Walkaway

Roman

Paperback
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Die nahe Zukunft: Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, die moderne Gesellschaft wird von den Ultra-Reichen regiert und die Städte haben sich in Gefängnisse für den normalen Bürger verwandelt. Doch es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und Obdach per Knopfdruck produzieren lassen. Warum also in einem System ausharren, das die Freiheit des Menschen beschränkt? Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. Dort suchen sie Unabhängigkeit, Glück und Selbstbestimmung. Was sie aber stattdessen dort finden, stellt ihre ganze Welt auf den Kopf: den Weg zur Unsterblichkeit ...

»Sein Blick in die Zukunft ist keine spröde Theorie, sondern packende (und von Edward Snowden gelobte) Sci-Fi mit Witz.«

GQ (07. Juni 2018)

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Originaltitel: Walkaway
Originalverlag: Tor Books
Paperback, Klappenbroschur, 736 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-31793-2
Erschienen am  11. Juni 2018
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Eine bessere Welt

Von: Constanze Matthes

19.11.2018

Utopien werden oft auf ihre spätere Gültigkeit abgeklopft. Was ist von den formulierten Zukunftsideen und -bildern wirklich eingetreten, was wurde vom Menschen technisch realisiert oder ist ohne sein Zutun entstanden. Das macht sie so spannend. Meist warnen sie, meist erzählen sie uns, wie wir auf Katastrophen reagieren. Für das Schreiben und Lesen von Utopien braucht es viel Fantasie, aber vor allem auch ein Verständnis für aktuelle Entwicklungen. Der kanadische Schriftsteller, Blogger und Journalist Cory Doctorow beschreibt in seinem Roman „Walkaway“ eine düstere Vision, allerdings nicht ohne uns Hoffnung auf eine bessere Welt zu geben. Die kommt daher mit einer Gegenbewegung, die der Welt, wie sie ist, eine gründliche Absage erteilt. Die sogenannten Walkaways gehen ihren eigenen Weg – fernab einer Gesellschaft, die vom tiefen Spalt zwischen Arm und Reich, Macht und Ausbeutung, Digitalisierung und Überwachung, Klimawandel und Umweltzerstörung gezeichnet ist und von den Superreichen regiert wird. Auch Seth, Hubert Etcetera, der im Übrigen noch 18 weitere Namen trägt, und Natalie lernen sich auf einer Party in einer der vielen leerstehenden Fabriken kennen. Natalie ist die Tochter eines Superreichen. Als während der Party einer ihrer Freunde stirbt, muss das Trio Hals über Kopf fliehen. Gemeinsam hegen sie den Plan, ein anderes Leben zu führen. Aus einer fixen Idee, sich den Walkaways anzuschließen, entstanden aus Frust und Unzufriedenheit, wird purer Ernst. Sie kehren dem Default, ihrer bekannten Welt, den Rücken und treffen in dem abgelegenen Gasthof „Belt & Braces“ auf Limpopo, einer Frau, die für die Jugendlichen zu einer Mentorin in Sachen Walkaway wird. Denn sie müssen von Gewohnheiten Abschied nehmen und sich mit den Grundsätzen der Bewegung vertraut machen. Es gibt keinen Privatbesitz. Alles was man braucht, wird mittels 3D-Drucker hergestellt. Es gibt kein Belohnungssystem, mit dem man gesellschaftlich wie wirtschaftlich aufsteigt, befördert wird oder einen Rang erhält. Jeder ist gleich in dieser Gemeinschaft, in dieser großen Familie, jeder hat seine Aufgabe. Alle Informationen sind frei zugänglich. Je umfassender die Bewegung wird, sich auf dem Globus weiter ausbreitet und mehr