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Paul Hoffman »Die linke Hand Gottes«

Paul Hoffman »Die linke Hand Gottes«

Der fulminante Auftakt einer Trilogie

Eine Buchempfehlung von Reinhold Kampmann


Jetzt auch als Taschenbuch bei Goldmann

Shotover, die Ordensburg des Erlöserordens, ist eine dunkle Welt voller Angst, Grausamkeit und Fanatismus. In dieser Mischung aus Kloster, Labyrinth, Militärcamp und Vernichtungslager werden Jungen von Kindesbeinen dafür gedrillt, als Kriegermönche zu kämpfen und zu sterben: für die eine Wahrheit, die eine Religion und den Tod ihrer Feinde. Irgendwo im Ödland und in einer Zeit, die zwischen Mittelalter und Zukunft zu changieren scheint, liegt dieser „übel riechende, unwirtliche Ort“, an den es auch Cale verschlagen hat.

Ein Krieger
Zu Beginn der Geschichte sind es bereits zehn Jahre, die der 14-Jährige an diesem Ort gottversessener Gottlosigkeit zugebracht hat. Seine Kindheit vor dieser Zeit hat in seiner Erinnerung keine Gestalt. Er kennt nichts anderes mehr als den Orden und ein Leben, das Krieg und Töten dient, dem Kampf „gegen die Ketzerei der Antagonisten“. Und Cale ist begabt. Er tötet gut, kaltblütig. Aber er hat auch Witz, seinen Spott bekommen neben dem dicken Küchenmeister immer wieder auch seine beiden Gefährten ab: Kleist und Vague Henri.

Am anderen Ende des Tunnels
Eines Tages stoßen die drei auf einen geheimen Tunnel – und an seinem anderen Ende auf eine Küche, in der es nicht nur wohlschmeckendes Essen, sondern auch Wesen gibt, denen zu begegnen den Kriegern sonst unmöglich ist: Frauen und Mädchen. Völlig hingerissen von ihrer Entdeckung und mit Taschen voller gestohlener Leckereien kehren sie in ihr trübes Reich zurück – nicht ahnend, welch furchtbare Wendung die nächste Begegnung mit einem dieser wunderbaren Geschöpfe nehmen wird ...

Ein Kind, das keines mehr ist
Mit geradezu beängstigender Geschwindigkeit taucht man als Leser ein in die gespenstisch vertraut wirkende Fantasy-Welt, die Paul Hoffman hier entwirft. Schon nach ein paar Seiten spürt man den unheilvollen Geist des Ordens ebenso präzise wie man schon bald ahnt, dass in Cale mehr steckt als ein Soldat und Stratege. Denn auch wenn er erst 14 Jahre alt und in vielem noch jungenhaft ist: Das, was er erlebt hat, sowie seine Fähigkeit, sich zu beobachten und zu reflektieren, machen ihn zu einer Figur, dessen Reise man auch als Erwachsener gerne folgt.

Die Flucht
Cales Weg führt ihn bald aus der Ordensburg fort – nachdem er eine Entdeckung gemacht hat, die selbst seine an allerlei Grausamkeiten geschulte Fantasie übersteigt. Heimlich beobachtet er den gefürchteten Zuchtmeister Picarbo dabei, wie dieser den Körper eines Mädchens seziert – das offensichtlich noch lebt. Cale greift ein, tötet Picarbo im Kampf und flieht mit Kleist, Vague Henri und einem Mädchen, das Picarbo ebenfalls zur Vivisektion vorgesehen hatte, aus Shotover.

Dekadenz, Krieg – Liebe?
Durch die Ödnis schlagen sich die Vier zur Stadt Memphis durch – der Gegenwelt zur Klosterhölle, die jedoch weit davon entfernt ist, eine Art Himmel zu verkörpern. Dekadente Verkommenheit aller Art verbindet sich hier mit pompösem Glanz und Reichtum. Doch zumindest für Cale gibt es einen Lichtblick: Arbell, die Tochter eines der Mächtigen von Memphis. Sollte am Ende so etwas wie Liebe in Cales Leben Einzug erhalten? Der Leser zweifelt – und ist gleichzeitig sicher, dass der Kampf aus ihm nicht verschwinden wird. Denn die Schlacht gegen den Erlöserorden naht. Und sein Kriegsmeister hat einen ganz besonderen, einen furchtbaren Grund, Cale zu verfolgen ...

Die Reise geht weiter ...
„Die linke Hand Gottes“ ist der fulminante Auftakt einer Fantasy-Trilogie, deren Figuren sich auf einem Grat zwischen wilder Erfindung und bestürzendem Realismus bewegen. Cale, Kleist, Arbell und all die anderen sind Geschöpfe einer fremden, durch Grausamkeit und Verruchtheit irritierenden Welt, in die einzutauchen man als Leser doch sofort bereit ist. Man folgt dem Romanautor und Drehbuchschreiber Paul Hoffman fast bedingungslos, wenn er seine Protagonisten durch die Abenteuer und Abgründe ihrer Geschichten führt. Und wer das (im Übrigen höchst überraschende) Ende dieses Bandes erreicht hat, fängt fast automatisch an, die Fäden der Erzählung weiterzuspinnen – was zumindest so lange als „Ersatzdroge“ nötig sein dürfte, bis Band zwei in Sicht ist.

Reinhold Kampmann
Literaturtest
Berlin, Mai 2010