Noah Gordon: Der Medicus

SPECIAL zu »Der Medicus« von Noah Gordon

Noah Gordon im Interview

Noah Gordon
© Steven Edson
Seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1987 hat der historische Roman »Der Medicus« von Noah Gordon Millionen Leser vor allem in Deutschland und Spanien in seinen Bann gezogen. Sie sind fasziniert von der fiktiven Geschichte des jungen Robert Cole, der im 11. Jahrhundert nach Persien reist, um sich dort zum Arzt – zum Medicus – ausbilden zu lassen. Am ersten Weihnachtstag startet nun der Kinofilm zum internationalen Beststeller – als bislang größtes Projekt der UFA Cinema. Der Film wird auch in Spanien, Österreich, der Schweiz und in Russland zu sehen sein, weitere Länder folgen. Vor der Weltpremiere am 16. Dezember in Berlin sprach die Bertelsmann Redaktion mit dem heute 87-jährigen Schriftsteller Noah Gordon darüber, was die Verfilmung 27 Jahre nach Erscheinen des Buches für ihn bedeutet und ob das Thema des Films auch heute noch von Bedeutung ist.


Was ist es für ein Gefühl für Sie, wenn nun Ihr »Medicus« in die Kinos kommt? Haben Sie damit – so lange nach der Veröffentlichung des Romans – noch gerechnet? Und welche Rolle spielte und spielt dieses Buch eigentlich in Ihrem Leben?

Noah Gordon: Es ist aufregend, einen Film erleben, der zumindest zum Teil auf Figuren und Situationen basiert, die ich selbst konzipiert und in meinem eigenen Kopf geschaffen habe. Ich hatte nie das Verlangen danach, dass meine Arbeit auf der Leinwand landen sollte, noch irgendeine Erwartung in dieser Richtung, und schon gar nicht 27 Jahre nach der Veröffentlichung meines Romans. »Der Medicus« hat eine wichtige Rolle in meiner Karriere gespielt. Die Veröffentlichung des Buches in Deutschland und in Spanien und später in vielen anderen Ländern brachte meinem Werk ein Heer von Lesern ein und veränderte mein Leben und das Leben meiner Familie komplett. Ich bekomme noch immer jeden Tag E-Mails von neuen und alten Lesern des »Medicus«.

Wie ist die Idee für eine Verfilmung an Sie herangetragen worden? Waren Sie in die Umsetzung eingebunden? Und gibt es Details, auf deren filmische Umsetzung Sie bestanden haben?

Noah Gordon: Mehrere Produzenten haben versucht, aus dem Stoff einen Film zu machen, doch dann kehrten die Rechte zurück zu meinen Kindern, denen sie mittlerweile gehörten. Ich war damit zufrieden; es wäre für mich in Ordnung gewesen, wenn es keinen Film gegeben hätte. In der Folge kam ein halbes Dutzend Produzenten nach Boston und versuchte, die Rechte zu erwerben. Wir mochten Wolf Bauer und Nico Hofmann, und meine Kinder verkauften die Rechte schließlich an die UFA. Auf etwas bestehen konnte ich allerdings nicht. Aber ich habe darum gebeten, dass der Film in englischer Sprache gedreht wird, und so wurde es ja auch gemacht.

Haben Sie den Film schon gesehen – und wenn ja, wie finden Sie ihn?

Noah Gordon: Bei der Vorführung im Mai haben wir einen Rohschnitt gesehen, bei der noch die Filmmusik und die vielen Spezialeffekte fehlten. Ich war mir mit meiner Familie einig, dass der Film äußerst interessant ist. Die Darsteller und ihre Leistung sind ausgezeichnet, der Film zieht das Publikum schnell in die faszinierende und düstere Welt des Mittelalters. 

Was macht das Buch aus Ihrer Sicht so interessant für eine Verfilmung?

Noah Gordon: Als ich den »Medicus« zu schreiben begann, war die Welt geteilt durch die Zusammenstöße von Fraktionen der großen Religionen. Wir hatten noch den blutigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten in Irland im Gedächtnis, und zwischen Sunniten und Schiiten und Muslimen und Juden im Nahen Osten. Die Geschichte dieser Auseinandersetzungen, die Christen und Muslime in den blutigen Kreuzzügen führten, diente als Hintergrund für die echten Freundschaften von drei jungen Medizinstudenten – ein Christ, ein Jude und ein Muslim – und war Erinnerung daran, wie wenig wir seit dem Mittelalter gelernt haben. Und nun, 27 Jahre später, wenn der Film herauskommt, macht die Technologie das Töten einfacher und auf kalte Art effizienter. Die Botschaft von guten Menschen, die die Unterschiede der Glaubensrichtungen und der Politik überwinden, um einen Separatfrieden zu erklären, ist nun noch berührender und wiedererkennbarer. 

Wird es mit dem Schwung der »Medicus«-Verfilmung gelingen, das Buch noch einmal in den USA und in Großbritannien herauszubringen und auch dort zum Erfolg zu machen?

Noah Gordon: Ich glaube, dass es vielleicht einen Prozess beschleunigen wird, der bereits im Gang ist. Buch- und E-Book-Ausgaben des »Medicus« sind in diesen Ländern neu verfügbar geworden, ohne dass dafür groß geworben worden ist. E-Mails von Lesern aus der ganzen Welt erzählen eine Geschichte, die Teil eines mittlerweile vertrauten Musters sind: Menschen lesen das Buch und empfehlen es wärmstens anderen. Die Tatsache, dass »Der Medicus« auf dem riesigen US-amerikanischen Markt weitgehend unbekannt ist, macht es für mich noch aufregender, wenn dieses viel gelesene Buch auch in meinem eigenen Land mehr und mehr Leser gewinnt.

Ist an die Verfilmung weiterer Bücher gedacht?

Noah Gordon: Es gibt Interesse, aber nichts, wozu derzeit etwas gesagt werden könnte. 

Womit beschäftigen Sie sich zurzeit? Wird einen nächsten großen Roman von Ihnen geben? Und worum wird es darin gehen?

Noah Gordon: Es wird keine langen Epen mehr geben, die Jahre brauchen, um sie schreiben zu können. Ich habe dafür in aller Ruhe an einer Novelle gearbeitet. Sie unterscheidet sich von jedem anderen meiner Werke. Was den Inhalt angeht, habe ich mein ganzes Leben lang die Eigenart gepflegt, nichts darüber zu verraten, bis das Buch kurz vor der Veröffentlichung steht. Ich habe kein Bestreben, diese Vorgehensweise zu ändern – aber ich danke Ihnen für Ihr Interesse.

Mit freundlicher Genehmigung von Benet, 10.12.2013

Noah Gordon, 1926 in Worcester, Massachusetts, geboren, arbeitete lange Jahre als Journalist beim »Boston Herald«, bevor er mit seinem ersten Roman »Der Rabbi« den Durchbruch als Schriftsteller erlebte. Mit »Der Medicus« gelang ihm ein Weltbestseller, der in Deutschland viele Monate auf der Bestsellerliste stand. Noah Gordon wurde weltweit mit mehr als einem Dutzend literarischer Preise ausgezeichnet. Er hat drei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Boston.