und mehr Anhänger zählt, desto zerstörender sind die Angriffe des Defaults mit Hilfe von Drohnen und Söldnern, die nicht vor fürchtlicher Gewalt und Mord zurückschrecken und die neu geschaffenen Siedlungen in verlassenen Landstrichen und Städten nahezu dem Erdboden gleichmachen. Zugegeben: Es braucht seine Zeit, bis der Leser mit den Protagonisten „warm“ geworden ist und sich in dieser sehr technisierten Welt zurecht gefunden hat. Doctorow, der mit seinem Roman „Little Brother“ bekannt wurde, verwendet eine Reihe Fachbegriffe, die in einem Register am Ende des Bandes erklärt werden. Hat man diesen Punkt erreicht, fasziniert die Story, in einer lebendigen und frischen Sprache erzählt, dank ihrer vielen klugen Ideen und ihrer Spannung ungemein. Gerade als Natalie, die wie so viele Walkaways ihren alten Namen abgelegt hat und sich nunmehr Iceweasel nennt, von ihrem Vater aus der Walkaway-Siedlung bei einem verheerenden Angriff gekidnappt wird und Doctorow damit die Handlung auf mehrere Orte verlagert, entfaltet der bekannte Pageturner-Effekt seine Wirkung, obwohl es innerhalb des Geschehens mehrere, allerdings recht holpriger Zeitsprünge gibt und mir oftmals die bildhaften Beschreibungen von Figuren und Schauplätzen gefehlt haben. Dabei zeichnet sich der Roman – eine ganz eigene Mischung aus Utopie und dystopischen Elementen – durch eine interessante Tiefgründigkeit aus. Wirft das Buch doch neben dem Gedanken zur Rolle des Einzelnen in der Gemeinschaft und die Nützlichkeit jedes Individuums die Frage auf, was nötig wäre, die Welt vom Unheil der Umweltzerstörung und damit auch von der Menschheit per se zu retten. Die Lösung, zu der Doctorow immer wieder zurückkehrt, ist ein Leben ohne Körper, eine Art Unsterblichkeit, um die sich die bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschungen der Walkaways drehen. Wie das geschieht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur vielleicht soviel: Es geht um die Trennung von Körper und Bewusstsein. Die Figuren werden schließlich plastischer und für den Leser zugänglicher, wenn ihre Beziehungen und Emotionen dargestellt werden: die enge Freundschaft zwischen Etcetera, Seth und Iceweasel über einen langen Zeitraum, die intensive Liebe zwischen Iceweasel und der älteren Wissenschaftlerin Gretyl. Auch das Tochter-Vater-Verhältnis zwischen Natalie/Iceweasel und Jacob wird mehrmals reflektiert. Dass sich Doctorow, Jahrgang 1971 und weder verwandt und verschwägert mit dem bekannten amerikanischen Autor E.L. Doctorow, eine Welt als Gegenentwurf zum Kapitalismus erschafft, wundert nicht, wenn man einen Blick in dessen Biografie wirft: Seine Eltern waren Anhänger der Lehre Leo Trotzkis. Zudem besuchte er die als anarchistisch geltende SEED School, eine „freie Schule“ in Toronto. Der Kanadier, der mittlerweile mit seiner Familie in Los Angeles lebt, setzt sich ein für eine Liberalisierung des Urheberrechts und Datenschutz. Die Hoffnung von „Walkaway“ gründet sich in der Idee, dass eine bessere Welt durchaus entstehen kann und dass es Menschen gibt, die sich für sie einsetzen. Allerdings benötigt es dafür eine große Gemeinschaft, die dieses gemeinsame Ziel verfolgt. Aber womöglich muss dafür die Zeit reif und aber die Entwicklung der Bewegung wiederum nicht zu spät sein, heißt es doch in einer Passage: „Nichts ist so schwer zu eliminieren wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

