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Ryan Bartelmay im Interview zu »Voran, voran, immer weiter voran«

»Seltsamkeit inspiriert mich«

Ryan Bartemay über sein Leben und Schreiben, seinen Roman »Voran, voran, immer weiter voran« und sein schriftstellerisches Streben nach Andersartigkeit

Wann haben Sie angefangen zu schreiben – nicht an »Voran, voran, immer weiter voran«, sondern ganz allgemein?
Ryan Bartelmay: Als Kind las ich die Hardy Boys, Madeleine L’Engle und Stephen King, im College begann ich Hemingway, Carver und Faulkner zu lesen. Ich glaube, »Der alte Mann und das Meer« habe ich schon in der Highschool gelesen, obwohl ich noch nicht bereit dafür war. Ich weiß noch, dass ich im Winter meines zweiten Studienjahrs an der University of Iowa sämtliche Romane von Hemingway gelesen habe. Da gab es eine Bar, das Deadwood, dort bekam man für einen Dollar oder 50 Cent so viel Kaffee, wie man wollte. Nach den Vormittagskursen ging ich immer dorthin und verbrachte den Rest des Tages damit, Hemingway zu lesen und dem Schneetreiben vor dem Fenster zuzusehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war Prairie Lights, der Buchladen im Zentrum von Iowa, und wenn ich mit dem einen Roman fertig war, ging ich hinüber und kaufte mir den nächsten. Ungefähr zur selben Zeit nahm ich an einem Kurs in Kreativem Schreiben teil und verfasste meine erste Kurzgeschichte. Sie war ein totaler Abklatsch von Hemingway – bis hin zu seiner reduzierten Prosa. Aber ich war Feuer und Flamme.

Wie kamen Sie auf die Idee zu »Voran, voran, immer weiter voran«?
Ryan Bartelmay: Der erste Entwurf des Romans war eine lange Kurzgeschichte – ungefähr 50 Seiten lang -, die ich für Ben Marcus‘ Dissertationsworkshop an der Columbia University einreichte. Als ich mit dem Schreiben der Geschichte begann, hatte ich die Brüder meines Großvaters vor Augen - und davon gab es eine Menge: Einer war Boxchampion bei der US Navy, ein anderer war Sheriff von Tazewell County in Illinois, von zweien hieß es, dass sie einen von Al Capones Schlägern totgeprügelt und auf einem Feld außerhalb von Peoria, Illinois, zurückgelassen hätten, und wieder ein anderer erschoss sich in der Küche seines Familienheims.
Außerdem dachte ich an diesen Typen aus meiner Heimatstadt Morton, Illinois. Er hieß Chick Evans, ein älterer Kerl, der immer oben ohne das öffentliche Schwimmbad reinigte, in dem ich als Kind auch schwimmen ging. Als ich auf der Highschool war, war Chick Evans wahrscheinlich gute sechzig. Er sah aus, als hätte er schon einiges erlebt. Er war ein lustiger, geselliger Typ mit einem riesigen Bauch und dürren Beinen, die wie Stöckchen aussahen. Und so zog er das Poolnetz durchs Becken, um die Blätter herauszufischen. Er war von der Sonne tief gebräunt, und die Haare auf seinem Kopf und seiner Brust waren schlohweiß. In den ersten Entwürfen des Romans hieß Chic Waldbeeser noch Chick Evans, und der Nachname der Familie lautete ebenfalls Evans. Dann änderte ich ihn zu Waldbeeser, einem der Nachnamen in meiner Familie. Außerdem spielte ich zu dieser Zeit in New York viel Poolbillard und hatte ein bisschen Heimweh nach Morton und den Leuten dort.
Und noch etwas: Als meine Mutter Mitte zwanzig war, verlor sie eine ihrer jüngeren Schwestern, Karen (sie war zwanzig oder einundzwanzig). Ich war damals fünf. Karen starb bei einem Autounfall, genauer gesagt einen Unfall mit einem Geländewagen. Sie war auf dem Weg zur Arbeit – sie war Krankenschwester und hatte Nachtschicht – und wich einem Lastwagen aus, der auf ihre Spur geraten war.
Meine Mutter fragt mich ab und zu, ob ich mich an Karen erinnern kann. Wenn meine Mutter von Karens Tod spricht, erzählt sie, dass sie an das Jahr nach dem Tod ihrer Schwester keine Erinnerungen mehr hat.
Als ich erwachsen war, erzählte mir meine Mutter, dass meine Großmutter in dem Jahr nach Karens Tod immer ihren jüngsten Sohn P. J. an der Schule ablieferte (er war zehn), die Fenster des Autos hochkurbelte und dann aus vollem Halse schreiend in unserer kleinen Stadt im Mittleren Westen herumfuhr. Zu Hause parkte sie das Auto in der Garage, stellte den Motor ab und schrie einfach noch ein bisschen weiter. Ihr Mann war in der Arbeit.
Ich habe keine Vorstellung davon, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, so etwas allein in einem Auto mit hochgekurbelten Fenstern durchleiden zu müssen. Ich glaube nicht, dass sie und mein inzwischen verstorbener Großvater je über ihren Kummer sprachen, zumindest sagt meine Mutter, dass sie es nicht taten. Sie haben sich damit allein auseinandergesetzt, jeder für sich, haben geschrien oder auch nicht – was immer nötig war, um den Tag zu überstehen. Sie waren sechzig Jahre lang verheiratet. Als ich diesen Roman schrieb, habe ich versucht, mir vorzustellen, was sie durchmachten.
Und irgendwie entstand aus alledem dann der Roman »Voran, voran, immer weiter voran«.

