SPECIAL zu Sasha Grey »Die Juliette Society«

Mein Name ist Sasha Grey. Vielleicht kennen Sie mich aus Filmen wie Gang Bang My Face, Swallow My Children oder Blow Me Sandwich 11. Vielleicht haben Sie mich auch in Steven Soderberghs Film The Girlfriend Experience oder in dem Musikvideo gesehen, in dem ich Eminems Freundin spiele.
Vielleicht haben Sie auch noch nie von mir gehört. Davon gehe ich einfach mal aus und fange ganz von vorne an. Mein Name ist Sasha Grey, und ich war mal ein Pornostar.


   Wenn ich Ihnen erzählen würde, dass es eine Geheimgesellschaft gibt, deren Mitglieder nur aus den mächtigsten Menschen der Welt besteht: Banker, Superreiche, Medienmoguln, Vorstandsvorsitzende, Anwälte, Richter, Waffenhändler, hochdekorierte Militärs, Politiker, Regierungsbeamte, ja selbst prominente Vertreter der katholischen Kirche – würden Sie mir glauben?
   Und ich rede jetzt nicht von den Illuminaten. Oder der Bilderberg-Gruppe, den Treffen in Bohemian Grove oder irgendwelchen klischeehaften Märchen, mit denen verlogene Verschwörungstheoretiker und Irre wie Alex Jones oder David Icke den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen.
   Nein. Dieser Club ist auf den ersten Blick viel unschuldiger und harmloser.
   Auf den ersten Blick.
   Aber nicht auf den zweiten.

   Henry Kissinger hat mal gesagt, dass Macht das ultimative Aphrodisiakum ist. Da hatte er schon lange genug an den Schaltstellen der Macht gesessen, um genau zu wissen, wovon er sprach. Dieser Club ist der Beweis.
   Man könnte ihn den Fortune 500-Fickerclub nennen.
   Die Liga der Unsterblichen Motherfucker.
   Den World Bang.
   Die Sexliga.
   Oder die Juliette Society.

   Die Juliette, nach der die Gesellschaft benannt wurde, ist eine von zwei fiktiven Schwestern (die andere heißt Justine), geboren (wenn man es denn so nennen will) von Marquis de Sade, einem französischen Adeligen, der im 18. Jahrhundert lebte. Ein Freigeist, Schriftsteller und Revolutionär, dessen Bücher über seine sexuellen Abenteuer Kaiser Napoleon so sehr empörten, dass dieser ihn für seine Obszönitäten in die Bastille werfen ließ. Was im Nachhinein wohl ein Fehler war. Der Marquis saß in seiner Zelle und hatte den lieben langen Tag nichts anderes zu tun als sich einen von der Palme zu schütteln. Da dachte er sich natürlich nur noch mehr und gewaltigere Obszönitäten aus. Schon aus Prinzip. Während seiner Haft schrieb er den wichtigsten erotischen Roman der Welt: Die 120 Tage von Sodom. Das einzige Buch, das die Bibel in puncto sexueller Perversion und Gewalt noch übertrifft, wobei es nur unwesentlich kürzer ist.

   Juliette ist die unbekanntere der beiden Schwestern. Nicht, weil sie die Ruhigere ist, ganz im Gegenteil. Juliette lebt schamlos ihre Lust am Sex und am Töten aus, und es gibt keinen fleischlichen Genuss, der ihr fremd ist. Sie fickt und tötet und fickt, und manchmal tut sie beides gleichzeitig. Und kommt immer ungeschoren davon, muss niemals den Preis für ihre Laster und Verbrechen bezahlen.
   Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Und jetzt kapieren Sie auch, warum diese Geheimgesellschaft, die Juliette Society, nicht ganz so unschuldig ist, wie es den Anschein hat.

   Mein Buch handelt von einer Frau, die ihre sexuellen Fantasien nicht in dem Maße ausleben kann, in dem ich es tat, wie sie mit diesem Dilemma umgeht und wohin es sie führt. Ihr Name ist Catherine. Catherines Freund studiert Wirtschaft und arbeitet im Wahlkampfbüro eines dynamischen, jungen Kandidaten für das Senatorenamt namens Bob DeVille. Eines Abends muss Jack länger arbeiten. Catherine beschließt, mit ein paar Freundinnen in einen Club zu gehen. Dort quatscht sie ein Typ an, doch anstatt seine ganz offensichtliche, plumpe Anmache zu ignorieren, lässt sie sich darauf ein. Und schon bald läuft alles aus dem Ruder.

   »Ich verlasse das Badezimmer und trete in den schummrigen Korridor, der in den Club führt. Er wartet dort auf mich in einer dunklen Nische.
   Erst sehe ich ihn gar nicht, doch als ich an ihm vorbeigehe, streckt er die Hand aus und packt meinen Unterarm.
   Er zieht mich zu sich. Ich lasse es geschehen.
   Er dreht mich herum, sodass ich mit dem Rücken zur Wand stehe.
   Seine Hände liegen auf meiner Hüfte, umklammern mich. Er drückt seinen Unterleib gegen meinen.
   Er küsst mich sanft auf die Lippen. Seine Hände gleiten über meinen Körper, über meinen Rücken und auf meine Schultern.
   Er beugt sich vor, und irgendwie entdeckt er diesen magischen Punkt auf meinem Hals zwischen dem Schlüsselbein und meinem Ohr, eine erogene Zone, die mich willenlos macht. Es fühlt sich so gut an. Kurz bevor das Dopamin mein Hirn erreicht, halte ich inne und denke: Wie hat er das geschafft?
   Er vergräbt die Nase hinter meinem Ohr und inhaliert meinen Duft. Er drückt seine weichen, feuchten Lippen auf meinen Hals, seine Zunge beschreibt suchende Kreise, gleitet dann langsam die Kurve zu meinem Ohr hinauf, dringt in die Ohrmuschel und zieht eine dünne Spur Speichel hinter sich her. Er knabbert an meinem Ohrläppchen, beißt gerade so fest hinein, dass ich seine scharfen Zähne spüren kann.
   Ich stöhne auf. Das gefällt dir, flüstert er mir ins Ohr. Es ist eher eine Feststellung als eine Frage, weil er genau weiß, was er tut, wohin er mich führt. Und wie er meinen Widerstand nach und nach zum Schmelzen bringt.«


   Ich bin jetzt vierundzwanzig. Ich habe mit einundzwanzig aufgehört – nach drei Jahren an der Spitze der Branche. Nachdem ich in Hunderten von Pornofilmen mitgespielt habe, kann ich jetzt mit meinem Buch Die Juliette Society zum ersten Mal meine eigene Welt, meine eigenen Figuren und meine eigene Geschichte erschaffen. Und auch meiner eigenen Version von Sex und Sexualität Ausdruck verleihen. Es soll ein Buch werden, das Sie beim Lesen anmacht – und mich beim Schreiben.

Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz

Die Juliette Society

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