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SPECIAL zu Andreas Kossert

Jenseits des Nationalismus

Rezension von Stefan Schulze

Seit Andreas Kosserts Buch „Masuren“ 2001 erschienen ist, hat sich der 1970 geborene Historiker als einer der führenden Kenner der ostpreußischen Geschichte und Gegenwart profiliert. Besondere Anerkennung zollen ihm Kollegen und Rezensenten regelmäßig für seine Leistung, das hochideologisierte Thema von einem nicht zuletzt in der Nachkriegszeit weit verbreiteten Verständnis befreit zu haben, das durch nationalistische und politische Interessen geprägt war, seinem Ansinnen, „jenseits der nationalen Denkschablonen zu fragen und nach Antworten zu suchen“, wie es Kossert in seinem neuen Buch selbst formuliert. Insofern kann man den Autor ohne Übertreibung als einen Erneuerer der ostmitteleuropäischen Historiografie am Beginn des 21. Jahrhunderts bezeichnen.


Nostalgische Naturromantik
Die Ergebnisse seiner Forschung, die nicht zuletzt auch in zahlreichen Fachpublikationen dokumentiert sind, hat der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau jetzt in seinem neuen Buch „Damals in Ostpreußen“ zusammengefasst. Was Teile der Kinder- und Enkelgeneration nach dem Mauerfall und dem Zerfall des Sowjetimperiums realiter erlebt haben – den Besuch der Heimat ihrer vertriebenen Vorfahren und die Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln – will Kossert auf literarischer Ebene nachvollziehen: die „Wiederentdeckung“ ostpreußischer „Geschichte und Kultur.“

Die Motive des Autors sind dabei vielschichtig. Neben der eigentlichen Absicht des Historikers, Geschichte lebendig zu halten, spielen sozialpsychologische Interessen, das Leid der Flucht und Vertreibung durch Vergegenwärtigung zu bewältigen, genauso eine Rolle wie eine positiv besetzte „nostalgische Naturromantik“, mit der Kossert „dem unvergänglichen Zauber“ ostpreußischer „Landschaft“ gerecht werden will.

Entideologisierung
Mit der Naturromantik, vor allem aber auch mit dem häufigen Verweis auf die multiethnischen Ursprünge Ostpreußens, bedient sich Kosserts Entideologisierungsprojekt zweier ausgesprochen modern anmutender Motive – vorausgesetzt, man ordnet die Naturromantik in den Kontext ökologischer Bewegungen ein. Kosserts Gegenentwurf zum nationalistisch verstandenen Ostpreußen gründet auf der Einsicht in „Preußens Ursprünge in Ostpreußen“, die „von der dynamischen Kraft eines Einwanderungslandes“ zeugen.

Auch der Begriff „Einwanderungsland“ erinnert natürlich und sicher auch nicht zufällig an aktuelle politische Debatten und unterstreicht einmal mehr die Intention des Autors, nationalistisch interessierten Kreisen die Deutungshoheit beim Thema Ostpreußen streitig zu machen.

Der Anfang vom Ende
Dass Kossert seinem neuen Buch den Untertitel „Der Untergang einer deutschen Provinz“ gegeben hat, fällt vor diesem Hintergrund allerdings ein wenig aus dem antinationalistischen Rahmen. Denn der Untergang, den er auf rund 250 Seiten nachzeichnet, betrifft eine Provinz, die zwar seit dem 13. Jahrhundert unter der Herrschaft des Deutschen Ordens besiedelt und nach wechselvoller Geschichte 1871 Teil des Deutschen Reichs wird. Doch diese staatliche Integration markiert aus der kossertschen Perspektive schon eine erste Degeneration des ostpreußischen Ideals: „Dem Aufbruch in die neue Zeit fiel die einzigartige Kultur Ostpreußens, die Melange aus deutscher, masurischer und litauischer Tradition, zum Opfer.“

Spätestens die Einführung deutschsprachigen Unterrichts in allen anderssprachigen Elementarschulen, die der Oberpräsident Karl Wilhelm Georg von Horn am 24. Juli 1873 in Ostpreußen erlässt, markiert für Kossert den „Anfang vom Ende für den kulturellen Reichtum Ostpreußens.“ Als die Provinz völkerrechtlich deutsch wird, hat ihr Untergang also schon begonnen, und eben darin liegt auch eine der Ursachen.

Einfältige Symbolik
Kossert zeichnet im Folgenden die Stationen einer zunehmenden Nationalisierung Ostpreußens nach, die sich nicht zuletzt ebenso naheliegender wie einfältiger Symbolik bedient. Im August 1914 schlägt Hindenburg im masurischen Tannenberg die russische Besatzungsarmee.Tannenberg war 1410 Schauplatz einer vernichtenden Niederlage des Deutschen Ordens, und Hindenburgs Sieg im Ersten Weltkrieg wird in der Folge zum Meilenstein germanischen Behauptungswillens stilisiert. Im Mythos Tannenberg ist Ostpreußen das Bollwerk gegen die slawische Bedrohung.

Nachdem dieser kurz aufglühende Funke von Nationalstolz durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und der daran anschließenden Nachkriegsordnung zum revanchistisch geprägten Demütigungsreflex mutiert war, sind es die Nationalsozialisten, die mit einer systematischen „Germanisierungspolitik“ dem multiethnischen Ostpreußen der Garaus machen. Dabei vollzieht sich der Kahlschlag zunächst auf sprachlicher Ebene: „Alles, was Ostpreußens multiethnisch geprägte Regionen zu etwas besonderem machte, musste weichen, vor allem die alten Namen seiner Dörfer, Wälder und Seen.“

Mit der massenhaften Umbenennung soll altdeutsches Siedlungsgebiet in der über Jahrhunderte ebenso von polnischen und litauischen Einflüssen geprägten Region vorgetäuscht werden. Weniger als 10 Jahre danach durchleidet Ostpreußen diese Form sprachlicher Fremdbestimmung noch einmal. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es mit den Russen und Polen die neuen Machthaber, die in großem Stil umbenennen.

Nationalistisch war und ist Ostpreußen also nicht nur von einer Seite entstellt. Kossert gelingt es mit seinem Buch, diese Entstellungen als solche erkennbar zu machen. Und er hält ein erfreulich nüchternes, weniger von Leidenschaft als Gelehrsamkeit befeuertes Plädoyer für eine ostpreußische Identität jenseits nationaler und landsmannschaftlicher Partikularinteressen.

Dr. Stefan Schulze
München, September 2008

Damals in Ostpreußen Blick ins Buch

Andreas Kossert

Damals in Ostpreußen

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