Florain Rauch und Nicole Rinder: Das letzte Fest

SPECIAL zu Nicole Rinder, Florian Rauch »Das letzte Fest«

Das Jahreszeitenkarussell

Von Thomas Niklas Panholzer, Oktober 2011


Du kommst nun immer mehr zur Ruhe. Langsam und gleichmäßig hörst du deinen Atem durch dich hindurchfließen. Du schließt gedanklich die Augen, um dich ganz der Ruhe hinzugeben. Du beginnst, mehr und mehr die Ruhe zu genießen. Diese Ruhe ist gefüllt mit dem tiefen Frieden des Lebens. Und dieser Friede erfüllt jede einzelne Faser deines Körpers. Du kannst ihn wie einen sanften Sonnenstrahl durch dich fließen spüren.

Nun kommen auch deine Gedanken mehr und mehr zur Ruhe. Und du siehst deine Gedanken wie kleine Wolken aufsteigen. Du siehst ihnen zu, wie sie langsam am Horizont aufsteigen und zu dir herüberziehen. Du siehst ihnen dabei zu, wie sie aufsteigen, zu dir ziehen und weiterwandern. Sie haben im Augenblick jede Bedeutung verloren. Sie sind nur einfach da und wandern ruhig an dir vorüber.

Du beginnst, Freude an deiner Gelassenheit zu empfinden. Und diese Gelassenheit öffnet dein Herz ganz weit. Sie öffnet es für weite Einsichten. In Gedanken siehst du, wie du dich auf den Weg machst. Auf den Weg, tiefe Einsichten zu gewinnen. Du kannst spüren, wie bereits das Aufrichten dir leichtfällt. Leichter als je zuvor. Und von dieser Leichtigkeit getragen, machst du dich auf den Weg. Auf deinen Weg. Den Weg zu deinen tiefen Einsichten.

Der Weg führt dich in ein fremdes Dorf, das nahe an einem Wald liegt. Du kannst die Menschen, die dort leben, sehen. Du siehst, wie sie dir freundlich zuwinken. Obwohl du niemanden kennst, scheint es, als gäbe es eine magische Verbindung zu ihnen. Es scheint, als hätten sie dich erwartet. Sie haben sich ganz offensichtlich auf deinen Besuch gefreut. Und auch das Dorf mit seinen Mauern und kleinen Gassen wirkt auf dich, als würdest du es schon sehr lange kennen. Aus jeder Ecke und aus jedem Haus strömt so etwas wie tief empfundenes Vertrauen heraus. Und du kannst es dankbar annehmen. Du kannst spüren, wie dich dieses Vertrauen nährt. Es nährt dich, und deine Zuversicht steigt und steigt.

Du hörst deine innere Stimme, die dir den Weg weist. Den Weg zu einem großen, hellen Platz. Der müsste Platz der Freude heißen, denkst du so beim Schlendern. Und du gehst durch die engen kleinen Gassen und die kleinen Wege. Die Leute deuten dir immer den Weg, den du gehen musst. Und es fällt dir leicht, einen Schritt nach dem anderen zu setzen. Ein ruhiges Lächeln zaubert sich in dein Gesicht. Leichten Fußes gehst du durch die Gassen und Straßen, und mit jedem Schritt, den du gehst, wird dein Herz offener. Es ist, als ob das ganze Licht des Universums in dich hineinströmen möchte. Du gehst weiter, bis du den Platz der inneren Freude in hellem Licht erkennen kannst. Du siehst die Menschen, die alle dahin strömen. Und auch du bist Teil des Stroms. Mit jedem Schritt gelangst du mehr und mehr zum Mittelpunkt.

Eine große Menschenmenge umfasst den Mittelpunkt des Platzes. Von innerer Zuversicht getragen, steuerst du auf den Mittelpunkt zu. Die Menschen machen dir Platz und lächeln dir weise zu. Du schreitest an den Menschen vorbei. Nun kannst du alles übersehen. In der Mitte des Platzes steht ein Karussell. Es ist ein besonders Karussell. Es ist, als sei es genau für dich gemacht. Ein alter Mann kommt auf dich zu und reicht dir Hand, die dich einladen möchte, eine Runde zu fahren. Er geleitet dich zu einem Tier, das du schon als Kind besonders gemocht hast. Er hilft dir hinauf, und du kannst das wohlige Gefühl der Kindheit spüren.

Während du getragen wirst vom Gefühl der Kindheit, beginnt das Karussell zu fahren. Das Raunen der Menschen um dich herum verstummt nach und nach, und du kannst die sanften Gesänge des Frühlingswindes hören. Es ist wie ein liebliches Pfeifen, wie ein liebliches Lied. Und deine Gedanken tragen dich tiefer in den Frühling hinein. Du kannst nun den Frühling riechen. Es ist dieser einzigartige Geruch, den es nur zu Beginn des Frühlings gibt. Vor deinem inneren Auge siehst du die Sonne vor dir, wie sie sich durch die Wolkendecke schiebt. Und die Wolken weichen den warmen Sonnenstrahlen, die du nun deutlich auf deiner Haut spüren kannst. Du siehst die Knospen, wie sie austreiben und saftig grüne Blätter hervorbringen. Und es ist dir, als ob diese grüne Kraft in dich eindringen würde und dich anfüllte mit der ganzen Kraft des Frühlings. Du kannst nun deutlich die Kraft des Neubeginns in dir wahrnehmen.

