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SPECIAL zu Rose Melikan »Miss Mary und das geheime Dokument«

Stolz, Vorurteil und Spionage

Rezension von Bianca Reineke

Vierspännige Kutschen mit wunderschönen Pferden, stattliche Männer in schneidigen Uniformen und mit erlesenen Umgangsformen, elegante Damen, die nichts anderes kennen als ihre kleine, aber noble Welt, der sie – wenn überhaupt – höchstens in ihren geheimsten Träumen zu entfliehen suchen … Wer sich diese Zutaten für sein nächstes Leseabenteuer wünscht, trifft mit „Miss Mary und das geheime Dokument“ die richtige Wahl.

Jane Austen trifft John Le Carré
Und er bekommt noch weit mehr als diese fein abgestimmte Kulisse verspricht. Es ist als ob sich die feingeistig schreibende Grande Dame der Regency Periode, Jane Austen, mit dem Meisterspion und Autor unserer Zeit John Le Carre zusammengetan hätte. Das Resultat: eine ebenso glanzvolle wie brisant-spannende Mischung, die den Leser Seite um Seite in ihren Bann schlägt.

Die US-Amerikanerin Rose Melikan, die am St. Catharine College in Cambridge lehrt, ist Expertin für die Geschichte Großbritanniens im 18. und 19. Jahrhundert und legt mit ihrem Erstlingswerk „Miss Mary und das geheime Dokument“ ein fulminantes Debüt vor, das den Leser genau dorthin entführt, wo sich die Autorin am besten auskennt. Die Handlung spielt in England, und man schreibt das Jahr 1795. Rose Melikan gelingt es ganz wunderbar den Geist und die Atmosphäre jener Zeit einzufangen und gleichzeitig die Figuren des Romans so zu gestalten, dass wir Menschen des Informations- und Technikzeitalters unsere Sehnsüchte und Träume in ihnen wiedererkennen.

Miss Mary Finch und ihr Mr. Darcy
Miss Mary Finch, die Titelheldin des Buches, ist eine klassische Figur der Regency-Literatur: jung, durchaus hübsch, aber nicht bildschön, klug, aber dabei besonnen genug, ihre Intelligenz nicht immer sofort zu offenbaren, und natürlich ist Mary Finch ganz allein auf der Welt und in finanzieller Hinsicht nicht gerade gut gestellt. Und so ist auch der schweigsame, stolze und gut aussehende „Mr. Darcy“ mitsamt allen Liebesverwicklungen und Missverständnissen nicht weit. Doch Rose Melikan verpasst ihrem Jane-Austen-Szenario eine gehörige Prise Aufregung und Tumult. Webt sie doch eine hoch spannende Spionagegeschichte in die Handlung mit ein und lässt Miss Mary in die Wirren des Krieges zwischen England und Frankreich geraten.

Mit der Kutsche ins Ungewisse
Weil die verstorbenen Eheleute Finch ihre geliebte Tochter ohne Mitgift und Treuhandvermögen zurücklassen, ist diese gezwungen, als Lehrerin an einer Schule zu arbeiten. Dort fristet die intelligente und lebensfrohe junge Frau ein ödes und ereignisloses Dasein, das ihrem tatkräftigen und erlebnishungrigen Naturell zutiefst widerstrebt.

Als Mary Finch einen Brief ihres letzten Verwandten erhält, verlässt sie erleichtert und voller Erwartungen die sichere, aber langweilige Stellung in der Schule von Mrs. Bunbury und macht sich auf die beschwerliche und für eine alleinstehende junge Dame auch recht gewagte Reise nach Whites Ladies, dem Herrensitz ihre Onkels.

Doch schon auf der Kutschfahrt in Richtung Landsitz, gerät die junge Frau unversehens in ein Abenteuer voller Dramatik, Gefahr und Aufregung, dessen Dimensionen von nationaler Bedeutung sind und Mary Finch die Aufgabe aufbürdet, England vor französischen Spionen zu schützen …

Ein Sterbender und eine gestohlene Taschenuhr
Als die Mietkutsche Station macht und Miss Mary sich die Beine vertritt, stolpert sie regelrecht über einen schwer verletzen Mann, der ihr mit letzter Kraft ein Geheimnis anvertrauen will, dessen Gemurmel sie jedoch nicht verstehen kann. Als Männer zur Rettung herbei eilen, entdeckt die geschockte Miss Finch, dass der Sterbende die Uhr ihres Onkels bei sich trägt.

