SPECIAL zu James Lee Burke

Im Namen der Gerechtigkeit

James Lee Burke
© James Parker McDavid
Als James Lee Burke Mitte der Achtzigerjahre beginnt, über einen alkoholsüchtigen Cajun-Cop zu schreiben, der mit seinen Erinnerungen aus dem Vietnamkrieg kämpft, ist er fast fünfzig und hat bereits viele Ups und Downs hinter sich. Dabei ließ sich alles so gut an: Gleich nach dem Studium veröffentlicht er erste Stories, erhält begehrte Stipendien, publiziert in der Folgezeit drei Romane, bekommt positive Kritiken. Mit dem Manuskript zu seinem vierten Werk allerdings gerät seine Karriere in eine Sackgasse, denn für The Lost Get-Back Boogie erhält er nur Absagen, die Legende besagt: mehr als 100 an der Zahl (später wird der Roman für den Pulitzerpreis nominiert). Erst 13 Jahre später interessiert sich wieder ein Verlag für ihn.

In dieser Dürreperiode hält JLB die fünfköpfige Burke-Familie mit Jobs über Wasser, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Er arbeitet auf texanischen Ölfeldern, ist als Journalist in Louisiana und Sozialarbeiter in Los Angeles tätig, unterrichtet Englisch an verschiedenen Colleges. Neben finanziellen Problemen hat Burke in diesen Jahren auch mit einer schon früh entwickelten Alkoholsucht zu kämpfen. 1977 geht es nicht mehr weiter, und er beschließt, trocken zu werden. Tatsächliche Hilfe für seine Probleme findet er allerdings erst, als er in den frühen Achtzigern ein Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert. Von diesem Zeitpunkt an verarbeitet er die Erfahrungen mit dem Alkoholismus auch in seinen Büchern – die Figur des Dave Robicheaux ist geboren.

1987 ermittelt Robicheaux das erste Mal in Neonregen und kommt anschließend in zwanzig weiteren Romanen und zwei Hollywood-Adaptationen (1996 mit Alec Baldwin, 2009 mit Tommy Lee Jones) zum Einsatz. Als Mitarbeiter des Sheriffbüros von New Iberia, einer verschlafenen Kleinstadt in den subtropischen Sumpflandschaften Louisianas, repräsentiert Robicheaux zwar das Gesetz, übertritt es aber auch mit notorischer Regelmäßigkeit in seinem Streben nach Gerechtigkeit und Wahrheit. Von einem festen Moralkodex geleitet, ringt der trockene Alkoholiker, Vietnamveteran und Witwer immer wieder mit Depressionen, lässt aber auch keine Möglichkeit aus, sich mit selbstzerstörerischem Eifer in die Schlachten gegen das Geschmeiß dieses Planeten zu werfen. Ein komplexer Charakter, der die Welt in Schwarz und Weiß aufteilt: Drogendealer, Mafiabosse, Zuhälter, Vergewaltiger, Psychopathen, korrupte Politiker – sie alle sollen bluten. Als durchweg anständiger Kerl und wahrer Gentleman steht Dave stets auf der Seite der Entrechteten und Marginalisierten. Angetrieben von der Hybris, er, und nur er, sei der Typ, der die Sache geraderücken und gegen alle Widerstände für Gerechtigkeit sorgen muss, ist Robicheaux ein Typ, der sich nicht unterordnen kann und will und sich einen Scheißdreck um die Konsequenzen kümmert.

Auch der Charakter des Anwalts Billy Bob Holland, den James Lee Burke in den späten Neunzigern ins Rennen schickt, wird von einer Weltsicht geleitet, die klar zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse unterscheidet. »Ich war Streifenpolizist gewesen, Texas Ranger, Bundesanwalt, und jetzt war ich Strafverteidiger in einer Kleinstadt, aber ich vertrat keine Drogendealer und kam mir dabei erhaben vor, besser als die anderen Anwälte, die sich keine solchen Einschränkungen auferlegten«, stellt Billy Bob in Dunkler Strom klar. Die Methoden, die der Anwalt Holland in einer Kleinstadt in Montana zur Aufklärung von Verbrechen einsetzt, sind subtiler und gesetzmäßiger als jene des Deputy Sheriffs Robicheaux, aber das übergeordnete Ziel ist das Gleiche: Gerechtigkeit.

Beide Figuren sorgen für reichlich Kritikerlorbeeren und bringen JLB Auszeichnungen mit den renommierten Edgar Awards für den besten Kriminalroman des Jahres ein – Robicheaux mit Black Cherry Blues (1990) und Holland mit Cimarron Rose (1998).

Mit Regengötter bringt Burke einen weiteren Charakter im Kampf gegen das Böse an den Start: den hartgesottenen Sheriff Hackberry Holland aus Texas. Hackberry ist der Cousin von Billy Bob und hat, wie alle Protagonisten in JLB-Romanen, ein schweres Bündel zu tragen: Trauma durch Kriegsgefangenschaft in Nordkorea (bereits in einem Frühwerk von JLB aus dem Jahr 1971 namens Lay Down My Sword and Shield spielt Hackberry Holland eine Rolle), anschließend Krise, Alkoholsucht, Bordellbesuche, Scheidung, verkorkste Politkarriere, Depressionen und Selbstekel ohne Ende. Als die über alles geliebte zweite Frau verstirbt, zieht Hackberry in ein unwirtliches Kaff an der Grenze zu Mexiko und tritt als Sheriff gegen psychopathische Massenmörder, Menschenhändler, Mobster und anderen Abrieb an. Weit jenseits des Rentenalters ist Hackberry trotz Ischiasproblemen, knackender Gelenke und Todesvisionen noch ziemlich rüstig und bearbeitet seine Widersacher genau so gern mit dem unteren Teil des Billardqueues wie Robicheaux oder sein Cousin in Montana. Was ihn von Dave und Billy Bob unterscheidet? Nun, Hackberry hat sein Leben bereits gelebt, hat so viel gesehen und durchgemacht, dass es manchmal wehtut. Durch seine frühere Anwaltstätigkeit für die Amerikanische Bürgerrechtsunion ACLU und die vergangene Ehe mit einer Gewerkschaftsführerin sieht er viele Dinge anders, als man es von einem Sheriff aus Texas erwarten würde. Immer wieder kommentiert er gesellschaftspolitische Zusammenhänge, thematisiert die dunklen Kapitel der US-amerikanischen Geschichte und spricht ungerechte Verhältnisse an.

Hackberry Holland ist die aktuellste und auch eine der komplexesten Figuren von James Lee Burke. Zudem vereint sie viele Puzzleteile aus dem Leben des Großmeisters des Krimi-Genres, der 2009 vom Verband US-amerikanischer Krimi-Schriftsteller MWA mit dem Grand Master Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.


Regengötter

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