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Gregor Weber, Asphaltseele (Heyne Hardcore)

SPECIAL zu »Asphaltseele« von Gregor Weber (Heyne Hardcore)

Herr Weber, wie sind Sie von der Schauspielerei zum Schreiben gekommen?
Gregor Weber: Mental war der Schritt leicht. Wenn man keine Lust mehr hat, immer nur Vorgefertigtes zu interpretieren, muss man eben selbst versuchen, etwas zu erfinden. Praktisch ist Schreiben aber leider sehr viel schwieriger als Spielen. Das hat also etwas gedauert, bis ich da meinen Weg gefunden hatte. Andererseits: Würde sonst ja jeder machen.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Gregor Weber: Ich finde Vorbilder für jeden Künstler heikel. Weil die Gefahr besteht, sie kopieren zu wollen. Aber natürlich gibt es Schriftsteller, die mir wichtig sind. Zu viele eigentlich, um nur einige zu nennen, also picke ich mal welche heraus, die ich gerade in letzter Zeit wieder oder neu entdeckt habe: Léo Malet, Philipp Meyer, Robert Louis Stevenson, Jules Verne. Dann natürlich die alten Meister Hammett, Chandler, Glauser, Simenon sowie die modernen Klassiker Burke, Ellroy, Rankin. Und eine tolle Autorin zwischen Krimi und ganz großer Literatur: Kate Atkinson.

Warum haben Sie Frankfurt als Schauplatz für Ihren Thriller ausgewählt?
Gregor Weber: Viele Gründe. Erstens finde ich Frankfurt eine spannend seltsame Stadt. Ich habe dort vier Jahre gelebt und mein Fazit war: hat alle Nachteile einer Großstadt, aber nur wenige Vorteile. Außerdem spielt Frankfurt auf der aktuellen Spannungslandkarte Deutschlands eine eher untergeordnete Rolle, was seiner tatsächlichen Härte nicht gerecht wird. Und weil Frankfurt eigentlich klein ist, aber von bitterer Armut bis zu riesigem Reichtum, vonÄbbelwoi-Seligkeit bis zu spaciger Edelgastronomie, von Puff bis Oper alles auf sehr engem Raum hat, sind die Friktionen und Gegensätze oft viel krasser als in Berlin oder Hamburg. Der Dialekt klingt außerdem freundlich-provinziell, aber wenn der aus dem Mund von Dealern, Schlägern oder Bullen kommt, dann spürt man, dass Frankfurt eben auch eine raue Stadt mit harten Pflastern ist.

Ihr Ermittler Ruben Rubeck ist ein harter Typ, er raucht zu viel, ist versoffen, ein Einzelgänger mit einer Schwäche für das Frankfurter Rotlichtmilieu. Was reizt Sie an einer solchen Figur?
Gregor Weber: Einmal natürlich, dass mich das Lesen klassischer Hardboileds schon in jungen Jahren zum Crimefiction-Addict gemacht hat. Der toughe, versoffene, manchmal zynische Ermittler ist aber vor allem die moralischste Figur, die man sich denken kann. Er verzweifelt genug am Chaos der Welt, um sich eine fast undurchdringliche harte Schale zu schaffen, aber er spielt nicht mit. Seine Grenzen sind weiter, als die des Normalbürgers, aber wenn die überschritten werden, ahndet er gnadenlos den Verstoß. Er geht keine faulen Kompromisse ein, redet sich Widerwärtigkeiten nicht schön. Er benennt die Dinge als das, was sie sind. Und geht damit um.

Der Glaube an Gerechtigkeit treibt Rubeck an. Diese versucht er hin und wieder notfalls auch mit Gewalt zu erreichen. Warum?
Gregor Weber: Einmal ist Rubeck einer dieser Männer, die von früh an Grenzen ausgetestet haben. Im Roman wird ja angedeutet, dass seine rüde Art in starkem Gegensatz zu der Atmosphäre steht, in der er aufgewachsen ist. Seine Lust auf Grenzerfahrungen hat ihn dann in Berufswelten getrieben, in denen Gewalt dazugehört: Armee und Polizei. Natürlich in klaren rechtlichen Grenzen, aber Rubeck hat dort Erfahrungen gemacht, aus denen er schloss: Wenn ich mich penibel an die Buchstaben von Gesetzen und Vorschriften halte, gewinnen die Drecksäcke zu oft. Und hier verlässt er eben den gesellschaftlichen Konsens, bricht die Regeln, um den Drecksäcken die eine oder andere Niederlage beizubringen. So was ist im echten Leben heikel. Aber in einer Erzählung hat es etwas Befreiendes und Befriedigendes, wenn ein Protagonist Dinge tut, die man gerne selbst manchmal tun würde, aber sich nicht traut, oder die man im Grunde sogar für falsch hält.

Gibt es Parallelen zwischen Ruben Rubeck und Gregor Weber?
Gregor Weber: Hm. Ich hoffe, nicht allzu viele, obwohl er ein echt guter Typ ist. Gerechtigkeitssinn auf jeden Fall. Ich kann mich unmäßig aufregen, wenn ich etwas als ungerecht empfinde, mir selbst oder auch jedem anderem gegenüber. Und ich denke, wir haben einen ziemlich ähnlichen Humor.
Falls Ihr Thriller „Asphaltseele“ verfilmt werden sollte, wen sehen Sie in der Rolle des Ruben Rubeck?
Oh. Schwierig. Ich möchte dem Leser eigentlich kein Gesicht vorschreiben. Vielleicht besser gleich eine ganze Reihe von schweren Jungs, die ich persönlich klasse fände: Tom Sizemore, Ray Winstone, Michael Madsen, Vinnie Jones, Brendan Gleeson. Natürlich Gene Hackman zuZeiten von ‚French Connection’. Jetzt kann man fragen: Wie? Nur international? Antwort: Man wird ja als Autor noch träumen dürfen...

Sie sind Autor, Schauspieler, Koch, sind zur See gefahren und waren als Soldat in Afghanistan. Welcher dieser Berufe hat Ihr Leben am meisten beeinflusst?
Gregor Weber:Jede dieser Tätigkeiten hat mich enorm beeinflusst. Und jede einzelne davon hätte auch gut der einzige Beruf sein können, den ich ausübe. Ich bin sehr dankbar für all diese Erfahrungen. Aber Schreiben ist auf jeden Fall das, was ich bis zum letzten Atemzug machen möchte.

Offenbar gefällt es Ihnen, beruflich immer wieder neue Wege zu gehen. Was kommt als nächstes?
Gregor Weber: Na, darauf bin ich selbst gespannt.