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Die Protagonistin Mimi Reventlow ist eine ungewöhnliche Frau für ihre Zeit: Sie ist stark, unabhängig, leidenschaftlich und hat das Herz am rechten Fleck ...

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Die Fotografin - Am Anfang des Weges

Mimi Reventlow war schon immer anders als die Frauen ihrer Zeit. Es ist das Jahr 1911, und während andere Frauen sich um Familie und Haushalt kümmern, hat Mimi ihren großen Traum wahr gemacht. Sie bereist als Fotografin das ganze Land und liebt es, den Menschen mit ihren Fotografien Schönheit zu schenken, genau wie ihr Onkel Josef, der ihr großes Vorbild ist. Als dieser erkrankt, zieht sie in das kleine Leinenweberdorf Laichingen, um ihn zu pflegen und vorübergehend sein Fotoatelier zu übernehmen. Ihm zuliebe verzichtet sie nicht nur auf ihre Unabhängigkeit, sondern sieht sich in Laichingen zunächst auch den misstrauischen Blicken der Dorfbewohner ausgesetzt, da sie mehr als einmal mit ihrem Freigeist aneckt. Und als bald ein Mann Mimis Herz höher schlagen lässt, muss sie eine Entscheidung treffen …

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Die Fotografin - Die Zeit der Entscheidung

Die Wanderfotografin Mimi Reventlow lebt seit einiger Zeit in der kleinen Leinenweberstadt Laichingen und kümmert sich um ihren kranken Onkel Josef. Durch ihre offene Art ist es ihr gelungen, die Herzen der Dorfbewohner zu erobern und Freundschaften zu knüpfen. Als eine Katastrophe das Dorf erschüttert, wird sie mit ihren wunderschönen Fotografien für viele der Bewohner gar zum einzigen Rettungsanker. Doch nach einer schweren menschlichen Enttäuschung muss Mimi erkennen, dass sie sich nicht nur in ihrem Foto-Atelier dem schönen Schein hingegeben hat, sondern auch im wahren Leben. Für Mimi ist die Zeit der Entscheidung gekommen.

