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SPECIAL zu Paolo Giordano »Die Einsamkeit der Primzahlen«

Verschlungene Wege

Buchempfehlung von Sabine Schmitt

Manchmal kann ein einziger Moment entscheidend für das ganze Leben sein. Alice und Mattia treffen beide unabhängig von einander eine schicksalhafte Entscheidung, als sie noch Kinder sind: Alice, als sie sich an einem neblig-trüben Wintermorgen von ihrer Skigruppe entfernt und Mattia, als er auf dem Weg zu einer Geburtstagsparty seine Zwillingsschwester alleine auf einer Parkbank zurücklässt.

Mattia
Es ist der erste Geburtstag, zu dem ihn ein Kind aus seiner Grundschulklasse eingeladen hat. Die geistige Behinderung seiner Schwester Michaela hält andere Kinder sonst eher auf Abstand. Nur dieses eine Mal möchte Mattia die Bürde der Fürsorge für Michaela, die ihm die meiste Zeit wie ein Klotz am Bein hängt, abstreifen und so unbeschwert sein wie alle anderen. Als er jedoch nach Einbruch der Dunkelheit in den Park zurückeilt, ist seine Schwester fort. Erschöpft vom vergeblichen Suchen, bleibt er schließlich am Ufer des Flusses sitzen. In dessen Fluten muss sie wohl ertrunken sein. In seiner Seelennot bohrt Mattia sich die Glasscherbe, in die er versehentlich gefasst hat, immer tiefer in seine Handfläche. Der Zwang, sich selbst zu schneiden, wird ihn fortan immer beherrschen. Michaela indes bleibt verschwunden.

Alice
Alice hat von ihrem Skiunfall ein steifes Bein zurückbehalten. Mittlerweile ist sie zu einem stillen und ernsthaften Teenager herangewachsen. Ihren Körper findet sie zu plump, weshalb sie es sich fast abgewöhnt hat zu essen. Sie fühlt sich einsam, jedoch gelingt es ihr nicht, die Mauer um sich herum aus eigener Kraft einzureißen. Da wird sie eines Tages von dem angesagtesten Mädchen in ihrer Klasse, der frühreifen Viola, zur Freundin auserkoren. Alice kann ihr Glück kaum fassen. Endlich, so scheint es, hat ihre Isolation ein Ende. Als Zeichen der Verbundenheit lässt sie sich heimlich ein Stiefmütterchen um den Bauchnabel tätowieren. Doch noch bevor die Stelle ganz verheilt ist, lässt die von Natur aus launische und boshafte Viola die neue Freundin fallen. Alice ist wieder allein.

Vom Schneiden
Auf der Schultoilette überrascht Alice, den stillen Jungen mit den vernarbten Händen, der neu an ihrer Schule ist, mit der Bitte, das überflüssig gewordene Freundschaftsmal aus ihrer Haut zu schneiden. Die Schnitte an seinen Händen scheinen ihn als Experte auf diesem Gebiet auszuweisen. Auch vertraut Alice ihm.
„Mattia blickte von der Spiegelscherbe in seiner Hand auf Alices rechte Hand, die auf die Tätowierung auf ihren Unterleib zeigte. Sie kam seinem Protest zuvor. ‚Ich weiß, dass du das kannst', sagte sie. ‚Ich will dieses Scheiß-Tattoo nie mehr sehen. Bitte tu es für mich.' Mattia drehte die Klinge in seiner Hand hin und her, während ein Schauer seinen Arm durchlief.“
Mattia setzt an, doch schon beim ersten Blutstropfen verlassen ihn die Nerven und er muss passen. Das Tattoo wird im Laufe der Zeit von selbst verblassen. Alice und Mattia aber werden Freunde.

Primzahlenzwillinge
Fast scheint es so, als seien Alice und Mattia für einander bestimmt. Beide haben als Kinder traumatische Situationen durchlitten, beide haben Wunden davongetragen, die nur langsam heilen, beiden fällt der Kontakt zu anderen Menschen eher schwer. Mattia meidet andere bewusst und ist stattdessen lieber allein, Alice leidet unter dem Gefühl, von anderen gemieden zu werden.
Obwohl es sie zueinander hinzieht, finden sie nicht so recht zusammen. Immer dann, wenn sich etwas Verbindliches in ihre Gespräche einzuschleichen droht, das Thema Beziehung im Raum steht, verliert einer von ihnen die Nerven oder es passiert etwas Unvorhergesehnes, das die gerade entstandene Nähe wieder zerstört. Niemals scheint es den passenden Moment zu geben.
Manchmal denkt Mattia, den Zahlen von Kindesbeinen an faszinieren, dass Alice und er wie bestimmte Primzahlenpaare seien. Diese trennt nur eine gerade Zahl voneinander, dennoch sind sie „allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.“

Nähe
Als Mattia gegenüber Alice eines Tages mit der Geschichte seines Kindheitstraumas herausplatzt, scheint sich der Graben zwischen ihnen zu schließen. Einem Impuls folgend, erzählt er ihr von dem Geburtstagsfest von vor vielen Jahren, von dem Fluss, den Glasscherben, dem Zimmer im Krankenhaus, von der Suchmeldung im Fernsehen, von dem Psychologen, erzählt alles, so wie er es noch nie jemandem gegenüber getan hat. Dann schweigt er und tastet unter dem Sitz von Alices Auto vergeblich nach einer scharfen Kante und fühlt sich plötzlich weit entfernt, wie außerhalb seines Körpers. Alice reagiert unmittelbar.
„Alice streichelte ihm übers Kinn und drehte seinen Kopf sanft in ihre Richtung. Es war nur ein Schatten, den Mattia sich zu ihm vorbeugen sah. Instinktiv schloss er die Augen, und dann spürte er Alices warmen Mund auf dem seinen, spürte auf ihren Wangen die Tränen, die vielleicht auch die seinen waren, und schließlich ihre so leichten Hände, die seinen Kopf festhielten und seine Gedanken packten und sie einsperrten in diesem Raum zwischen ihnen, der nun aufgehoben war.“

Auseinanderdriften
Doch schon kurze Zeit nach diesem Moment inniger Verbundenheit, driften beide wieder auseinander. Alice lernt während ihrer vielen Besuche bei der todkranken Mutter im Krankenhaus den gutaussehenden und selbstbewussten Arzt Fabio kennen. Mattia, der mittlerweile sein Mathematik-Diplom in der Tasche hat, bekommt von einer ausländischen Universität ein Forschungsstipendium angeboten. Beide müssen sich nun entscheiden.

Fern aller Klischees
Selten ist es einem Autor so gut gelungen, derart tief in die Seelen seiner Hauptpersonen zu blicken und deren Zustände – Kummer, Hoffnungen oder subtile Ängste – so treffend und sprachlich gewandt auszuloten, dass sich während des Lesens ab und zu eine Gänsehaut einstellt. Besonders bemerkenswert ist, dass sich Paolo Giordanos Roman dabei jenseits aller gängigen Klischees bewegt. Angesichts dieser zarten und ungewöhnlichen Liebesgeschichte verwundert es nicht, dass der erst 26 Jahre junge Autor für sein großartiges Debut von den Medien begeistert gefeiert wurde und bereits mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet worden ist. Ein fesselndes Buch, das im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.

Sabine Schmitt
Mainz, August 2009