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SPECIAL zu Ronnie Wood »Ronnie«

Von einem der auszog, ein Rolling Stone zu werden

Rezension von Klaus Greifenstein

Wir schreiben das Jahr 2005, an der Copacabana haben sich fast zwei Millionen Fans versammelt, um ein Gratis-Konzert der größten Rock-and-Roll-Band aller Zeiten zu erleben. Die Rolling Stones sind nach Brasilien gekommen und selbst sie staunen nach 2000 absolvierten Live-Gigs über die Menschenmassen, die sich eingefunden haben und ihre Helden begeistert anfeuern. Während der Zuschauerlärm immer ohrenbetäubender wird, erinnert sich Stones-Gitarrist Ron Wood an die Zeiten, als Events solcher Größenordnung noch unvorstellbar erschienen. Und seine Gedanken wandern zurück in das London der späten 40er Jahre, wo seine Geschichte ihren Anfang nahm...

Der Gypsy aus Yiewsley
Yiewsley, Paddington Basin. Noch heute wird diese Gegend im London-Reiseführer als „incredibly ugly“ bezeichnet, als „unglaublich hässlich“. Das einzig erwähnenswerte an dem Viertel scheint die Drayton Railway zu sein, die Flugreisende von hier aus in wenigen Minuten zum Londoner Flughafen Heathrow bringt. Als Ronald Wood 1947 auf die Welt kommt, ist von einem Großflughafen weit und breit nichts zu sehen, doch „ugly“ ist Yiewsley schon damals. Ronnies Eltern sind in einer langen Ahnenreihe von „Water Gypsies“ die ersten, die sich für ein Leben auf Land entschieden haben; sämtliche Urahnen der Wood-Familie hatten auf Lastkähnen gewohnt, mit denen sie Baumaterial zu den Londoner Großbaustellen transportierten. Jetzt wohnen die Gypsies in Sozialwohnungen, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch und sind die besten Kunden in den Pubs des Viertels.

Für Ronnie und die Brüder Art und Ted ist das Leben im Yiewsley aber alles andere als ein Jammertal. Partys werden jedes Wochenende geschmissen, jeder in der Familie macht Musik. Wenn nicht gerade der Billig-Plattenspieler im Haus auf vollen Touren läuft, packt man Kämme, Löffel oder Kazoos aus und sorgt selbst für Stimmung. Mit 14 Jahren hat Ronnie schon etliche Gigs hinter sich – zuerst als Rhythmus-Boy mit dem Waschbrett, später als Gitarrist. Das Spiel auf den sechs Saiten wird seine Leidenschaft und bald wird ihm klar: er braucht eine eigene Band.

Eine endlose Jam-Session
Als Ronnie in die Welt der Londoner Clubs eintaucht, swingt die Stadt wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Clubs wie das „Marquee“ ziehen massenweise Leute an, die angesagtesten Musiker ihrer Zeit geben sich die Klinke in die Hand. Man schüttelt die Mähne zum Sound der jungen Kinks, der Who, den Rolling Stones und bald auch zum Sound der Birds, Ronnies erster Combo. Die Birds erreichen akzeptable Chart-Platzierungen, als aber ihr windiger Manager den Großteil des Verdienstes abgreift, löst sich die Band auf. Ronnies Vorteil ist seine ständige Präsenz in der Szene, die ihm neue Connections und neue Freunde verschafft hat. Er kann übergangslos bei der Jeff Beck Group anheuern, wo er zum ersten Mal erlebt, was es heißt „on the road“ zu sein.

Mit Jeff Beck zieht er insgesamt fünf US-Touren durch, doch mit seiner tyrannischen Ader vertreibt der Bandleader nicht nur Ronnie, sondern auch den Sänger Rod Stewart. Weil die beiden seit jeher eine dicke Freundschaft verbindet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich für ein neues musikalisches Projekt zusammentun. Mit dem Rest der in Auflösung befindlichen Small Faces formieren sie die Faces, die bis zum Jahr 1975 aktiv sind. Dann aber will ihr Manager Rod Stewarts enormes Potential nutzen und drängt den Mann mit der Reibeisenstimme zu einer Solokarriere.

