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SPECIAL zu Jens Westerbeck

EINE GUTE GESCHICHTE MUSS NICHT UNBEDINGT WAHR SEIN ...

Jens Westerbeck hat schon mal einen Branchenroman geschrieben: »In Boatpeople« persiflierte er sein altes Leben als Luxusjachtbroker. Inzwischen hat er der Branche den Rücken gekehrt und macht irgendwas mit Medien. Weniger absurd ist sein Berufsleben dadurch aber nicht geworden. Sein neuer Roman »Aftershowparty« ist wieder ein wildes Stück Literatur voller unglaublicher Begebenheiten. Wie viel davon wahr ist, müssen Sie allerdings selbst entscheiden.

Die Wahrheit nervt. Sie ist so verbindlich. Die Lüge dagegen ist wundervoll. Sie erfüllt unsere Sehnsüchte. Aber auch dann, wenn man sie als Lüge erkennt? Oder nur wenn wir glauben, dass es sich um die Wahrheit handelt? Ich glaube, die Lüge lebt vom Vortrag. Davon, wie sie uns präsentiert wird.
Ich arbeite seit fünf Jahren in der Medienbranche. Das allein wäre schon schlimm genug. Mich hat es aber nach ersten Erfahrungen als Gagschreiber sowie als Texter einer großen Tageszeitung ausgerechnet zum Fernsehen verschlagen, wo ich seitdem als Autor an über hundert Sendungen mitgewirkt habe. Danach sieht man vieles anders.

Im Privatleben hatte sich mir die Frage nach Lüge und Wahrheit zuvor nie gestellt. Ich nehme die Dinge eigentlich ganz gerne so, wie sie sind. Ich benötige keine Optimierung von Zuständen. Wenn es nach mir ginge, müsste nicht in jedem Tatort der Mörder nach neunzig Minuten gefasst werden. Wenn er intelligenter ist als die Polizei oder einfach nur Glück hat, weil die Kommissare zu sehr mit ihren privaten Problemen beschäftigt sind, wäre das für mich auch okay. Ich könnte im Anschluss genauso beruhigt zu Bett gehen. Aber trifft das auch auf die Millionen anderen Zuschauer zu? Würden sich überhaupt noch so viele Menschen jeden Sonntag vor den Bildschirmen versammeln, wenn nicht von Anfang an klar wäre, dass der Bösewicht auch wirklich geschnappt wird? Diese Fragen kann ich mit meiner Erfahrung ganz sicher beantworten: Nein.

Meine Branche lebt davon, Erwartungen zu erfüllen. Dabei ist es vollkommen egal, ob das in einem Spielfilm, einer Fernsehshow oder in einer Talkrunde passiert. »Der Zuschauer ist ein scheues Reh«, hat mal ein TV-Verantwortlicher zu mir gesagt. »Und das Programm ist dann gut, wenn es sich möglichst viele Menschen anschauen.«

Ich habe die letzten Jahre erlebt, dass für das Er- reichen der Quotenziele jedes Mittel recht ist. Verkauf eine Lüge als Wahrheit und lass dich nicht erwischen. Hauptsache, die Geschichte ist gut. Mein neuer Roman ist eine Mediensatire. Überdreht, überzeichnet, überfrachtet. Also genau wie der Zirkus, in dem ich mich bewege!

Jens Westerbeck