VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

SPECIAL zu Philip K. Dick »Blade Runner/Ubik/Marsianischer Zeitsturz«

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Leben und Werk von Philip K. Dick

Feature von Klaus Greifenstein

Anhänger der Science-Fiction-Literatur lieben die Momente, wenn Visionen ihrer Lieblingsautoren von der Realität eingeholt werden. Und doch sind sie rar. Wir reisen eben nicht durch den Hyperraum, und offiziell bestätigte Kontakte zu Außerirdischen haben auch nicht stattgefunden. Es lohnt sich deshalb, in den Randnotizen der Presse zu stöbern. Denn manchmal verstecken sich dort die Hinweise darauf, dass wir der Zukunft schon näher sind als wir glauben.

Realität und Imagination
Eine dieser weniger prominent platzierten Meldungen ist die von der japanischen Lehrerin Saya. Die Fotos des Artikels zeigen eine elegante Dame, die lächelnd vor ihrer Klasse steht. Man muss schon genau hinsehen, um ihr Geheimnis zu enthüllen. Denn Saya ist keine gewöhnliche Lehrerin, sie ist ein Roboter, erfunden von dem japanischen Techniker Hiroshi Kobayashi. Sechs unterschiedliche Gefühlsregungen kann sie ausdrücken, und ihr Testlauf war laut ihrem „Vater“ ein großer Erfolg. Die Schüler hätten sogar geweint, als sie von der Maschine gemaßregelt wurden. Vielleicht, so Kobayashi, lösen Saya und ihre Artgenossen später einmal das Problem des Arbeitskräftemangels in Japan. Lehrer mit Gummihaut, verdrahteten Augen und menschlichen Emotionen.
Hätte das Schicksal ein paar Lebensjahre mehr für ihn in petto gehabt, wie gerne hätte man Sayas Geschichte Philip K. Dick vorgelegt. Emotional begabte Androiden, die Menschen zu Tränen rühren können – genau dieser Thematik hatte er sich schon vor über 40 Jahren in seinem legendären Werk „Blade Runner“ gewidmet. Anders als für das Gros seiner Kollegen waren die typischen Science-Fiction-Ingredienzien für ihn immer nur Rahmenwerk. Dick suchte fundamentalere Themen. Er lotete in seinen Werken die Grenzen von Wahn und Wirklichkeit, Realität und Illusion aus und suchte verzweifelt nach der Antwort auf die Frage nach dem wahren Ich. Eine Frage, die ihn vom ersten Atemzug seines Lebens an nicht mehr loslassen sollte.

Wahn und Wirklichkeit
Philip Kindred Dick wurde am 16. Dezember 1928 in Chicago geboren. Sechs Wochen zu früh kamen er und seine Zwillingsschwester Jane zur Welt, die die ersten zwei Lebensmonate nicht überstand. Dieser Verlust verfolgte Dick sein ganzes Leben, beeinflusste seine psychologische Entwicklung, seine problembehafteten Beziehungen zu Frauen, fand Einzug in sein literarisches Schaffen. Immer wieder taucht die traumatische Erfahrung, die Trennung zweier zusammen gehörender Egos, in seinen Büchern auf.
Nach der Scheidung der Eltern im Jahr 1933 zieht Dick mit der Mutter nach Kalifornien. Dort, in der siebten Klasse der High School, häufen sich bei dem Jungen Anfälle extremer Höhenangst. Man schickt ihn zum Psychiater, der ihm eine furchtbare Diagnose stellt: Schizophrenie. Auch wenn spätere Arztbesuche seine Anfälle auf andere mentale Störungen zurückführen, fällt die Angst, eine gespaltene Persönlichkeit zu sein, nie wieder von ihm ab.
Von seinem 15. Lebensjahr an arbeitet Dick in einem Schallplattenladen mit TV-Werkstatt. Inhaber Herb Hollis umgibt sich gerne mit jungen, ambitionierten Künstlern und entwickelt sich für Philip zu einer Vaterfigur. Zu jener Zeit erwacht auch sein Interesse für SciFi-Groschenromane und damit die Lust, schriftstellerisch tätig zu werden. Bis 1952 bleibt er bei Hollis, repariert Fernsehgeräte, eignet sich ein fast komplettes Wissen über klassische Musik an.

