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Richard Stengel »Mandelas Weg«

SPECIAL zu Richard Stengel »Mandelas Weg«

Von einer Legende lernen

Von Klaus Greifenstein

Von 1993 bis 1995 war Richard Stengel, Redakteur des renommierten TIME-Magazine, ständiger Wegbegleiter von Nelson Mandela. Als Co-Autor verfasste er in dieser Zeit Mandelas Biografie „Der lange Weg zur Freiheit“ und lernte eine der größten politischen Führungsfiguren des vergangenen Jahrhunderts in allen Facetten kennen.
In seinem neuen Buch - „Mandelas Weg“ - präsentiert uns Stengel die Essenz aus den unzähligen Stunden, die er mit dem Friedensnobelpreisträger verbringen durfte. Er führt uns an wichtige Stationen in Mandelas Vita und bringt uns dabei die Lebensregeln näher, die den unermüdlichen Kämpfer gegen die Apartheid geprägt haben.


Den Gegner studieren
Eines Tages wird er mit den Weißen verhandeln oder sie bekämpfen. Egal, wie es kommen würde, er musste seinen Widerpart besser kennen lernen. Schon in den 60er Jahren ist Nelson Mandela sich dieser Notwendigkeit bewusst, und obwohl ihn seine Kameraden im Afrikanischen Nationalkongress (ANC) dafür verhöhnten, lernt er Afrikaans, die Sprache der Weißen, die Sprache der Apartheid. Er studiert auch die Geschichte des Gegners und entdeckt eine nicht für möglich gehaltene Gemeinsamkeit: nicht nur die schwarzen Südafrikaner leiden unter Vorurteilen. Auch die weißen Bewohner des Landes waren in der Geschichte erniedrigt worden, unterdrückt von der britischen Kolonialmacht.
Und so spricht er während seiner fast 28-jährigen Haft Afrikaans mit den Gefängniswärtern, hilft ihnen als ausgebildeter Rechtsanwalt mit juristischen Formalitäten. Sie, weit weniger gebildet als er, nehmen die Hilfe an. Er hat die Schwächen des Gegners erkannt und das wird eine gute Verhandlungsbasis für die Zukunft sein.

Die Kunst der Führung
Kein Einlenken mit der Apartheid-Regierung - der bewaffnete Widerstand wird das Regime in die Knie zwingen. Dieser Grundsatz des ANC war in Stein gemeißelt, Alternativen waren undenkbar. Ein Führer der Widerstandsbewegung, der sich nicht an dieses Prinzip hielt, hätte seine Reputation verspielt. Man kann sich die Reaktion des ANC vorstellen, als Mandela 1985 die Maxime über Bord wirft und eigenmächtig Gespräche mit Präsident Botha aufnimmt. Er geht damit ein enormes Risiko ein, erweckt er doch nach 75 Jahren des bewaffneten Widerstands den Eindruck, vor den Unterdrückern in die Knie zu gehen.
In diesem Moment zeigt sich Mandelas großes taktisches Geschick. Seine Entscheidung, auf die Regierung zuzugehen, trifft er alleine. Doch er macht seinen Mitstreitern in vielen intensiven Unterredungen klar, dass alle weiteren Schritte nur gemeinsam unternommen werden können. Dieser Führungsstil setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die in die ersten demokratischen Wahlen Südafrikas münden.
Ein wahrer Anführer fällt Entscheidungen und trägt die Verantwortung dafür. Er gibt den Weg vor, lässt aber seine Leute nie zurück. Oder um es mit den Worten von Cyril Ramphosa, dem früheren Generalsekretär des ANC auszudrücken: „Er ist voraus gegangen, er hat für uns den Brückenkopf errichtet, damit wir sicher weiter marschieren konnten.“
Führung aus der ersten Reihe war allerdings nur ein taktisches Mittel, dessen sich Mandela bediente. Stengel erinnert sich an unzählige Treffen mit führenden ANC-Mitgliedern, in denen Mandelas Entscheidungen kritisiert oder in Frage gestellt wurden. Geduldig hörte sich Mandela ihre Ansichten an, ließ sie ihre Meinungen von der Seele reden. Doch im entscheidenden Moment lenkte er sie subtil in seine Richtung. „Es ist klug, die Menschen zu etwas überreden und ihnen dabei das Gefühl zu geben, es sei ihre eigene Idee gewesen.“

Eine Lektion über den Mut
Wir schreiben das Jahr 1994, der Wahlkampf um die Präsidentschaft in Südafrika ist in vollem Gange. Stengel erwartet die Ankunft einer winzigen Propellermaschine auf einem Flughafen in der Provinz Natal. An Bord ist auch Nelson Mandela, der vor seinen Zulu-Anhängern eine Rede halten soll. 20 Minuten vor der Landung geschieht es: ein Propeller der Maschine versagt, erst im letzten Moment gelingt es dem Piloten, das Flugzeug sicher zu landen.
Die anderen Fluggäste berichten nach dem Ausstieg, allein Mandelas Anblick habe ihnen Ruhe und Zuversicht geschenkt. Als an Bord die Panik ausgebrochen sei, habe der Präsidentschaftskandidat einfach seelenruhig in seiner Zeitung geblättert. Als Stengel Mandela auf den Vorfall anspricht, kommt eine völlig überraschende Replik: „Mein Gott, ich hatte vielleicht eine Angst da oben!“
Natürlich weiß Nelson Mandela nur zu gut, was es bedeutet, Angst zu haben. Während seiner Zeit im Untergrund ist sie ihm eine ständige Begleiterin, er verspürt sie während des Urteilsspruchs, der ihm lebenslängliche Haft einbrachte und natürlich als Gefangener auf Robben Island. Es wäre unmenschlich gewesen in diesen Situationen furchtlos zu sein. Und doch lernt er in diesen Momenten eine Lektion: Zeige den Menschen deine Angst nicht. Tu so, als seist du mutig und du bist es bereits.

Das Studium des Gegners, das Besiegen der Angst, die Winkelzüge, die eine Führungsperson beherrschen muss – das sind natürlich nur einige der Regeln, die Nelson Mandelas Lebensweg bestimmt haben. Wer Stengels Buch aufmerksam liest, erfährt noch viel mehr. Über den Umgang mit Rivalen, die Kunst, nein zu sagen oder die Kraft, die aus der Liebe zu den Menschen erwächst. Prinzipien, von denen wir alle lernen können, auch wenn für die meisten von uns kein Platz in den Geschichtsbüchern reserviert ist.

Klaus Greifenstein
München, Februar 2010