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SPECIAL zu Peter Keglevic »Ich war Hitlers Trauzeuge«

WIE ALLES BEGANN

Alles im Leben ist schon vor der Geburt festgelegt, da bin ich mir sicher. Glück, Lust, Schmerz, alles was uns später im Leben begleitet, sind schon präsent, bevor wir den ersten Schrei tun. Alles wartet nur darauf, zu seinem festgesetzten Zeitpunkt erweckt zu werden. Der Schmerz erwacht am schnellsten und bleibt der dauerhafteste Begleiter. Das Glücksgefühl, ohne Hilfe Fahrradfahren zu können, bleibt einmalig und unvergleichlich. Auf das Verliebtsein musste ich 13 Jahrelang warten, bevor es leibhaftig wurde und ich Elisabeth Deisl an der Bahnschranke küsste.

Alles ist in meinem Lebensbüchlein notiert und wird zu einem festgelegten Zeitpunkt eingelöst. Ich sollte schreiben. Also schrieb ich nach dem ersten Kuss Liebesbriefe. Dann schrieb ich Gedanken nieder, die ein Gymnasiast manchmal hat: Ich wollte in der wuchernden Tapete des Café Glockenspiel in Salzburg verschwinden; die Blumen- und Blätterornamente sollten mich verschlucken. Fort war ich dann! Fort aus dieser Welt! Ich schrieb es im Religionsunterricht und wurde dabei vom Kaplan überrascht. Mein Werk machte bis zu Herrn Direktor Kaforka die Runde, und einvernehmlich war man der Ansicht, ich sei selbstmordgefährdet. So kam ich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und blieb 48 Stunden zur Beobachtung. Glaubhaft konnte ich schließlich versichern, dass ich Schriftsteller und nicht Selbstmörder werden wollte, dass ich vorhatte, die Geschichte Im Dschungel an einen Verlag zu schicken.

Schließlich landete ich beim Film und wurde Regisseur. Bezeichnenderweise hieß mein erster Film Der Zauberlehrling und mein zweiter Auf freiem Fuß. Beide Titel beschreiben mich und meine damaligen Gefühle recht gut. Und ich bewegte mich weiter dorthin, wohin zu kommen schon lange vor mir geplant war.

So drehte ich 1986 in New York den Film Magic Sticks. Auf der Suche nach dem Drehort für das Motiv Büro Musikmanager, zeigte mir der Filmausstatter im nördlichen Manhattan ein leerstehendes Gebäude, das auf den Broadway schaute. Im ersten Stock öffnete sich, nach vielen Ketten und Schlössern, die Tür in eine große Wohnung, nicht unähnlich den prächtigen Wohnungen in Paris oder Wien. Doch hier schien in den letzten Jahrzehnten niemand mehr gewohnt zu haben, die Räume waren ein Warenlager. Ein Lager für Eisenkleinteile. An den Wänden standen Metallregale bis unter die hohe Decke. Eine Seite war vollgestellt mit Kästen und Boxen, randvoll mit Schrauben, Nägeln, Muttern, Dichtringen, Ventilen, Schlauchschellen. Auf der anderen Seite lagerte kleinteiliges Autozubehör: Scheibenwischer, Federn, Dämpfer, Keilriemen, ja sogar Schneeketten! Ein verschwenderisches Sortiment. Es roch nach Terpentin und Leichtöl, als wären die Artikel gerade damit gepflegt worden. Unten muss in den Sechzigerjahren das dazugehörige Geschäft gewesen sein und im Erker des ersten Stocks das Büro. Im Erker sollte dann auch in meinem Film das Büro des Managers sein.

Aber nicht nur der Drehort hielt mich fest, es war eine kleine, schwarz gestrichene Tür. Sie schien verschlossen, aber sie klemmte bloß. Filmleute benehmen sich schrecklich an einem Drehort, sie sind neugierig, überall stecken sie die Nase hinein und fassen alles an. Sie öffnen Schubladen und fahren prüfend über Anzüge im Kleiderschrank. Wie Voyeure bewegen sie sich durch die Privatsphäre fremder Leute.

