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Bewegung ist die beste Medizin

Sport ist bei Krebserkrankungen so wichtig wie Medikamente – das belegen weltweit über 2000 Studien. Denn insbesondere Bewegung im Freien aktiviert das Immunsystem, reguliert den Stoffwechsel und sorgt für gute Laune und ein besseres Körperbewusstsein. Diese Erfahrung machte auch Petra Thaller, als sie selbst mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert war. Die Gründerin der Initiative „Outdoor against Cancer“ erklärt zusammen mit dem Sportwissenschaftler Thorsten Schulz, was die Wissenschaft über die Wirkung von Outdoor-Aktivitäten weiß, welche Sportarten infrage kommen, wie man den inneren Schweinehund überwindet und warum die innere Einstellung so wichtig für die Genesung ist. Ihr Leitspruch: Der wichtigste Schritt ist der vor die Haustür.

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Draußen ist alles besser

Erfahrung und Wahrnehmungen in der Natur
Es sind Naturgewalten, Wärme und Kälte, Sonnenschein und Regen, Sand und Wasser, Stille und Sturm, die auf uns einwirken und uns im Leben bewegen. Wir sind geboren, um in der Natur zu leben und uns zu bewegen. Das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2015 bestätigt, was Menschen empfinden, die sich im Grünen aufhalten. »Grünflächen werden mit genereller und mentaler Gesundheit verbunden, unabhängig vom Grad der Urbanisierung, dem sozioökonomischen Status und dem Geschlecht.« Wenn im Winter um sechs Uhr morgens mein Wecker läutet, drehe ich mich manchmal gerne wieder um und döse noch ein wenig vor mich hin. Es gibt aber auch Tage – und diese sind in der Überzahl –, an denen ich voller Vorfreude auf den Tag aus dem Bett springe und mich darauf freue zu erleben, was dieser für mich bereithält. Meine Tage bestehen ebenso wenig wie die Tage anderer Menschen nur aus Sonnenschein, einem lauen Lüftchen, dem Rauschen der Meeresbrandung und dem Lachen der Menschen, das kann ich Ihnen versichern. Lassen Sie mich einen meiner Tage kurz skizzieren, für die ich brenne, die jedoch, wie auch die wunderbaren Tage in Ihrem Leben, leider viel zu selten sind. Dennoch sind sie da und bereichern mein Leben jedes Mal aufs Neue. Mein Wecker läutet gegen 5.30 Uhr, im Schlafzimmer ist es kühl, und die Wärme der Bettdecke hält mich noch für einige Augenblicke fest. Langsam durchdringt die Vision eines sonnigen Tages im Schnee – einer Skitour mit einem meiner liebsten Bergkameraden – mein Aufwachen. Noch etwas verschlafen, aber voller Vorfreude starte ich mein morgendliches Ritual: Teewasser kochen, Brotzeit vorbereiten, Rucksack packen. Katzenwäsche, Zähneputzen, Sonnencreme ins Gesicht. Wenig später sitze ich fröhlich gestimmt im Auto und fahre in Richtung Berge. Es verspricht einer dieser einmaligen Tage zu werden, an dem der Rest der Welt noch lange schläft. Es ist Weihnachten, die Zeit steht still. Keine Menschenseele ist auf der Straße. Meinen Bergfreund treffe ich an unserem Stammparkplatz, von wo aus wir mit einem Auto Richtung Österreich starten. Wir haben eine gemütliche Skitour geplant. Am Ausgangsort angekommen, steigen wir aus und machen uns auf den Weg. Es riecht nach Winter, wenig später nach Sonne und Schnee. Dieser Tag setzt meiner Vorfreude wieder einmal die Krone auf und übertrifft meine morgendlichen Visionen bei weitem. Als wir am frühen Nachmittag vom Gipfel zurückkehren, genießen wir noch die letzten Sonnenstrahlen in der Höhe, bevor wir wieder ins Tal eintauchen, in die Kälte des herannahenden Abends. Zwölf prall gefüllte Stunden Natur, gute Gespräche, herzhaftes Lachen nehmen wir mit nach Hause – und das einmalige Gefühl, dem Himmel aus eigener Kraft ein wenig näher gewesen zu sein. Es ist die Kraft, welche die Magie der Bewegung für mich ausmacht. Sich selbst zu spüren und das Wissen, dass nichts und niemand dagegen ankommen kann. Das mag für Sie ein wenig seltsam klingen – die Kraft, gegen die niemand ankommt. Jedes Mal, wenn ich von meinen kurzen Auszeiten in den Bergen nach Hause zurückkomme, fühle ich mich stark und unverwüstlich. Ebenso stark und unverwüstlich fühle ich mich auch, wenn ich meine Tage am Meer mit Tauchen und Schwimmen fülle, wenn ich von meiner Laufrunde wieder heimkomme oder vom Tennisplatz stolpere, weil mir mein Sohn wieder einmal gezeigt hat, wer hier die Meisterschale in der Hand hält.

