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SPECIAL zu Irvine Welsh - Heyne Hardcore

WIE WIR AUSSEHEN, WER WIR SIND

von Björn Hauke

»Fett ist abstoßend. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es ist und bleibt eine sozial stigmatisierende Entstellung, die auf Fressgier, auf einen Mangel an Selbstkontrolle und, machen wir uns nichts vor, auf einen psychischen Defekt hinweist.«

Diese Ressentiments gegenüber fetten Menschen äußert Sick Boy in Porno, einem früheren Werk von Irvine Welsh. In seinem neuen Buch Das Sexleben siamesischer Zwillinge geht es aber nicht um die Spielchen des Simon David Williamson, sondern um Lucy Brennan, eine Fitnesstrainerin in Miami, die allem Fetten und Schwachen – was für sie auf dasselbe hinausläuft – den Kampf angesagt hat.

Lucy wird unfreiwillig zur Heldin, als sie einen bewaffneten Verrückten zur Strecke bringt. Dank mobiler Endzeittechnologie wird sie dabei gefilmt und startet daraufhin, wie in der Medienmoderne üblich, from zero to hero durch. Das Problem bei der Sache ist nur, dass sie nun die von Dankbarkeit erfüllte Handyfilmerin Lena Sorenson an der Backe hat. Sorenson ist das komplette Gegenteil von Hardbody Lucy: eine depressive, verfressene Künstlerkuh ohne soziales Leben. Das will Lucy ändern. Doch die Arbeit mit und an Sorenson artet zur Sisyphos-Aufgabe aus, denn es wollen sich keine Erfolge einstellen, was Kontrollfreak Lucy unter keinen Umständen tolerieren kann.

»Es ist das Essen. Die Fresserei. Das ist ihr Hauptproblem. Wir verschwenden nur unsere Zeit, solange ich ihr beschissenes Hirn nicht so umprogrammiert bekomme, dass sie aufhört, diesen gottverdammten Dreck in sich reinzustopfen.«

Doch bei Irvine Welsh ist nichts, wie es zunächst scheint. Denn in Das Sexleben siamesischer Zwillinge wendet sich das Blatt schneller, als es Lucy lieb ist. Um Sorenson zurück auf Spur zu bringen, greift sie zu immer drastischeren Mitteln, und trudelt dabei einem Kontrollverlust über ihr eigenes Leben entgegen. Die im Buchtitel erwähnten siamesischen Zwillinge spielen eine eher untergeordnete Rolle, ihre vom Fernsehen ausgeschlachteten zwischenmenschlichen Probleme spiegeln die durch äußere Umstände erzwungene Beziehung zwischen Lucy und Lena.

Irvine Welsh ist und bleibt eine Klasse für sich: Indem er die Entwicklung der klassischen Yin-und-Yang-Beziehung erzählt, erteilt er im Vorbeigehen der mediokren Leistungsgesellschaft, der Medienverblödung, dem Schönheitswahn und der Immobilienblase eine Backpfeife.

Deswegen passt es auch, dass die Geschichte in Miami und nicht, wie seine früheren Werke, in Großbritannien angesiedelt ist. Schließlich ist Miami die Bühne für den gescheiterten amerikanischen Traum und seine Träumer, die immer noch nicht in der Realität angekommen sind. Was speziell aus Lucys
Perspektive recht eindrucksvoll beschrieben wird.

Sorenson kommt seltener zu Wort, und wenn überhaupt, nur in tagebuchartigen Beiträgen, während bestimmte Situationen und Interaktionen per Mail geklärt und erzählt werden. Typisch für Welsh ist es, dass die Ursachen für aktuelle Handlungen und Probleme in der Vergangenheit der Protagonisten zu finden sind; Ängste, denen man sich stellen muss, um nicht einzugehen – was dem ungleichen Paar in einem geradezu aristotelischen Spannungsverlauf gelingt. Auch wenn es ein Roman ist.

Björn Hauke

Das Sexleben siamesicher Zwillinge Blick ins Buch

Irvine Welsh

Das Sexleben siamesicher Zwillinge

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