Ich stemmte mich gegen die Tür und drückte sie auf. Ein schmaler Korridor führte in den hinteren Teil der Wohnung, wie der Gang hinter dem Berlinerzimmer in den „Dienstbotentrakt“ führt. An der Wand lehnten jede Menge Gemälde, hauptsächlich mit Seen-, Fluss- und anderen Landschaftsmotiven. Edward Klosinski, mein polnischer Kameramann, erkannte in den Bildern hochwertige polnische Malerei. Er nannte Namen, die mir nichts sagten, zwei merkte ich mir, weil sie mich an Bekannte erinnerten: Kossak und Brandt. (Später, im Brockhaus nachgesehen, bestätigte sich die Bedeutung dieser Maler, die um die 1870er Jahre in München Kunstakademie und Kunstverein bevölkert hatten).

Am Ende des Gangs lag ein Raum, vielleicht fünfzehn Quadratmeter groß, in dem Wohnen, Schlafen, Kochen und Körperpflege zugleich stattgefunden haben musste. Alles lag ordentlich beieinander: Kochplatte, Pfannen und Geschirr; das Abwaschbecken, darüber Zahnbürste und Rasierzeug, der matte Spiegel. Ein schmales Bett mit karierter Decke. Am Bettende ein Tisch, darauf lagen Papiere, Prospekte, Zeitungen –sowie eine Unzahl Tablettendosen und -röhrchen, aufgestellt wie eine Armee. Und ein polnisches Liederbuch: Geistliche Lieder übersetzte Edward den Titel. In dem Buch war auf jeder Seite der freie Raum zwischen den Noten und Liedtexten beschrieben, stichwortartig und mit extremen Abkürzungen. Ein Tagebuch, eine Art Bericht – als solchen enträtselte es Edward. Zwei Tage Wald, Fähre Garonne? Hunger. Die Einträge handelten von längst Vergangenem. 52 September Umzug Garage Little Odessa 30 Dollar. Schwer zu entziffern. Schwer zu begreifen.

Hier also wohnte unser Motivgeber und hütete sein Lager. Wir bekamen ihn während der Drehzeit nicht zu Gesicht. Die Frau von der Hausverwaltung, über die unsere Dreherlaubnis lief, konnte kaum etwas über den Eigentümer berichten. Er sei sehr vermögend, ihm gehöre das Haus; er sei alt, um die achtzig; trotzdem agil und sehr beweglich. Jeden Tag, bei jedem Wetter laufe er bis zur Südseite des Central Parks und wieder zurück. 15 Kilometer! Starrköpfig und rechthaberisch. Polnischer Akzent. Alleinstehend.

Wo er sich während unserer Drehtage aufhielt, wusste die Angestellte nicht. Warum wir hier drehen durften auch nicht. Im Gegenteil, es sei ihr schlichtweg unerklärlich, abweisend und unzugänglich verhalte er sich sonst. Aber vielleicht liebte er den Film. Vielleicht verband ihn etwas mit Deutschland, mit Österreich; unserem polnischen Kameramann! Ja, bestätigte die Frau von der Hausverwaltung, er habe nach unseren Nationalitäten gefragt.

Was für ein Mann war er? Was war ihm widerfahren? Was hatte ihn hierher gebracht? Während der vier Drehtage verbrachte ich dieMittagspausen dort, derweil Team und Schauspieler bei einem benachbarten Griechen aßen. Es war eine kindliche Lust, etwas zu entdecken. Ich setzte mich in die Kammer von pan Gurski, so nannte die Assistentinden Motivgeber, und ließ alles auf mich wirken.