Draußen, Outdoor ist alles besser
Eine sehr provokante Überschrift, die so manchen zum Grübeln anregt. Bestimmt haben sich viele schon einmal die Frage gestellt, was es ist, das einen nach draußen zieht. Warum ist es draußen in der Natur so verdammt schön? Was ist das für eine Sehnsucht, die Outdoor alles so viel besser erscheinen lässt? Warum schmeckt das Käsebrot nach einer Wanderung oder während einer Wanderpause im Freien besser als zu Hause? Warum mundet das Bier abends im Biergarten unter einer Kastanie noch einmal so gut? Was ist eigentlich das Besondere daran, draußen zu grillen? Und schmeckt das Gegrillte draußen nicht wirklich viel besser als drinnen? Warum ist in einem Freilichtkino auch ein schlechter Film noch sehenswert, warum setzt man sich bei Wind und Wetter in einen Strandkorb an die Nordsee, lässt sich Sand und Regen ins Gesicht und den Wind um die Ohren wehen und findet dies auch noch toll? Warum setzt man sich auf der Piste bei Sonne und Schnee lieber draußen auf die Bänke der Skihütte und isst seinen Germknödel? Und warum muss man unbedingt bei den ersten Sonnenstrahlen den Kaffee mit Sonnenbrille auf den Augen und einer Decke über dem Schoß unbedingt draußen genießen? Natürlich trifft dies alles in dem Sinne nicht für jeden im vollen Umfang zu. Trotzdem gilt es zu hinterfragen und zu ergründen, womit eine solche Wahrnehmung zusammenhängen könnte und ob diese Zusammenhänge auch tatsächlich belegbar sind. Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, ob nach der eigenen Wahrnehmung auch noch eine reale körperliche Reaktion gemessen werden kann. Leider ist die Frage nach den Gründen für diese positiven Wahrnehmungen nicht so einfach zu beantworten, wie so ziemlich alles, was begründet werden soll. Deshalb präsentieren wir an dieser Stelle zwei wissenschaftliche Ansätze, aus deren Blickwinkeln in der Folge auch argumentiert wird. Auf der einen Seite ist man versucht, eine biologische Begründung zu finden, die – naturwissenschaftlich untermauert – natürlich auch eine entsprechende Schlagkraft besitzen soll. Die andere Seite argumentiert mit einem sozio-kulturell geprägten Ansatz, der mehr Raum für Interpretationen lässt. Nicht nur durch unsere Medienlandschaft wird auf vielfältige Weise dar-und festgestellt, dass wir immer mehr durch technische und industrielle Entwicklungen geprägt werden. Vor allem im Bereich der neuen Medien wird das Natürliche aufgrund von digitalisierten Formaten immer stärker in den Hintergrund getrieben und durch Künstliches ersetzt. Zumindest bei denjenigen, denen Naturerleben noch nicht fremd ist, nimmt das Verlangen nach Natürlichem und damit auch nach der Natur selbst wieder zu. Unterstützt wird dieses Bedürfnis auch durch versteckte Botschaften beispielsweise innerhalb von Werbespots, die Natur gerne als Bühne nutzen, um ihre Inhalte positiv darzustellen. Eine Zigarettenwerbung hat sogar über Jahre den Wilden Westen mit seiner großartigen Natur erfolgreich dafür eingesetzt, den Wunsch nach einer Zigarette am Lagerfeuer in der Wildnis auch bei Nichtrauchern zu stärken, und das trotz der nachgewiesenen krebserregenden Wirkung. Da wir auf »Natur« und »Outdoor« so positiv reagieren, wurde sogar die These einer evolutionären biologischen Verankerung von Natur in unseren Genen aufgestellt. Schon in den 1980er-Jahren hat der Soziobiologe Edward O. Wilson die sogenannte Biophilie-Hypothese formuliert. Biophilie bedeutet »Liebe zum Leben« oder »Liebe zu Lebendigem«. Dabei geht es darum, dass eine Affinität des Menschen zu den vielen Formen des Lebens, den Lebewesen, aber auch zu den Lebensräumen und Ökosystemen besteht, das heißt, – etwas weiter gefasst – zu Outdoor und zur Natur. Diese Liebe sollte sich laut Wilson auch in den Genen widerspiegeln. Verbreitet wurde die »Biophilia Hypothesis« mit der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches von Kellert und Wilson im Jahr 1993, an dem verschiedene Wissenschaftler mit Beiträgen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen mitwirkten. Noch heute findet die über die Jahre nicht bestätigte Theorie Eingang in Bereiche der Präventivmedizin und der Gesundheits-, Entwicklungs-und Umweltpsychologie. Sie wird aber auch als Argumentationsgrundlage für Planungen in der Architekturtheorie oder in der Landschafts-und Gartengestaltung herangezogen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Gestaltung des urbanen Raumes wird auch im gesundheitlichen Sinn ein immer größeres Thema. Diesbezüglich gibt es Prognosen, dass ab 2050 zwei Drittel der Menschheit in größeren Städten leben werden. Sollte also Natur tatsächlich in den Genen festgeschrieben sein, wäre es sinnvoll, ausreichend »Naturräume« in der städtischen Planung zu beachten. Umweltpsychologen wie Gordon Orians und Judith Heerwagen beflügelten diese Theorie über die Festschreibung von Natur in den Genen mit ihrer Savannenhypothese. Danach sollen Menschen eine Vorliebe für natürliche Umgebungen haben, die überschaubar sind, wie beispielsweise Savannen. Im Speziellen soll darüber hinaus ein Zusammenhang mit bestimmten Baumarten bestehen, die beispielsweise die Überlebenschance verbessern. Hier werden Bäume mit breiten Kronen und hohen Verästelungen angeführt, da dadurch wieder Raumtiefe und gute Sicht geschaffen werden. Festgemacht wird dies anhand von Studien, in denen Testpersonen bestimmtes Bildmaterial vorgelegt wird; dabei hat sich gezeigt, dass von den Betrachtern vorwiegend solche offenen Landschaften bevorzugt werden. Besonders trifft diese Beobachtung auf Kinder und Jugendliche zu, die noch nicht so stark kulturell beeinflusst sind. Demnach wären wir über unsere Gene mit der Natur verbunden und suchen sie deshalb auch so gerne auf. Wenn wir also eine spezielle Landschaft sehen würden, die nach den in unseren Genen festgeschriebenen bevorzugten Kriterien gestaltet ist, müssten wir auf diese wieder bevorzugt positiv reagieren. Dass sich Umwelt in der DNA festschreiben kann, wissen wir von vielen epigenetischen Studien. Für solche Präferenzbildungen könnte man sich dies denken, doch dann müssten spezielle Signale dafür aus der Umwelt aufgenommen worden sein. Ganz fern liegt auch dieser Gedanke nicht. Selbst wenn Biophilie-und Savannen-Hypothese sehr kritisch gesehen werden, ist zumindest umgekehrt ein physiologisch-biologisches Wirken auf die Gene durch Outdoor belegt.