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Leseprobe Band 1

1. Kapitel

Esslingen, 11. Februar 1905

»… und so möchte ich dich, liebe Minna, fragen, ob du meine Frau werden willst!« Heinrich Grohe nahm Mimis Hände in seine und sah sie erwartungsvoll an.
Minna?, fuhr es Mimi durch den Kopf. So wurde sie nur von ihrer Mutter genannt, und auch immer nur dann, wenn diese etwas an ihr zu kritisieren hatte. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein nervöses Lachen. Da bekam sie einen Heiratsantrag, und das Einzige, was ihr dazu einfiel, war, zu monieren, dass Heinrich nicht ihren Spitznamen verwendete!
Darauf bedacht, das kleine Sträußchen Freesien, das zwischen ihnen auf dem Tisch stand, nicht umzuwerfen, entwand Mimi Heinrich ihre rechte Hand und griff nach ihrem Sektglas. Die kleinen Perlen des sprudelnden Getränks zerplatzten auf ihrer Zunge genauso wie die Gedanken in ihrem Kopf, noch bevor sie einen davon zu fassen bekam.
Er strahlte sie an. »Jetzt bist du baff, nicht wahr? Ich weiß, das kommt ein wenig plötzlich. Und mit deinen Eltern habe ich auch noch nicht gesprochen. Aber heute ist dein Geburtstag. Und da dachte ich, dies wäre doch ein passendes Geschenk!« Er machte eine ausschweifende Handbewegung, die das Café, in dem sie saßen, den Sekt, den Blumenstrauß und sie beide einschloss.
Ein Heiratsantrag als Geschenk? Mimi blinzelte ein paarmal, als wollte sie sich vergewissern, dass sie nicht träumte. Im Wintersonnenlicht, das durch die Milchglasscheibe des Cafés einfiel, leuchtete Heinrichs blonder Schopf, als habe der liebe Gott ihm persönlich einen Heiligenschein aufgesetzt.
Es war Samstag, der elfte Februar, ihr Geburtstag. Heinrich hatte sie kurz nach zwölf von der Arbeit im Fotoatelier Semmering abgeholt, so, wie er es samstags fast immer tat. Dann bummelten sie meistens eine Weile durch die Stadt, schauten sich die Schaufenster der eleganten Geschäfte an, schlenderten durch den Park. Anfang des Monats, mit dem Lohn in der Tasche, kehrten sie hin und wieder auch in eins der günstigen Gasthäuser rund um den Esslinger Marktplatz ein. Zum Klang des Glockenspiels vom nahegelegenen Rathaus aßen sie dann Kutteln oder Bratkartoffeln mit Speck. Normalerweise teilten sie sich die Rechnung, da weder Heinrich als Vikar in der Pfarrei ihres Vaters noch sie als Angestellte eines Fotoateliers sonderlich gut verdienten. Aber wen kümmerte das, wenn man jung und verliebt war? Heinrich mit seinen blauen Augen, der hohen Denkerstirn und den blonden Haaren, und sie, die Pfarrerstochter Mimi Reventlow, sechsundzwanzig Jahre alt, stets in ein Ausgehkostüm gekleidet, die kastanienbraunen Haare elegant hochgesteckt – sie waren ein schönes Paar. Wenn sie Arm in Arm durch die Straßen der alten Reichsstadt spazierten, drehten sich öfter die Köpfe nach ihnen um. Noch einmal so jung sein und die
Zukunft vor sich haben!, las Mimi in den Blicken der Menschen.
Als Heinrich sie heute pünktlich um zwölf abgeholt hatte, hatte Mimi an ein ähnliches Samstagsprogramm gedacht, einzig vielleicht mit dem Unterschied, dass Heinrich sie anlässlich ihres Geburtstags wahrscheinlich einladen würde. Er hatte ihr die Blumen überreicht, ihr zum Geburtstag gratuliert und einen Kuss auf die Wange gegeben. Statt in eins der Gasthäuser zu gehen,
in denen es nach Spiegeleiern und Sauerkraut roch, hatte er sie dann in ein elegantes Café geführt und dort eine ganze Flasche Sekt bestellt. Mimi hatte erstaunt die Brauen hochgezogen. Eine solche Extravaganz – wie würde sie sich nach dem Genuss von so viel Alkohol wohl fühlen?, hatte sie sich gefragt. Und auch, wie ihr später – vom Alkohol benommen – der steile Weg
