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SPECIAL zu Rebecca Stott »Und Blut soll dich verfolgen«

Die Geister der Wahrheit

Rezension von Bianca Reineke

Isaac Newton (Godfrey Kneller, 1702)

Für die Wissenschaft müssen Opfer gebracht werden. Wer als genialer Forscher gefeiert werden möchte, muss sich manchmal entscheiden, was er aufgeben will: seine Freizeit, seine Nachtruhe, sein gutes Einkommen – im Extremfall sogar seine Integrität. Bedingungslose Hingabe an ein Forschungsfeld hat im Laufe der Jahrhunderte schon so manchen brillanten Wissenschaftler zum wunderlichen Einsiedler gemacht. Doch was wäre die Welt ohne die Geistesblitze jener Gelehrten, denen die Menschheit revolutionär neue Einsichten und bahnbrechende Erfindungen verdankt?

Ein faszinierendes Debüt
Isaac Newton ist geradezu der Inbegriff des genialen Wissenschaftlers, der in vielen Disziplinen brillierte. Seine überragenden Leistungen auf den Gebieten der Mechanik, Optik, Physik und Mathematik markieren Meilensteine der Forschungsgeschichte. Doch über den Privatmenschen Newton, sein Leben und seine persönliche Geschichte, ist nur wenig bekannt. Zu groß war der Respekt seiner Biographen, die stets bemüht waren, den großen Gelehrten einzig unter dem Aspekt seiner wissenschaftlichen Arbeit zu würdigen.

Der neue Shootingstar der anspruchsvollen Literatur, die 43jährige Professorin für Englische Literatur, Rebecca Stott, hat sich dieser schwierigen Materie angenommen und mit "Und Blut soll dich verfolgen" einen fulminanten Roman vorgelegt, der Geschichte neu schreibt und Geschichte schreiben wird.

Fakten und Fiktion
Ungeheuer geschickt und wunderbar gewandt füllt die Autorin, die neben ihrer Lehrtätigkeit an der Anglia Ruskin University Scholar am Cambridge History and Philosophy of Science Department ist, sämtliche Lücken in Newtons Biographie. Dabei mischt sie genau recherchierte Fakten mit verblüffend logisch erscheinenden fiktiven Geschichten, die genau so hätten passiert sein können.

Doch dieses großartige Debüt ist noch viel mehr: Rebecca Stott verbindet ihre außergewöhnlich faszinierende Suche nach Isaac Newtons wahrer Vergangenheit mit einer hoch spannenden Kriminalhandlung im Cambridge der Gegenwart. Newtons Wirkungsstätte und seine Alma Mater, das Trinity College, die den großen Wissenschaftler noch heute feiern und den berühmten Sohn der Stadt in allen Ehren halten, bilden den Hintergrund für einen faszinierenden Plot und einen Handlungsstrang, der sich über vier Jahrhunderte spannt und auf geschickte Weise Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwebt.

Mysteriöse Todesfälle
Ausgangspunkt von "Und Blut soll dich verfolgen" ist der mysteriöse Tod der Wissenschaftlerin Elizabeth Vogelsang, deren unermüdliche Forschungsarbeit dem Leben und Wirken Isaac Newtons galt und die ein beinahe vollendetes Werk zurücklässt. Elizabeths Sohn, der namhafte Neurologe Cameron Brown, bittet seine ehemalige Geliebte Lydia Brooke, das Oeuvre seiner Mutter zu Ende zu führen.

Lydia, die ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin verdient, kehrt nur zögerlich zurück in ihr geliebtes Cambridge und beginnt zunächst beinahe widerwillig mit der Einarbeitung in Elizabeths Werk. Doch die Fakten, auf die sie stößt, fesseln sie so sehr, dass sie schon bald tief in der Vergangenheit versinkt. Denn Elizabeth Vogelsang hatte mit der ihr eigenen unerschütterlichen Hartnäckigkeit Begebenheiten im Leben des berühmten Wissenschaftlers aufgedeckt, die nicht nur die Stadt Cambridge und das Trinity College lieber gemeinsam mit den Gebeinen des Forschers begraben sähen, spielen doch ungeklärte Todesfälle dabei eine tragende Rolle.

