SPECIAL zu Jan-Philipp Sendker »Herzenstimmen« & »Das Herzenhören«

Jan-Philipp Sendker über »Das Herzenhören« und »Herzenstimmen«

»Das Schreiben ist für mich wie eine Reise, auf die ich mich selbst mitnehme.«

Jan-Philipp Sendker
© Frank Suffert
Zehn Jahre sind seit dem Herzenhören vergangen. Warum sind Sie mit Ihrer Arbeit zu Julia Win und U Ba zurückgekehrt?
Jan-Philipp Sendker: Seit Jahren hatte ich die Geschichte einer Frau im Kopf, die eine Stimme hört. Doch ich kam mit der Idee irgendwie nicht weiter. Ich fand keinen Zugang zu der Figur. Mal war sie eine Richterin aus Hannover­Langenhagen, mal die Ehefrau eines deutschen Pharmamanagers, die mit ihrer Familie in New Jersey lebt, mal jemand ganz anderes. Was immer sie war, sie interessierte mich nicht und blieb mir fremd, sodass ich die Geschichte zwar im Kopf behielt, immer wieder darüber nachdachte und mir Notizen machte, aber trotzdem nicht vorankam. Auf einer Recherchereise nach Burma für ein anderes Projekt saß ich in einem Teehaus in Kalaw, und plötzlich musste ich an Julia Win aus dem Herzenhören denken. Sie war es, die diese Stimme hörte – und in dem Moment machten all die Ideen für das Buch Sinn. Wie in einem Puzzle, wo man plötzlich die fehlenden Teile findet und dann alles zusammenpasst.

Herzenhören beginnt mit dem Verschwinden von Julias Vater, Herzenstimmen mit dem Auftauchen einer rätselhaften Stimme in Julias Kopf. Beide Ereignisse führen Julia nach Burma. Was verbindet die Geschichten?
Jan-Philipp Sendker: In beiden geht es um eine Suche und eine große Liebe. Im ersten Band findet Julia in gewisser Weise ihren Vater und erfährt dabei von dessen großer Liebe. In Herzenstimmen wird Julia durch die Stimme in ihr gezwungen, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen. Auch dabei begegnet sie einer ganz außergewöhnlichen Liebe, mehr möchte ich nicht verraten ...
Außerdem verbindet die beiden Bücher natürlich der Schauplatz Burma: Seine Kultur, sein Alltag, die Spiritualität seiner Menschen spielen in beiden Büchern eine große Rolle. Ich habe beim Schreiben von Herzenstimmen erst gemerkt, wie viel ich auf meinen Reisen dorthin erlebt und gelernt habe. Ich glaube fast, dass es hier eine noch größere Rolle spielt als im ersten Band.

Herzenstimmen zeigt uns ein anderes Burma. Haben Sie dafür viel recherchiert? War das überhaupt möglich?
Jan-Philipp Sendker: Ich recherchiere für alle meine Romane sehr viel. Allein für Herzenstimmen war ich zweimal mehrere Wochen in Burma. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich früher Journalist war und die Recherche zu meinem Handwerkszeug gehörte. Vielleicht auch damit, dass alle meine Bücher in Asien spielen, und da ich kein Asiate bin, muss ich mir sehr viel Wissen durch Recherche aneignen. Faktisches Wissen, aber auch Gerüche, Geräusche, die ganze Atmosphäre eines Schauplatzes.
Die Recherche für Herzenstimmen war nicht einfach. In einer längeren und für das Buch sehr wichtigen Passage setzt es sich sehr kritisch mit den Verbrechen auseinander, die das Militär dort an der eigenen Bevölkerung begeht. Es ist eine horrende Geschichte, die ich mir nicht ausgedacht habe. Sie basiert auf Berichten von Menschen, die all das durchlitten haben. Diese Menschen zu finden, sie dazu zu bringen, mit mir zu reden, das war nicht einfach. Zum Glück habe ich über die Jahre einige sehr gute Freunde in Burma gefunden. Ohne ihre Hilfe wäre es nicht möglich gewesen.