hinauf in die Esslinger Oberstadt gelingen sollte. So gesehen war ihr einiges durch den Kopf gegangen – dass sie heute einen Heiratsantrag bekommen würde, wäre ihr allerdings im Traum nicht eingefallen.
Da sie noch gar nicht reagiert hatte, wurde Heinrichs strahlende Miene leicht unmutig. »Minna?«, sagte er ungeduldig.
Sie lachte nervös auf. »Das kommt ein wenig überraschend!«
»Ja, freust du dich denn nicht?« Er runzelte die Stirn. Als habe ein Bühnenbildner die Hände im Spiel, kroch in diesem Moment am Winterhimmel eine Wolke vor die Sonne. Schlagartig wurde es im Café dunkler.
»Doch natürlich! Welche Frau würde sich da nicht freuen?«, verteidigte sie sich lahm.
Heinrich strahlte. »Das habe ich mir gedacht! Mit sechsundzwanzig Jahren bist du ja auch nicht mehr die Jüngste. Manch einer würde vielleicht sagen, es ist höchste Zeit, dass du unter die Haube kommst, bevor du zur alten Jungfer wirst.« Er zwinkerte ihr zu. »Aber sollen die Leute doch reden! Ich finde es gut, wenn Frauen sich vor der Ehe verwirklichen. Wer hat schon eine Frau mit Abitur und einer abgeschlossenen Berufsausbildung?« Heinrich nickte wohlwollend, dann beugte er sich ihr über den Tisch entgegen, ergriff erneut ihre Hände. »Deine Eltern werden bestimmt auch hocherfreut sein. Am besten gehen wir nachher gleich gemeinsam zu ihnen, damit ich bei deinem Vater um deine Hand anhalten kann. Eine reine Formalität – vor allem, wo es noch mehr Neuigkeiten gibt …« Seine Augen funkelten vor Erregung, Mimi sah ihm an, dass er sich kaum zurückhalten konnte.
»Ja …?«, sagte sie schwach.
»Ich bekomme die Pfarrei in Schorndorf übertragen! Das bedeutet, wir können deine Eltern weiterhin regelmäßig besuchen und umgekehrt.«
Schorndorf? Nun war es Mimi, die die Stirn runzelte. Obwohl die Stadt nur einen Steinwurf von Esslingen entfernt lag, war sie noch nie dort gewesen. »Leben dort nicht vor allem strenge Pietisten, bei denen Tanzfeste, Musik und Alkohol verboten sind?« Sie zeigte demonstrativ auf die Sektflasche.
»Du hast recht. Am besten trinken wir, solange wir noch können!« Über seinen eigenen Scherz lachend, schenkte er Sekt nach. »Aber ich kann dich beruhigen, der Einfluss der Pietisten in Schorndorf ist bei weitem nicht so groß, wie es immer heißt. Viel größer als die pietistische Gemeinde ist nämlich die der evangelischen Kirche. Als evangelischer Pfarrer werde ich allerdings
auch Ansprechpartner für die Pietisten sein, ein gottgefälliges Leben ist von daher tatsächlich angebracht. Zum Wohl!« Er prostete ihr zu.
Um etwas zu tun zu haben, trank Mimi ebenfalls einen Schluck. Doch das Prickeln war verflogen, der Sekt schmeckte nur noch schal. Als habe ein gestrenger Pietist ihn verwünscht, dachte Mimi. Was bist du nur für ein undankbares Wesen, schalt sie sich gleichzeitig. Freu dich endlich! Der Hochzeitsantrag gehörte schließlich zu den schönsten Dingen im Leben einer Frau. Doch
statt erregte Freude zu verspüren, hatte sie das Gefühl, als habe sich in ihrer Herzgegend eine Kröte niedergelassen, die eine dumpfe, feuchte Kälte verbreitete. Gab es nicht die Redensart, jemand habe eine »Kröte schlucken« müssen? Mimi, du spinnst, schalt sie sich.
Heinrich schien ihre gedrückte Stimmung nicht wahrzu nehmen. Schwungvoll stellte er sein Glas ab und nahm den Gesprächsfaden wieder auf. »Gleich nach Ende meines Vikariats im Sommer darf ich die Schorndorfer Gemeinde übernehmen. Der dortige Pfarrer ist schon fast achtzig und kann es kaum erwarten, aufs Altenteil zu gehen. Scheinbar ist er gesundheitlich nicht mehr gut beieinander, das heißt, er wird mir nicht viel in die Arbeit hineinreden. Ein wenig werden wir uns um ihn kümmern
müssen, das erwartet die Gemeinde von uns, aber das ist ja sowieso selbstverständlich.«
»Aha«, sagte Mimi. Sie hatte noch nicht einmal ja gesagt!