Zutiefst verstört steckt sie die Uhr ein und vertraut sich auf dem weiteren Weg durch das Land ihrem heldenhaften Reisebegleiter Captain Robert Holland an. Seriös und aufrecht erscheint ihr der Mann in der gut sitzenden Uniform, und als er ihr anbietet, sie zu ihrem Onkel zu begleiten, willigt die geschmeichelte Miss Mary schnell ein – und wundert sich nicht im geringsten über die vielen Fragen des Captains und die spontane Änderung seiner ursprünglichen Reisepläne.

In White Ladies angekommen muss Mary erfahren, dass ihr Onkel kürzlich verstorben ist, und es daher unwiderruflich zu spät ist für ein tränenreiches, bewegtes Wiedersehen. Doch die Gastfreundschaft der Nachbarn, die Hilfe des Pfarrers und des Anwalts des Verstorbenen und natürlich die Anwesenheit von Captain Holland, helfen ihr über ihre Enttäuschung.

Verschwörer gegen das Königreich
Doch bevor sich Miss Mary über eine vermeintliche Erbschaft und eine aufkeimende Liebe freuen kann, überschlagen sich die Ereignisse. In White Ladies haben sich Einbrecher niedergelassen, die Mary und Captain Holland brutal gefangen nehmen. Eine riskante Flucht durch geheime Tunnel und zu Pferde rettet die beiden, doch bei genauerer Untersuchung des Einbruchs muss Mary entdecken, dass ihr Onkel für die Franzosen spioniert hat. Tief betroffen beginnt sie den Spuren dieser Verschwörung auf den Grund zu gehen, studiert geheime Dokumente, verschlüsselte Botschaften und Kriegsinterna. Mit Hilfe des faszinierenden Mr. Deprez, eines Geschäftsmannes aus St. Lucia von den Westindischen Inseln, und Captain Holland dringt die intelligente junge Frau immer tiefer zu den Wurzeln eines folgeschweren Komplotts gegen die englische Krone vor.

Miss Marys Herz schlägt für Captain Holland, doch im Laufe der Ermittlungen muss sie erschüttert erkennen, dass auch ihr Held nicht der ist, der er zu sein vorgibt. Während einer überstürzten Reise in die pulsierende Metropole London ziehen die Ereignisse schließlich alle Beteiligten in einen gefährlichen Strudel, und Miss Mary gerät in die Schusslinie der politischen Verschwörer …

Eine wunderbar spannende Zeitreise
Rose Melikan, die der begeisterten Leserschaft weitere Romane um Miss Mary Finch versprochen hat, erschafft in „Miss Mary und das geheime Dokument“ ein außergewöhnliches Szenario vor historisch korrekter Kulisse. Politisch hoch brisante Spionage hat es zu Zeiten des Krieges zwischen England und Frankreich tatsächlich gegeben, und die Autorin verwebt hier ungeheuer geschickt die fiktiven Lebensgeschichten ihrer wunderbaren Protagonisten mit den wahren Fakten. Dabei malt sie ein großartiges Bild der damaligen Zeit und bevölkert es mit faszinierenden Menschen, deren Persönlichkeiten so lebendig und greifbar sind, dass sie unvergesslich bleiben.

Besonders Miss Mary hinterlässt ihre Spuren im Herzen des Lesers. Intelligent, pulsierend lebendig, durchsetzungsfähig und doch verletzlich – Miss Mary wird zur Heldin, die die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit zwar nicht sprengt, die aber so virtuos mit den festgeschriebenen Konventionen spielt, dass sie ihr letztlich mehr nutzen als sie einzuschränken.

Ein Buch wie eine wahrhaftige Zeitreise in die Welt von Jane Austen, mit dem Wissen von heute und der zeitlosen Spannung perfekter Krimis. Was für eine Mischung!!

Bianca Reineke
Cuxhaven, Februar 2009