SPECIAL zu Neil Gaiman

Ein Gespräch mit Neil Gaiman

lit.COLOGNE 2007

00:00
00:00

Interview zu »Anansi Boys«

Sie beschreiben „Anansi Boys“ als „Horror-Thriller-Geister-Romantik-Comedy-Familien-Epos“? Was ist es denn jetzt eigentlich wirklich?
Neil Gaiman: Na ja, es ist schon wirklich all das zusammen. Aber es ist auch ein Nachdenken über Familien und über die Natur von Geschichten.
Und ich hoffe, dass es ein lustiges, süßes Buch ist, das für einen auch nach dem Lesen noch wichtig bleibt.

Erzählen Sie uns kurz, was passiert …
Neil Gaiman: Fat Charlie Nancy (der viele Jahre gar nicht dick war) ist mit einer netten jungen Dame verlobt, die Rosie heißt. Er arbeitet für einen Showbusiness-Agenten namens Grahame Coats. Sein Vater stirbt und sein Leben ändert sich, als man ihm sagt, dass sein Vater in Wirklichkeit der Spinnengott Anansi war. Und dass er einen Bruder hat. Er begeht den Fehler, mit seinem Bruder Kontakt aufzunehmen, denn der nimmt ihm seinen Job, sein Leben und seine Verlobte weg und als er versucht, seinen Bruder zu vertreiben, stürzt er sich und ihn nur noch tiefer ins Unglück

Irgendjemand hat mal gesagt, dass „Anansi Boys“ eine Mischung all Ihrer früheren Romanen sei, dass Sie aus allen das Beste herausgepickt hätten …
Neil Gaiman: Nun, es steckt sicher von allen meinen früheren Romanen was drin: Ich wollte was Lustiges schreiben, wie „Ein gutes Omen“, und was Rasantes, wie „Niemalsland“, und was Cleveres, wie „American God“. Aber es ist auch ein komplett eigenständiges Werk – es hat seinen ganz eigenen Tonfall und seine eigene Abfolge und das habe ich durchgehalten.

Was ist Ihre Lieblingsszene in „Anansi Boys“?
Neil Gaiman: Die Beerdigungsszene hat mir großen Spaß gemacht, und die Katerszene von Fat Charlie und Spiders erster Tag im Büro ... Im Grunde hat mir fast das ganze Buch hindurch das Schreiben Spaß gemacht. Es war richtig lustig.

Schildern Sie, wie Sie schreiben, den Prozess.
Neil Gaiman: Das ändert sich von Buch zu Buch. Bei dem hier bin ich immer so gegen eins in ein Café gegangen und war dann zum Abendessen wieder daheim. Ich habe dort nur gesessen und geschrieben. Und manchmal ein wenig gelauscht.

In diesem Buch scheint es hauptsächlich darum zu gehen, was „normal“ ist und was nicht. Wie definieren Sie Toleranz?
Neil Gaiman: Ich glaube, dass bei näherem Hinsehen keiner von uns normal ist. Wir alle sind Götter und Monster und Clowns und Königinnen und Stars. Mir missfällt das Wort Toleranz – irgendwie schwingt da was davon mit, dass die „Normalos“, wenn jemand Komisches daherkommt, sich entspannt zurücklehnen, an ihrem heißen Tee schlürfen und sich leicht herablassend als was Besseres fühlen. Mir wäre es lieber, wenn man sich dafür begeistern könnte, dass es nichts „Normales“ gibt, dass man sich darüber freut, es genießt.
Im Fall von „Anansi Boys“ hat es mir einfach gefallen, ein Buch aus der Perspektive von zwei Personen zu schreiben, die eben nicht nur einfach weiß und Engländer sind, und das dann aber mit keiner Silbe zu erwähnen.

Sie schreiben seit Jahrzehnten. Was löste damals aus, dass Sie mit dem Schreiben anfingen?
Neil Gaiman: Die total verrückte Überzeugung, dass Schreiben genau das ist, warum ich auf diese Welt gekommen bin.