»Ich war Anfang der Woche in Schorndorf. Die Pfarrei ist überschaubar, nicht so groß wie die deines Vaters. Aber ich betrachte das als Übung für spätere, größere Aufgaben. Und das Haus, in dem wir wohnen werden … Es ist kein Palast, zugegeben. Vielmehr ist es ein wenig baufällig, und das Inventar ist abgelebt. Kein Wunder, Pfarrer Weidenstock, so heißt mein Vorgänger, hat nie geheiratet, und eine Haushälterin hatte er wohl auch nicht, niemand hat sich also um Haus und Hof gekümmert. Aber wenn du dich erst einmal der Sache angenommen hast, wirst du den Haushalt in Windeseile gut in Schuss gebracht haben!«
»Ich bin doch keine Hausfrau!«, protestierte Mimi. »Ich bin Fotografin, wie man einen Haushalt führt, habe ich nie gelernt. Und dann soll ich auch noch den alten Herrn Pfarrer mit versorgen?«
Heinrich winkte ab. »So was liegt Frauen im Blut, keine Sorge! Und wenn du dir doch mal bei etwas unsicher bist, wird dir ein Gemeindemitglied bestimmt gern helfen.« Mit einem schwärmerischen Lächeln fuhr er fort: »Ach Mimi, ich sehe es schon genau vor mir – du in der ersten Reihe der Kirche und ich auf der Kanzel! Die Schorndorfer werden begeistert sein von meinen
fortschrittlichen neuen Predigten. Unser Vater im Himmel hat den Menschen einen Kopf zum Denken gegeben, er will keine unterwürfigen Schäfchen, das möchte ich den Menschen vermitteln! Und dass Fortschritt und Gottesglaube sich nicht ausschließen, sondern Hand in Hand gehen können – auch darüber will ich predigen. Dein Vater war mir der beste Lehrmeister, ich fühle mich inspiriert und gewappnet zugleich. Er wird stolz auf mich sein! Und wenn ich Hausbesuche bei den armen
Leuten mache, darfst du mich natürlich begleiten. Eine Pfarrersfrau kann so viel Gutes bewirken! Aber wem erzähle ich das – hast du doch das beste Beispiel in deiner Mutter zu Hause. Apropos zu Hause – habe ich eigentlich schon erwähnt, dass das Haus auch ein kleines Gärtchen hat? Am Ende des Gartens fließt sogar ein Bach, dort könnte man sehr gut Wäsche waschen. Wenn wir erst Kinder haben, wirst du diesen Umstand sicher zu schätzen wissen.«
»Aha …«, sagte Mimi erneut und kam sich vor wie ein Papagei. Welche Kinder? Unwillkürlich rutschte sie auf ihrem Stuhl nach hinten, als wolle sie Distanz zwischen Heinrichs Pläne und sich bringen.
Heinrich nickte. »Du wirst die Wäsche draußen aufhängen können, genau wie es eure Haushälterin bei euch im Garten tut. Ist das nicht schön? Wäsche, getrocknet von Sonne und Wind, duftet so viel besser, findest du nicht?«
»Der Garten und die Wäsche sind mir gerade ziemlich egal«, sagte Mimi und konnte nichts gegen den kratzbürstigen Ton in ihrer Stimme tun. »Sag mir lieber, ob es in Schorndorf auch ein Fotoatelier gibt.«
»Ein Fotoatelier?« Heinrich schaute sie an, als habe sie gefragt, ob der Kaiser von China im Nachbarhaus residiere. »Ich glaube nicht. Das wäre mir aufgefallen, und …«
»Wie stellst du dir das dann vor?«, schnitt sie ihm das Wort ab. »Soll ich jeden Tag mit dem Zug oder der Postkutsche zur Arbeit nach Esslingen fahren?«
»Aber Mimi!« Heinrich lachte prustend auf. »Als verheiratete Frau musst du doch nicht mehr arbeiten gehen! Der alte Felix Semmering und sein verstaubtes Atelier können dir dann endlich gestohlen bleiben. Du wirst dich komplett den Pflichten einer Ehefrau widmen können.«
Das Glockenspiel ertönte. Mimis Herz pochte im selben schnellen Rhythmus. Sie schaute Heinrich mit aufgerissenen Augen an. »Oh, schon drei Uhr! Ich muss gehen! Ein dringender Termin, gerade fällt es mir wieder ein. Bitte verzeih mir …« Sie riss ihre Handtasche so abrupt in die Höhe, dass sie ihr gegen die Hüfte schlug, lächelte entschuldigend, dann lief sie davon.
»Aber Mimi! Du hast doch noch nicht mal ja gesagt!«, rief Heinrich ihr hinterher.
Eben, dachte sie. Eben.