Am Beispiel von Licht soll dies einmal verdeutlicht werden. Licht wirkt sehr vielfältig auf den menschlichen Körper. So werden Lichtsignale über spezifische Reizaufnehmer, sogenannte Rezeptoren, registriert und als Botschaft an das Zentrale Nervensystem (ZNS), das aus Rückenmark und Gehirn besteht, weitergeleitet. Im Hypothalamus, einem speziellen Teil des menschlichen Zwischenhirns, erfolgt die Übersetzung der Signale. Dort wird auch der zirkadiane Rhythmus gesteuert, umgangssprachlich häufig als die »innere Uhr« bezeichnet, die ungefähr einen 24-Stunden-Tag aufweist. Über den Hell-Dunkel-Wechsel von Tag und Nacht wird die innere Uhr immer wieder neu beeinflusst und auch gestellt, also mit der Außenwelt synchronisiert. Dabei spielt der Hypothalamus eine wesentliche Rolle, da er sowohl für das Hormonsystem als auch für das vegetative Nervensystem als übergeordnete Struktur fungiert. Das vegetative Nervensystem regelt die vom Bewusstsein so gut wie unabhängigen lebenswichtigen Vorgänge innerhalb des Organismus; es dient damit zur Aufrechterhaltung des inneren Milieus. Anhand des Hell-Dunkel-Wechsels wird die körpereigene Produktion des Hormons Melatonin in der Zirbeldrüse geregelt. Melatonin an sich ist wiederum für den Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich. Über die Menge des Hormons, die im Tagesverlauf ausgeschüttet wird, und die Hell-Dunkel-Perioden (lange Nächte – kurze Nächte) werden aber auch der Jahresverlauf und damit die Jahreszeiten als Frühling, Sommer, Herbst und Winter registriert. Insgesamt lässt sich hier ein typisches biologisches Regelsystem erkennen, das sich vereinfacht folgendermaßen dargestellt: Es gibt ein Eingangssignal (hier Licht), das über einen Sensor (Rezeptor) aufgenommen wird. Es gibt einen Regler, der die weitergeleiteten Eingangssignale empfängt, verarbeitet und beantwortet (hier die Zirbeldrüse), und am Ende schließlich das Ausgangssignal (hier das Hormon Melatonin). Natürlich ist das System im menschlichen Körper viel komplizierter und unterliegt weiteren Einflussgrößen. Damit die Reaktionsschritte, die für die Synthese des Hormons Melatonin notwendig sind, besser ablaufen können, wird ein regulierender Katalysator benötigt, das Enzym N-Acetyl-Transferase. Da dieses Enzym am Tag aufgrund einer direkten Hemmung durch Licht sowie einer rhythmisch aktivierten Genexpression weniger aktiv ist als in der Nacht, wird weniger Schlafhormon produziert: Man ist weniger schläfrig, agiler und fühlt sich besser. So nehmen Natur und Outdoor irgendwie doch Einfluss auf die Gene und auf ihr Ablesen, ohne dass sie grundständig im Erbgut verankert sein müssen. Prinzipiell bilden die beschriebenen Regelsysteme die Grundlage dafür, Wirkungen, Veränderungen und Anpassungen im Körper zu verstehen. Und sie sind auch Grundlage für das Verständnis der aus der Umwelt aufgenommenen Signale und Botschaften und der entsprechenden Antworten des Körpers darauf. So wird am Ende auch verständlich, warum wir »Outdoor« und Bewegung wahrnehmen und darauf reagieren, damit aber auch die Krankheit Krebs beeinflussen können. Wie bei fast allen biologischen Prozessen sprechen wir von einem fein geregelten System, das im Körper mit weiteren Informationen abgestimmt und verändert bzw. angepasst wird. Veränderungen über die Regelsysteme sind damit bis zu einem gewissen Grad gewollt oder auch ausgleichbar. Kommen weitere Informationen hinzu, kann das System modifiziert werden, und die nun selbst wahrgenommene Botschaft kann auch etwas anders sein. Es sind vor allem die abgespeicherten Erfahrungen mit emotionalem Bezug, die besonders auf das Ergebnis wirken. Ein Studie von Helmut Quack von der Hochschule Düsseldorf macht dies deutlich: Wenn Kölner und Düsseldorfer mit verbundenen Augen Kölsch oder Altbier trinken, bewerten sie den Geschmack so gut wie gleich, sie können selbst Alt von Kölsch nicht unterscheiden. Mit offenen Augen dagegen schmeckt dem Kölner das Kölsch und dem Düsseldorfer das Alt wieder viel besser. Damit kommen wir auch zur zweiten Perspektive, warum es draußen so gut ist. Warum die positive Wahrnehmung von Natur und die damit verbundenen Aktivitäten positive Gefühle und Sehnsüchte hervorrufen und damit auch den Drang nach bedürfnisbefriedigenden Erlebnissen in der Natur verstärken. Es ist eine externe Botschaft, kulturell oder kulturhistorisch geprägt, erlernt und anerzogen. Dafür spricht auf jeden Fall, dass nicht alle den Drang, das Bedürfnis oder die Sehnsucht nach Natur verspüren und auch ohne diesen Bezug angeben, glücklich, zufrieden und auch gesund zu sein. Mit dieser Perspektive lässt sich auch besser verdeutlichen, warum die einen lieber die unberührte Wildnis und die anderen eher eine von Menschen geformte Kulturlandschaft bevorzugen. Die in unserer Gesellschaft am Ende emotional aufgebaute Botschaft bleibt: »Hier ist die Welt noch in Ordnung.