Und heute? Was gefällt Ihnen heute am besten am Schreiben?
Neil Gaiman: Der magische Augenblick, in dem du was Gutes geschrieben hast, das es vor dreißig Sekunden noch nicht gegeben hat – noch nicht mal in deiner Vorstellung.

Sie haben öfter erwähnt, dass Ihr Roman in der Tradition von Schriftstellern wie Evelyn Waugh steht. Wie meinen Sie das?
Neil Gaiman: In England gibt es eine starke Tradition britischer Humoristen und Sozialsatiriker, die ernste Dinge auf lustige Art ausdrückten, die sozusagen die bittere Pille in Zucker packten. Ich habe keine Ahnung, ob „Anansi Boys“ in diese Gesellschaft gehört – jedenfalls spielt es in ein paar sehr sonderbaren und fantastischen Orten – immerhin.

Ihre Liste mit Preisen, die Sie gewonnen haben, ist schier unendlich: drei Hugos, zwei Nebulas, einen World Fantasy Award, vier Bram Stoker Awards, sechs Locus Awards, zwei British Science Fiction Awards, einen British Fantasy Award, drei Geffens, einen International Horror Guild Award, einen Mythopoeic Award und noch ein paar mehr. Welcher bedeutet Ihnen am meisten? Warum?
Neil Gaiman: Inzwischen sind es schon zwei Mythopoeic Awards – „Anansi Boys“ hat gerade den anderen bekommen. Für mich sind die zwei wichtigsten der World Fantasy Award – für die 19. Episode von „Der Sandmann“, das war das erste Mal, dass ein Comic einen Literaturpreis gewonnen hat – und der Hugo für „American Gods“, von dem ich nicht mal gewagt hätte zu träumen und der mich so unsagbar glücklich gemacht hat.

Im März 2007 bereisen Sie Deutschland, um „Anansi Boys“ vorzustellen. Waren Sie schon mal hier?
Neil Gaiman: Ich war zuletzt in Deutschland wegen „American Gods“ und hielt die Lesungen mit dem sehr unterhaltsamen Martin Semmelrogge (seine Frau und sein Hund waren auch dabei). Ich kaufte in Göttingen, vor einer Lesung, ein wunderschönes leeres Notizbuch, in das ich „Anansi Boys“ geschrieben habe. Es gab also keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an Göttingen gedacht habe – und zwar dankbar. Ob's den Schreibwarenladen wohl noch gibt? Ob die wohl noch leere Notizbücher verkaufen?

Interview zu »American Gods«

Mr. Gaiman, in den USA sind Sie ein Superstar. Für Ihre Comics, Jugendbücher, Bilderbücher und Romane für Erwachsene haben Sie alle relevanten Preise abgeräumt - bei Ihren Signierstunden füllen Sie ganze Säle. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Neil Gaiman: Ich wünschte, ich würde das Geheimnis kennen. Dann müsste ich nicht den ganzen anderen Kram machen und könnte mich auf dieses Geheimnis konzentrieren. Ich schreibe einfach offenbar Stories, die die Leute mögen. Und ich habe Respekt vor meinen Lesern und nehme sie ernst. Das ist sehr wichtig.

Jetzt kommen Sie nach Europa um Ihren Roman American Gods vorzustellen. Was wird Sie dort erwarten?
Neil Gaiman: Ich nehme an, dass meine Leser in Deutschland und Europa so sind, wie überall sonst: intelligent und freundlich. Außerdem hatte ich schon viel Kontakt zu meinen deutschen Lesern, weil erstaunlich viele zu meinen Lesungen und Veranstaltungen in England, Belgien und Italien kommen.