2. Kapitel

Und nun? Vom Sektgenuss ein wenig benommen schaute Mimi sich auf dem Esslinger Marktplatz um. Bloß nicht nach Hause! Sobald sie die Pfarrei betrat, würde ihre Mutter sie für irgendwelche wohltätigen Zwecke einspannen, Geburtstag hin oder her. Wahrscheinlich würde Heinrich ebenfalls dort auftauchen und darauf bestehen, dass sie sich ihm gegenüber erklärte – dass
sie ihn einfach hatte sitzenlassen, würde er bestimmt nicht gutheißen!
Um sich im Park auf eine Bank zu setzen, war es zu kalt. Die Sonne, die bis Mittag geschienen und den Esslinger Bürgern einen trügerischen Hauch von Frühjahr vorgespielt hatte, hatte sich längst wieder hinter dicken Wolkenbergen verzogen. Eisige Windböen zerzausten Mimis Frisur.
Wütend und hilflos zugleich wickelte sie ihren Schal enger um sich. Verflixt! Sie wollte doch nur ein bisschen allein sein. In Ruhe nachdenken können, ihre Gedanken schweifen lassen. In sich hineinhören und auf Klarheit hoffen.
Sie würde in eine Kirche gehen, beschloss Mimi. Schon so manches Mal hatte der liebe Gott ihr einen guten Rat gegeben, wenn sie Sorgen hatte oder nicht wusste, wie sie sich in einer Sache entscheiden konnte. Und wenn nicht, dann hatte sie dort wenigstens ihre Ruhe. Die Frauenkirche lag nur einen Steinwurf entfernt, unter ihrer blau-goldenen Decke würde sie bestimmt
gut nachdenken können.
Mimi wollte gerade loslaufen, als ihr jemand von hinten auf die Schulter tippte. Heinrich? Bang drehte sie sich um. Doch es war eine junge Frau, die sie ansprach. »Verzeihung, ich bin fremd in Esslingen und suche den Gasthof Hirsch in der Ulmer Straße. Können Sie mir bitte den Weg nennen?« Ein Paar so strahlend blaue Augen, dass selbst Heinrichs Augen dagegen blass wirken
würden, schauten Mimi erwartungsvoll an.
Mimi zeigte hinter sich. »Die Ulmer Straße liegt unten am Neckar, wenn Sie in diese Richtung laufen, kommen Sie dorthin«, antwortete sie der Fremden mit einem Lächeln. Die blauen Augen, die buschigen Brauen, die vollen Lippen – was für eine attraktive Frau, dachte sie im selben Moment. Und was für eine ungewöhnliche Frisur sie trug – die zu einem Kranz um den Kopf gelegten strohblonden Haare wirkten wie eine Krone. Die Frau hier und jetzt zu fotografieren, das wäre was! Mimi kribbelte es regelrecht in den Händen.
Die schöne Fremde strahlte Mimi weiter an. »Kein Problem, wenn die Richtung stimmt, finde ich mich schon zurecht.« Liebevoll, als hielte sie ein Kind im Arm, strich sie über ein in dünnes Leinen gewickeltes Bündel, das sie über dem linken Arm trug. »Mein Brautkleid«, sagte sie stolz. »Ich habe es gerade bei Brunners am Markt abgeholt.«
Mimi stieß einen kleinen Schrei aus und legte eine Hand auf ihr Herz. War das schon das Zeichen Gottes, das sie sich von dem Kirchenbesuch erhofft hatte?
»Halten Sie Brunners am Markt etwa nicht für die aller erste Wahl?«, fragte die Fremde stirnrunzelnd.
»Doch, doch! Mathilde Brunner ist eine Künstlerin mit Nadel und Faden, sogar die Königsfamilie aus Stuttgart kommt zu ihr«, beeilte Mimi sich zu sagen. »Es ist nur so …« Fahrig strich sie sich über ihr zerzaustes Haar und fuhr schüchtern fort: »Ich habe gerade eben auch einen Heiratsantrag bekommen.«
Die blauen Augen der Fremden weiteten sich. »Das gibt’s doch nicht! Wie romantisch! Herzlichen Glückwunsch!« Bevor Mimi sich versah, umarmte die Fremde sie herzlich. »Achtung, das Brautkleid!«, rief Mimi lächelnd.
Die andere ließ sie augenblicklich wieder los und sagte: »Darauf müssen wir unbedingt anstoßen, finden Sie nicht auch? Bei meinem letzten Besuch hier war ich in einem hübschen Café im Maille-Park, wollen wir dorthin gehen? Ich lade Sie natürlich ein. O mein Gott, ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt, wie unhöflich von mir! Mein Name ist Bernadette Furtwängler, ich komme aus Münsingen, das liegt auf der Schwäbischen Alb.« Ohne dass sie einmal Luft holte, purzelten die Worte aus dem Mund der Fremden.
Mimi lachte auf. Vielleicht würde ihr ein bisschen Ablenkung ganz guttun? »Also gut. Auf ein Glas mehr oder weniger kommt es heute auch nicht mehr an«, sagte sie, was ihr erneut einen erstaunten Blick der Fremden eintrug. »Mein Name ist übrigens Mimi Reventlow, mein Vater ist Pfarrer in der Esslinger Oberstadt. Und ich bin Fotografin.« Eigentlich, fügte sie im Stillen an.
»Dann können Sie ja meine Hochzeitsbilder machen«, sagte die Fremde begeistert.
Mimi zog eine Grimasse. »Schön wär’s! Aber in den Augen meines Chefs bin ich nur gut genug, um Kaffee zu kochen.«
»Männer!«, sagte Bernadette und verdrehte die Augen. Kameradschaftlich, als würden sie sich schon ewig kennen, hakten die beiden Frauen sich unter.