Familie ist ein zentrales Thema in Ihrem Roman. Was bedeutet Familie für Sie?
Ryan Bartelmay: In gewisser Weise bin ich dieser Frage durch das Schreiben meines Buches auf den Grund gegangen. Natürlich bedeutet mir Familie sehr viel, und ich fühle mich meiner Familie für so vieles zu Dank verpflichtet. Wie die Figuren im Buch habe auch ich ein überwältigendes Bedürfnis, Kontakt zu meiner Familie zu halten. Manchmal klappt das aus verschiedenen Gründen nicht, und das frustriert mich und macht mich traurig. Ich wurde von Mitgliedern meiner Familie emotional zutiefst verletzt. Wären diejenigen keine Mitglieder meiner Familie gewesen, hätte ich die Beziehung einfach beenden und weggehen können. Ich kenne einige Leute, die die Bande zu ihrer Familie gekappt haben. Dazu bin ich aber nicht bereit. Stattdessen versuche ich, die Fehler meiner Familienmitglieder zu akzeptieren und sie so zu lieben, wie sie sind – trotz ihrer Fehler.

Familie und die emotionale und psychologische Geschichte, die jeder von uns von den vorangegangenen Generationen erbt, sind ein wichtiges Thema in der amerikanischen Literatur – im 20. Jahrhundert haben sich viele Romanautoren mit diesem Thema befasst, etwa John Updike, Toni Morrison, Jonathan Franzen, Richard Russo oder Jeffrey Eugenides. Sind diese Autoren Vorbilder für Sie? Oder ganz allgemein gefragt: Wer sind Ihre Lieblingsautoren, welche Schriftsteller haben Ihr Schreiben beeinflusst?
Ryan Bartelmay: In erster Linie mag ich die Sprache, die Ausdrucksweise der Literatur aus dem Süden, vor allem von Südstaatenatoren wie Barry Hannah und Padgett Powell. Die beiden wissen wirklich, wie man sich ausdrückt. An Hannahs Arbeit und an allen Südstaatenautoren, die sich mit Sprache befassen, gefällt mir besonders, wie facettenreich die Sprache klingt. Als ich in einem Kurs für Kreatives Schreiben in Iowa zum ersten Mal »Testimony Of Pilot« las, gefiel mir die Geschichte vor allem deshalb, weil sie genauso klang wie mein Vater und Großvater, wenn sie reden. Sie sprechen nicht immer so, aber wenn sie sich in eine Geschichte hineinsteigern, dann wird aus der Sprache eine Darbietung. Ich denke also, dass mich an den Schriftstellern aus dem Süden zum einen die Performanz der Sprache anzieht.
Außerdem – und das gilt besonders für Flannery O’Connor – spricht mich die Entstellung der Figuren an. In O’Connors Geschichten sind die Figuren spirituell und physisch entstellt, und ich bewundere es sehr, wie es ihr gelingt, Elemente, die derart hässlich sind, so zu drehen, dass sie das Groteske überwinden und zu etwas Bedeutungsvollem und Schönem werden. Und schließlich interessiert mich der aktuelle »Trend« (das ist vermutlich nicht das passende Wort) in der amerikanischen Erzählliteratur, ein ganzes Leben und den Einfluss der vorangegangenen Generation auf dieses Leben in einem Roman einzufangen. Ich denke da vor allem an Jeffrey Eugenides‘ »Middlesex« und Jonathan Franzens Romane, »Die Korrekturen« und »Freiheit«. Ich bewundere die Reichweite dieser drei Bücher.

