SPECIAL zu »Die Rosenfrauen« von Cristina Caboni

Gespräch mit Cristina Caboni über ihre Parfümleidenschaft

Cristina Caboni
© Paola Leoni
Was hat sie zu Die Rosenfrauen inspiriert?
Vor allem eigene Erfahrungen. Ich lebe auf dem Land, umgeben von Blumen und Pflanzen. Außerdem bin ich Imkerin, was für mich eher eine Lebenseinstellung als ein Beruf ist. Meine Welt ist voller Düfte. Wer Bienen hält und züchtet, lebt mit der Natur. Ihr Wohlbefinden ist mir sehr wichtig, deshalb habe ich gelernt, sie bei ihrer Arbeit zu beobachten und mich ihren Gewohnheiten anzupassen. Wenn sich die Knospen entfalten und die Blüten den Nektar absondern, von dem sich die Bienen ernähren, ist die Luft von unzähligen Düften erfüllt. Mithilfe der Aromen kommunizieren die Blüten mit den Bienen und teilen ihnen mit, dass die Ernte beginnen kann. Mit der Zeit habe ich gelernt, die verschiedenen Düfte auseinanderzuhalten, allerdings bedurfte es dazu viel Zeit und Mühe. Ich habe an allem intensiv geschnuppert und ganz allmählich erkannt, dass der Duft eine Sprache ist, eine unmittelbare, zarte Form der Kommunikation. Eine wunderbare Einsicht. Aber keine Entdeckung, denn man kann nichts entdecken, was es schon immer gegeben hat. Ich habe mir lediglich etwas zu eigen gemacht, das ich zwar lange Zeit vor Augen, jedoch beharrlich ignoriert hatte und das mich nun so sehr faszinierte, dass ich es mit allen teilen wollte. Nur wie sollte ich eine derart vielschichtige Geschichte erzählen? Das könnte nur eine Parfümeurin, überlegte ich mir, eine sensible Frau, die zu großen Gefühlen fähig ist. Die Erbin einer langen Familientradition, in der über Generationen das Wissen von der Mutter an die Tochter weitergegeben worden ist. Eine solche Frau, da war ich mir sicher, konnte die Geschichte aus der geheimnisvollen Welt der Düfte erzählen. Sie würde die richtigen Wörter finden und die Fakten mit Emotionen verweben. Ab dem Moment dieser Erkenntnis hatte ich ein Mädchen und seine Großmutter vor Augen. Die beiden würden meinen Leserinnen und Lesern vermitteln, wie wichtig Düfte sind, daran hatte ich keinen Zweifel.

Das Parfüm erzählt Geschichten und ist gleichzeitig eine Möglichkeit, um Gefühle ohne Worte auszudrücken. All das versucht die alte Signora Rossini ihrer Enkelin Elena immer wieder klarzumachen. Haben Düfte für Sie ebenfalls diese Fähigkeiten?
Davon bin ich überzeugt. Düfte sind etwas Elementares, sie sensibilisieren, faszinieren und schrecken manchmal auch ab. Sie graben sich tief in uns ein und bilden unsere Gemütsbewegungen ab. Manche Düfte erzählen Geschichten aus unserer Vergangenheit und beschwören Gefühle herauf, die wir damals hatten. Ein Atemzug kann genügen, um unser Erinnerungsvermögen zu aktivieren, es reagiert und gibt uns ein Stück Vergangenheit zurück. Aber Düfte sind auch ein Lebenselixier. Schon zwei Tropfen unseres Lieblingsparfüms können einen langweiligen, düsteren Tag aufhellen und bereichern. Sie können auch beruhigen, wie etwa der Duft von frischem Brot oder frisch gebackenen Keksen, von Vanille oder frisch gewaschener Wäsche.

Wie haben Sie die Bedeutung der Düfte für sich entdeckt?
Nachdem die Idee für meinen Roman Form angenommen hatte, begann ich mich für Nischenhersteller zu interessieren, für Parfümeure, die Düfte abseits der Massenproduktion kreieren wollen. Das Konzept des individuellen Parfüms, maßgeschneidert wie ein Kleidungsstück, ließ mich nicht mehr los. Ich fragte mich, warum ich manche Gerüche mehr, andere weniger mochte und wieder andere geradezu unerträglich fand. Um eine Antwort darauf zu finden, fing ich an über Parfüms zu recherchieren und entdeckte dabei, dass mit jedem Duft eine Nachricht verbunden ist, ebenso wie jeder Duft eine Reaktion bei demjenigen hervorruft, der ihn trägt, genauso wie bei demjenigen, der ihn riecht. Einige Düfte werden sogar therapeutisch genutzt, zum Beispiel um schwierige Lebensphasen zu überstehen oder um Sicherheit zu vermitteln, andere dienen dazu, bestimmte Absichten zu unterstützen oder einen besonderen Abend unvergesslich zu machen.