»Unsere Hochzeit wird am zehnten Mai stattfinden«, sagte Bernadette Furtwängler, kaum dass sie ihre Bestellung im Parkcafé aufgegeben hatten. Auf Sekt hatten sie am Ende doch verzichtet und sich stattdessen für Kaffee entschieden. »Der Sommer wäre mir lieber gewesen, aber ab Mitte Mai sind alle mit der Schafschur beschäftigt. Und danach dann auf Wanderschaft mit den Schafen.« Bernadette Furtwängler verzog den Mund. »So war das schon immer. Die verdammten Schafe bestimmen
unser ganzes Leben. Was bin ich froh, wenn das ein Ende hat! Mein zukünftiger Mann ist nämlich Lehrer, musst du wissen. Dann können die Schafe mir gestohlen bleiben.«
Mimi lachte. Bernadettes Art, frei von der Leber weg zu erzählen, gefiel ihr. »Und mir können Kröten gestohlen bleiben! Aber das musst du jetzt nicht verstehen«, fügte sie hinzu.
Schon unterwegs zum Café hatte Bernadette Mimi vorgeschlagen, du zu sagen – immerhin waren sie im gleichen Alter, und das Schicksal hatte es gewollt, dass sie sich an diesem Tag über den Weg liefen. Dem hatte Mimi nichts entgegensetzen wollen.
»Dann seid ihr also Schäfer?«, nahm Mimi den Gesprächsfaden wieder auf. Dass es sich eine Hirtentochter leisten konnte, in die Stadt zu fahren, um sich ein Brautkleid anfertigen zu lassen, hätte sie nicht gedacht.
»Um Gottes willen, nein!« Das Lachen der anderen klang ein wenig hochmütig. »Uns gehört der größte Schäfereibetrieb weit und breit, wir besitzen Tausende von Schafen. Das halbe Dorf ist bei uns angestellt, wir beschäftigen Hirten, Scherer, Männer, die sich um die Zäune kümmern, und welche, die die Hütehunde ausbilden. Und wenn die Schafe lammen, kommen noch Hilfskräfte hinzu. Mein Vater ist nicht nur reich, sondern auch ein mächtiger Mann!«, sagte sie stolz. »Und er hütete mich all die Jahre wie seinen Augapfel. Das ist mir fast zum Verhängnis geworden …«
»Inwiefern?«, fragte Mimi, die spürte, dass Bernadette gern ihre Geschichte zu Ende erzählen wollte. Ihr war das nur recht – der Blick in eine ihr völlig fremde Lebens welt lenkte sie nicht nur ab, sondern machte richtig Spaß. Außerdem – solange sie zuhörte, musste sie sich keine Gedanken über ihr eigenes Dilemma machen.
Bernadette zuckte mit den Schultern. »Die allermeisten Burschen und Männer haben ziemlichen Respekt vor Vater. Kaum einer traute sich jemals, auch nur ein Wort mit mir zu wechseln oder mich beim Schäfertanz aufzufordern, weil sie Vater nicht gegen sich aufbringen wollten. Viele Tränen habe ich deswegen vergossen, am Ende dachte ich schon, ich würde als alte Jungfer
enden. Aber dann kam Michael!«, endete sie triumphierend.
Das Wort »alte Jungfer« hatte Heinrich vorhin auch in den Mund genommen, dachte Mimi. In dem Moment war sie vor Schreck fast starr geworden, doch im Nachhinein ärgerte sie sich, ihm nichts entgegnet zu haben. Dass es für ledige Frauen abfällige Begriffe gab und für Männer nicht, war wieder einmal typisch, dachte Mimi ärgerlich. Dann zwang sie sich, sich wieder auf ihr Gegenüber zu konzentrieren.
»Dein Schatz heißt also Michael«, sagte sie.
Bernadettes Strahlen war zurück. »Ja. Er ist Lehrer an unserer Dorfschule. Als der alte Lehrer starb, wurde Michael von Ulm nach Münsingen versetzt. Wir begegneten uns auf dem Wochenmarkt – es war Liebe auf den ersten Blick.« Sie seufzte auf. »Jedenfalls …«, sie drehte an dem silbernen Ring an ihrem linken Ringfinger – »hat Michael letzten Herbst um meine Hand angehalten. Als Lehrer ist er selbst eine Respektsperson, und vor Vater hat er keine Angst, ist das nicht wunderbar? Seitdem bin ich die glücklichste Frau der Welt, aber wem erzähle ich das? Du weißt ja selbst, wie sich das anfühlt …« Vertraulich drückte Bernadette Mimis Hand.