Literarische Anfänge
Im Alter von 24 zieht Philip in eine Literaten-WG. Er lernt die Werke der Weltliteratur kennen, verschlingt alles von den griechischen Klassikern bis hin zu Joyces „Finnegans Wake“. Noch viel wichtiger: seine eigene Produktivität erhält einen ungeahnten Schub, 70 Kurzgeschichten entstehen in den Jahren zwischen 1952 und 1955. Anfänglich orientiert sich sein Stil noch sehr an dem der Schundheftchen, doch spätestens mit „Das Orakel vom Berge“ (1962) wird deutlich, wie sehr Dick als Schriftsteller gereift ist. Er erhält für das Buch, das von einem fiktiven Ausgang des zweiten Weltkriegs handelt, in dem Japan und Deutschland die USA unter sich aufteilen, den renommiertesten Preis der SciFi-Literatur: den Hugo Award. Die Auszeichnung lässt seine Kreativität geradezu explodieren, von 1962 bis 1968 entstehen zwei seiner grandiosesten Romane: „Nach der Bombe“ und „Blade Runner“.

Das Ende der Welt
Es ist die Zeit der Kuba-Krise, die Welt steht am Rande des Atomkriegs. Dick sagte einmal in einem Interview, er habe sich damals „fest auf das Ende der Welt eingestellt“. In „Nach der Bombe“ (1965) lässt er die Apokalypse Wirklichkeit werden. Die nukleare Katastrophe hat sich ereignet, die Menschheit ist auf den technischen Stand des 19. Jahrhunderts zurückgefallen. Pferdewagen ziehen durch die Straßen, städtisches Leben existiert nicht mehr. Einsam umkreist ein bemannter Satellit die Erde, sein Pilot Walt Dangerfield sendet Durchhalteparolen aus dem All. Im Zentrum des Romans stehen Doktor Bluthgeld, ein psychopatisches Genie, das durch seinen schieren Willen die Menschheit vernichten kann und sein Gegenspieler, der Mutant Hoppy Harrington. Ein bizarrer Kontrahent, der seine fehlenden Arme und Beine (ein Verweis auf die Contergan-Geschädigten jener Zeit) durch telekinetische Fähigkeiten mehr als kompensiert. Doch auch er, der Verkrüppelte, ist vor Allmachtsgelüsten nicht sicher und so entspinnt sich ein bizarrer Kampf, bei dem die Menschen nur verlieren können. Wären da nicht Stuart McConchie, der Mann aus der TV-Werkstatt und natürlich das Mädchen, das mit dem unsichtbaren Zwilling in ihrem Leib kommuniziert …
Trotz des apokalyptischen Szenarios durchzieht „Nach der Bombe“ eine überraschend positive Grundstimmung. In keiner Szene raubt Dick seinen Protagonisten den Lebensmut, im Gegenteil: nach einer Rückkehr zum ruralen Leben blickt man optimistisch in die Zukunft.

Der unbewohnbare Planet
Von diesem Optimismus ist den Figuren in „Blade Runner“, der 1968 erschien, nichts mehr geblieben. Die Erde ist unbewohnbar, wer die Möglichkeit dazu hat, kolonisiert fremde Planeten. Die meisten, die es noch auf Terra aushalten, sind durch toxische Strahlung schwer geschädigt. Wer es besser erwischt hat, schützt sich durch neu entwickelte Psychopharmaka vor dem psychischen Zusammenbruch. Medikamente, mit denen sich mentale Zustände wie Zuversicht oder Selbstbewusstsein problemlos einstellen lassen. Zu diesen Junkies gehört auch Prämienjäger Rick Deckard, der seinen Lebensunterhalt mit der Eliminierung aggressiver Androiden verdient. Diese Roboter, ursprünglich als Begleiter für die Menschen in den Weiten des Alls konstruiert, sind von Humanoiden äußerlich nicht mehr zu unterscheiden. Als Deckard sich wieder einmal auf den Weg macht, um eine Gruppe von sechs mordverdächtigen Androiden zu vernichten, gerät er in ein schweres Dilemma. Er lernt ein weibliches Robotermodell der neuesten Produktionsreihe kennen und sieht sich plötzlich mit verstörenden Fragen konfrontiert. Kann der Kopfgeldjäger wirklich sicher sein, dass die Wesen, die er jagt, völlig gefühllos sind? Oder sind sie dazu in der Lage zu träumen, ja gar zu lieben wie ihre menschlichen Blaupausen? Und gibt es folglich nicht guten Grund, am eigenen Ich zu zweifeln?

