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SPECIAL zu Richard Overy »Die letzten 10 Tage«

Krieg ohne Drehbuch

Die letzten zehn Tage von Richard Overy
Rezension von Roland Große Holtforth

War der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wirklich schicksalhaft? Was bewegte Politiker und Diplomaten in Berlin, London und Paris unmittelbar vor der Katastrophe? Das sind die Fragen, denen Richard Overy in seiner packenden Detailstudie auf den Grund geht. Stunde um Stunde, Tag für Tag, nähert er sich dem 3. September 1939, dem Datum also, an dem England und Frankreich offiziell in den Krieg eintraten.

Kein Schicksal
Das politische und ökonomische Gefüge Europas war nach dem Ersten Weltkrieg alles andere als stabil. Die Entwicklung vom Versailler Vertrag über die Weltwirtschaftskrise und Hitlers Machtergreifung bis zur erneuten Katastrophe des Krieges erscheint daher vielen Betrachtern als zwangsläufig. Nicht so Richard Overy. Seine Rekonstruktion der Ereignisse am Vorabend des Zweiten Weltkriegs belegt eindrucksvoll die Überzeugung des Autors, „dass nichts in der Geschichte unausweichlich ist.“

Stolzes Polen
Doch: Wahrscheinlich war dieser Krieg durchaus. Und auch dass sich der Konflikt am Status Polens entzündete, überrascht den Historiker nicht. So konnte das Deutsche Reich die Unabhängigkeit Polens und insbesondere den Status Danzigs als „Freier Stadt“ unter Aufsicht des Völkerbundes nie akzeptieren. Gleichzeitig wies Polen alle Ansinnen Deutschlands, an diesem Status quo etwas zu ändern, entschieden zurück und beharrte mit dem Selbstbewusstsein einer stolzen Nation auf seiner Unabhängigkeit. Als Polen dann mit England und Frankreich ein Verteidigungsbündnis schloss, waren die „Fronten für den Krieg abgesteckt“: Wenn Hitler Polen angriff, musste er mit einer Reaktion der westlichen Verbündeten seines Nachbarn rechnen.

Fatale Fehleinschätzungen
Und genau hier werden die Dinge kompliziert, denn die Unwägbarkeiten von Kommunikation und Psychologie kommen ins Spiel. Es lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beweisen, doch legen die Quellen den Eindruck nahe: Hitler wollte 1939 keinen Weltkrieg, sondern einen begrenzten Konflikt zur Lösung „der polnischen Frage“. Obwohl man ihm weder diplomatisches Geschick noch militärische Weitsicht nachsagen kann, so ist doch offensichtlich, dass der Führer das Risiko eines Zwei-Fronten-Krieges kannte und eigentlich nicht, oder zumindest noch nicht eingehen wollte. Aber warum wich er Ende August 1939 nicht von seinem Kurs ab? Overys Antwort verblüfft: Trotz immer eindeutigerer Noten aus Paris und vor allem London mit der Aussage, dass man seine Verpflichtungen gegenüber Polen in jedem Fall wahrnehmen werde, wollte Hitler daran einfach nicht glauben. Er rechnete allenfalls mit einem „Kartoffelkrieg“, also einer Blockade Deutschlands. Und auch England und Frankreich hielten wider alle Fakten daran fest, dass Hitler letztlich nicht aufs Ganze gehen werde. Das Wunschdenken nahm mitunter groteske Formen an: „Beide Seiten stürzten sich auf jeden Hinweis in den Berichten ihrer Geheimdienste, der die Hoffnung nährte, die jeweils andere Seite werde im letzten Moment nachgeben.“ Je mehr die Erschöpfung von allen Protagonisten der Krise Besitz ergriff, desto fester klammerten sie sich an ihre jeweiligen Chimären. Insbesondere die letzten, wichtigsten Entscheidungen innerhalb dieser zehn Tage waren so nicht zuletzt auch das Resultat von Stress und Irrationalität.

Demokratie vs. Diktatur
Dass die Regierungschefs Daladier und Chamberlain von ihrer Fehlbeurteilung der Lage nicht abgingen, hatte aber auch einen anderen Grund: Sie wollten diesen Krieg einfach nicht, betrachteten es lange Zeit als persönliche Niederlage, sollten sie keinen anderen Ausweg finden. Anders Hitler: Ihm ging es in diesen zehn Tagen nie darum, den Krieg zu verhindern, er wollte ihn lediglich begrenzen und kontrollieren. Und noch etwas komplizierte die Lage für England und Frankreich: ihre demokratische Grundordnung. Mal klappte in England die Abstimmung zwischen den Ministerien nicht, dann herrschte in Frankreich Ungewissheit darüber, welches genaue Vorgehen die Verfassung für den Kriegsfall erfordere. Und schließlich sorgten einzelne Diplomaten für Verwirrung, die – zum Teil ohne Auftrag ihrer Regierungen – bis zum Schluss daran arbeiteten, Hitler zum Einlenken zu bewegen. Der oberste deutsche Feldherr dagegen, „der nach Belieben den Krieg absagen und wieder befehlen konnte“, traf letztlich alle Entscheidungen allein.

Wiederholte Geschichte
Seit Ende des Ersten Weltkriegs wurde in Europa unzählige Male beschworen, zu solch gravierenden politischen und diplomatischen Pannen wie 1914 dürfe es keinesfalls erneut kommen. Doch auch wenn 1939 – anders als 1914 – in keinem der beteiligten Länder wirklich Kriegsbegeisterung aufkam, kann man zumindest im Hinblick auf die Genese dieses Krieges durchaus von einer Wiederholung der Geschichte sprechen: „Das Drehbuch der letzten Krise [von 1939] war nicht durchweg im Voraus geschrieben. Wie 1914 stritten, lavierten und täuschten die Protagonisten. Wie 1914 taten sie dies nur halb informiert, in absichtsvoller Klugheit und blinder Überzeugung.“ Bleibt die Hoffnung, dass sich das politische Krisenmanagement in den letzten 70 Jahren weiterentwickelt hat.

Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, Juli 2009

Die letzten zehn Tage Blick ins Buch

Richard Overy

Die letzten zehn Tage

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