Mimi biss sich auf die Lippen. Glücklich? Glücklich war sie, wenn ihr Chef Herr Semmering sie im Fotoatelier ausnahmsweise einmal an die Kamera ließ. Glücklich war sie in der Dunkelkammer, wenn ihr beim Entwickeln der Fotografien der scharfe Geruch der Chemikalien sagte, dass die Magie, die aus Silberplatten Fotografien zauberte, eingesetzt hatte. Und glücklich war sie auch, wenn sie sonntags nach dem Gottesdienst zu einer Wanderung in den Schurwald aufbrachen. In Gottes freier Natur – da spürte sie Glücksgefühle in sich aufsteigen! Aber vorhin, bei Heinrichs Antrag, hatte sie sich mit jedem seiner Worte beklommener gefühlt. Fast so beklommen wie damals, in der Falle der Wilderer …
»Im Dorf wundern sich viele, dass ich Michaels Antrag angenommen habe. Die Leute waren wohl davon überzeugt, ich würde meinen Zukünftigen nach dem Motto ›Geld heiratet Geld‹ aussuchen. Dabei hatte Vater das schon für mich übernommen …«
»Du warst schon einem anderen versprochen?« Von solchen Dramen hatte Mimi bisher nur in Romanen gelesen.
»Na ja, versprochen nicht gerade, aber gewisse Hoffnung hat man sich wohl gemacht! Im letzten Jahr war verdächtig oft ein reicher Wollhändler bei uns zu Gast. Und immer, wenn das gemeinsame Essen zu Ende war, verließen Mutter und Vater unter irgendeinem Vorwand den Raum, damit der feine Herr Ringschmied und ich allein sein konnten. Aber da haben alle die Rechnung
ohne mich gemacht! Ich heirate doch nicht einen zwanzig Jahre älteren Mann, nur weil er steinreich ist«, sagte Bernadette empört.
Mimi nickte heftig. Undenkbar! »Und wie hast du deine Eltern dann davon überzeugt, dass Michael der Richtige für dich ist?«
Bernadettes Augen waren voller Wärme und Innigkeit, als sie sagte: »Das Einzige, was zählt, ist die Liebe. Es fiel Vater nicht leicht, dies zu akzeptieren, aber mir zuliebe hat er es getan.« Sie lachte. »Seitdem ist er wie umgewandelt. Er hat zur Hochzeit das ganze Dorf eingeladen! ›Wenn meine Prinzessin heiratet, dann wird dies das Fest des Jahres!‹, sagt er immer wieder. Wein
und Bier sollen in Strömen fließen, und Lammbraten für alle wird es geben. Und ich wünsche mir einen großen Tisch mit allen möglichen Kuchen und Torten zum Dessert …« Schwärmerisch seufzte Bernadette auf. »Und danach bin ich endlich Michaels Frau. Ich kann es kaum erwarten.«
Welche Innigkeit aus Bernadettes Worten sprach, welches Glück! Bevor Mimi wusste, wie ihr geschah, schossen ihr Tränen in die Augen.
»Um Gottes willen, was ist denn? Habe ich etwas Falsches gesagt?« Entsetzt reichte die Schäfereitochter Mimi ein spitzenbesetztes Taschentuch.
Mit nassen Augen nahm Mimi es entgegen. Sie schnäuzte sich geräuschvoll, dann sagte sie: »Es liegt nicht an dir. Es ist nur so … Auch wenn ich wollte – ich kann nicht heiraten!«

Petra Durst-Benning
© Michaela Köhler

Die Autorin Petra Durst-Benning

Petra Durst-Benning wurde 1965 in Baden-Württemberg geboren. Seit über zwanzig Jahren schreibt sie historische und zeitgenössische Romane. Fast all ihre Bücher sind SPIEGEL-Bestseller und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. In Amerika ist Petra Durst-Benning ebenfalls eine gefeierte Bestsellerautorin. Sie lebt und schreibt abwechselnd im Süden Deutschlands und in Südfrankreich.

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