« Auch wenn dies so nicht stimmen mag, sehnen wir uns nach dem »Heile-Welt-Prinzip«, das wir multimedial immer wieder in der Werbung gezeigt bekommen. Wir sehnen uns nicht nur danach, sondern wir geben uns dem Drang nach der »schönen, heilen Welt« hin. Nicht umsonst bestätigt der DAK-Gesundheitsreport für 2016, dass »Sonne und Natur« die mit Abstand besten Erholungswerte bei einer Befragung ergaben, noch vor Zeit mit der Familie und Zeit für sich selbst. Würde man Zeit mit der Familie oder zumindest für sich selbst in Sonne und Natur summieren, müsste damit das Erholungsmittel schlechthin erfunden sein. Schließlich ist die Frage, ob die Anschauung, dass »es draußen so viel besser ist«, in den Genen verankert oder kulturell geprägt oder durch Signalkaskaden übermittelt ist, auch eine, für die sich die unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen im Speziellen interessieren. Für uns ist wichtig, dass dieses Draußen nicht nur gefühlt besser ist, sondern dass es auch im Alltag eine echte Relevanz besitzt. Jetzt sollten Sie einmal nach draußen schauen und überlegen, ob sich nicht Zeit finden für einen kleinen Spaziergang zum Bäcker, ins Eiscafé, in den Biergarten oder einfach nur in den nächstgelegenen Park oder Wald.
Landschaften: Fakten, Forschung, Perspektiven

Draußen, Outdoor ist alles besser.
So ganz konnte die Frage, warum dies so ist, noch nicht beantwortet werden. Wer aufmerksam gelesen hat, wird gemerkt haben, dass bis dato Begrifflichkeiten benutzt wurden, die noch nicht definiert wurden. Es gilt also zu differenzieren: Was ist eigentlich Outdoor, und wo findet das statt? Ist Outdoor Natur, ist Natur alles, was draußen ist? Was ist am Ende eigentlich ursprüngliche Natur, und was hilft denn nun wirklich in Bezug auf unsere Gesundheit? Gerade der letzten Frage wurde in den vergangenen Jahren von unterschiedlicher Seite vermehrt nachgegangen. Dabei ging es nicht nur um Natur, sondern je nach Wissenschaftsgebiet fand beispielsweise auch Landschaft Eingang in die Untersuchung und Diskussion. Um das Thema in Studien leichter fassen zu können, wird meist vereinfachend von »Green environment« (grüne Umwelt/Umgebung) gesprochen. Für den Laien mag das egal sein, aber rein definitorisch besteht zwischen Natur und Landschaft ein großer Unterschied. Natur wird allgemein als etwas angesehen, das nicht vom Menschen geschaffen wurde. Ralf Roth und Mitarbeiter vom Institut für Natursport und Ökologie definieren Natur als »Gesamtheit der nicht vom Menschen geschaffenen belebten und unbelebten Erscheinungen«. Bei Landschaften kann dies ganz anders sein. Landschaft ist ein von Struktur (Landschaftsbild) und Funktion (Landschaftshaushalt) geprägter, als Einheit aufzufassender Ausschnitt der Erdoberfläche. Was der Mensch schafft und bearbeitet, ist unter Kultur zusammen zu fassen. Landschaften können deshalb im Zusammenspiel von Natur und menschlicher Kultur entstehen. In Bezug auf Landschaften kann man deshalb auch zwischen Kulturlandschaften und Naturlandschaften unterscheiden. Diese Unterscheidung für den Bereich Gesundheit zu treffen ist durchaus sinnvoll, denn die unterschiedlichen Landschaftsformen könnten ja unterschiedliche Wirkungen auf die Gesundheit haben. Personen sprechen durchaus sehr unterschiedlich auf die Landschaftsformen an. Nicht jedem Liebhaber des Meeres und der See muss man mit Bergen kommen, wie schön sie doch sind. Umgekehrt müssen Bergliebhaber nicht zwingend die Barfußläufer am Strand sein. Und dazu kommt noch, ob wir nun von unberührter Küste oder einer gestalteten Strandpromenade sprechen. Auch »Outdoor« ist nicht ganz leicht einzuordnen. Übersetzt heißt es »Draußen« oder »vor der Tür«, was außerhalb des Hauses und damit auch im Freien bedeutet. Outdoor(-aktivität) wird aber auch gerne als Freizeitaktivität in der Natur bezeichnet. Würde man streng nach der angeführten Definition von Natur gehen, wäre es die Freizeitbeschäftigung in einer Landschaft, die nicht vom Menschen gestaltet wurde, das heißt lediglich draußen beziehungsweise