SPECIAL zu Oliver Hilmes

Muse- Mythos - Monster

Das Leben der Alma Mahler-Werfel

Ihre Freundin Marietta Torberg nannte sie "eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake". Sie lebte ein sexuell ausschweifendes Leben aber es graute ihr vor perversen Personen. Alma Mahler-Werfels Beziehungen und Sehnsüchte waren in hohem Maße ambivalent. Sie bewegten sich zwischen bürgerlichen Konventionen und Liebesekstase, sozialem Ehrgeiz und künstlerischem Ausdruck. Ihre Zügellosigkeit, die sie auch in Bezug auf Alkohol an den Tag legte, stand in Opposition zu dem geradezu schwärmerischen Eindruck, den Macht und Disziplin auf sie machten
Alma 1906 mit den Töchtern Maria und Anna.
Sie quälte Männer mit ihrer Liebe, ihrem Begehren und ihrer Verweigerung und sehnte sich zugleich nach "Heilung". Als dieser Wunsch von Walter Gropius nicht in ihrem Sinne erfüllt wurde, schrieb sie "ich bin irritiert - alles kränkt mich - sehr traurig." Ob ihre Unausgeglichenheit in einer hysterischen Persönlichkeit begründet liegt oder aus der frühen Enttäuschung ihrer Ehe mit Gustav Mahler resultiert, lässt sich kaum rekonstruieren. In jedem Fall aber ist diese Spannung, die ihr ganzes Leben durchzieht ein wesentlicher Baustein für den Mythos Alma Mahler-Werfel.

Als wesentliche Quelle dienten die verschollen geglaubten Tagebücher, die Hilmes in Philadelphia aufspürte.

Alma Maria Schindler kam 1879 in Wien zur Welt und wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihr Vater, Emil Jakob Schindler, war ein erfolgreicher Landschaftsmaler. Alma liebt ihren Vater sehr, der stirbt, als das Mädchen gerade 13 Jahre alt ist. Die Mutter heiratet daraufhin den Maler Carl Moll, Schindlers Assistent und Mitbegründer der Künstlergruppe Wiener Secession. Die Künstler der Gemeinschaft namentlich Gustav Klimt und Joseph Maria Olbrich gehören zu den Freunden des Hauses, ebenso wie Max Burckhard, der Direktor des Burgtheaters, der die jungen Autoren seiner Zeit, wie Ibsen, Schnitzler und Hauptmann in Wien zur Erstaufführung brachte.
Alma und Anna Mahler (1912)
"Mein Mann muss erstrangig sein." (Alma Mahler-Werfel)
Doch weder die Bildende Kunst noch die Literatur sondern die Musik wurde für die heranwachsende Alma zum eigenen Betätigungsfeld. Sie erhielt Musikunterricht von Alexander Zemlinsky, mit dem sie ihre erste Affäre hatte, doch den zu heiraten sie ablehnt. Sie beginnt zu komponieren, vertont Lyrik von Rilke, Heine, Bierbaum und Dehmel. Nur wenige Werke aus ihrer Hand sind überliefert. Im Alter von 22 Jahren entschließt sie sich zur Hochzeit mit dem renommierten Komponisten und Musikdirektor Gustav Mahler. Jahre später schrieb sie an ihren zweiten Ehemann Walter Gropius: "Mein Mann muss erstrangig sein." Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Drang und Ehrgeiz bereits bei der Wahl ihres ersten Gatten zum Tragen kam.

Der erfolgreiche Komponist Mahler hatte die Ehe mit der um 20 Jahre jüngeren Alma unter der Bedingung geschlossen, dass seine Frau künftig auf die Entfaltung ihres eigenen Talents verzichtete. In einem Brief an Alma befürchtete Mahler nämlich, dass, wenn beide als Komponisten tätig seien, dieses zu einer lächerlichen und erniedrigenden Rivalität zwischen ihnen führen würde. Er wolle sie als Ehefrau, nicht als Kollegen. Alma fühlt sich frustriert und unterdrückt, willigt aber dennoch ein. Der "erstrangige" Mann verweist sie selbst auf den zweiten Platz.

Als Ehefrau verzichtet sie auf eine eigene Karriere und führt den Haushalt. 1902 kommt ihre erste Tochter Maria zur Welt; zwei Jahre später die zweite, Anna Justina. Doch auch die Mutterschaft füllt Alma nicht aus. Ihr Mann liebt die Zurückgezogenheit, sie aber vermisst das muntere gesellschaftliche Leben ihres Elternhauses und langweilt sich. Als Tochter Maria an Diphterie stirbt gerät die Ehe vollends in die Krise.

