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SPECIAL zu »Gehwegschäden« von Helmut Kuhn

Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas, und die Stadt, die Helmut Kuhn in seinem großen Gesellschaftsroman Gehwegschäden beschreibt, das Berlin des Jetzt und Heute, ist längst nicht jener Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, für den es aus der Ferne gern gehalten wird. Es schwelt, es brodelt. Immerhin ist es bislang nicht übergekocht. Wohl aber verdichten sich die Anzeichen, dass es bald so weit sein könnte. Und Helmut Kuhn hat eine Vermutung, warum das so ist.

»Mann ersticht Job-Center-Frau. Vater exekutiert Familie. Rentner schläfert sich mit Hund ein.
Wer in den Brutstätten des Raubritterkapitalismus groß geworden ist, in einem Geisterquartier von Detroit oder einem chinesischen Viertel in Kuala Lumpur, kennt es nicht anders. Wir aber erschrecken über solche Meldungen. Wir in Vilshofen, Fulda oder Berlin, die wir das Pech hatten, in die soziale Marktwirtschaft der siebziger Jahre hineingeboren worden zu sein.
Lange hatten wir gehofft, das möge ein Vorteil sein. Jetzt erweist sich unsere gute Stube als menschlicher Makel wie wettbewerbsschädlicher Nachteil. Mit christlichen Altlasten wie der Bergpredigt behaftet sind wir den neuen Herausforderungen des globalen Marktes nicht gewachsen. Unterm Strich zähl ich – lehrt dagegen der Slogan eines deutschen Geldinstitutes. Aber wir zweifeln noch. Wir verzweifeln sogar, daran, dass uns die Errungenschaften zweitausendjähriger Kulturgeschichte abhandenkommen. Leise, langsam, Zahn um Zahn. Wir beginnen zu begreifen:

Die einzige Errungenschaft, die bleiben wird, ist nicht die Festschreibung von Menschenrechten, nicht das Recht auf Streik, die Freiheit des Individuums oder die Einführung der Sozialversicherung; es ist die Sicherheit von Eigentum, der ungehinderte Genuss von Besitz. Das ist an sich nichts Schlechtes. Und genau genommen machen wir bei dem Deal nicht mal wirklich Miese. Wir fallen lediglich auf den Stand der Dinge der industriellen Revolution zurück. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es die Insel der Überheblichen erreicht, Europa. Vielleicht liegt darin sogar eine poetische Gerechtigkeit. Trotzdem fürchten wir uns oder werden plötzlich zornig.
Ist Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Überheblichkeit und Zorn gleich Wut?

In Strausberg bei Berlin hat man sich dazu Gedanken gemacht. Unter dem Titel »Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert – Umweltdimensionen von Sicherheit, Teilstudie 1: Peak Oil, Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen« hat das Dezernat Zukunftsanalyse des Zentrums für Transformation der Bundeswehr im Juli 2010 den Teufel an die Wand gemalt. Es ist natürlich ein Endzeit-Szenario, das niemals eintreffen wird: Irgendwann in der postfossilen Gesellschaft, prognostiziert der Think-Tank, werde der »Peak Oil« erreicht – der Tag, an dem die Tanke leer ist. In der Folge könne es zu sozialen Unruhen kommen, was sicherheitspolitische Auswirkungen habe, natürlich in Afrika, Russland oder anderswo.

Zwischen den Zeilen aber mag man lesen: Irgendwann in der postsozialen Gesellschaft könnte auch der Peak Human Resource erreicht sein, der Moment, in dem es hier ungemütlich wird. Wer will, mag die Studie als Botschaft verstehen: Liebe Nomenklatura, ihr werdet uns noch brauchen! Lasst die Personalstände der Bundeswehr nicht zu sehr ausdünnen, denn die Tage der Aufstände werden noch kommen.

Ob Öl, ob Gas oder Mensch, ganz gleich. Ihr wisst das. Dann wird das Heer wieder nach innen wirken müssen anstatt in der Ferne, und darüber werdet ihr noch froh sein. Es ist eine Warnung. Ein Fanal der Generäle an die ausgebüchsten Stände Volksvertretung und Hochfinanz: Wir seien, gewährt uns die Bitte, in Eurem Bunde wieder der Dritte.

Denn die Tage des Zorns nahen. Bereits gehabt in Spanien, Italien, Portugal, Belgien, Frankreich, Griechenland. Die ersten länderübergreifenden Streiks. Der ganz normale Grundhass steigt. Jeder spürt das ein bisschen. Die ersten drehen schon durch. Mann ersticht Job-Center-Frau. Vater exekutiert Kinder. Das häuft sich. Einzelne, kollaterale Amokläufe, völlig gesunde darwinistische Reaktionen. Peanuts, verglichen mit der Leidensfähigkeit des russischen Volkes. Es knirscht im Gebälk, aber es kracht nicht. Die Wut steht noch aus.
Mein persönlicher Tagestipp: Investieren Sie in Jack-Wolfskin-Aktien, sobald das Unternehmen an die Börse geht. Warme Anoraks. Wir kriegen eine Eiszeit. Mahlzeit und Tschüß.«

Gehwegschäden Blick ins Buch

Helmut Kuhn

Gehwegschäden

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