigen Gottheiten. Vom Ablauf der Pilgerreisen erzählt er ebenso wie von religiösen Spannungen zwischen Hindu-Nationalisten und Moslems, die immer wieder Pogrome gegen die muslimische Bevölkerung ausgelöst haben.

Ihlau zeigt die beeindruckenden Seiten der indischen Kultur, prangert aber auch ihre Schattenseiten an - sei es nun die miserable gesellschaftliche Stellung der Frauen, die in Zwangsheiraten und Witwenverbrennungen zum Ausdruck kommt, oder die Ausgrenzung der Leprakranken. Er mystifiziert nicht, sondern breitet ein ehrliches, unverstelltes Panorama der indischen Gesellschaft vor dem Leser aus. Mata Bharat, die Mutter Indien, ist ein Kontinent der Extreme - das wird in diesem Buch deutlich. Aber auch: mit Indien werden wir in Zukunft rechnen müssen. Es ist höchste Zeit, sich mit der Republik am Ganges näher zu beschäftigen und dieses widersprüchliche, vielfältige und erstaunliche Land kennen zu lernen. "Weltmacht Indien" ist dafür genau der richtige Einstieg.

Maria Hinz
München, September 2006