In Ihrem Buch werden wiederholt die Methoden zur Parfümherstellung beschrieben, von traditionellen bis zu modernen. Woher stammt diese Leidenschaft?
Zum einen lebe ich in einer Welt aus Düften, was ich sehr genieße, zum anderen bin ich unermesslich neugierig. Ich wollte selbst das kleinste Detail kennenlernen, über jeden Schritt Bescheid wissen. Dabei fand ich heraus, dass sich die Methoden im Laufe der Jahrhunderte gar nicht so sehr verändert haben. Das war sehr aufschlussreich. Natürlich unterscheiden sich die heutigen Essenzen von denen aus der Vergangenheit und alles läuft nach festen Regeln ab, doch die Herstellungsprozesse sind im Grunde gleich geblieben. Geändert haben sich nur die Vorstellungen, die Idee oder auch, wie man in der Fachsprache sagt, der Brief. Heute erzählt das Parfüm eine Geschichte, beginnend mit der Kopfnote, die man zuerst wahrnimmt, über die Herznote bis hin zur Basisnote, dem letzten Teil des Duftverlaufs.

Elena hat die besondere Gabe, die Menschen zu verstehen und ihnen durch das richtige Parfüm zu helfen. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben verweigert sie sich dieser Gabe, da sie mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden ist. Können das eigene Erleben und die eigene Vergangenheit Ihrer Meinung nach tatsächlich dazu führen, dass man vergisst, wer man wirklich ist?
Eine tiefe Enttäuschung, vor allem wenn man sie in jungen Jahren erlebt wie Elena, kann zu einer Art Ablehnung dessen führen, was der Auslöser für diesen Schmerz war. Häufig schreibt man ihn dann etwas anderem zu, etwa Dingen, die wir rational erfassen können. Ich denke, dass man sich in solchen Situationen oft selbst verliert, aber ich glaube auch, dass es sich dabei nicht um eine endgültige Ablehnung, sondern um die Suche nach einer akzeptablen Alternative handelt. Irgendwann endet jedoch dieser Weg, der nicht der unsere ist. Sich selbst zu betrügen kann nicht zu einem glücklichen Leben führen. Immerhin haben wir auch ein Herz, eine Seele und emotionale Wurzeln, die Ratio allein genügt nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legt und das Substanzielle dabei vernachlässigt. Wir haben für alles und jeden Standards, die von unserer Individualität wegführen. Dabei ist diese unser größter Reichtum. Das Schönste, was einem passieren kann, ist doch, man selbst zu sein. Sich selbst zu finden, sich zu erkennen und zu akzeptieren ist ein guter Anfang, um glücklich zu sein.

Als Kind musste Elena lernen, dass auch eine Mutter die falschen Entscheidungen treffen kann. Erst als sie selbst Mutter wird, kann sie Susanna verstehen und ihr vielleicht vergeben. In der Tat ist die Mutterrolle eine der schwersten Aufgaben, die das Leben uns stellt. Sie haben selbst drei Kinder, empfinden Sie das auch so?
Ja, ich glaube, das kann man so sagen. Wir können gnadenlose Richter sein, aber wenn es um uns selbst geht, wenn wir von der Zuschauerin zur Akteurin werden, verändert sich alles. Muttersein ist schwierig. Eine gute Mutter zu sein noch schwieriger. Man muss alles im Blick haben und immer da sein, was manchmal einfach nicht möglich ist. Ich bin der Überzeugung, dass viele familiäre Konflikte sich von selbst lösen, sobald die Tochter selbst Mutter wird. Die gleichen Erfahrungen zu machen verbindet. Das geschieht auch in Elenas Fall, die Susanna ab dem Moment besser versteht, als sie selbst mit Problemen konfrontiert wird, von denen sie zuvor nichts geahnt hat. Sie findet sich in der gleichen Situation wieder wie ihre Mutter: Sie muss die Schwangerschaft alleine bewältigen. Was könnte die Einsicht für das Dilemma ihrer Mutter besser fördern?

