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Raj Kamal Jha »Die durchs Feuer gehen«

SPECIAL zu Raj Kamal Jha »Die durchs Feuer gehen«

"Schuld ist ein unterschätztes Gefühl"

Raj Kamal Jha über seinen Roman "Die durchs Feuer gehen"

Ihr Roman beruht auf folgenden Begebenheiten: Als Vergeltung für einen Anschlag, bei dem 59 Hindus ums Leben gekommen waren, brach am 28. Februar 2002 eine Welle der Gewalt gegen die muslimische Bevölkerung des indischen Bundesstaates Gujarat los. Über 1.000 Männer, Frauen und Kinder, mehr als 70% von ihnen Muslime, wurden ermordet. Doch ist dies nur einer von vielen blutigen Zusammenstößen in der langen konfliktreichen Geschichte religiöser Auseinandersetzungen auf dem indischen Subkontinent. Was hat sie dazu bewogen, gerade diese Massaker zum Stoff Ihres Romans zu machen?

Als im Februar und März 2002 die gewaltsamen Ausschreitungen in Gujarat tobten, befand ich mich in New Delhi. Ich saß in der Nachrichtenredaktion des Indian Express, hielt über Telefon und E-Mail Kontakt zu den Reportern vor Ort, redigierte ihre Berichte und sah mir die Aufnahmen der Fotografen an. Tag für Tag und Nacht für Nacht herrschte dieselbe Routine, bestimmt durch unseren täglichen Themenplan voll mit Übergriffen, Messerstechereien und Bränden, Zeugenaussagen und Todeszahlen.

Als Zeitung hatten wir unsere Leser ausführlicher über die Vorfälle zu unterrichten als das Fernsehen. Deshalb stellten wir zusätzlich eine Menge eigener Nachforschungen an: Wie verhielt sich die Polizei und warum griff sie nicht ein? Warum wird eine Reihe von Gesetzen auf Muslime angewendet, wohingegen für Hindus ganz andere gelten? Außerdem muss man bedenken, dass sich die Ausschreitungen nur fünf Monate nach dem 11. September ereigneten. Und seitdem, so scheint es, hat "Terror" sogar in den Wortschatz eines Neugeborenen Eingang gefunden.

Doch alles, was wir herausgefunden hatten, ließ nicht darüber hinweg sehen, dass es noch zahllose offene Fragen gab: Was zum Beispiel ging in den Köpfen der Leute vor? Wie lebt jemand mit seiner Schuld? Wie kann es geschehen, dass Hass von einem Augenblick auf den anderen so übermächtig groß wird? Was ging in den Opfern vor, als sie voll Furcht auf die Dunkelheit warteten?

Es waren tausend Menschen getötet worden, und wenn auf jeden von uns wenigstens zehn Menschen kämen, deren Leben sich bis zu unserem Tod für immer verändert hätte, gäbe es davon schon zehntausend.

In diesem Puzzle mussten noch unzählige Teile fehlen. Also versuchten wir, den Fragen in immer neuen Artikeln nachzugehen - aber es war jedes Mal, als habe man eine Leerstelle gefüllt und etliche neue Lücken klafften dafür auf.

Dann besuchte ich Ahmedabad, wo die meisten Gewalttaten stattgefunden hatten. Ich nahm ein Taxi und begab mich wie ein Katastrophen-Tourist auf Sightseeing-Tour an die Orte der Massaker. So fand ich mich eines Nachmittags im Hof eines Appartment-Komplexes, wo ich in den verkohlten Trümmern auf das Übungsbuch eines Kindes stieß. Es hieß "Learning to Communicate" und enthielt ein Gedicht über ein Kind, über Rauch und die übervölkerte Stadt und eine Geschichte über einen Blindenhund, der seinen Herrn vor einem Feuer rettet. Es war verstörend. Gerade so, als hätte jemand das Buch erst nach dem Massaker verfasst und diese Kapitel eingeschoben, um ihm eine besondere Bedeutung zu verleihen. Und danach hätte er es in diesem Hof fallen lassen.

Ich kehrte nach New Delhi zurück, schrieb einen Artikel für meine Zeitung und wusste, dass diese Geschichte eines jener zahllosen winzigen Puzzleteile darstellte, nach denen ich gesucht hatte. Sie umfasste nur 1.200 Worte, aber als ich damit fertig war, kam ich einfach nicht mehr von ihr los. Ich musste sie bis zum Ende weiterverfolgen - und auf diese Weise entstand der Roman. Natürlich ist auch er in vielerlei Hinsicht unvollständig, dennoch glaube ich, dass er zu jenen fehlenden Bruchstücken zählt.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass die damals in Gujarat verantwortliche Regierungspartei BJP sieben Monate nach den Massakern mit überwältigender Mehrheit auf Bundesebene wiedergewählt wurde. Bei den Wahlen zwei Jahre darauf habe sie jedoch eine Niederlage erlitten. Deuten Sie damit an, dass die Bevölkerung die Racheakte zunächst begrüßt, sich später im Zuge der Aufklärung und Prozesse jedoch kritisch davon distanziert hat?