Das Paar pendelt zwischen Amerika und Europa, zwischen Konzertreisen und Kuraufenthalten hin und her - jedoch nicht immer gemeinsam. 1910 lernt Alma Walter Gropius, den noch jungen und wenig bekannten Architekten während ihrer Kur in Tobelbad kennen und lieben. Mahler, der auf die sofortige Auflösung des Verhältnisses besteht, unternimmt mit seiner Frau eine letzte große Gastspielreise nach New York. Unterwegs erkrankt der herzleidende Mahler schwer und stirbt 1911.

Als Witwe Mahler nimmt Alma mit Anfang 30 ihr gesellschaftliches Leben wieder auf. Sie hat verschiedene Affären, herausragend ist jedoch ihr leidenschaftliches Verhältnis zu Oskar Kokoschka, der ihr in Wildheit und Exzentrik in nichts nachsteht. Sie leben eine "Amour fou" bis Alma nach drei Jahren das Interesse an ihm verliert. Ihn quält der Verlust so sehr, dass er nach ihrem Bild eine lebensgroße Puppe anfertigen lässt und an ihrer Stelle benutzt. Sie lässt ihre Verbindung zu Gropius wiederaufleben und heiratet ihn 1915. Ihre gemeinsame Tochter Manon wird geboren, doch ein Familienleben haben sie nicht, es ist eine Fernbeziehung, in der man sich gegenseitig besucht. Alma wohnt in Wien während ihr Mann Dienst im Ersten Weltkrieg tut.

Eine Beziehung zwischen Ehrgeiz und "Rassenfremdheit"
Im Widerstreit der Gefühle - mal ist Gropius für sie fad, klein und gewöhnlich, mal äußert sie "nichts will ich, als diesen edlen Menschen glücklich machen!" - wendet sie sich noch während ihrer Ehe einem jungen Lyriker zu. Obwohl Alma nie einen Hehl aus ihrer antisemitischen Haltung gemacht hat, verliebt sie sich 1917 in den elf Jahre jüngeren Franz Werfel. Ein Jahr später ist sie von ihm schwanger, doch das gemeinsame Kind stirbt, noch kein Jahr alt. Das Paar lebt bereits zusammen als sich Gropius von seiner Frau scheiden lässt. Obwohl sie die Ehe gebrochen hatte, nimmt er, der inzwischen bekannte Architekt und Bauhausgründer, alle Schuld auf sich. Franz Werfel entwickelt sich mit Almas Unterstützung vom literarischen Neuling zu einem renommierten Dramen- und Romanautor. Sie "macht" aus ihm einen Künstler ersten Ranges. Als beide 1929 heiraten ist er ein angesehener und gut verdienender Schriftsteller.

Doch auch diese Beziehung ist schwierig. Wieder pendelt Alma zwischen Wien und Berlin hin und her. In den 1920er Jahren ist Berlin ihr Lebensmittelpunkt. Sie liebt das mondäne Leben in Kaffeehäusern und feinen Gesellschaften, pflegt Freundschaften im kulturellen und politischen Milieu. Bereits 1933 bekommt Franz Werfel den neuen politischen Wind zu spüren. Als Jude wird er von der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen - wenig später werden seine Bücher verbrannt. Sie ziehen sich nach Wien zurück, doch 1938, nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, spitzt sich auch dort die Lage zu. Auf verschlungenen Wegen, die sie durch Italien, Frankreich, Spanien und Portugal führen, verlassen sie Europa und siedeln nach Los Angeles über.

Wie Gustav Mahler litt auch Franz Werfel an Herzbeschwerden und erliegt 1945 einem Herzinfarkt. Alma Mahler-Werfel bleibt ihrer neuen Heimat treu und stirbt am 11.12.1964 in New York. Überliefert sind nur wenige ihrer rund 100 Kompositionen, weiterhin ihre "Erinnerungen an Gustav Mahler" und Auszüge aus ihren Tagebüchern bis 1902 sowie ihre Autobiografie, in der sie zu ihren Gunsten Rückblick auf ihr schillerndes Leben hält und auf die bewegende Epoche und die Vielzahl ihrer Künstlerfreunde, mit denen sie ein Leben lang innigen Austausch pflegte.

Witwe im Wahn

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