Als Elena Cail zum ersten Mal begegnet, merkt sie an seinem Duft, dass er ein sehr sensibler, sehr emotionaler Mann ist. Vielleicht erkennt sie in ihm ihre eigene Verletztheit wieder. Zwei einsame Menschen, die sich zufällig treffen und gemeinsam einen Weg finden, mit sich selbst Frieden zu schließen und sich dem anderen zu öffnen. Macht das für Sie Liebe aus?
Allem voran verbindet Elena und Cail ihr Instinkt. Das ist etwas Magisches und Unerklärliches, ohne jede Logik. Beide verspüren von Anfang an das Bedürfnis, sich zu sehen, sich nahe zu sein und gemeinsame Momente des Glücks zu erleben. Dieses Gefühl entspringt etwas Irrationalen und lässt sich nicht erklären, es ist vielmehr ein Wiedererkennen verwandter Seelen, ein Sich-Gefallen und Sich-Begehren. Für mich ist das Liebe. Davon abgesehen hat die Liebe die Macht, alles zu bewegen, sie ist der mächtigste Antrieb, den es gibt. Aus Liebe zieht man Dinge in Betracht, die zuvor undenkbar waren. Die eigene Perspektive zu verändern kann helfen, die anderen zu verstehen, aber auch sich selbst zu akzeptieren. Mit den Augen der Liebe ist alles möglich. Der Rest kommt später.

Ein weiteres Herzstück des Buches ist Paris, die Ville Lumière mit ihren typischen Straßen und Gassen, den einmaligen Sehenswürdigkeiten und der magischen Atmosphäre. Wie ist Ihre Liebe zu dieser Stadt entstanden?
Frankreich habe ich zuletzt vor vielen Jahren besucht und das Land hat in meinem Herzen einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Der strahlend blaue, fast blendende Himmel, die unzähligen Gerüche, die freundlichen Menschen, die großartigen Schlösser, die von Blumenfeldern und Hecken durchzogene Landschaft. Paris ist das Symbol dieses Landes. Eine Stadt voller Faszination, Geschichte, Kunst und Genialität. Paris ist das Synonym für Romantik, Pracht und ... Parfüms. Dort hat mich einfach alles inspiriert, die Straßen und Plätze, die elegante, musikalische Sprache, der lächelnde Alltag einer Metropole. Ich hätte für meinen Roman gar keinen anderen Schauplatz wählen können.

Die Natur hat in Ihrem Buch ebenfalls einen hohen Stellenwert, von den unermesslich weiten Lavendelfeldern über die Rosengärten bis hin zu den Blumenmärkten. Wie wichtig sind Ihnen der Kontakt zur Natur und das Leben im Freien?
Vielleicht ist „wichtig“ nicht das treffende Wort. Für mich ist das Leben in der Natur von fundamentaler Bedeutung. Es könnte auch gar nicht anders sein, denn mein Arbeitsplatz ist dort, wo die Blumen für meine Bienen blühen. Ich glaube jedoch, dass die Natur schon immer ein Teil von mir war. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und meine Großeltern, die selbst Bauern waren, haben in meiner Erziehung eine große Rolle gespielt. Sie haben mir das Betrachten und das Zuhören beigebracht. Und noch etwas hat mich der Natur nahe gebracht: die Leidenschaft für Rosen. Ich liebe Rosen! Diese Leidenschaft teile ich übrigens mit meiner Mutter. Wir haben unzählige Rosen, von prächtigen, großblumigen bis hin zu unscheinbar wirkenden, duftintensiven Sorten. Bei uns wachsen alte und neue, traditionelle und moderne Rosensorten nebeneinander. Ein unvergleichliches Geruchserlebnis bieten zum Beispiel alte englische Sorten.

Das macht neugierig. Was ist Ihr Lieblingsduft?
Unser Haus ist von Zitrusbäumen umgeben. Im Mai färbt sich durch die neuen Blätter alles smaragdgrün, dazu die weißen Blüten, von deren Duft die Luft erfüllt ist. Intensiv fruchtig, berauschend, ja, ich würde fast sagen, hypnotisch. Genau das ist mein Lieblingsduft. Er erinnert mich an meine Kindheit, an die verführerischen Gerüche, die aus der Küchen drangen, an die Spiele und Wettrennen unter den Bäumen. Dieser Duft bezaubert mich jedes Mal aufs Neue und macht mich glücklich.

Schreiben Sie bereits an einem neuen Roman?
Ja und auch in meinem neuen Buch geht es wieder um große Gefühle. Es erzählt eine Familiengeschichte, die Geschichte eines Geheimnisses und einer Leidenschaft, die der Protagonistin dabei helfen, ihr Leben aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Letztlich inspirieren mich die Frauen zum Schreiben. Sie geben niemals auf und gewinnen dem Leben immer ein Lächeln ab, selbst wenn es schwer fällt.

Die Rosenfrauen

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