Paranoide Erweckung
Philip Dick weiß, wie sich Deckard fühlen muss. Der Autor ist in den frühen 70ern in einer traumatischen Lebensphase, in der er den Bezug zur Wirklichkeit völlig zu verlieren droht. Seine dritte Ehefrau hat ihn verlassen, sein Haus in Nordkalifornien ist zum Treffpunkt von Drogenabhängigen geworden. Dick ist schwer amphetaminsüchtig, experimentiert mit bewusstseinserweiternden Mitteln. Der Autor ist von der Wahnvorstellung besessen, das FBI habe ihn unter Dauerüberwachung gestellt. Er bezichtigt die Behörde, in sein Haus eingebrochen zu haben, um später zu realisieren, dass er selbst für den Vorfall verantwortlich ist.
Als man ihm im März 1974 bei einer Zahnbehandlung ein starkes Narkosemittel verabreicht, erlebt er in der Folge eine Reihe von Visionen: „Ich sah strahlende Farben, ein rosafarbenes Licht … ich wurde über die Raum-Zeit-Matrix hinaus befördert … eine Stimme sprach zu mir, dass die Welt um mich herum nur Täuschung war“. Die „Stimme“ verrät Dick auch, dass er eigentlich im antiken Römerreich lebt und sein kalifornisches Dasein nur halluziniert.

Totalüberwachung
Den Rest seines Lebens werden Dick die Erlebnisse des Jahres 1974 nicht mehr loslassen. Erlebte er wirklich die mystische Erweckung oder handelt es sich um eine fortgeschrittene Geistesstörung?
Er verarbeitet das Gefühl der lauernden Paranoia in vier Romanen. Während in der „Valis-Trilogie" die Visionen einer höheren Macht thematisiert werden, bezieht sich Dick in „Der dunkle Schirm“ auf seine Erlebnisse mit illegalen Substanzen und die Panik vor dem allmächtigen Überwachungsstaat. Der Roman erzählt vom Undercover-Agenten Fred, der in einer nahen Zukunft in die Drogenszene eingeschleust wird. Er bezieht ein Haus, wird dort unter dem Pseudonym Bob Arctor zum Gastgeber für stadtbekannte Junkies. Sein Job: die Herkunft des Stoffs aufdecken, nach dem alle Junkies verrückt sind: Substanz T.
Arctors Wohnung wird verwanzt, Überwachungskameras werden installiert, doch der verdeckte Ermittler gerät bald selbst in den Bann des gefährlichen Wirkstoffes. Schleichend und unerbittlich spaltet Substanz T seine Persönlichkeit und plötzlich geschieht es: Die Selbstwahrnehmung wird außer Kraft gesetzt. Fred beginnt, sein Alter Ego Bob für eine eigenständige Identität zu halten. Er verdächtigt, observiert sich selbst und zerbricht schließlich an den Erlebnissen. Er wird in die Obhut einer Rehabilitations-Organisation übergeben und nie erfahren, dass seine Wandlung Teil eines höheren Plans war.

Kühn und visionär
Stärker als in allen seinen Romanen schimmert hier Philip K. Dicks Biografie durch jede Zeile. Dick drängte seinen Lektor „Der dunkle Schirm“ im belletristischen Programm zu veröffentlichen, fand aber kein Gehör. So war es ihm mit allen seinen Werken – 120 Kurzgeschichten und 40 Romanen – ergangen. Niemand glaubte, dass der Mann, der am 2. März 1982 an einem Schlaganfall starb, außerhalb der SciFi-Gemeinde verstanden werden würde.
In einem parallelen Universum, in dem gewisse Genres nicht pauschal als trivial verachtet würden, wäre es ihm wohl anders ergangen, davon ist sein kongenialer Übersetzer Christian Grasser überzeugt. Er ist sicher, dass dort Dick anerkannt wäre, als das was er wirklich ist: Einer der kühnsten und visionärsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Klaus Greifenstein
München, Juni 2009