Und dieser Neubeginn steigert sich noch mehr. Du genießt es, wie die Kraft der sommerlichen Sonne in dich hineinfließt. Du gibst dich ganz deinem Sommer hin und kannst vor deinem inneren Auge sehen, wie dein Lebensbaum aufblüht. Wie ein Kirschbaum, der aus einem einzigen Kern Tausende rote Farbtupfer in saftiges Grün hineinzaubert. Wie herrlich wiegen sich deine Äste im warmen Sommerwind. Du wanderst in Gedanken durch deinen innerlichen Sommer und kannst den Überfluss, der hier herrscht, mit vollen Händen fassen. Glück durchflutet dich wie die Energie der Sonnenstrahlen, und du fühlst dich geborgen im Fluss des Lebens.

Langsam und gleichmäßig trägt dich dein Karussell weiter auf und ab in den Wogen des Lebens. Und wieder führen dich deine Gedanken aus, um nun die herbstliche Frische zu entdecken. Vor deinem geistigen Auge siehst du dich auf einem großen Weinberg stehen. Du siehst Menschen bei der Ernte der Früchte ihrer Arbeit. Und auch du möchtest die Früchte deiner Arbeit ernten. Du siehst Trauben vor dir und kannst die tiefe Bedeutung dieser besonderen Frucht erkennen. Ein Gefühl von Dankbarkeit durchfließt dich, und du kostest von den Früchten des Herbstes. Wie wohl ist dem Menschen, der den Wein hat, huscht ein Gedanken an dir vorbei. Du erkennst den Herbst als Zeit der Ernte, aber auch als Zeit der Dankbarkeit und der inneren Einkehr. Und so hältst auch du einen Moment lang inne und gibst der Dankbarkeit bewusst Platz in deinem Leben. Und es bereitet dir Freude, Platz zu lassen. Platz für Dankbarkeit. Du siehst, wie sich dein Blick emporrichtet; viele Gedanken der Dankbarkeit für die guten Dinge, die dir im Leben widerfahren sind, finden nun Platz in dir. Du kannst fühlen, wie wohl sich Dankbarkeit anfühlt.

Und du möchtest wie ein buntes Weinblatt diese Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Getragen von der Kraft des Neubeginns, emporgehoben vom sommerlichen Überfluss und erfüllt von der tiefen Dankbarkeit des Herbstes, findest du dich wieder in dunkler Nacht. Dein Atem ist ruhig und gleichmäßig, du fühlst innere Gelassenheit. Du betrachtest die Dunkelheit der Nacht in aller Ruhe. Du siehst Schneeflocken, wie sie von sanfter Hand getragen langsam zur Erde herabgleiten. Es ist die Zeit des Friedens und der Stille. Du zündest eine Kerze an und erwärmst dich an ihrem hellen Schein. Du betrachtest die Schneeflocken, die nach und nach eine schützende weiße Decke über die Erde legen. Alles kommt zur Ruhe.

Dein Blick gleitet langsam über den Horizont, und du genießt den friedlichen Anblick dieser Winterlandschaft. Wie friedlich nun alles ist. Es herrscht Ruhe, die man hören kann. Und du hörst bewusst in diese Ruhe hinein. Alles und jeder scheint seinen Frieden gefunden zu haben. Und auch du beschließt, mit allem und jedem deinen Frieden zu machen. Vor deinem inneren Auge siehst du Menschen, die dir Unrecht getan haben, und du siehst dich vergeben. Und du kannst spüren, wie die Vergebung, die du anderen schenkst, deinen inneren Frieden größer und größer werden lässt. Nun vergibst du dir auch selbst, für alle Dinge, bei denen du dir selbst Unrecht getan hast. Du kannst die Zeit des Friedens genießen. Es ist alles vergeben. Einfach alles.

Du nimmst deine Kerze und gehst in die Nacht hinaus. Du hast alles, was dich belastet, hinter dir gelassen. Die Schneeflocken bedecken alles, was hinter dir liegt. Du siehst nur noch das Flackern deiner Kerze, die Wärme und Licht in die finsterste Nacht bringt. Du breitest deine Arme aus, denn es ist alles vergeben. Und du nimmst den ganzen Frieden des Winters in dich auf. Diesen Frieden kannst du nun in dir spüren, er erfüllt von nun an dein ganzes Leben. So, wie an jedem deiner Tage die Nacht die Brücke ist zu einem neuen Tag, so ist auch der Winter die Brücke zu einem kraftvollen Neubeginn. Du blickst auf die sanfte Schneedecke und spürst, dass die Triebe für den Neubeginn bereits vorhanden sind.

Nach diesen Gedanken findest du dich wieder im Jahreszeitenkarussell. Du öffnest die Augen und atmest tief durch. Eine Träne liegt auf deiner Wange. Der alte Mann krümmt seinen Zeigefinger, lächelt dir weise zu und wischt sie dir weg. Dein Gesicht hellt sich ebenso mit einem Lächeln auf, und du bist von Weisheit getragen. Du lächelst in die Menge der Menschen, die dich umgibt. Du hast erfahren, wie sich das Jahreszeitenkarussell dreht, und du kannst, wann immer du willst, darauf zurückkehren, um Einsicht zu gewinnen.