Doch „wohl dem, der die richtigen Freunde hat“ lautet das Motto von Mister Wood. Er weiß, dass Mick Jagger und Keith Richards gerade einen Nachfolger für Stones-Gitarrist Mick Jones suchen, also spielt er bei ihnen vor. Aus gemeinsamen „Marquee“-Zeiten kennen sich die Jungs gut, Ron hatte sogar Ideen für den Stones-Hits „It's only Rock and Roll“ beigesteuert, weshalb die Entscheidung zwischen ihm und den Mitbewerbern leicht fällt: Im April 1975 verkündet das Management der Band, Wood werde sie vorübergehend auf USA-Tour begleiten.

Ronnie is a Rolling Stone
Für Ronnie beginnt die exzessivste Zeit seines Lebens, in der sich Licht und Schatten beinahe täglich abwechseln. Der Gitarrist trifft auf unzähligen Touren um den Globus auf fast jeden musikalischen Helden seiner Jugend, er jammt mit Bo Diddley oder Muddy Waters, teilt die Bühne mit Bob Marley und Jerry Lee Lewis. Er lernt seine Frau Jo kennen, zeugt drei Kinder mit ihr und wagt mehrere Versuche, sesshaft zu werden. Doch egal wo der „Gypsy“ seine Zelte aufschlagen will – in New York, L.A oder London – er steckt schon zu tief im Rock'n'Roll-Sumpf. Dem Alkohol nie abgeneigt, hat er die heftigeren illegalen Substanzen kennen gelernt, die ihm langsam aber sicher den Blick auf das wahre Leben trüben. Dealer und Mafiosi gehören plötzlich zu den Stammgästen in seinen fürstlichen Wohnungen, in ihrem Schlepptau eine riesige Palette an Suchtmitteln und natürlich irgendwann die Polizei. Es kommt zu Hausdurchsuchungen, Gefängnisaufenthalten und lebensgefährlichen Auseinandersetzungen. Besonders bitter für Ronnie ist seine angeborene Unfähigkeit mit Geld umzugehen. Phantastische Summen, die er durch ausverkaufte Tourneen und Bestselleralben verdient, versteht er zu verpulvern als handle es sich um Kleingeld. Mehrfach wird seine gesamte Habe verpfändet, bis er spürt, dass es höchste Zeit ist, auf die Bremse zu treten. Ron Wood schafft es nach mehreren Therapieanläufen, die Drogen hinter sich zu lassen, und entdeckt die Malerei als ein neues künstlerisches Standbein. Schon in Kindertagen war sein Talent aufgefallen, doch erst jetzt fokussiert er sich total auf Pinsel, Bleistift und Leinwand. Mit Erfolg. Heute laufen die Geschäfte mit der Kunst zur vollsten Zufriedenheit, die ehrwürdige Royal Academy nennt eines seiner Werke ihr eigen und sogar im Hause Bill und Hillary Clinton kann man zwei „echte Woods“ bewundern.

Von einer Droge wird Ronnie allerdings nie die Finger lassen und sie heißt Rolling Stones. Mit seinen alten Weggefährten wird er wohl noch als 70-Jähriger auf der Bühne stehen, auch dann noch werden ihm die durchgedrehten Fans zujubeln. Stocknüchtern wird Ronnie ihnen mit der Kippe im Mundwinkel zulächeln und leise murmeln: „It's only Rock and Roll, but I like it.“

Ein Blick hinter die Kulissen des Rockgeschäfts – wie oft haben uns Autoren mit diesem Satz schon den Mund wässrig gemacht, um uns dann zu enttäuschen. Ron Wood hingegen hält was er verspricht. Auf knapp vierhundert Seiten schildert er unvergessliche Begegnungen mit Bob Dylan, John Belushi, Jimi Hendrix, Muhammad Ali und John McEnroe. Wir dürfen Christopher Reeve oder Peter Sellers in Situationen überraschen, die wohl in sonst keiner Biographie auftauchen, und erfahren mehr über die Eskapaden der Stones, als man in einem katholischen Schwesternheim dulden würde. Weil Ronnie Wood auch sein privates Foto-Archiv öffnet, verschwinden auch die letzen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Anekdoten. Oh my god – der Mann hat die ganzen Storys wirklich erlebt!

Klaus Greifenstein
München, Juli 2008

Ronnie Blick ins Buch

Ronnie Wood

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