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SPECIAL zu Patrick Ness »Mehr als das«

"Wir müssen uns selbst Geschichten erzählen, um mit
unseren Ängsten und Sorgen umgehen zu können."


Interview mit Patrick Ness


Lieber Patrick Ness, Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich als Kind immer selbst Geschichten erzählt haben, aber zu schüchtern waren, sie mit jemandem zu teilen. Wie hat sich das verändert?
Man kann jemandem eine Geschichte geben, aber nicht dabei sein, wenn er sie liest - ein guter Weg, um Schüchternheit zu überwinden. Aber auch Selbstvertrauen spielt eine wichtige Rolle. Wenn man ein paar Mal positives Feedback erhalten hat, wird es leichter. Aber für mich ist das Schreiben selbst immer noch eine sehr private Angelegenheit. Ich schreibe vor allem für mich selbst. Wenn ich meine Geschichte selber nicht mag, ist es mir unmöglich zu glauben, dass jemand anderes das jemals tun könnte.

Man sagt auch, Schriftsteller zu sein, sei ein einsames Geschäft. Muss man leiden, um etwas Großes zu schaffen?
Nicht mehr oder weniger als alle anderen auch. Die Vorstellung, dass Künstler leiden müssen, ist lächerlich. Alles, was Künstler wirklich tun müssen, ist ein erfülltes Leben zu führen, das genug Freude und genug Trauer beinhaltet. Vertraut mir.

Zu Beginn des Buches ertrinkt Ihre Hauptfigur Seth – und erwacht allein in einer verlassen Welt. Ist Einsamkeit die Hölle?
Das ist ein Szenario, über das ich schon immer einmal schreiben wollte: Jemand wacht auf, und die Welt um ihn herum ist leer. Viele würden das sicherlich schrecklich finden, aber insgeheim glaubt ein Teil von mir, dass ich selbst das in gewisser Weise angenehm fände. Zumindest für eine Weile. Was Seth, und mit ihm viele Jugendliche, angeht, so ist das doch eine perfekte Metapher: Man fühlt sich allein. Und dann stellt man – hoffentlich – fest, dass dem nicht so ist.

Leute, die in Särgen liegen und durch Schlauchsysteme künstlich am Leben erhalten werden, Computerprogramme, die sich in unser Unterbewusstsein einklinken – diese Elemente erinnern an Matrix …
Das war Absicht. Seth fragt sich im Verlauf des Buches ja selbst, ob er sich die Dinge um sich herum nur einbildet und ob ihn zu dieser Vorstellung zum Beispiel „bestimmte Filme“ inspiriert haben. Ist seine Umgebung real? Oder besteht sie aus Elementen, die er irgendwo mal gesehen hat und die ihm sein Unterbewusstsein jetzt vorgaukelt, damit er mit der Situation zurecht kommt, in der er steckt?
Ich bin froh, dass das Buch nicht alle Fragen beantwortet. Für mich spielt der Roman ganz klar mit der Frage, was real ist. Und dann gibt es auf diese Frage eine Antwort – aber die Geschichte geht noch einen Schritt weiter und fragt: Bist du dir sicher?

Weder Ihre Charaktere noch wir Leser wissen, was in Mehr als das wirklich real ist. Regine, ein Mädchen, dem Seth in der zweiten Hälfte des Romans begegnet, sagt: „Wir müssen uns selbst belügen, um zu leben. Sonst werden wir verrückt.“ Glauben Sie nicht an „Nur die Wahrheit macht uns frei“?
Ich glaube ganz fest, dass wir uns selbst Geschichten erzählen müssen, um nicht unseren Verstand zu verlieren. Die Welt macht keinen Sinn. Empfindsam zu sein war ein evolutionärer Fortschritt, aber ich glaube, wir waren dafür noch nicht ganz bereit. Wir MÜSSEN uns selbst Geschichten erzählen, um mit unseren Ängsten und Sorgen umgehen zu können. So funktionieren wir.

Ihre Hauptfigur Seth wird von vielen Leuten enttäuscht; von seinem Freund, seiner besten Freundin, seinen Mitschülern und seinen Eltern. Andererseits verletzt auch er die Menschen um sich herum. Im Verlauf des Romans lesen wir dann von Mord und Misshandlung. Ist die Welt wirklich so schlecht?
Eigentlich ist das Buch nicht düster oder bitter. Diese Dinge spielen eine Rolle, ja, aber es geht auch um Gutes und Hoffnungsvolles: Wie etwa um die Bedeutung von Freundschaft, darum, wie wichtig es ist, zu jemandem eine Beziehung aufzubauen und sich gegenseitig zu vertrauen, aber auch um die Notwendigkeit, die Dinge mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und außerdem hat das Buch auch viele lustige Elemente!
Wenn man Teenager ist, hält man die Welt für einen schrecklichen Ort, wirklich. Das ist der Segen und der Fluch der Jugend: Wenn man sich gut fühlt, hält man sich für unbesiegbar, aber wenn etwas schlecht läuft, spielt nichts sonst eine Rolle. Man glaubt, es würde einem nie wieder gut gehen. Mit meinem Buch will ich sagen: Ja, es passieren schlimme Dinge und es wird schwer für dich werden – aber es gibt IMMER mehr als das!

Mehr als das ist ein Buch, das von den Lesern sicher unterschiedlich interpretiert werden wird. Was hat der Roman Sie gelehrt?
Oh, ich schreibe keine Bücher, die Lektionen erteilen sollen. Es ist ein Roman, und keine Unterrichtsstunde. Ich versuche einfach, so gut es mir möglich ist, Wahrhaftiges zu schreiben. Im Grunde halte ich Mehr als das für ein extrem hoffnungsvolles Buch: Selbst wenn man schwere Zeiten durchlebt, gibt es Dinge, die das Leben lebenswert machen. Es ist der hoffnungsvollste Roman, den ich je geschrieben habe.

Vielen Dank!

Interview und Übersetzung aus dem Englischen:
Christian Handel
NAUTILUS - Abenteuer & Phantastik
www.fantasymagazin.de