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Patrick deWitt »Die Sisters Brothers«

Patrick deWitt über »Die Sisters Brothers«

Patrick deWitt
© Danny Palmerlee

Der amerikanische Autor Joshua Mohr hat sich mit Patrick DeWitt über dessen jüngsten Roman „Die Sisters Brothers“ unterhalten, ein Buch, das von Publishers Weekly soeben mit viel Lob und dem Kritiker-Stern dekoriert wurde: „DeWitt hat die Grenzen des klassischen Westerngenres nach allen Seiten hin erweitert. Herausgekommen ist ein Roman, der nicht nur spannend ist, sondern immer wieder mit überraschend komischen und anrührenden Situationen aufwartet.“

Joshua Mohr: Ihr neues Buch gefällt mir richtig gut. Ein Abenteuerroman mit durchaus moderner Attitüde, aber angesiedelt im Wilden Westen – mit allem, was dazugehört: Revolverhelden, Saloons, Goldrausch und wüste Schießereien. Wie kommt man auf eigentlich auf so ein Thema, zumal Sie ja ganz anders angefangen haben? Ihr erster Roman, Ablutions, spielt im Alkoholikermilieu von Hollywood. War der Wilde Westen eine bewusste Abkehr von dieser Umgebung?

Patrick DeWitt: Es war wohl eine bewusste Abkehr von fast allem, worin es im ersten Buch ging. Das betraf nicht nur den Schauplatz, sondern vor allem die ungeheure Selbstbespiegelung der Figuren. Die Leute suhlen sich in Ablutions ja geradezu in ihren Problemen. Mein zweites Buch sollte frei sein von allen autobiographischen Bezügen, trotzdem mussten mir die Story und ihre Figuren zumindest so nahe sein, dass man als Autor dranbleibt. Übrigens eine Erkenntnis aus der Arbeit an Ablutions. Das Jahr, in dem Die Sisters Brothers spielen, 1851, ist mehr oder weniger Zufall. Überhaupt begann der Roman eher als Schreibübung. Eine Übung, die sich mit meinem wachsenden Interesse an der Geschichte verselbständigt hat. Irgendwann wurde mir klar, dass ich an meinem zweiten Roman arbeitete, einem Western. Aber da gab es schon kein Zurück mehr.

Joshua Mohr: Mir gefällt die Vorstellung, dass das Material gewissermaßen die Richtung vorgibt und dass Schriftsteller zunächst eher Zuhörer sind als die großen Gestalter. Wie sah denn die Schreibübung aus, aus der später der Roman wurde? Würden Sie die Methode auch anderen empfehlen, beflügelt sie die Phantasie?

DeWitt: Schreibübung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber mir war aufgefallen, dass es in historischen Abenteuerromanen und -filmen kaum Neurotiker gibt, im Western fast gar nicht. Wohlgemerkt, ich spreche hier von ganz normalen Durchschnittsirren, wie sie jeder kennt und wie es sie auch in früheren Zeiten gegeben haben muss. Doch bei Autoren erfreuen sie sich offenbar nur geringer Beliebtheit. Entweder weil man sie für uninteressant hält oder für so erbärmliche Waschlappen, dass sie nicht zum Helden taugen. Vor diesem Hintergrund schrieb ich ein Geplänkel zwischen zwei Männern, die gemeinsam durch die Prärie reiten. Der eine ist voller Selbstzweifel und entsprechend verletzbar, der andere platzt geradezu vor Hochmut. Dieses Szenario sah eine Weile recht vielversprechend aus, hatte sich aber irgendwann erschöpft, weswegen ich es beiseitelegte. Einige Zeit später entdeckte ich auf einem Garagenflohmarkt ein Buch über den kalifornischen Goldrausch, und beim Durchblättern fielen mir die beiden ungleichen Reiter wieder ein. Ich nahm mir das Thema wieder vor, und erst da gewann die eigentliche Romanhandlung Kontur.

Joshua Mohr: Stichwort „normaler Durchschnittsirrer“: Ich sage meinen Studenten immer wieder, dass solche Figuren nicht übermäßig schwer zu erfinden sind – solange man nur die ungewohnten, meinetwegen sogar verzerrten Wahrnehmungen glaubwürdig wiedergibt. War es schwer, so tief in die Gedankenwelt eines Neurotikers einzudringen, dass er die Leser fasziniert? Und wann haben Sie gemerkt, dass die beiden als Bruderpaar noch besser funktionieren?

DeWitt: Ich glaube, jeder von uns kann neurotische Zustände bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Mir persönlich fiel es relativ leicht, mich in Elis Kopf hineinzuversetzen. Etwas völlig anderes ist es, ihn dabei auch noch interessant zu machen. Ich fragte mich deshalb: Was fasziniert mich bei anderen Menschen? Antwort: Ehrlichkeit, Unzufriedenheit mit sich selbst, Neugier, Melancholie. Exakt diese Mischung sollte in meiner Figur eine Stimme erhalten. Die Idee, dass Eli und Charlie außerdem Brüder sein könnten, kam mir erst nach dreißig, vierzig Seiten. Natürlich war es nervig, den Anfang noch einmal umzuschreiben, aber von da an hatte die Geschichte eine ganz andere Dynamik.

Joshua Mohr: Das stimmt. Eli, der Ich-Erzähler, ist eine hochkomplexe Figur. Aber Charlie ist es nicht weniger, auch er als der Böse ist vom ersten Augenblick an überzeugend. Und ihr Verhältnis zueinander ist einerseits natürlich wahnsinnig komisch – und knistert zugleich vor unausgesprochenen Konflikten. Diese Passagen gehören zum Besten, was Sie je geschrieben haben. Wie lange müssen Sie eigentlich an solchen Dialogen feilen? Wie findet man den richtigen Ton für die jeweilige Figur, und welches Geheimnis steckt hinter einem wirkungsvollen Dialog?

