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SPECIAL zu Olivier Roy

DIE GROSSEN IRRTÜMER IM KRIEG GEGEN DEN TERROR

Der falsche Krieg von Olivier Roy

Nach den Anschlägen vom 11. September im Jahr 2001 rief die Bush-Adminstration den globalen „Krieg gegen den Terror“ aus. Heute, so bilanziert der Wissenschaftler und Publizist Olivier Roy, stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser Politik: Die Kriege im Irak und in Afghanistan sind für die USA nicht zu gewinnen, neue Fronten haben sich in Pakistan, im Jemen und im Iran aufgetan und Anschlagsversuche gibt es immer wieder sowohl in den USA als auch in Europa. Schlimmer noch: Die US-Taktik, weltweit vor allem militärisch und geheimdienstlich aktiv zu werden, scheint Al-Qaida geradezu in die Hände zu spielen.

Welcher Feind?
Roy widmet sich zuerst der grundsätzlichen Schwierigkeit des „Kampfes gegen den Terror“: Als 2001 der Feldzug gegen den militanten Islamismus begann, war der Feind weder klar definiert noch sichtbar. Roy zeichnet noch einmal nach, wie es zu der Entscheidung kam, in den Irak einzurücken, welchen Anteil einflussreiche Interessenvertreter wie die Gruppe der so genannten Neokonservativen hatten. Das ehrgeizige Reformprojekt des „Großraums Mittlerer Osten“ untersucht er ebenso kenntnisreich wie die Abkehr von der Doktrin der Demokratisierung von oben. Letztlich war es das Scheitern dieser Demokratisierungspolitik, das auf direktem Wege zur Doktrin der „Eindämmung bzw. Vernichtung des Islamismus“ führte.

Neue Konzepte
Strategien und Hintergründe untersucht der Autor im zweiten Schritt dann auch im Lager des radikalen Islamismus. All das, was in der täglichen Berichterstattung untergeht, fehlt und verschwiegen wird, fördert er hier zu Tage und öffnet so einen ganz anderen analytischen Zugang zur heutigen Konfliktkonstellation: von Konzepten wie Neofundamentalismus, islamischer Totalitarismus oder dem „kulturellen Islam“ werden viele Leser hier sicherlich zum ersten Mal hören. Später nimmt der Autor dann die wichtigen Player im Mittleren Osten sowie den Iran unter Ahmadinedschad in den Blick. Auch hier bröckeln die gängigen Vorurteile und Mythen: Eindrücklich wird dem Leser vermittelt, dass von „dem Islam“ keine Rede sein kann, wie zersplittert und zerrissen allein die arabische Welt ist, dass sich etwa Schiiten und Sunniten immer stärker Konkurrenz machen. Das Ende dieses Abschnitts bildet ein ernüchterndes Fazit: Der lachende Dritte in diesem Spiel unterschiedlicher Interessen und Strategien ist nach wie vor: Al Qaida.

Fatale Irrtümer
Es sind zwei fundamentale Irrtümer, die sich Washington geleistet habe und die für die derzeitige desolate Lage verantwortlich sind: Da ist zum einen die Auffassung von der Terrorismusbekämpfung als globalem Krieg und zum anderen der Einmarsch in den Irak – dies sind nach wie vor die tragenden Säulen der US-Strategie. Was die Lage zusätzlich noch unübersichtlicher und unbeherrschbarer macht: Geht es um den richtigen Ansatz zur Terrorismusbekämpfung, zeigt sich die westliche Welt heute gespaltener denn je. Das betrifft das Verhältnis zum militanten Islamismus ebenso wie die Haltung zum Islam als Religion. Hier verbinden sich strategische Überlegungen mit innergesellschaftlichen Fragen – und zwar insbesondere in den Einwanderungsländern der westlichen Welt, in denen relevante Bevölkerungsteile muslimisch sind. Die so genannte Linke gerät dabei unter besonderen Druck. Ihr Pazifismus setzt sich dem Verdacht aus, autoritäre Regime – von Saddam Hussein bis zu den Taliban – indirekt zu unterstützen.

Kampf der Kulturen?
Dabei erteilt Roy dem Huntingtonschen Bild eines Zusammenpralls der Kulturen eine klare Absage. So finden sich wichtige Konfliktlinien, die kaum ideologischen Gehalt besitzen, auch innerhalb der muslimischen Welt. Immer tiefer wird der Graben zwischen Sunniten und Schiiten; der einstige „Kitt“ in den Beziehungen, in Israel einen gemeinsamen Feind zu haben, taugt heute immer weniger als gemeinsamer Nenner. Es ist tatsächlich die sprichwörtliche Büchse der Pandora, die die USA mit der Intervention im Irak öffneten. Die Folgen der zerstörten Machtbalance in der Region sind den Strategen in Washington nach Roys Einschätzung bis heute nicht bewusst. Die Originalausgabe dieser packenden Analyse ist übrigens bereits 2007 erschienen. Man darf es als Beleg für die Stichhaltigkeit seiner Argumentation nehmen, dass viele von Roys Prognosen inzwischen Wirklichkeit geworden sind. Denn Olivier Roy ist keiner der halb informierten Scharfmacher, die sich derzeit gerne zu Wort melden, wenn es um den richtigen Umgang mit Terrorismus oder „dem Islam“ geht. Dem Forschungsdirektor des Centre National de la Recherche Scientifique gelingt es, gut informiert, elegant im Ton und scharf in der Analyse der weltweit noch immer explosivsten Konfliktkonstellation auf den Grund zu gehen.

Henrik Flor
Berlin, Februar 2010

Der falsche Krieg Blick ins Buch

Olivier Roy

Der falsche Krieg

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