»Voran, voran, immer weiter voran« spielt im Mittleren Westen der USA. Warum haben Sie diesen Handlungsort gewählt?
Ryan Bartelmay: Ich bin in Morton, einer Kleinstadt mitten in Illinois, aufgewachsen, und viele Orte aus dem Buch gibt es wirklich. Das schwimmende Spielkasino Par-A-Dice existiert tatsächlich, es liegt im Osten von Peoria, Illinois, vor Anker. Und natürlich gibt es auch die Bradley University, Peoria ist eine echte Stadt usw., usw. Trotzdem wollte ich nicht, dass jemand dieses Buch liest und denkt, die Figuren und ihre Handlungen wären repräsentativ für die Menschen, die in Illinois leben.
Flannery O’Connor hat gesagt, dass alle Schriftsteller im Grunde versuchen, etwas Echtes zu beschreiben. Andere Schriftsteller sprechen von »wahr« statt »echt«. In diesem Sinne war es also meine Absicht, Dinge (Emotionen, Wünsche usw.) darzustellen, die »echt« und »wahr« sind. Mir ist klar, dass das Buch eine seltsame Welt mit ausgefallenen Figuren schildert, aber ich denke, die Sichtweise dieser Figuren auf die Welt ist ehrlich. Sie haben alle einen eingleisigen, eigenartigen Blick auf die Welt, an den sie sich ganz fest klammern, aber die Figuren – so gut wie alle – wollen das Richtige tun, gute Menschen sein. Dieser Gegensatz ist für mich echt. Ich kenne einige Menschen, die diesen Gegensatz ausleben. Diese Menschen kommen zufällig aus Illinois, und vielleicht sind ja mehr als nur ein paar Leute in Illinois so. Vielleicht bin ich selbst auch so.

Eine der Hauptfiguren Ihres Romans, Mary, ist professionelle Billardspielerin. Was fasziniert sie an diesem Spiel? Und spielen Sie selbst auch?
Ryan Bartelmay: Ich habe viel Pool gespielt, während ich an diesem Buch arbeitete, und für mich gehören Poolspielen und Schreiben zusammen. In den späten Neunzigerjahren, nach dem College, lebte ich in Boston und unterrichtete an einer staatlichen Highschool Hauswirtschaft, was im Grunde genommen bedeutete, dass ich den Schülern beibrachte, wie man Pfannkuchen und andere einfache Gerichte macht: Tomatensoße, Arme Ritter usw. Es war einer meiner ersten Jobs nach dem College. Eigentlich wollte ich schreiben, aber zu jener Zeit war ich kein besonders guter Schriftsteller. Ich hatte während meines Studiums an der University of Iowa ein paar Kurse in Kreativem Schreiben besucht, und wenn ich nicht gerade Highschool-Schülern beibrachte, wie man Pfannkuchen macht, las ich und versuchte mich am Schreiben von Kurzgeschichten.
Wenn ich mit dem Schreibpensum des Tages fertig war, ging ich am frühen Abend in eine Kneipe bei mir um die Ecke, Flann O’Brien’s (sie war wirklich nach dem irischen Schriftsteller benannt). Im Flann’s gab es Bellhaven-Bier und einen Pooltisch, und mit dieser Kombination konnte ich mich gut entspannen. Diese Routine nahm ich mit an die Universität nach New York. Nachdem ich den Tag mit Schreiben verbracht hatte, ging ich ins 1020, eine Bar in der Nähe des Campus der Columbia University, trank ein paar Bier und spielte ein bisschen Pool. Heute spiele ich nicht mehr viel, aber wenn es mich in eine Bar mit einem Pooltisch verschlägt, dann mache ich ganz gern mal ein Spiel. Ich sollte auch erwähnen, dass in meiner Familie – vom Vater meiner Mutter, von meinen Onkeln, meinem Vater und meinen Cousins, insgesamt ungefähr einem Dutzend Leute – seit ich ein Teenager war jedes Jahr an Weihnachten ein Pool-Turnier veranstaltet wird. Wir messen uns ganz gern aneinander. Ich habe das Turnier noch nie gewonnen.