Herr Gurski schien ein ordentlicher, disziplinierter Mann zu sein. Alles war sauber und aufgeräumt, bis auf das Fenster zum Hof, daswar ungeputzt, sodass man keine Aussicht, aber auch keinen Einblick hatte. Innen war alles top. Er ernährte sich wohl hauptsächlich von Reis und Nudeln, Tomatenmark und Zwiebeln (im Spind gestapelt). Die vielen Tabletten entpuppten sich als Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel und dienten vermutlich nicht zur Bekämpfung schwerer Krankheiten. War pan Gurski nur ein gesundheitsbewusster Läufer oder ein Hypochonder? Hatte er Angst vor dem Tod?

Ich blätterte durch das vollgeschriebene Liederbuch. Bericht? Tagebuch? Ein Fluchttagebuch? Die Schrift war winzig und zusammengepresst, als hätte der Schreiber Angst gehabt, mit dem Platz nicht auszukommen. Manchmal wanden sich die Buchstaben um einen Notenkopf oder schmiegten sich unter das Fähnchen einer Achtelnote. Was durfte nicht vergessen werden? Was sollte die Nachwelt unbedingt wissen? War denn Herr Gurski überhaupt der Autor? Auf dem Titelblatt stand: Dieses Buch gehört Jolanta. War es einst das Gesangsbuch seiner Frau gewesen? Seiner Schwester? Studierte er die Hinterlassenschaft einer Freundin?

In diesen vier Tagen erschloss sich mir keine nacherzählbare Geschichte des Herrn Gurski. Erst Jahre später erlebte ich eine Epiphanie, und all die Splitter, Fetzen, Bruchstücke, die ich in New York aufgeschnappt hatte, fügten sich zu einem Bild. Allerdings wurde es nicht Herrn Gurskis Geschichte, sondern die von Harry Freudenthal.

1996. Wieder eine Drehortsuche. Für den Film über Roy Black – Du bist nicht allein mit Christoph Waltz – besuchte ich die Villa am Wannsee im Süden von Berlin, in der das Literarische Colloquium untergebracht ist. Ich fand in ihr keinen Drehort, aber mit schicksalhafter Zielstrebigkeit fischte ich aus der dort angebotenen LCB-Edition die Broschüre Ahnungslos in Berlin von James McNeish. Bezeichnenderweise lautet der Originaltitel: The Man from Nowhere.

Der neuseeländische Autor spürt dem neuseeländischen Läufer John Lovelock nach, der 1936 in Berlin in einem denkwürdigen Lauf die Goldmedaille über 1500 Meter gewonnen hat. Leni Riefenstahl hat den Lauf gefilmt und sie, die Meisterin des Schnitts und der Montage, hat den dramatischen Endspurt ungeschnitten in ihren „Olympiafilm“ montiert. Nach seinem Triumph verschwand Lovelock für zehn Tage in Berlin. Einen Monat später gab er das Laufen auf, und wenige Jahre später, mit 39 Jahren, stürzte er in New York vor eine U-Bahn. Waswar passiert? Wer war Lovelock?

Ich las, was McNeish in Berlin recherchiert hatte: Wahrscheinlich hatte Lovelock den deutschen Mittelstreckenläufer Otto Peltzer getroffen. Otto der Seltsame war wohl Regimegegner und homosexuell, weswegen er inhaftiert, aber am Vorabend der Olympischen Spiele entlassen worden war. Und da stand plötzlich der fast vergessene Herr Gurski wieder vor meinen Augen. War nicht auch er ein Man from Nowhere? War es möglich, dass er Lovelock in New York begegnet war? Dass er Lovelock kannte?

So fügte sich eins zum anderen. Laufen! Laufen, um zu Überleben. Es verband alle. Gurski, Lovelock, Leni Riefenstahl... Es war, als hätte ich ein Schneebrett losgetreten. Wie von alleine tauchte eine Geschichte auf, in der nun Harry Freudenthal alias Paul Renner als mein Heldaus dem Nirgendwo trat. Er wurde zum Schwamm, der alles Wissen und alle Vermutungen über Herrn Gurski und all die anderen aufsaugte und in ein eigenes Leben überführte. Details bekamen eine neue Entsprechung, Ausschnitte wurden zu etwas Ganzem. So verschwand nach und nach der polnische Herr Gurski, und der Berliner Jude Harry Freudenthal gewann an Körper und Geist und entwickelte allmählich eine eigene Biographie.