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Cory Doctorow - Walkaway

Von: Esthers Bücher

20.10.2018

Der neue Roman von Cory Doctorow bringt uns in eine nicht allzu ferne Zukunft. Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, manche Teile sind unbewohnbar, viele Flächen stehen unbewohnt und unbenutzt da. In den Städten, im „Default“ ist das Leben nicht einfach, außer man ist Mitglied der superreichen Minderheit, die alle Macht in der Hand hält. Alle anderen können nur schuften und darauf hoffen, dass die Arbeit ihnen oder ihren Kindern irgendwann mal eine bessere Zukunft ermöglicht. Aber meistens führen sie ein Leben ohne große Aussichten. Eine Möglichkeit für ein anderes Leben bietet der Walkaway. Im Walkaway zu sein oder eine Walkaway zu sein heißt vereinfacht nur so viel, wie das Wort schon sagt: weggehen. Alles (Job, Wohnung, Freunde, Familie…) hinter sich lassen, und ein Leben außerhalb der Städte zu führen mit anderen Walkaways. Dank neuster 3D Drucktechnologie lässt sich nämlich alles nach einer Programmierung einfach herstellen, von den herkömmlichsten Alltagsgegenständen bis zu großen Häusern, die vielen Walkaways ein Heim bieten können. Denn es gibt in dieser Welt alles im Überfluss. Im Default sorgen die Reichen, die „Zottas“ dafür, dass das Leben zu einem harten Kampf wird. Aber es wäre eigentlich gar nicht nötig, wenn jeder einfach seinen Beitrag leisten würde und so viel nehmen würde, wie er braucht. Im Walkaway funktioniert das Geben und Nehmen auf eine ganz natürliche Art und Weise. Manche leisten mehr, andere weniger, aber Leistungen werden im Walkaway nicht gemessen. Es gibt keinen Druck, keine Zwänge. Es wäre die ideale Welt, würden die Zottas den Walkaway nicht als Bedrohung ihrer eigenen Existenz sehen. Und als im Walkaway dann auch noch eine bahnbrechende Entdeckung gemacht wird, sieht der Default die Zeit gekommen, die Walkaways endgültig aus dem Weg zu räumen. Wir begleiten in diesem Buch mehrere Walkaways über viele Jahre hinweg, und erleben mit ihnen Freude, Glück, Leid und Tod. Denn obwohl der Walkaway mit seinen Hippie-Nerds eine Utopie verwirklicht, kehrt hier der Frieden selten für eine längere Zeit ein. Der Default kämpft gegen sie, und die Walkaways sehen sich immer wieder gezwungen, aufzustehen und wegzugehen. Eine sehr interessante Grundidee bietet die Basis des Romans, es hapert jedoch an der Ausführung. Die ersten ca. 200 Seiten waren eine Qual, es lässt sich nicht beschönigen. Die Figuren verwickeln sich immer wieder in lange philosophische Streitgespräche, die sich unrealistisch anfühlen. Hier fühlt sich irgendwie jeder dazu angehalten, in einer alltäglichen Situation einen Vortrag zu halten. Später wird es dann besser, teilweise ist die Geschichte ausgesprochen spannend, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass gerade die Teile, die wirklich interessant wären (wie ist das Leben längerfristig im Walkaway? kann diese Welt aufrechterhalten werden? woher kommt das viele Material für die 3D Drucker?) ausgespart werden oder nach einem Zeitsprung zusammenfassend erzählt werden. Die Zeitsprünge und die Perspektivenwechsel erschweren auch die Entstehung einer Beziehung zu den Figuren. Da hilft es auch nicht, ganz im Gegenteil, dass im Walkaway alle einen neuen Namen aufnehmen, der ihre neue Identität repräsentieren soll, aber für mich zumindest sehr willkürlich gewirkt hat. Mit seinen über 700 Seiten eine zum Teil anstrengende, zum Teil viel zu technische Lektüre. Die Idee hätte eine bessere Ausführung verdient, trotzdem bin ich froh, das Buch gelesen zu haben, weil es mir einige Denkanstöße gegeben hat. Ob der Walkaway tatsächlich funktionieren könnte? Er hat einige Parallelen zum Kommunismus, der nicht verwirklicht werden konnte. In einer Welt, in der tatsächlich alles im Überfluss ist (obwohl ich keine Ahnung habe, wie das möglich sein sollte), könnte der Walkaway eventuell funktionieren. Es stehen aber so viele Fragen dafür in der Luft, von denen Doctorow nur wenige beantworten konnte, dass ich keine reale Grundlage dafür sehe. Dass der Default entstehen kann, das steht auf der anderen Seite wohl gar nicht zur Debatte. Umso wichtiger ist es, sich Gedanken darüber zu machen, wie man ihm entkommen kann. Es ist eine bedingte Leseempfehlung, aber wer sich darüber Gedanken macht, in welche Richtung sich unsere Welt entwickelt und sich vor philosophischen Debatten nicht zurückschrecken lässt, der wird eventuell sogar seine Freude mit diesem Buch haben.

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Vita

Cory Doctorow, 1971 in Toronto geboren, ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit dem Blog boingboing.net und seinem Kampf für ein faires Copyright hat er weltweite Bekanntheit erlangt. Sein erster Jugendroman Little Brother wurde ein internationaler Bestseller. Cory Doctorow ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Los Angeles.

Zur AUTORENSEITE

Zitate

»Mit seinem Science-Fiction-Roman „Walkaway“ ist es Cory Doctorow gelungen, eine spannende Story zu erzählen – die zudem lehrreich ist.«

Deutschlandfunk, Kultur (26. Juni 2018)

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