Geister der Vergangenheit
Während sich immer neue und verstörende Fakten über Newton offenbaren und Lydia und der verheiratete Cameron heimlich ihre Romanze wieder aufleben lassen, zieht eine militante Tierschützerorganisation durch Cambridge und tötet die Haustiere jener Forscher, die Tierversuche durchführen.

Als Lydia Elizabeths Katze brutal verstümmelt auffindet und sie entdeckt, dass ihre Beinahe-Schwiegermutter Kontakt zu einem Medium hatte, überschlagen sich die Ereignisse. Lydia, die sich mehr als je zuvor zu dem pragmatischen und doch so feinfühligen Cameron hingezogen fühlt, verliert in ihrer Hingabe beinahe den Blick für die Realität. Als heimliche Geliebte taucht sie ein in die rosarote Welt der verbotenen Sehnsüchte und Träume und kann kaum noch Wahrheit und Schein voneinander unterscheiden. Sie fühlt sich verfolgt von einem alten weißhaarigen Mann, der eine rote College-Robe trägt und in dem die verstörte Lydia Isaac Newton vermutet, und es will ihr nicht gelingen, dieses Trugbild abzuschütteln.

Doch dann stößt Lydia auf das letzte Kapitel in Elizabeths Manuskript und erkennt schlagartig, dass die Menschen in ihrer Umgebung nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Und das gilt nicht nur für Cameron Brown, den hingebungsvollen Geliebten und brillanten Forscher und für Elizabeths Putzfrau und Geistesverwandte, die junge Doktorandin Will. In den akribisch recherchierten Aufzeichnungen von Camerons Mutter wird eine grauenhafte Wahrheit über Isaac Newton offenbar, die das Potential besitzt, alle, die darüber Bescheid wissen, in den Tod zu reißen …

Kriminalliteratur voller Poesie
Rebecca Stott, die ihre Kindheit und Jugend isoliert in einer christlich-fundamentalistischen Sekte verbrachte, aus der sie erst als 19-Jährige ausbrechen konnte, vollbringt in ihrem Erstlingswerk eine wahre Meisterleistung. In einer für das Genre außergewöhnlich poetischen und bildreichen Sprache beschreibt sie die verworrenen Gefühlskämpfe einer hoch gebildeten Frau, spannt den Handlungsbogen ungelöster Kriminalfälle über zwei Zeitebenen und fängt ganz nebenbei die idyllische Schönheit der alten, ehrwürdigen Universitätsstadt Cambridge ein.

Die erstaunlichen Begebenheiten im Leben des Isaac Newton bilden eine überraschend stimmige Grundlage für Rebecca Stotts ureigene Theorie, die sie mit Nachdruck verfolgt. Die Art und Weise, wie sie dabei mit historischen Quellen umgeht, Lücken füllt und Widersprüche plausibel erklärt, zeigt die ungewöhnliche Doppelbegabung dieser Frau als Gelehrte und Schriftstellerin.

Das Fundament einer Karriere
Dass Isaac Newton seine brillante Karriere neben seinem Genie auch einer Reihe von Zufällen und erstaunlich vielen ungeklärten Todesfällen im düsteren Cambridge des 17ten Jahrhunderts verdankt, ist ein Fakt. Doch die ersonnene Aufschlüsselung der historischen Fakten, die wunderbar stimmigen und erschreckend nachvollziehbaren Gründe für diese Taten, lassen den Leser geschockt verstummen. Am Ende steht die Frage, zu welchem Preis ein Genie gefördert werden darf. Und: Welche Opfer dürfen für die hehren Ziele des wissenschaftlichen Fortschritts eingefordert werden?

Diese Frage lässt Rebecca Stott unbeantwortet, und so bleibt der Leser ebenso wie Lydia Brooke mit der bitteren Erkenntnis zurück, dass es immer Menschen geben wird, die ihre eigene Antwort darauf finden und im Dienst der Wissenschaft alle Skrupel beiseite schieben.

Bianca Reineke
Cuxhaven, September 2007