Ich wünschte, es wäre so einfach. Ein Wahlergebnis in Indien zu analysieren, ist unglaublich kompliziert - es gibt hier mehr als 50 etablierte Parteien und über 600 Millionen Wähler. Das ist so ähnlich wie in der Geschichte mit den sechs blinden Männern, die versuchen, einen Elefanten zu beschreiben. Unterschiedliche Gruppierungen interpretieren die Ergebnisse jeweils so, dass sie scheinbar ihre eigenen Hypothesen bestätigen.

Viele in der Regierung nehmen an, die BJP habe verloren, weil die Armen gegen die Reichen votiert hätten (allerdings existieren Zahlen, die dem widersprechen), einige dagegen meinen, entscheidend für das Wahlergebnis sei allein die Arithmetik gewesen. Andere wiederum behaupten, nach den Massakern von Gujarat hätten sich die Muslime zusammengetan, um mit ihrer Wahlstimme die BJP zu bekämpfen.

Ermutigend ist jedenfalls, dass sich die Gewalttaten nicht über Gujarat hinaus ausgebreitet haben. Meiner Meinung nach waren alle, sogar die Mörder, des Tötens einfach überdrüssig geworden.

Sie haben in den USA Journalismus studiert und arbeiten seit 1996 bei der zweitgrößten englischsprachigen Tageszeitung Indiens, dem Indian Express. Was ist dort gegenwärtig Ihre Position?

Seit 2001 bin ich leitender Redakteur.

Einige Fakten, auf denen Ihr Roman beruht, wurden von Ihren Kollegen beim Indian Express aufgedeckt. Hatte die indische Presse eine Schlüsselstellung bei der Aufklärung der Gewalttaten?

Ja, sowohl die Presse als auch das Fernsehen spielten zusammen mit den Bürgerrechtsorganisationen eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung der Öffentlichkeit. Im Gegenzug wurden dadurch auch Institutionen wie der oberste Gerichtshof und die Wahlkommission zum Handeln veranlasst.

Wie ist die aktuelle Lage in Gujarat? Gibt es nach wie vor starke Spannungen zwischen Hindus und Muslimen, die erneut zum Ausbruch kommen könnten?

Ja, es gibt Spannungen. Und, wie bei allem, was sich so dicht unter der Oberfläche verbirgt, genügt schon ein kleiner Funke oder ein kritischer Moment, um zur Explosion zu führen. Zum Glück scheint die Regierung aus den Unruhen gelernt zu haben. Gujarat ist übrigens einer der reichsten Staaten Indiens, die Wachstumsrate liegt hier über der nationalen Wachstumsrate und ist vergleichbar mit der in China. Diejenigen, die an der Macht sind, wissen, dass sie sich keine weiteren Gewaltausbrüche mehr leisten können. Es ist zu hoffen, dass vor allem dies dazu beiträgt, die Lage zu entschärfen.

Allerdings ist erst kürzlich eine Verbindung zwischen den Äußerungen einiger Verhafteter und Terroranschlägen in ganz Indien zu Tage getreten, die vermuten lässt, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Anschlägen und den Ausschreitungen in Gujarat besteht. Es sieht so aus, als hätte man die Angst und Unsicherheit unter den Muslimen benutzt, um junge Männer als Terroristen zu rekrutieren. Zwar existieren dafür noch keine stichhaltigen Beweise, aber plötzlich gibt es immer mehr Fälle im ganzen Land, die diese These untermauern.

Mr. Jay ist der Protagonist ihres neuen Romans. Seine Frau bringt in der Nacht der Unruhen einen Sohn zur Welt, der auf schreckliche Weise entstellt ist und kaum an ein menschliches Wesen erinnert. Trotzdem nimmt Mr. Jay ihn ohne Zögern und Zweifel als sein eigen Fleisch und Blut an. Was bewirkt diese bedingungslose Liebe in ihm?

Mr. Jay und sein Baby sind beinahe so etwas wie Metaphern für uns alle, die wir derartige elementare Ausbrüche von Hass und Gewalt beobachten und versuchen, sie uns zu erklären, einen Sinn darin zu erkennen und ihren Ursachen und Folgen nachzugehen.

Die Wirkung des missgebildeten Babys auf Mr. Jay - da er nun einmal glaubt, es handele sich um sein eigenes - soll zeigen, dass selbst in den düstersten Winkeln von Furcht und Hass immer ein bisschen Liebe schlummert. Und sei sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt und verborgen. Aber sie existiert, und ich denke, es ist die Liebe, die das Schuldbewusstsein nährt und erhält und die dadurch zu gegenseitigem Verständnis und Toleranz führen kann.