Aber es sollte nochmals viel Zeit vergehen, bis ich Harrys Geschichte niederschrieb. Ich blätterte im Wartezimmer meines Zahnarztes gedankenleer durch eine Motorsportzeitschrift, als mir folgende Zeilen entgegensprangen: „...auf den Spuren der historischen 1000 km durch Deutschland, die 1933 und 1934 – vor über siebzig Jahren – erstmals stattgefunden haben...“ Ich war mit einem Schlag wach, als hätte jemand neben meinem Ohr einen Schuss abgefeuert. Hier lag der Rahmen zu Harry Freudenthals Geschichte! Ein Rennen durch Deutschland.Von Süd nach Nord. Ich riss die Seite aus dem Magazin, und obwohl es ein Artikel über ein Automobil-Langstreckenrennen war, las ich ihn so, als hätte ihn ein Reporter des Völkischen Beobachter über einen Langstreckenlauf geschrieben: „Rudelweise gehen sie auf die mit Abstand größte und spektakulärste deutsche Langstrecke, München – Sachsen – Berlin, wie in den dreißiger Jahren, als Millionen von Zuschauern die Strecke säumten. Die deutsche Mille Miglia !“ Das war es! Im fortwährenden Laufen, um zu überleben, gab es nun auch die: Tausend Kilometer für das Tausendjährige Reich. Das war der fehlende Stein im Mosaik: ein Langstreckenlauf! Und da er im Frühjahr ausgetragen wurde, wurde er für mich zum Geburtstagslauf, dem Führer zur Ehre. In 20 Etappen zu je 50 Kilometer vom Berghof in die Reichskanzlei. 1000 Kilometer! Start am 1. April – Ankunft am 20. April, Führers Geburtstag, und der Sieger gratuliert. Im Namen des deutschen Volkes!

Und als mein Zahnarzt der Helferin das Zahnschema meines Gebisses diktierte („eins, sieben fehlt“), war auch das geklärt: Harry Freudenthal entstammte einer Zahnarztfamilie. Es folgten Jahre der Recherche. All die Läufe, die es gegeben hatte, galt es aus den Archiven zu zerren; die Großveranstaltungen, Teilnehmerzahlen, Begleitmannschaften, Organisatoren. Mit dem Auto, Fahrrad und zu Fuß erfuhr, erradelte, beging ich die Etappenorte und rekonstruierte ihr nationalsozialistisches Personal; die Wetterlage, den Frontverlauf, das Kriegstagebuch des OKW. Und so entwickelte sich die Geschichte eines Untergetauchten, der sich in den Langstreckenlauf „Wir laufen für den Führer“ verirrt und dadurch weiterhin unentdeckt bleibt. Und natürlich musste Leni Riefenstahl darüber einen Film drehen.

Wieder verging viel Zeit. Eines Morgens schrieb ich absichtslos und unvorbereitet: Ich war Hitlers Trauzeuge. Verblüfft schaute ich auf die vier Wörter, denn, das war mir schnell klar, sie würden der Kern der Geschichte sein. Das war Harrys Misson.

Da war sie wieder, meine Theorie: Alles ist seit jeher in einem festgelegt und wird zum vorherbestimmten Termin eingelöst. Jetzt war es so weit. Die Kugel, die schon mein ganzes Leben durch den Kesselrollte, fiel in diesem Augenblick ins Fach Nummer 7. Damit war ich nun endgültig Harry Freudenthal mit der Startnummer 7. Geboren 1920 in Berlin, gestorben am 20. Oktober 2015 in New York. Der Roman ist meine Geschichte.

Ich war Hitlers Trauzeuge Blick ins Buch

Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge

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