Sie haben zehn Jahre lang an »Voran, voran, immer weiter voran« geschrieben. Was hat Sie bei der Stange gehalten?
Ryan Bartelmay: Als ich 2003 mit dem Schreiben des Buches begann, hatte ich keine Ahnung von dem, was ich da tat. Zu jener Zeit war ich vollkommen berauscht von Barry Hannahs Geschichte »Testimony Of Pilot« und seinem Kurzroman »Ray«. Ich war während meiner Zeit an der Columbia University fast immer von irgendetwas berauscht, was Barry Hannah geschrieben hat. Während der ersten Entwürfe des Buches versuchte ich mich an Verdichtung und Geschwindigkeit, das heißt, ich versuchte im Grunde genommen das nachzuahmen, was Hannah in den beiden genannten Werken macht. Doch statt die Erzählung zu verknappen, zerschnitt ich die Figurenentwicklung. Also ließ ich die Sache mit der Verdichtung bleiben und verwandte ein paar weitere Entwürfe darauf, die Figuren besser herauszuarbeiten. In diesen Entwürfen arbeitete ich mit drei Handlungssträngen: Chick & Diane und Buddy & Lijy, Mary und Green sowie Bascom Waldbeeser, dem Urgroßvater von Chick und Buddy, der aus Deutschland nach New Orleans emigrierte. Da ging alles ziemlich durcheinander. Ich hatte drei Handlungsstränge, die alle in verschiedenen Zeiten spielten, und meine Vorstellungskraft kam da nicht mit. Nachdem ich beschlossen hatte, den Handlungsstrang um Urgroßvater Bascom zu streichen, wurde es ein bisschen einfacher, obwohl es noch weitere vier Jahre dauerte, bis ich fertig war. Während dieser vier Jahre war ich ziemlich besessen davon, die unterschiedlichen Perspektiven der sechs Hauptfiguren des Romans einzufangen. Ich glaube, ich habe irgendwo ein Interview mit David Foster Wallace gelesen, in dem er die Gedanken einer Figur als ihre »Gehirnsprache« bezeichnet. Ich fand die Idee toll, sechs verschiedene »Gehirnsprachen« zu entwickeln, und das gab mir genug Schwung, um mich durch die letzten vier Jahre zu tragen.

Was inspiriert Sie?
Ryan Bartelmay: Seltsamkeit. Seltsamkeit lässt mich zweimal hingucken, sie lässt mich langsamer werden und darüber nachdenken, was ich da vor mir sehe oder lese oder höre oder anschaue. In meiner eigenen Arbeit strebe ich nach Seltsamkeit – vielleicht ist »Andersartigkeit« ein besseres Wort –, weil ich möchte, dass der Leser das Tempo drosseln und darüber nachdenken muss, was da passiert. Ich habe kein besonderes Interesse daran, Figuren und Handlungen zu erschaffen, die die Realität andeuten oder abbilden, Naturalismus gibt mir also nichts. Die Figuren, die ich geschaffen habe, sind nicht die Nachbarn oder Kollegen der Leser, und ich versuche auch nicht, die Nachbarn oder Kollegen der Leser heraufzubeschwören. Ich versuche nicht einmal, Leute aus Kleinstädten im Mittleren Westen der USA darzustellen. Das ist natürlich eine Gratwanderung, denn wenn man die Grenze der Realität zu weit überschreitet, gerät der Roman in den Bereich der Farce, und Leser entwickeln nicht so leicht Sympathien für eine farcenhafte Welt und farcenhafte Figuren. Bei mir ist es so: Wenn etwas seltsam ist, möchte ich verstehen können, warum es seltsam ist. Ich möchte das seltsame Ding aus dem Regal nehmen und untersuchen, es in meinen Händen hin und her drehen, daran riechen, daran herumkratzen. Vielleicht ist diese Seltsamkeit wie eine Schutzhülle, und selbst wenn sie Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil sie so seltsam ist, schützt sie doch das, was sich darunter befindet.