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SPECIAL zu Rüdiger Schaper »Die Odyssee des Fälschers«

INTERVIEW MIT RÜDIGER SCHAPER

Konstantin Simonides ist einer der besten Kenner und zugleich einer der größten Fälscher alter Manuskripte im vorletzten Jahrhundert, den heute aber kaum jemand mehr kennt. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Der Name Simonides fiel mir auf, als ich mich mit Griechenland im 19. Jahrhundert beschäftigte und überhaupt mit dieser Zeit in Europa, die die Moderne geformt hat. Es ist die Zeit der großen technischen und künstlerischen Entdeckungen und Umwälzungen. Auch der moderne Tourismus wird ausgebaut. Die Kolonialmächte stehlen und retten, was der Orient hergab, sie füllen ihre großen Museen und Sammlungen. Es herrschte damals ein regelrechtes Antiken-Goldfieber. Simonides taucht in Biographien großer Forscher als Fußnote auf. Das hat mich neugierig gemacht. Er wird da als Schurke und Betrüger, aber auch als genialer Handschriftenkünstler dargestellt. Die Schurken sind immer die interessantesten Zeitgenossen. Dann hat mich dieses Phänomen, dieses Phantom Simonides nicht mehr losgelassen. Ich setzte mich auf seine Spur, und das Ergebnis meiner literarischen Ausgrabungen übertraf alle Erwartungen.

Wo sind Sie bei Ihren Recherchen fündig geworden?

Die Quellen lagen hauptsächlich in Athen und auf dem Heiligen Berg Athos. Ich habe den Athos mehrfach bereist – eine Zeitreise! Auf dem Athos, der eine reine Männergesellschaft ist, gehen die Uhren nicht unbedingt anders, es laufen dort unterschiedliche Zeitrechnungen parallel. Die Mönche haben heute Mobiltelefon und Internet. Aber wenn man zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem griechischen Mönch über die Beziehungen von Christen und Muslimen spricht, dann wird er zornig und beklagt den Untergang Konstantinopels anno 1453 in einer Weise, als hätten die Türken erst gestern dort die Stadtmauer überwunden. Der Athos war über Jahrhunderte ein byzantinischer Biotop. Nirgendwo sonst lagen Weltabgewandtheit und Wissen so nah beieinander. Und Größenwahn: Deinocrates, der Architekt Alexanders des Großen, hatte den Plan, aus dem Athos-Bergmassiv ein zwei Kilometer großes Standbild Alexanders herauszuhauen. In der einen Hand sollte der Wolkenkratzerriese eine Stadt halten, in der anderen eine Quelle. Die Stadt für die Menschen, die Quelle für die Götter. Alexander lehnte ab. Er wollte nicht protzig erscheinen wie die Perser. Xerxes hatte, nach dem Verlust seiner Kriegsflotte an der Spitze der Halbinsel, auf der Athos-Landenge für seine Schiffe einen mehrere Kilometer langen Kanal ausheben lassen. Das sind Legenden und Geschichten, die ein Simonides sich nicht schöner hätte ausdenken können.

Während Simonides sich als verkannten Wissenschaftler und Künstler begriff, sah sein Umfeld in ihm einen Fälscher. Wie kann das sein, was bedeuten die Begriffe Original und Fälschung überhaupt?

Die Begriffe geraten ins Rutschen, wenn man sich mit Simonides beschäftigt. Er war im Grunde ein Traditionalist, benutzte alte Technik und Moral. Unsere Idee vom Original ist erst in seiner Zeit entstanden, ist also relativ jung. Über Jahrtausende war »Fälschung« eine lockere Kategorie, wenn überhaupt. Das Internet löst, wie wir momentan erleben, die Vorstellung vom »Original« wieder auf. Die Bibel ist so stark redigiert, und zwar a priori, dass man mit echt und falsch nicht wirklich weiterkommt. Im Anfang war das Wort – und damit beginnt die Verwirrung. Im Anfang war eben auch die Kopie, oder die Fälschung. Forschen, finden, fälschen – das ist unser zivilisatorischer Dreisatz. Und Simonides ist für all das unser Kronzeuge.

Ist die Antike, die im 19. Jahrhundert »erfunden« wurde, noch unsere Antike heute?

Jede Zeit erfindet ihre eigene Antike. Wir haben lange mit der Idee der Antike aus dem 19. Jahrhundert gelebt, jetzt ändert sich das. Wir bauen neue Museen, das Neue Museum in Berlin, das neue Akropolis-Museum. Die antike Kunst rückt uns näher, kommt herunter vom Sockel. Aber wir sind nach wie vor fasziniert von der Ordnung, der Klarheit der antiken Welt – ein Trugschluss, eine Sinnestäuschung. Wir fälschen immerzu selbst unser Weltbild und unser Geschichtsbild.

Wie aktuell ist die Figur des Konstantin Simonides?

Simonides hat einmal gesagt: Wenn man nur Bücher herausgeben wollte, die nichts als Wahrheit enthalten, dürfte man auch Homer und Herodot nicht mehr herausgeben, weil darin bekanntermaßen so viel Unwahres enthalten sei. Da ist der zwischen Literatur und Wissenschaft eingeklemmte Nerv getroffen. Der Nerv aller Literatur. Die Simonides' sind überall: Ein Madoff an der Wall Street hat nichts anderes getan, als mit faulen Papieren die Kunden zu beglücken. Die Menschen gieren nach dem Stoff, den ein Simonides liefert, ob es nun Kunst ist oder Rendite. Aus der Geschichte des Konstantin Simonides können wir viel lernen. Er trifft ins Schwarze, in unser aller schwarze Seele.