vor der Tür würde als Kriterium noch nicht gelten. Angelegte Parks, Gärten, aufgeforstete Wälder, Ackerlandschaften, künstliche Seen oder renaturierte Areale würden dann nicht dazu zählen. Doch diese strikte definitorische Trennung von Natur, Landschaft und Outdoor soll hier im Zusammenhang mit dem Bereich Gesundheit nicht immer vollzogen werden, da wir am Ende den Fokus auf die Bekämpfung der Krankheit Krebs legen möchten. Die Geographen, Landschaftsplaner und Ökologen mögen uns verzeihen. Es soll vor allem die Wirkung all der Bereiche, die man zusammenfassend als »Green environment« bezeichnen könnte, im Vordergrund stehen. Dabei wird, wie bereits beschrieben, eine Wirkung bei uns dadurch erzielt, dass wir zuerst einmal die Umwelt an sich oder auch bestimmte Sinneseindrücke und Botschaften aus der Umwelt wahrnehmen. Die einzelnen Reize werden, wie schon beschrieben, wieder über Rezeptoren aufgenommen und anschließend im Zentralen Nervensystem (ZNS) verarbeitet. (Grüne) Umwelt nimmt man also nicht nur visuell als Bild über das Auge wahr, sondern auch über Gerüche, Lichteffekte, Farbspiele sowie über Wärme, Kälte und Berührungen (Druck). Diese Reize zusammen machen den überdauernden Eindruck von Natur, Landschaft und Outdoor aus. Und gemeinsam haben sie auch Auswirkungen auf die »Gesundheit« oder eine Krankheit. Ein weiterer wichtiger Aspekt, mit dem wir uns beschäftigen wollen, ist das Verständnis von Gesundheit im Zusammenhang mit Outdoor(-aktivität). Wir gehen hier von der viel diskutierten und von manchen auch als utopisch bezeichneten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1948 aus:
»Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.« Damit ist Gesundheit ein Gut, das vor allem durch Wohlbefinden definiert wird – das stellt eine Abkehr von einer rein biomedizinischen Sicht dar. Für therapierte Krebserkrankte ist damit nicht nur die Abwesenheit des Krebses wichtig, sondern insbesondere ein vielfältiges Wohlbefinden, um sie als »gesund« zu bezeichnen. Geht man der Gesundheit von Personen auf der Basis dieser Definition wissenschaftlich nach, rückt die Komponente des persönlichen Empfindens der Person vermehrt in den Fokus, und nicht allein das Überstehen der Krankheit. Es geht dabei auch um die Ressourcen einer Person, gemeint sind nicht die monetären, auch wenn viele Menschen der Überzeugung sind, sie seien der Schlüssel zur Gesundheit. Selbst Johann Wolfgang von Goethe formulierte bereits: »Ein gesunder Mensch ohne Geld ist halb krank.« Hier geht es um die sozialen und persönlichen Ressourcen, und dazu zählen auch körperliche Fähigkeiten, im weitesten Sinn die körperliche Fitness. Dahinter steckt der sogenannte salutogenetische Ansatz. Salutogenese ist ein Konzept, bei dem es nicht um die Vermeidung von Krankheit geht, sondern um die Faktoren und Komponenten, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führen. Für Kuration und Prävention ergibt sich daraus ebenfalls eine neue Sichtweise, und genau dafür steht OaC. Für eine Stärkung der Ressourcen spielen deshalb nicht nur Mediziner eine Rolle, sondern noch weitere Akteure, die Gesundheit im Sinne der WHO-Definition in Richtung Wohlbefinden verändern können. Psychologen sind damit genauso angesprochen wie Physiotherapeuten, Krankengymnasten oder Masseure, aber auch Sport-und Gesundheitswissenschaftler, zertifizierte Fitness-Coaches, Gesprächstherapeuten oder einfach Personen, die Wohlbefinden initiieren oder gesundheitsfördernde Faktoren identifizieren. Damit könnten schlussendlich auch »Landschaftsgestalter« gemeint sein, wenn es denn um eine Landschaftsgestaltung geht, die gesundheitlich förderlich sein soll. Sogar aufgeschlossene und selbst anpackende Erkrankte fallen darunter. Schließlich betont die Definition, dass man selbst einen enormen Beitrag leisten kann, wenn man gesundheitsfördernde Faktoren bedient. In einem bestimmten Rahmen ist man für seine Gesundheit selbst verantwortlich, das gilt natürlich auch für Sie als Leser. Leider wird das nicht gerne gehört, besonders wenn man die Selbstverantwortung bereits in andere Hände gelegt hat. Wie weit der Rahmen geht, ist individuell verschieden und auch vom jeweiligen Erkrankungsbild abhängig. Fakt bleibt aber, dass man während und besonders nach einer Erkrankung für die anschließende Tertiärprävention, mit verantwortlich ist, um eine Wiedererkrankung zu verhindern. Man ist seiner eigenen Gesundheit Schmied.

Wie gesund sind Sie?
