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SPECIAL zu Patrick Dunne »Die Pestglocke«

„Es ist schlimmer ... viel schlimmer“

Rezension von Andrea Baumann

Die Ausgrabungen auf einem mittelalterlichen Friedhof in der Nähe des irischen Städtchens Castleboyne, der vor allem Opfer der Pest beherbergt, sind beinahe abgeschlossen, als die Mitarbeiter von Ausgrabungsleiterin Illaun Bowe eine aufregende Entdeckung machen: Unweit der Kapelle befinden sich zwei Bleisärge – eine unübliche Art der Bestattung neben den sonst in Massengräbern beigesetzten Opfern des „schwarzen Todes“. Beim Bergen des Fundes ereignet sich jedoch ein Unfall. Einer der Bleisärge ist defekt, und über Terry Johnston, einen von Illauns Mitarbeitern, ergießt sich eine schwarze „Leichensuppe“.

Eine Leiche im Garten
Etwa zur gleichen Zeit wird auf dem Grundstück von Illauns Verlobtem Finian Shaw die verstümmelte Leiche einer jungen schwarzen Frau entdeckt. Finian hat auf seinem großzügigen Besitz ein gartenbauliches Gesamtkunstwerk geschaffen, das die gesamte Saison hindurch ein Magnet für Gartenfachleute und Touristen ist. Die grausam zugerichtete junge Frau ist nicht zu identifizieren, und es wird vermutet, dass sie Opfer eines Ritualmordes geworden sein könnte.

Es ist schlimmer
Während sich Finian und Illaun am Abend dieses dramatischen Tages auf der Terrasse bei einem Glas Wein entspannen wollen, kommt Terry, der von der Flüssigkeit kontaminiert wurde, in den Garten gewankt. Sie rufen sofort einen Krankenwagen. Bevor Terry abtransportiert wird, hat er noch Gelegenheit, Illaun etwas mitzuteilen: „‚Es ist nicht das, was sie glauben?, krächzte er mit schwerer Stimme. Ein Ausdruck von Angst lag in seinen Augen. Ich ging so nahe heran, wie ich mich traute. Seine Stimme verebbte zu einem kaum wahrnehmbaren Flüstern. ‚Es ist schlimmer ... viel schlimmer. ?“

Die Rückkehr der Pest?
Illauns Gedanken kreisen fieberhaft immer um dieselbe Frage: Ist die Pest zurückgekehrt? Oder ist es, wie Terry sagt: noch viel schlimmer? Und was hat es mit dem Inhalt des zweiten Bleisarges auf sich? In diesem haben die Archäologin und ihr Team einen seltsamen Fund gemacht: eine „Maria lactans“, eine vollständig erhaltene, lebensgroße und in leuchtenden Farben bemalte Holzskulptur der Jungfrau Maria, die das Jesuskind säugt.

Noch mehr Opfer
Terrys Zustand verschlechtert sich im Krankenhaus unaufhaltsam, bis er schließlich verstirbt. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel, denn keiner ihrer Tests deutet auf einen der bekannten Erreger. Während zur Aufklärung des Mordes an der jungen Schwarzen der südafrikanische Polizeipathologe Peter Groot anreist, spitzen sich die Ereignisse in dem anderen „Fall“ weiter zu: Ein kleiner Junge wird mit den gleichen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert, die Terry zeigte.

Lodernde Gefühle
Das Städtchen Castleboyne wird unter Quarantäne gestellt: Niemand darf hinein oder hinaus. In dieser Isolation kochen die Gefühle hoch: Illaun erhält Morddrohungen, weil sie angeblich schuld ist am Ausbruch der unheimlichen Krankheit. Und die Archäologin entdeckt, dass in ihr selbst Gefühle schlummern, von denen sie bisher nichts geahnt hatte: „Es hatte eigentlich nur eine Umarmung zum Abschied werden sollen. Aber die knisternde Elektrizität zwischen uns war praktisch mit den Händen zu greifen. Groot hielt die Tür mit dem Fuß auf. ,Zum ersten und zum letzten Mal?, sagte er. Dann küsste er mich mitten auf den Mund.“

Hartgesottene Heldin
Der irische Autor Patrick Dunne bietet dem Leser in seinem vierten Roman eine ganze Menge: Neben derbem Grauen und zarter Romantik, kunstgeschichtlichen Exkursen und klinischen Berichten ist sein Buch vor allem die Entwicklungsgeschichte seiner Heldin Illaun. Diese ist keineswegs frei von Widersprüchen. So hat Illaun beispielsweise vom qualvollen Tod des zweiten Seuchenopfers, des kleinen Jungen, erfahren und ist gerade von dessen Eltern bedroht worden – als sie sich schon wieder hingebungsvoll ihrer Garderobe widmet: „Ich wählte schließlich ein Chiffonkleid mit einem aquamarinblauen Blumenmuster aus und dazu Sandalen mit Korkabsätzen. Ich steckte das Haar mit Silberkämmen hoch und legte Ohrringe aus Lapislazuli und eine passende Perlenhalskette an.“ Verdrängung als Umgang mit dem Grauen? Oder einfach Gefühlskälte?

Pralle Handlung
In jedem Fall gilt: Auch als Leser dieses Buches sollte man nicht allzu zart besaitet sein. Nicht zuletzt die forensischen Details des Romans verlangen einem einiges ab. Insgesamt bietet der Autor auf fast 400 Seiten eine überaus pralle Handlung, die zu fesseln versteht – bis zur letzten Seite, auf der schließlich alle Stränge zusammenlaufen ...

Andrea Baumann
Berlin, Februar 2008

Die Pestglocke Blick ins Buch

Patrick Dunne

Die Pestglocke

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