Annette Sabersky im Gespräch

Interview mit Annette Sabersky zu »Echte Wurst hat kein Gesicht«

Es gibt viele Bücher über die richtige Ernährung von Kindern. Was ist das Besondere an Ihrem Buch „Echte Wurst hat kein Gesicht“?
Annette Sabersky: Das Besondere ist, dass wir zum einen die vielen fragwürdigen Lebensmittel unter die Lupe nehmen, die es für Kinder gibt. In dem Buch nimmt aber auch das Erlernen eines gesunden und genussvollen Essverhaltens einen breiten Raum ein. Wir zeigen anhand von vielen Beispielen, wie Kinder ganz ohne erhobenen Zeigefinger das Kochen und Genießen spielerisch lernen. Wir erklären aber auch, was Eltern lieber sein lassen sollen. Oftmals ist man so von den eigenen Vorgaben besetzt, dass man ungünstige Gewohnheiten unbewusst weiter gibt. Heute muss zum Beispiel kein Kind mehr seinen Teller leer essen. Ein klein bisschen probieren kann es aber schon von ungewohnten Speisen.

Als Ernährungswissenschaftlerin beschäftigen Sie sich bereits seit über 20 Jahren mit der Ernährung von Kindern. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Annette Sabersky: Das Angebot an Lebensmitteln ist viel breiter als früher. Es gibt fast täglich neue, teils extra für Kinder kreierte Produkte, die, glaubt man den Anbietern, natürlich alle sehr gesund, lecker und ausgewogen sein sollen (was aber oft nicht der Fall ist). Dazu kommt das normale Angebot, das auch ständig neue Verführungen bereithält. Zugleich sind die Informationen über gesunde Ernährung sehr widersprüchlich. Heute weiß man mehr über gesundes Essen für Kinder, die Informationen aus verschiedenen Jahrzehnten vermischen sich, die Eltern sind verunsichert. Wir klären in unserem Buch auch solche Widersprüche auf.

In Ihrem Buch üben Sie Kritik an der Nahrungsmittelindustrie. Was werfen Sie deren Vertretern vor?
Annette Sabersky: Wir kritisieren, dass Eltern wie Kinder von der Werbung massiv verführt werden. Dazu ist Werbung zwar da, aber wenn dies auf Kosten der Gesundheit von Kindern geht, hört der Spaß auf. Die meisten Produkte, für die geworben wird, sind zu süß, fettig und kalorienreich. Fast alle Anbieter werben nicht nur im Fernsehen für die bunten, niedlichen Packungen, sie verführen die Jüngsten auch im Internet mit witzigen Food-Spielen, Sammelaktionen und anderem mehr. Viele Firmen sponsern Unterrichtsmaterialien, so dass Kinder ganz nebenbei in eine bestimmte kulinarische Richtung gelenkt werden. Meine Kinder haben jahrelang von der Schule Hefte gestellt bekommen, auf denen für das Getränk "Fruchttiger" von Eckes Granini geworben wird. Wie oft musste ich dann hören: "Können wir das auch mal kaufen?" (habe ich aber (fast) nie).

Ein wichtiger Punkt in Ihrem Buch lautet, dass man Kinder beim Thema Essen von Anfang an einbeziehen soll. Wie soll das im Alltag gehen, wenn Beide berufstätig sind?
Annette Sabersky: Manche Eltern meinen, sie müssten ständig mit dem Nachwuchs Kochen und Backen. Das muss aber nicht sein. Und es geht auch gar nicht um den großen pädagogisch wertvollen Kochevent, sondern um die kleinen Dinge. Man kann die Kinder einfach mit zum Einkaufen auf den Wochenmarkt oder auch auf einen Bauernhof nehmen. Dort können sie oft etwas probieren, daran riechen und so mit allen Sinnen gute Lebensmittel erfahren. Auf einem Hof können sie auch sehen, wie Hühner Eier legen oder woher die Tomaten kommen.
Zu Hause können schon kleine Kinder ab etwa einem Jahr im Kinderstuhl sitzen und bei den Kochaktivitäten dabei sein. Sie können an einer Möhre riechen oder eine Kartoffel untersuchen während die Mutter oder der Vater kocht. Sie nehmen so ganz nebenbei all die Gerüche wahr, die wichtig sind, um eine große Geschmacksvielfalt zu erleben. Später können sie mithelfen Gemüse klein zu schneiden, Kartoffeln zu braten oder den Tisch zu decken. Die meisten Kinder haben Spaß an solchen Kochaktivitäten. Manche aber auch gar keine Lust dazu. Sie sollten nicht gezwungen werden, sondern einfach dabei sein, wenn in der Küche gewerkelt wird. Ganz praktisch gesehen, kann man je Woche einen festen Kochtag mit dem Nachwuchs einplanen.

Sie betonen immer wieder die starke Vorbildfunktion, die Eltern in puncto Ernährung haben. Ist das die zentrale Aussage Ihres Buches?
Annette Sabersky: Das ist eine wichtige Aussage, denn die Eltern leben das Verhalten in Sachen Ernährung klar vor. Wenn sie sich beim Fernsehen eine Tafel Schokolade reinziehen und dazu Cola trinken, dann findet das Kind dies normal und macht es nach. Wenn die Eltern mit Lust ein leckeres Gemüsegratin essen, dann ist das der Standard. Aber auch die Großeltern oder die Kita, wo die Kinder auch viel Zeit verbringen, sind Vorbild. Darum sollte auch dort lecker und gesund gegessen werden. In die Kitaessenplanung darf man sich gerne einmischen, indem man einfach mal die Essenspläne anguckt, die ausgehängt werden müssen. Auch hier sollten Pommes und Schnitzel und Speisen die Ausnahme und Gerichte mit Zusatzstoffen tabu sein (Zusatzstoffe müssen auf dem Essplan deklariert werden!). Stattdessen sollten auch hier so oft wie möglich Nudeln oder Kartoffeln mit Gemüse oder Kartoffeln auf den Teller kommen.