In American Gods geht es um den Kampf der alten, aus der Mode gekommenen, europäischen Götter gegen die Götter der amerikanischen Moderne. Üben Sie damit auch Kritik am Werteverfall in der amerikanischen Gesellschaft? Ist es Zufall, dass Ihr Buch in eine Zeit fällt, in der grundlegende Differenzen zwischen dem »alten Europa« und der Neuen Welt auftreten?
Neil Gaiman: Es ist zumindest der Versuch, über Dinge zu reden, die man besser in Bilder und Metaphern fasst. Und auf die Art zum Beispiel deutlich zu machen, wie jung die amerikanische Gesellschaft ist und wie sehr sie sich mit sich selbst beschäftigt. In dem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass für Amerika andere Standpunkte einfach nicht zählen. American Gods stellt meine Sichtweise dar, was die Leser daraus machen, ist ihre Sache.

Wie haben amerikanische Leser auf kritische Passagen reagiert? Zum Beispiel heißt es in American Gods: »… amerikanische Geschichte … ist eine Erfindung. In Wahrheit waren die amerikanischen Kolonien nicht nur eine Zuflucht sondern ebenso sehr ein Schrottabladeplatz.« Fehlt den Amerikanern vielleicht ein Gespür dafür, wo sie herkommen?
Neil Gaiman: An dieser Stelle wollten die meisten wohl nur, dass es mit der Story vorangeht. Aber es wäre schön, wenn der ein oder andere etwas dabei lernen könnte. Ja, ich glaube, dass den Amerikanern ein Gefühl für ihre Vergangenheit fehlt.

Gegen Ende des Romans trifft der Held Shadow den bisonköpfigen Mann, der ihm sagt, er sei kein Gott sondern das »Land«. Und Odin erklärt Shadow, dass Amerika zwar »eine gute Gegend für Menschen« sei, aber eben »eine schlechte für Götter«. Läuft am Ende alles darauf hinaus? Wenn man nicht mehr an Götter glaubt, kann man immer noch an das »Land« glauben. Land nicht im Sinne von Nation gemeint?
Neil Gaiman: Vielleicht. Aber ich glaube, mir gefiel dabei einfach die Idee, dass es unter der amerikanischen Oberfläche noch etwas anderes geben könnte.

Wie die Götter in Ihrem Roman kommen Sie eigentlich aus der »alten Welt« und leben nun schon lange in den USA. An welches Amerika glauben Sie? Ist es möglich sowohl die alten als auch die neuen Götter gleichzeitig anzubeten? Odin und das Fernsehen?
Neil Gaiman: Die Frage stellt sich überall auf der Welt, nicht nur in Amerika.

Die neuen Götter erobern nicht nur Amerika, sondern auch den Rest der Welt. Die alten Götter sind scheinbar auch in Europa vom Aussterben bedroht. Hätte American Gods auch in Europa spielen können?
Neil Gaiman: Eigentlich nicht. In Europa ist die Vergangenheit überall gegenwärtig und es gibt einen viel ausgeprägteren Sinn für Traditionen. Ich hätte vielleicht trotzdem ein Buch über alte und neue Götter in Europa schreiben können, aber ohne diese in die Zukunft gerichtete Dringlichkeit.

Sie bezeichnen sich selbst als Geschichtenerzähler. Normalerweise erzählen Sie fiktive Geschichten. Nur einmal haben Sie über jemanden geschrieben, nämlich Douglas Adams. Wie kam es dazu?
Neil Gaiman: Man hat mich gefragt. Ich sollte einen Companion zum »Anhalter« schreiben. Da ich als Journalist Douglas Adams mehrfach interviewt habe und sein Werk sehr bewundere, lag das nahe. Douglas war ein echter Gentleman.

Der Comic »Sandmann« war der Grundstein für Ihren Erfolg. Aber in letzter Zeit haben Sie sich zunehmend Romane für Kinder und Erwachsene geschrieben. Für welches Genre werden Sie sich in Zukunft entscheiden?
Neil Gaiman: Solange mir die Leser vertrauen und einfach meine Geschichten - egal in welcher Form - mögen, werde ich mich nicht festlegen und mich einfach weiter treiben lassen.