Können Sie beurteilen, wie gesund Sie sind oder wie es um Ihre Gesundheit bestellt ist? Nein, na dann mal schnell an den Arzneimittelschrank und das Gesundheitsmessband herausgeholt. Haben Sie nicht? Genau! Das Messen von Gesundheit oder auch Wohlbefinden ist nicht so einfach. Wohlbefinden kann nicht wirklich durch medizinische Messmethoden erfasst oder gar direkt beobachtet werden. Für Gesundheit im WHO-Sinne ist es notwendig, dass sich die Betroffenen selbst beurteilen. Dies ist umso bedeutender, weil vermeintlich »objektive Indikatoren« subjektives Wohlbefinden oftmals nicht vorhersagen können. Der messbare Parameter »Wohlstand« zeigt nicht unbedingt das subjektive Wohlbefinden an. Wie bereits erwähnt: Geld allein macht nicht glücklich. Umgekehrt jedoch ist Wohlbefinden auch mit Wohlstand assoziiert. Wieder einfach ausgedrückt: Geld allein macht nicht glücklich, aber es hilft. Für diejenigen, die es ganz genau nehmen, müsste es heißen: »Geld macht zwar nicht glücklich, aber zumindest weniger traurig.« Dies fanden kanadische Psychologen um Kostadin Kushlev von der University in British Columbia 2015 heraus. Mittlerweile werden in der Wissenschaft auch gern Teilaspekte von Gesundheit und Wohlbefinden untersucht, um daraus einen Rückschluss auf das große Ganze zu versuchen. Ein solcher Teilaspekt ist die Lebensqualität, insbesondere die gesundheitsbezogene Lebensqualität. In der Gesundheitspsychologie umfasst die gesundheitsbezogene Lebensqualität das körperliche, psychische und soziale Befinden und die sogenannte Funktionsfähigkeit. Seit den 1990er-Jahren taucht die gesundheitsbezogene Lebensqualität immer häufiger in wissenschaftlichen Untersuchungen auf. Dabei gilt es, neben medizinischen Parametern den subjektiven Gesundheitszustand einer Person zu messen. Die Zusammenhänge sind relativ leicht zu erkennen. Lebensqualität ist eine persönliche Empfindung, genau wie auch Wohlbefinden und Gesundheit nach WHO-Definition. Die einen beeinflussen die anderen – und umgekehrt. Um nun festzustellen, wie sich Landschaften, Natur und Outdoor auf den Menschen auswirken, wurden und werden in sehr unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen genau solche Parameter herangezogen. Gesundheitsbezogene Lebensqualität, Wohlbefinden und damit auch Gesundheit zu messen gibt Aufschluss darüber, wie sich die Umgebung auf den Menschen auswirken kann. Inwiefern ist Landschaft nun in der Lage, Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen? Schauen wir uns bildlich die Landschaft als Natur-, Kultur-, Wirtschafts-, Erholungs-, Lebensraum an. Damit sind positive als auch negative Assoziationen verbunden; sie werden durch die eigene kulturell bedingte Wahrnehmung der Landschaft und die gemachten Erfahrungen in den Räumen geprägt, gepaart mit den schon beschrieben biologischen Mechanismen. Allein die Vorstellung von Beton-oder Zementlandschaften wird bei den meisten negative Assoziationen und auch Reaktionen hervorrufen, die noch stärker werden, wenn wir diese Landschaften auch sehen. Beispielsweise hat Juyoung Lee 2017 in Korea Personen zwölf verschiedene Landschaftsbilder von Stadt und Garten kontinuierlich 90 Sekunden lang präsentiert. Allein das Anschauen der Bilder zeigt große Unterschiede in Bezug auf psychologische Spannungszustände, Müdigkeit, Verwirrtheit und Angstzustände, wobei die Gartenlandschaften deutlich besser abschnitten als die Stadtlandschaften. Und nicht nur das: Die Motivation, in solchen Beton-Arealen vor die Tür zu gehen und sich in solchen Räumen zu bewegen, ist gering. Dies gilt aber auch umgekehrt: Je mehr »Grüne Umwelt« vorhanden ist, desto eher geht man raus. Wissenschaftlich wird dies schon lange untersucht. Unter dem Begriff Erholungsraum werden sich viele unterschiedliche Bilder vor dem geistigen Auge finden, und natürlich gibt es dabei Präferenzen für bestimmte Landschaften. Nicht umsonst heißt es, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wenn man dies großzügig übersetzt, bedeutet es auch, dass Erholung, Wohlbefinden und Gesundheit bereits allein durch das Bild geprägt werden. Die ersten Untersuchungen, wie Szenerien oder Bilder auf den Menschen wirken, wurden schon in den frühen 1980er-Jahren gemacht. Dabei zeigte sich zum Beispiel, dass Stadtbilder als attraktiver empfunden werden, wenn darauf Vegetation und Natur vorhanden sind. Ein Bild mit natürlichen Elementen wie Wasser, Bäumen oder der Farbe Grün als Ausdruck für Pflanzen und Vegetation wird bereits vom Betrachter gegenüber einem Bild ohne Vegetation bevorzugt. Folglich gibt es Landschafts-und Umgebungspräferenzen, die deutlich Richtung Outdoor mit Vegetation tendieren. Warum ist dies so? Vielleicht gibt es ja wirklich diese evolutive Komponente, die in der Biophilia-und in der Savannen-Hypothese beschrieben wurde. Auch unter Vorbehalt der Diskussion darüber, inwieweit sie Einfluss nimmt. Wie bereits beschrieben sind es unsere kulturell geprägten positiven Erfahrungen und Assoziationen, die wir mit Natur und Draußen sein verbinden. Sie erzielen starke psychische Wirkungen. Die Psyche wird als Ort menschlichen Fühlens und Denkens verstanden, als Seele oder Geist beschrieben. Dies ist wissenschaftlich sehr kurz gegriffen. Klar sollte jedoch sein, dass es eine Verbindung zwischen psychologischen und physiologischen Prozessen im Körper gibt. Fühlen und Denken sind im Gehirn, einem Teil des Zentralen Nervensystems, sehr gut zu verorten. Viel schwieriger ist es, die zugrunde liegenden physiologischen Prozesse wissenschaftlich sichtbar zu machen und auch zu verstehen. Grundsätzlich sind Körper und Geist damit nicht vollkommen unabhängig voneinander. Sie beeinflussen sich gegenseitig, man spricht in der Medizin von der Psychosomatik. Genau genommen ist ihr Ansatz in der Krankheitslehre die Betrachtung, wie der Geist den Körper beeinflusst. Schaut man sich hingegen an, inwieweit sich eine Krankheit auf emotionale Zustände auswirkt, spricht man von der Somatopsychologie. Die Frage, inwiefern sie gemeinsame mechanistische Wege im Körper bestreiten, würde an dieser Stelle zu weit führen. Einer davon wird uns aber sicherlich noch begegnen, und zwar die hormonelle Achse im Körper. Hormone fungieren als Botenstoffe, übermitteln Informationen und greifen auf vielfältige Weise regulierend in den Körperhaushalt ein. Eine wichtige Rolle spielen beispielsweise die sogenannten Stresshormone. Für die Gesundheit an sich, aber auch im Zusammenhang mit der Krankheit Krebs und deren Auswirkungen wiederum auf den Geist sind später beide Sichtweisen wichtig. Auch den evolutiven Aspekt wollen wir nicht vergessen. Natürlich ist ein Wissenschaftler daran interessiert, den Wirkmechanismus aufzuklären und zu verstehen, aber für alle anderen, ob gesund oder erkrankt, ist in erster Linie eines wichtig: Sie sollten diese Mechanismen für sich selbst, für ihre Gesundheit und für ihr Wohlbefinden sowohl in der Prävention als auch in der Rehabilitation und Nachsorge von Krankheiten nutzen, selbst wenn man sie noch nicht in vollem Umfang versteht. Wie auch, sie sind ja noch nicht grundlegend aufgeklärt und folglich Gegenstand der Forschung.