Inzwischen hat sich Herzenhören in viele Länder verkauft. Gibt es je nach Kulturkreis unterschiedliche Reaktionen auf das universelle Thema Liebe?
Jan-Philipp Sendker: Das weiß ich leider nicht, weil ich die Sprachen nicht spreche und die Diskussionen um das Buch deshalb nicht verfolgen kann. Aber ich glaube, es ist eine universelle Liebesgeschichte, denn es verkauft sich in fast allen Ländern sehr gut. Herzenhören ist im Januar in Amerika erschienen, und wenn der erste Eindruck nicht täuscht, dann wird es in den USA sehr ähnlich aufgenommen wie in Deutschland und der Schweiz.

Burma ist ein rätselhaftes Land, das sich erst sehr langsam öffnet. Sie waren oft da. Was fasziniert Sie so und was haben Sie dort gelernt?
Jan-Philipp Sendker: Ich empfinde es als ein unglaubliches Privileg, Burma in den vergangenen fast zwanzig Jahren so häufig bereist haben zu dürfen, denn es wird sich in den kommenden Jahren sehr verändern. Vor allem in den ersten Jahren kam es mir oft wie eine Zeitreise vor. Die Militärjunta hat das Land über 30 Jahre von der Außenwelt mehr oder weniger isoliert. Für lange Zeit galten Touristenvisa nur für sieben Tage – zu wenig, um das Land zu bereisen. Kaum ein Mensch fuhr nach Burma, es gab kaum Fernsehen, keine Nachrichten vom Rest der Welt. Yangon war eine Millionenstadt, in der es kaum Autos gab, nur wenige Ampeln, die Menschen gingen zu Fuß oder fuhren Fahrrad. Regelmäßig fiel der Strom aus und am Abend erleuchteten Kerzen und kleine Feuer die Straßen und Wohnungen. Das machte das Leben natürlich sehr beschwerlich für die Menschen, aber auch viel ruhiger und gemächlicher. Kommerz und materielle Dinge spielten eine weit geringere Rolle als bei uns oder in den Nachbarländern wie Thailand. Die Menschen ertrugen ihre schwierigen Lebensumstände und die Diktatur mit einer großen Ruhe und Würde. Sie sind sehr arm, dafür haben sie viel, sehr viel Zeit. Manchmal hatte ich das Gefühl, dort eine Ahnung von dem Preis zu bekommen, den wir für unseren Wohlstand bezahlen, vor allem was das Miteinander betrifft. Ich habe in Burma viel gelernt über andere Werte, Spiritualität, Aberglaube und versuche das in meinen Büchern zu beschreiben.

Wie arbeiten Sie an einer Geschichte? Wissen Sie von Anfang an, wohin sie Sie führen wird, oder entwickeln die Figuren beim Schreiben ein Eigenleben?
Jan-Philipp Sendker: Ich habe nur eine sehr grobe Struktur. Wenn ich die Geschichte zu sehr durchplane, würde es mich langweilen, sie aufzuschreiben. Das Schreiben ist für mich wie eine Reise, auf die ich mich selbst mitnehme. Wenn ich mich morgens an den Schreibtisch setze, freue ich mich aufs Schreiben, weil ich wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht.

Können Sie sich vorstellen, noch einen weiteren Roman um Julia und U Ba zu schreiben?
Jan-Philipp Sendker: Geplant habe ich es nicht. Aber diese Fortsetzung war auch nicht geplant. Deshalb möchte ich nicht ausschließen, dass mir Julia und U Ba noch ein weiteres Mal begegnen ... Es sind zwei Figuren, die mich sehr faszinieren. Julia gewinnt im Herzenstimmen mehr und mehr an Kontur, ich bin ihr in den fast zwei Jahren, in denen ich am Buch gearbeitet habe, sehr nahegekommen. Es wird schwierig sein, loszulassen ...

Herzenstimmen

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