Die Geschichte einer anständigen Familie



Maria wächst in den Gassen der Altstadt von Bari heran – in einer rauen Welt, die in den Achtzigerjahren noch geprägt ist von Traditionen und den strengen Regeln innerhalb der Familie. Aber Maria hat einen unbändigen Freiheitswillen, und sie lehnt sich auf: gegen den tyrannischen Vater, den groben Bruder, die Rolle als folgsames Mädchen. Ihr einziger Verbündeter ist Michele, Sohn einer verhassten Familie in der Stadt und Außenseiter wie sie. Doch durch ein tragisches Ereignis werden die beiden gezwungen, getrennte Wege zu gehen. Bis sie sich einige Jahre später wiedersehen – und Maria einen kühnen Entschluss fasst ...

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Leseprobe

Wenn mich das Heimweh überkommt, denke ich einfach an meinen Vater an jenem Maiabend vor ein paar Jah­ren zurück. An sein sonnengegerbtes, verhärmtes Gesicht, an seinen dünnen Schnurrbart in der Farbe von Kauta­bak, an seinen Mund, der mit der Zeit schmal wurde wie eine Messerklinge, und an die schief sitzende Fischer­mütze auf seinem Kopf. Daran, wie er sich über den Bug seines Boots beugte und konzentriert seine Netze ord­nete, bevor er aufs Meer hinausfuhr. Er verlor kein Wort, drehte sich nur manchmal zu mir um. Die Winkel sei­nes Munds zeigten wissend und resigniert nach unten, wie man es manchmal bei Menschen in einem gewissen Alter sieht. Viel geredet hatte er noch nie. Er spuckte die Worte verächtlich aus, als wären sie vergiftet, um sie dann er­neut zu verschlucken. Das Boot roch nach frischer Farbe, und der in einem leuchtenden Blau aufgemalte Name stach besonders ins Auge. Das Boot hieß Ciao Charlie, wie der Film mit Tony Curtis, dem mein Vater angeb­lich sehr ähnlich sah. Das Fest zu Ehren des Schutzhei­ligen San Nicola lag nur wenige Tage zurück, und alle im Hafen liegenden Boote waren noch mit Wimpeln, rot­blauen Girlanden und Lampions versehen, die zusammen mit den Heiligenstatuen den Bug schmückten. Ich mus­terte ihn stumm. Enttäuscht. Eine Hand entwirrte sorgfältig das Netz, während die andere eine Zigarette hielt. Von ihrem Ende fiel Asche zu Boden, mehrmals wurde sie vom Meereswind aufgewirbelt, bevor sie zu seinen Füßen landete. Ich vergaß das Gerede der auf der Mole zusammensitzenden und Lupinensamen essenden Frauen genauso wie das ordinäre Geschrei des polparo, der Tin­tenfisch und Bier aus seinem Auto verkaufte. Ich sah nur noch seine zerfurchten Hände, die Kälte in seinen hel­len Augen, und spürte, wie sehr meine Gefühle, die ich für ihn hegte, auf mir lasteten. Denn einen wie Antonio De Santis kann man zwar hassen und immer wieder ver­gessen wollen, doch am Ende muss man sich eingestehen, dass er ein Teil von einem ist.


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Rosa Ventrella
© privat

Rosa Ventrella

Rosa Ventrella ist im Hauptberuf Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in Cremona; sie stammt ursprünglich aus Bari und ist dort in den Achtzigerjahren aufgewachsen wie die Protagonistin ihres Romans »Die Geschichte einer anständigen Familie«. Eine Fortsetzung dieses Romans sowie weitere Romane der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung.

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