Als Mr. Jay Hilfe für seinen behinderten Sohn sucht, begibt er sich auf eine Odyssee durch ein Totenreich. Er begegnet Geistern, sieht Leichen vom Himmel regnen und wird in einer Geisterstadt zu einer spektakulären Theaterinszenierung geladen. Braucht es erst die Toten, um uns auf das aufmerksam zu machen, was im Leben direkt vor unseren Augen geschieht?

Was ich bei meiner Arbeit als Zeitungsredakteur Nacht für Nacht vor allem mitbekomme, sind Geschichten, die nicht geschrieben oder nicht veröffentlicht werden. Man stelle sich einmal vor, wie viele Berichte wir gehabt hätten, wenn jedes Opfer von Gewalt die Möglichkeit erhalten hätte, seine Erlebnisse zu erzählen! Deshalb kam mir die Idee, die Toten in meinem Roman zunächst flüsternd zu Wort kommen zu lassen und ihnen im weiteren Verlauf eine Schlüsselstellung einzuräumen. Außerdem konnte ich mir so ganz eigennützig die Freiheit herausnehmen, Orte aufzusuchen, an die ich sonst nie gelangt wäre.

Schuld und Sühne sind zentrale Themen Ihres Romans. Sie zeigen, dass jeder Einzelne bereit sein muss, Schuld auf sich zu nehmen, aber auch, wie Überlebende ihrer schrecklichen Vergangenheit begegnen können. Was muss geschehen, damit der Kreislauf der Vergeltungsschläge durchbrochen und eine friedvolle Zukunft möglich wird?

Ich sehe mich außer Stande, darauf zu antworten, denn ich weiß es einfach nicht. Alles was ich dazu sagen kann ist, dass Schuld ein unterschätztes Gefühl ist. Schuld beruht auf Wahrhaftigkeit, auf dem Bewusstsein, etwas Falsches zu tun, auf dem naturgegebenen, in uns verwurzelten Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Sie beruht auch auf unserem tief sitzenden Wunsch, uns zum Besseren hin zu entwickeln und als gute Menschen wahrgenommen zu werden. Schuld kann heilsam wirken.

Neben den offiziellen Amtssprachen Hindi und Englisch gibt es in Indien 21 anerkannte Nationalsprachen. Was ist Ihre Muttersprache und was hat Sie veranlasst, Ihre Bücher auf Englisch zu schreiben?

Meine Muttersprache ist Maithili, im Alltag spreche ich sowohl bei der Arbeit als auch privat Hindi und Bengalisch, auf Englisch dagegen schreibe ich. Ständig von einer Sprache auf die andere umzuschalten, ist für mich überlebensnotwendig. Und seitdem Englisch die Sprache ist, mit der ich mich beim Schreiben am wohlsten fühle, hat es sich ganz von selbst ergeben, dass ich meine Bücher auf Englisch schreibe.

Besteht in Indien Konkurrenz zwischen Schriftstellern, die ihre Bücher auf Englisch verfassen und denen, die in einer der anderen Landessprachen schreiben? Immerhin lässt sich englischsprachige Literatur bedeutend leichter ins Ausland vermitteln und wird daher international stärker wahrgenommen.

Ich glaube nicht, dass es eine Konkurrenz im eigentlichen Sinne gibt. Es gibt in Indien eine beachtliche Fülle an Literatur, und oft sind die Texte in den regionalen indischen Sprachen ausdrucksstärker als die auf Englisch.

Indien ist im Jahr 2006 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Welche Hoffnungen verbinden sich damit für indische Schriftsteller?

Indien gilt, genau wie China, auf der ganzen Welt als boomende Wirtschaftsregion. Alle Gespräche und Diskussionen drehen sich um wirtschaftliche Chancen und den Dienstleistungssektor. Ich hoffe, dass die Buchmesse dazu beitragen wird, die Welt auf eine andere Seite Indiens aufmerksam zu machen: seine spannende Welt der Ideen und Geschichten. Und zu zeigen, dass das Bruttosozialprodukt nicht das einzige ist, woraus eine Nation besteht.

Am Ende Ihres Romans merken Sie kritisch an, dass die staatlichen Sicherheitskräfte sich bei den Massakern passiv verhielten und dass von 2.037 Gerichtsverfahren alle bis auf fünf aus "Mangel an Beweisen" eingestellt wurden. Ist zu erwarten, dass Ihr Buch bei der Veröffentlichung in Indien erneut Diskussionen über die Gewalttätigkeiten in Gujarat auslösen wird?

Über die Massaker in Gujarat gibt es bereits viele Diskussionen auf politischer und soziologischer Ebene. Literatur kann und wird die Welt nicht verbessern. Was sie jedoch vermag ist, die Wahrnehmung zu schärfen und etwas in den Köpfen anzustoßen. Ich hoffe, dass mein Buch das bewirkt.

Das Interview führte Elke Kreil, 25.09.2006