DeWitt: Ich lese mir Dialogstellen immer laut vor, was ich bei anderen Passagen nicht in diesem Maße tue. Das heißt nicht, dass ich mit Pistole, Cowboyhut und klirrenden Sporen rezitierend durchs Zimmer galoppiere. Trotzdem muss ich mir die Situation vergegenwärtigen. Und wenn irgendetwas an den Äußerungen einer Figur nicht stimmt, dann liegt es meistens daran, dass ich nicht weiß, wie es in der Figur aussieht. Letzte Woche zum Beispiel etwa habe ich mit etwas Neuem angefangen, und der Erzählstil pendelt bisher noch zwischen gelassen-humorig und schwermütig. Es geht um einen reichen Geschäftsmann, dabei kenne ich gar keine reichen Geschäftsleute. Ich meine, wie redet so ein reicher Geschäftsmann, wie groß ist sein Wortschatz? Kann er sich flexibel ausdrücken, oder ist er nur ein Großmaul? Flucht er? Worin bestehen seine Interessen? Ehrlich gesagt, ich habe noch keine Ahnung. Sobald ich das weiß, gehe ich noch einmal auf Anfang und schreibe alles um, was nicht zu seinem Charakter passt.

Joshua Mohr: Überarbeitungen verraten viel über einen Autor, wie gehen Sie dabei vor?

DeWitt: Ganz einfach, von vorne nach hinten, sobald die erste Version des Manuskripts steht. Am Anfang bin ich ziemlich rigoros, und es wird massenhaft gestrichen. Später kommt die Feinarbeit. Allerdings kann man es damit auch übertreiben. Dann nämlich, wenn man selber nicht mehr weiß, wohin all diese Änderungen noch führen sollen. An diesem Punkt gebe das Manuskript an meine privaten Testleser und warte ab, was sie sagen. Ihre Reaktionen beantworten mir zumindest drei Fragen: 1) Bin ich mit der Geschichte überhaupt fertig? 2) Oder muss da noch etwas kommen? 3) Oder habe ich sogar alles vermasselt und das Ganze fliegt am besten in den Papierkorb?

Joshua Mohr: Ihr Roman ist sehr filmisch angelegt, entwickelt sich von Einzelszene zu Einzelszene wie ein postmoderner Italo-Western. Ist das Zufall oder konnte eine Geschichte wie die der Sisters Brothers gar nicht anders erzählt werden?

DeWitt: Nein, geplant war es so nicht. Kurz vor Schluss fiel mir auf, dass die meisten Kapitel unter fünf Seiten lang sind, was der Sache natürlich ein gewisses Tempo verleiht. Doch das war keine bewusste Entscheidung.

Joshua Mohr: Es gibt aber eine strukturelle Besonderheit. An zwei Stellen schieben Sie ein so genanntes „Zwischenspiel“ ein? Gab es dafür einen speziellen Grund? Fungieren diese Zwischenspiele vielleicht als Angelpunkte für die ganze Geschichte? Und worin unterscheiden sie sich von den normalen Kapiteln?

DeWitt: Wenn es einen speziellen Grund gab, dann ist er mir jedenfalls entfallen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Es war nur ein kleiner Jux, den ich mir mit diesem Zwischenspielen erlaubt habe. Was natürlich immer gefährlich ist, sprich ziemlich dämlich. Dennoch, in beiden Zwischenspielen geht es um Übernatürliches, und verkörpert wird es durch ein kleines, alles andere als liebes Mädchen. Es könnte so etwas sein wie ein Orakel, muss aber nicht. Meiner Lektorin bei Ecco schlug ich vor, den Titel „Zwischenspiel“ wegfallen zu fallen, aber sie meinte völlig richtig, dass die betreffenden Kapitel dann doch etwas befremdlich wirkten. Besser, man signalisiert dem Leser, dass sie nicht zur Haupthandlung gehören.

Joshua Mohr: Eine große Rolle in diesem Buch spielen die Schauplätze und der reale Zeithintergrund. San Francisco während des Goldrauchs muss ein wahrer Hexenkessel gewesen sein. Wie sahen Ihre Recherchen aus? Und wichtiger noch: Wie schafft man es, die angelesenen Fakten so zu präsentieren, dass sie den Leser nicht erschlagen?

DeWitt: Na ja, die historische Fakten bleiben wohl deshalb so schön unaufdringlich, weil ich gar keine umfangreichen Recherchen angestellt habe. Nachgegangen bin ich nur solchen Sachen, die ich unbedingt brauchte. Faktenhuberei liegt mir ohnehin nicht. Was ich hingegen wohl gemacht habe, war Folgendes: Ich hängte mir alte Porträtfotos an die Wand, zum Beispiel das von Hermann Kermit Warm. So hatte ich meine Protagonisten ständig vor Augen. Ich schnitt einfach das Foto eines Goldsuchers aus dem Flohmarkt-Buch aus, und fast automatisch errichtet die Fantasie um dieses Foto eine Persönlichkeit. Ansonsten ist die Tatsache, dass ich keines der geschilderten Abenteuer selbst erlebt habe, halb so wild. Bei mir sind psychische Vorgänge sowieso immer wichtiger als irgendwelche Ausstattungsdetails.

Das Interview erschien in dem Literaturmagazin The Rumpus
© Joshua Mohr, 2011
Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay