Aufmacher Buchblock

Ein befreiendes Buch über eine der am häufigsten übersehenen psychischen Erkrankungen.

Peter Wittkamp ist ein lustiger Mensch. Doch es gibt etwas, dass nur sehr wenige Menschen über ihn wissen: Er leidet seit mehr als 20 Jahren unter Zwangsstörungen. Und da er selbst nun mal nicht ganz unwitzig ist, gerät das neben den wissenschaftlichen Fakten, die in einem solchen Buch nicht fehlen dürfen, bisweilen sehr humorvoll, ohne das Thema der Lächerlichkeit preiszugeben.

»Peter ist einer der besten Gag-Schreiber. Wenn er mir nicht schon ein Gratisexemplar versprochen hätte, würde ich dieses Buch sogar kaufen.«

Klaas Heufer-Umlauf

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Der Autor Peter Wittkamp im Interview

Überzeugt euch selbst von seinem Humor!

Das Loch

Frühjahr 2017. Das Jahr hatte schon nicht gut begonnen. Ich litt unter Herzrhythmusstörun-gen und heftigen Herzstolperern, die mich sehr beun-ruhigten. Ein Langzeit-EKG und eine gründliche Unter-suchung beim Spezialisten zeigten: Körperlich war eigentlich alles in Ordnung, vermutlich lag es am Stress.

Woher ein guter Teil dieses Stresses kam, wusste ich natürlich nur zu genau. Eine neue Sorge hatte sich in mein Leben geschlichen: Mir war sehr unwohl, wenn auf Fahrradwegen sperrige
Gegenstände lagen. Sie erinnern sich: der Grund, warum ich gerne oben im Bus sitze.

Also fing ich an, die Störfaktoren schnell mal mit dem Fuß an den Straßenrand zu kicken, damit die Fahrt der Radler ein bisschen
sicherer wird. Ab und an zog ich auch mal Sperrmüll vom Radweg, damit ein Radfahrer nicht im Dunkeln Gefahr lief,
darüberzustürzen. Oder ich nahm eine Flasche, die jemand achtlos auf den Weg geschmissen hatte, schnell mit zum nächsten
Mülleimer.

Im Grunde ja alles ein recht vorbildliches Verhalten – nur als Zwangskranker sollte man so etwas auf keinen Fall tun. Denn dann wird es immer mehr und mehr und man steigert sich in die Sache hinein. Was bei diesem speziellen Zwang vor allem in dieser
speziellen Stadt ein Problem war. In der Stadt, in der es zum guten Ton gehört, dass die Dinge (und Flughäfen) nie perfekt sind, sehen natürlich auch die Radwege nicht immer vorbildlich aus.

Stöcke, Bierflaschen, Pflastersteine, andere Steine, Matratzen, Tischbeine, Schuhe … alles Mögliche. Ich habe die starke
Vermutung, dass man eine komplette Wohnungseinrichtung
zusammenbekommt, wenn man nur ein, zwei Tage alles
aufsammelt, was an oder auf Berliner Radwegen liegen gelassen wird.

Für jemanden, der in alldem, was da so liegt, eine Gefahr sah – also für mich –, gestalteten sich Spaziergänge also sehr
kompliziert. Ständig musste ich etwas aufheben, wegschieben oder entsorgen.
Mein Zwang säuselte mir zu:
Ja, klar, in ganz Berlin liegen
Pflastersteine herum, aber was ist, wenn du genau diesen hier nicht zur Seite schiebst und morgen erfährst, dass da jemand schwer verunglückt ist. Nur, weil du keine zwei Sekunden Zeit
hattest, den Stein zur Seite zu schieben. Das wollen wir doch alle nicht?


Nee, das wollte ich nicht. Das Problem war nur eben, dass sich die »zwei Sekunden« rasend schnell summierten und mir kein
normaler Gang durch die Stadt mehr möglich war. Stattdessen hatte ich unfreiwillig die Position des inoffiziellen
»Verantwortlichen für Berliner Radwegsicherheit« angenommen. Na, vielen Dank.

Aus therapeutischer Sicht konnte man sagen: Ich hatte eine recht ungesunde Beziehung zu Radwegen entwickelt. Gut, werden Sie vielleicht jetzt sagen, aber wo ist denn das in der Überschrift groß angekündigte Loch? Geduld, Geduld, sage ich Ihnen. Die
Heranführung mit den Radwegen diente vor allem dazu, meine
psychisch schon recht wacklige Situation zu beschreiben, als ich das Loch entdeckte, zu dem wir genau jetzt kommen werden.

Ich spazierte also am Kreuzberger Paul-Linke-Ufer entlang und entdeckte mitten auf dem Weg ein dickes Loch im Boden. Nicht von der Tiefe eines normalen Schlaglochs, sondern deutlich
imposanter. Da der Spazierweg am Ufer auch gerne von
Radfahrern benutzt wurde, schrillten natürlich sofort meine
neurotischen Alarmglocken.
Oh weh. Ein Loch. Zwar am Rande des Weges, aber doch so
gelegen, dass unter Umständen ein Radfahrer reinfahren und schlimm stürzen könnte. Vor allem nachts, da der Weg nicht gut beleuchtet ist.

Mein erster Impuls war der Versuch, es zu ignorieren, so wie es mein Therapeut empfohlen hätte. Fast konnte ich seine Stimme hören:
»Herr Wittkamp, es gibt unzählige Gefahrenstellen und Löcher auf Berliner Radwegen und Straßen. Selbst wenn Sie sich um dieses hier kümmern würden, blieben zahlreiche andere. Und wenn Sie versuchen, sich um diese zahlreichen anderen auch noch zu
kümmern, werden Sie irgendwann wahnsinnig. Also: noch
wahnsinniger. Außerdem ist es die Verantwortung der Stadt, so
etwas auszubessern. Und wenn die Stadt sich nicht kümmert,
haben Radfahrer immer noch eine eigene Verantwortung und müssen darauf achten, wo sie fahren, und dass sie eine gute
Lampe am Fahrrad haben, mit der sie solche Löcher erkennen.
Zudem nimmt jeder Radfahrer mit dem Schwung auf sein Rad das Risiko in Kauf, zu stürzen. Im besten Fall trägt er daher einen Helm und fährt vorsichtig. Aber das ist auch alles egal, was ich sagen will: Sie haben mit diesem Loch absolut nichts zu tun. Machen Sie sich da weg. Und zwar schnell.«

Klingt alles relativ vernünftig – mit dem klitzekleinen Problem, dass mein Zwang stärker war und ich nicht auf die imaginäre Therapeutenstimme hörte. Zwangskranke wissen meist ganz
genau, was das richtige Verhalten wäre. Sie richten sich nur nicht
danach. Ein wenig wie Dreijährige.

Das Kleinkind in mir begann also zu handeln. Ich klaubte mit den Schuhen etwas Laub und Lehm aus der Umgebung zusammen und stopfte das Loch damit notdürftig. Nach zehn Minuten war es
verschwunden. Ich trat das Ganze noch ein wenig fest und war mir
sicher, dass so schnell kein Unglück geschehen würde.

Ich war auf dem Weg in mein Büro und setzte mich wieder in
Bewegung. Doch ich wusste schon nach ein paar Metern, dass es
damit nicht getan sein würde. Der Zwang hatte da noch eine Frage an mich: Was, wenn es regnet und meine provisorische Füllung nun aufgeweicht und fortgespült wird? Gute Frage, lieber Zwang, dachte ich. Dann stehen wir wieder ganz am Anfang. Wir brauchen eine langfristigere Lösung für das Loch.

Im Büro angekommen musste ich zunächst meine Arbeit erledigen. Doch nebenbei überlegte ich mir stän-dig, wie ich das Loch so versiegeln könnte, dass weder Wind noch Regen der Füllung etwas anhaben könnten. Wie anfangs erwähnt, schreibe ich das heute sehr nüchtern hin, aber zu dem Zeitpunkt war es fast schon Panik und Hysterie, die mich quälten. Ich konnte an fast nichts anderes mehr denken.

Mir fielen trotz dieser Panik drei Lösungen ein:
1. Dem Straßen- und Verkehrsamt Bescheid geben, damit die sich kümmern.
2. Das Loch mit Beton füllen.
3. Jemand anderen das Loch mit Beton füllen lassen.

Lösung 1 schien mir praktikabel und – vor allem – nicht komplett verrückt. Ich entdeckte eine Website, auf der die Bürger Berlins solche Schäden melden können. Dort schilderte ich das Problem, beschrieb die Stelle genau und hängte noch ein Foto an, das ich als besonders gewissenhafter Zwangskranker natürlich schon am »Tatort« geschossen hatte. Man weiß ja nie!

Leider  – sicher werden einige Zwangskranke dieses Gefühl
kennen  – erwies sich diese Lösung für mich nicht als voll
befriedigend. Als Bürger hatte ich schon mehr als genug getan, dem Zwang war es allerdings noch zu wenig.
Was ist, wenn diese Meldung auf der Website ignoriert wird, weil die Behörden überfordert sind? (Wir befinden uns in Berlin,
wohlgemerkt!) Was ist, wenn sie zwar nicht ignoriert wird, aber es ein halbes Jahr oder länger dauert, bis sich jemand darum kümmert? (Berlin, immer noch.)

Diese Fragen diktierte mir der Zwang direkt in meinen Kopf. Und der konnte sich damals einfach nicht dagegen wehren. Ich fühlte mich wahnsinnig hilflos und wollte nur, dass jemand dieses
dämliche Loch aus bessert, damit ich wieder an etwas anderes denken konnte.

Also musste ich zu den anderen beiden Lösungen übergehen. Es blieben:

2. Das Loch mit Beton füllen.
3. Jemand anderen das Loch mit Beton füllen lassen.

Zunächst erschien mir Lösung Nummer 2 am einfachsten. Nur gab es da so einige Haken. Ich müsste diese Aktion wenn nachts durchführen, da es mir tagsüber viel zu peinlich wäre,
unaufgefordert ein Loch im Weg zu betonieren. Vor allem, wenn jemand vorbeikäme, den ich kenne.

»Hallo Peter, was machst du denn da?«
»Ein Loch im Boden zubetonieren, damit kein Radfahrer
verunglückt. Weil ich unter schweren Zwangsstörungen leide.«
»Ach so, verstehe. Viel Spaß. Am Wochenende mal auf ’n Bier?«
»Klaro!«

Zudem  – obwohl mein Opa Maurermeister war und ich ihn in meiner Jugend öfter auf Baustellen begleitete, um so mein
Taschengeld aufzubessern – traute ich auch meinen Fähigkeiten als Gehwegbetonierer nicht so ganz über den Weg. Wie stellt man das überhaupt richtig an? Nimmt man puren Beton, oder mischt man Kies darunter? Wie lange trocknet so etwas?

Neben der sozialen und handwerklichen Komponente gab es
außerdem einen weiteren Widerstand in mir selbst, der gegen
Lösung 2 sprach: Ich besaß noch einen letzten Rest Selbstachtung, die es mir nicht erlaubte, dass mich der Zwang so weit bringt, selbst ein Loch zu betonieren. Also wirklich in die Knie gezwungen werden. Im doppelten Wortsinne.

Es musste also Lösung 3 sein. Jemand anderes musste dieses Loch für mich ausbessern. Das war zwar nicht wesentlich weniger irre, aber mir erschien es damals als die beste Option. Allerdings gab es auch hier ein paar Haken. Zunächst würde es mich Geld
kosten – wenn es kein Freund von mir machen würde (und das kam natürlich nicht in Frage). Aber das Geld war nicht das
Hauptproblem. Ich verdiente als Werber und Autor inzwischen recht gut und konnte diesen neuerlichen Auswuchs meiner
Krankheit finanziell verkraften. Viel problematischer war es,
jemandem zu beschreiben, was er da machen sollte. Man kann sich einen Gärtner buchen, der die Hecke stutzt. Oder einen
Maurer beauftragen, die heimische Terrasse zu begradigen. Aber wie um alles in der Welt sage ich jemandem, dass er für mich ein Loch auf einem öffentlichen Weg betonieren soll, ohne dass er mich für verrückt hält?

Glücklicherweise lassen sich Zwangskranke wie ich immer etwas einfallen, um ihr Problem zu lösen. Die Aussicht, einen quälenden Gedanken zu verlieren, verleiht der Kreativität ungeahnte Kräfte. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte diese Superkraft auch in
anderen Situationen zur Verfügung.

Peter Wittkamp
© Peter von Felbert

Er ist einer der besten Gagschreiber Deutschlands

Peter Wittkamp, Jahrgang 1981, ist erster Autor und Gagschreiber der heute show online. Außerdem ist er der Texter und Ideengeber der mehrfach preisgekrönten Kampagne #weilwirdichlieben der Berliner Verkehrsgesellschaft. Ab und an schreibt er auch ein Buch oder eine Kolumne in der Business Punk. Daneben berät er Unternehmen und Agenturen, wenn sie etwas Kreatives, Humorvolles oder Digitales machen möchten. Oder alles zusammen. Er twittert regelmäßig als @diktator und lebt mit seiner Familie in Berlin.

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