Die Wirkung von Landschaft auf die Gesundheit

Wenn es im Rahmen von wissenschaftlichen Studien um die Wirkung von Landschaft auf die Gesundheit geht, dann ist in den letzten Jahren besonders der Wald in den Fokus des Interesses gerückt. Als Vorreiter sind hier die Japaner zu nennen, denn sie haben schon länger die Wirkung des Waldes auf unsere Gesundheit erkannt und daraus sogar eine in Japan anerkannte Therapie gestaltet: Shinrin-Yoku. Übersetzt bedeutet das so viel wie Waldbaden. Dafür wurden in Japan sogar verschiedene Flächen speziell als Shinrin-Yoku-Gebiete ausgewiesen, ähnlich unseren Naturschutzgebieten. Nur dass dort nicht die Natur als Schutzgebiet im Fokus steht, sondern der Wald selbst als »Beschützer« des Menschen, der hier seine Ressourcen stärken kann. Dies hört sich zwar ziemlich esoterisch an, trotzdem sind die Forscher in Japan mit ihren Studien davon weit entfernt. In seinen Untersuchungen hat der Forscher Qing Li schon 2008 mit wissenschaftlich anerkannten Messmethoden gearbeitet. Dabei hat er mit seiner Arbeitsgruppe Hormone sowie die Menge und Aktivität von speziellen weißen Blutzellen bestimmt, also von Zellen des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem). Sowohl dem gemessenen Hormon Adrenalin als auch den untersuchten Abwehrzellen – darunter natürliche KillerKillerzellen – wird im Kampf gegen das Krebsgeschehen eine bedeutende Wirkung zugerechnet. Am Ende stellte sich Prof. Qing Li auch die Frage, welche Mechanismen hinter der Aktivierung von Zellen und der Reduzierung von Stresshormonen stehen. Er nannte sogenannte Phytonzide der Hinoki-Scheinzypresse (Chamaecyparis obtusa) als mögliche stimulierende Substanzen. Sie zählen zu den ätherischen Ölen. Allerdings wiesen die gesamten Studien einen großen Schwachpunkt auf: Es gab nur eine geringe Zahl von Probanden.
Die Atmosphäre von Wäldern enthält aber noch mehr wirksame Stoffe, insbesondere Terpene als größte Gruppe von natürlichen Aerosolen in der Luft. Auch die Terpene gehören zu den Phytonziden. Es handelt sich um flüchtige organische Substanzen, die seit dem Altertum aus zahlreichen Pflanzen, wie zum Beispiel Eukalyptus, Pfefferminze, Lemongras, Zitronenbaum oder Thymian, gewonnen werden. Einige Terpene gehören zur Gruppe der Alkohole, wie beispielsweise Menthol, andere sind Aldehyde. Eine gesundheitliche Bedeutung der Terpene liegt daher bestimmt nah. In einer neuen systematischen Übersichtsarbeit aus Korea von 2017, einem Review-Artikel, wird nochmals auf das Potenzial der in der Luft gelösten Pflanzenstoffe hingewiesen. Es ist bestimmt noch fragwürdig, inwiefern die in der Luft zirkulierenden Terpene auf den Menschen wirken, wie sie in den Körper gelangen können, um dort eine positive Reaktion des menschlichen Immunsystems auszulösen. In verschiedenen Tierversuchen hat sich diese Wirkung aber durchaus schon bestätigt. Und nicht nur das: Es werden außerdem antiinflammatorische Wirkungen (Entzündungshemmung) wie auch antitumorale Effekte beschrieben. Aber nicht nur Pflanzenstoffe können auf die Abwehrkraft wirken. Graham Rook hat sich in dem wissenschaftlich hoch angesehenen Fachjournal »Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)« 2013 Gedanken zu den gesundheitlichen Effekten von natürlicher Umgebung auf das menschliche Abwehrsystem gemacht. Er nähert sich den Effekten über die Regelung des Immunsystems durch Biodiversität aus der natürlichen Umwelt. Unter Biodiversität versteht man die biologische Vielfalt der Arten, dazu gehören auch die Mikroorganismen. Aus evolutiver Sicht eine für die Gesundheit essenzielle Leistung, denn der Mensch hat sich evolutiv auf die Bekämpfung von biologisch vielfältigen Mikroorganismen eingestellt, was dann auch entsprechend in die Erbsubstanz eingebunden worden ist. Nach der Hygiene-Hypothese und einem »Alter-Freund«-Mechanismus brauchen wir aber den Kontakt zu den Mikroorganismen, damit sich das Abwehrsystem darauf einstellen und lernen kann. Wenn dieses Lernen ausbleiben sollte, kann das System nicht mehr adäquat zwischen »guten« und »bösen« Mikroorganismen unterscheiden. Selbst wenn es stimuliert ist, wird das Falsche erkannt. Theoretisch müssten die immunregulatorischen Systeme auch Entzündungsreaktionen vollständig abschalten, wenn sie nicht benötigt werden. Doch gerade in den Industrienationen tun sie das nicht. Im Gegenteil: Die anhaltend erhöhten Spiegel an Entzündungsmediatoren führen zu einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs. Im Gegensatz zu den Pflanzenstoffen in der Luft, die das Abwehrsystem positiv stimulieren und regulieren, führt das Nichtvorhandensein mikrobiologischer Artenvielfalt nach Rooks zu einer Deregulation des Abwehrsystems. Würde die Bekanntschaft mit den »Alten-Freunden« aus der Natur gemacht werden, könnte das unterforderte System wieder zur Normalität kommen. Ein Grund mehr, in die Natur zu gehen und dort auch nah am Erdboden aktiv zu sein. Die Studien würden die Waldbaden-Theorien über eine Risikominimierung auch von Krebsleiden durchaus erklären. Professor Qing Li hat in einer weiteren Studie – allerdings mit von ihm selbst zugegebenen sehr starken wissenschaftlichen Einschränkungen – zeigen können, dass ein entsprechender Waldbestand bzw. die Ausstattung von einzelnen Regionen in Japan mit Wald mit einer geringeren Inzidenz für verschiedene Krebsarten einhergehen. Ob die koreanische Arbeitsgruppe wirklich in allen Bereichen exakt gearbeitet hat, ist fragwürdig. In der Einleitung der publizierten Studie wird die nach Sebastian Kneipp beschriebene Kur zu einem großen Gesundheitsprogramm in Deutschland erhoben. Dies ist aus unserer Perspektive vor Ort sicherlich nicht der Fall. Waldbaden wurde aber auch auf andere Effekte hin untersucht. Vor zwei Jahren fasste Yuki Ideno von der Universität Gumna in Japan Studien über Veränderungen des Blutdrucks durch Shinrin-Yoku in einer Meta-Analyse zusammen. Hier zeigte sich ebenfalls, dass sich durch den Aufenthalt im Wald besonders der systolische Blutdruck vermindert, insbesondere bei älteren Personen und Personen mit bestehendem Bluthochdruck. Allerdings wies auch diese Studie Einschränkungen auf. Trotzdem sollte man diese Ansätze nicht als gänzlich abwegig abtun. Wichtig ist vor allem, dass man Waldbaden nicht mit Bäume-Umarmen verwechselt. Es ist nichts anderes als eine Form einer Outdoor-Aktivität, wobei die Aktivität eher darin gesehen werden sollte, dass man sich in den Wald begeben hat. Wie auch immer, durch solche Studien und Gedankengänge wird eines klar: Die positive Wirkung von Natur, Landschaft oder dem Landschaftselement Wald wird nicht nur durch einen einzigen Aspekt vermittelt. Wir mögen die Natur und lieben es, draußen zu sein, weil dabei Sinnesreize angeregt werden, gegebenenfalls begünstigt durch evolutive Prägungen; außerdem werden positive (kulturell anerzogene) Gedanken angeregt, was zu einer Entspannung und damit auch zum Stressabbau führt. Es gibt aber noch weitere wichtige Effekte, die Natur und Landschaft auf den Menschen ausüben: In ihnen spielen sich alle Arten von Outdoor-Aktivität ab – und davon gibt es mittlerweile sehr viel –, wobei die körperliche Aktivität an sich schon viele wünschenswerte Wirkungen zeigt. Auch da stellt sich wieder die Frage, warum eigentlich und mit welcher Motivation wir gerade in Natur und Landschaft aktiv sein sollten. Regt die Natur an sich dazu an, aktiv zu sein, oder werden wir aktiv aufgrund der schon beschriebenen Prozesse? Wir drehen uns etwas im Kreis bei der Beantwortung der Frage, woher welche Effekte kommen und wie sie zusammenspielen. Es ist das Henne-Ei-Prinzip, die Frage danach, was zuerst da war. Auch wenn es mühselig ist, alles zu beschreiben: Am Ende ist wichtig festzustellen, dass Natur, Landschaft, Landschaftsgestaltung und Outdoor uns dabei helfen, Gesundheit zu initiieren. Und dabei geht es auch darum, einen (gefühlten) Krankheitszustand auf einer individuell definierten Skala hin zu einem gesünderen Zustand zu verschieben.

Thaller Schulz

Petra Thaller & Thorsten Schulz

Petra Thaller ist Journalistin und war u. a. Chefredakteurin des Bergsportmagazins AllMountain und ist Herausgeberin des Online-Magazins Mountains4U. Anfang 2015 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Noch während der Chemotherapie gründete sie die Initiative Outdoor against Cancer (OaC), um Krebskranken einen Zugang zu Bewegungs- und Sportangeboten im Freien zu ermöglichen. Dr. Thorsten Schulz ist Sportbiologe und forscht seit über 20 Jahren zu den Zusammenhängen von Krebserkrankungen und Sport. Zunächst war er an der Sporthochschule in Köln tätig, heute arbeitet er an der Technischen Universität München (TUM). Er zeichnet u. a. für die OaC-Trainerfortbildung im Rahmen von TUM Sport and Health for Life verantwortlich.

Die Initiative "Outdoor against cancer"

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