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SPECIAL zu Ulrich Schnabel »Die Vermessung des Glaubens«

Glaube ist nicht nur Glaubenssache

Rezension von Karl Hafner

Ulrich Schnabel bietet in seinem Buch „Die Vermessung des Glaubens“ ein unterhaltsames und äußerst lehrreiches Panoptikum wissenschaftlicher Forschung über Religion

„Wenn es um unseren Glauben geht, sind wir alle Experten. Zumindest glauben wir das“, schreibt Ulrich Schnabel zu Beginn seines Buches „Die Vermessung des Glaubens“, um dann auf den nächsten über 500 faszinierend zu lesenden Seiten zu beweisen: Vieles am Glauben ist Glaubenssache, aber auch die verschiedensten Disziplinen der Wissenschaft können Erkenntnisse zum besseren Verständnis dieses anscheinend unüberwindbaren Phänomens „Religion“ beitragen.

Schnabel hat unzählige Forschungen, Statistiken und Experimente zusammengetragen aus den Bereichen der Evolutionsbiologie genauso wie aus der Sozialpsychologie, aus den Neurowissenschaften ebenso wie aus der Medizin. Dazwischen kommen in Interviews Protagonisten der verschiedenen Bereiche zu Wort und erzählen von ihrer Einstellung zum Glauben und zur Religion und brechen so theoretische Überlegungen auf persönliche Erfahrungen herunter.

Das Thema Religion fordert den Spagat zwischen religiöser Tradition und persönlichem Glauben. Psychologische, kulturelle, biologische, soziale und medizinische Aspekte des Menschseins spielten im Verständnis von Glauben und Religion eine Rolle, schreibt Schnabel. Also könne man diese Effekte nicht auf eine einzige Ursache oder Wirkung reduzieren. Der Autor betreibt in seinem Buch so etwas wie eine interdisziplinäre, subjektiv-objektive Glaubensforschung, unterhaltsam geschrieben und mit einer gehörigen Portion Humor.

Grad der Frömmigkeit und deren negative Effekte
Die harten Fakten der Wissenschaft widerlegen so manch landläufig beinahe als sicher geltende Meinung, etwa jene, dass religiöse Menschen häufiger moralischer handelten als nicht-religiöse. Die meisten psychologischen und sozialwissenschaftlichen Studien, die Schnabel im Kapitel „Zwischen Nächstenliebe und Fundamentalismus“, beschreibt, finden keine positiven Auswirkungen der Religion auf das moralische Verhalten der Gläubigen. Manche Forscher konstatieren sogar negative Auswirkungen. Zwar betonten viele Gläubige, wie wichtig ihnen Werte wie Nächstenliebe, Toleranz oder Hilfsbereitschaft seien, doch im praktischen Handeln spielen diese Werte dann doch eine kleinere Rolle als angenommen.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen von der Regel, auch in den Untersuchungen. In Studien, die auch noch den Grad der Religiosität berücksichtigten, zeigte sich teilweise ein verblüffendes Bild: Die größten Gemeinsamkeiten gab es zwischen den Extremen, den Nicht-Gläubigen auf der einen Seite und den Hochreligiösen auf der anderen Seite. Sie hatten die geringste Neigung zu Vorurteilen sowie die größte Toleranz. Religionspsychologen bezeichnen diesen Effekt als „kurvilinearen Zusammenhang“: „Die negativen Effekte der Religiosität nehmen zunächst mit dem Grad der Frömmigkeit zu, verringern sich allerdings wieder, wenn dieser eine bestimmte Schwelle überschreitet.“

Auch bei anderen Faktoren wie Glück und Gesundheit zeigte sich in einer Studie dieser Zusammenhang. Am unglücklichsten und mit den meisten Krankheitssymptomen behaftet waren diejenigen, die sich als „schwach religiös“ bezeichneten. Die Ungläubigen und die Hochreligiösen waren deutlich glücklicher und gesünder. Aus psychologischer Sicht scheint also nicht Glaube oder Nicht-Glaube das Wichtigste zu sein, sondern vielmehr die Tatsache, dass man sich darin sicher ist.

Das Feuern der Neuronen und die Bewusstseinserweiterung
Entgegen der Annahme vieler Psychologen Anfang des 20. Jahrhunderts, die unter dem Einfluss Sigmund Freuds standen und so etwas wie Zuflucht zum Glauben damit abtaten, dass die Menschheit immer noch in ihrem Kindheitsstadium stecke, wurde die Menschheit seitdem nicht erwachsener. Die Menschen sind keineswegs von der Religion abgekommen, auch die Wissenschaft forscht wieder vermehrt zu religiösen Fragen.

So versuchen auch Hirn- und Kognitionsforscher ein neurobiologisches Verständnis von Religion zu erlangen. Mittels Computer- oder Kernspintomografien versuchen sie Einblicke in das lebende Gehirn zu erhalten, um festzustellen, wie sich Religion im Gehirn und im Denken manifestiert. Als schillerndste Figur der „Neurotheologie“ schildert Schnabel den kanadischen Forscher Dr. Persinger, der es in den Neunzigerjahren zu einigem Ruhm gebracht hatte mit seinen „Gottesexperimenten“. Persinger war der Meinung, dass er - mittels eines gelben Motorradhelms, an den er einige Magnetspulen montiert hatte - bewiesen habe, dass man religiöse Erlebnisse einfach durch bestimmte neuronale Aktivierungen erzeugen könne. Mit schwachen Magnetfeldern könne man auf das Gehirn von Probanden einwirken und somit quasi-religiöse Erfahrungen erzeugen, womit die Frage nach transzendenten Wirklichkeiten in gewisser Weise überflüssig würde.

Eine schwedische Forschergruppe hat dieses Experiment mittlerweile nachgestellt und kam zu dem Ergebnis, dass es keinerlei Hinweise auf eine Wirkung dieser magnetischen Felder gäbe. Seitdem befinden sich die Urheber der beiden Forschungen im Rechtsstreit. Probanten, die diesen Helm verwendet haben, berichten von unterschiedlichen Erfahrungen. Der überzeugte Atheist Richard Dawkins etwa zeigte sich enttäuscht. Er habe nichts gespürt.

Letzten Endes, so Schnabel, bestimmen wohl nur die im Hirn bereits vorhandenen Phantasien, ob und wie so eine Bewusstseinserweiterung funktioniert. Dass religiöse Gefühle in bestimmten Regionen des Gehirns stattfinden, etwa in den Schläfenlappen, vermuten inzwischen einige Neurotheologen. So gilt etwa die Epilepsie seit alters her als „heilige Krankheit“. Dostojewskij etwa beschreibt die Sekunden, bevor ein epileptischer Anfall beginnt, als den Moment unsagbaren Glücks in höchsten religiösen Tönen. Aus medizinischer Sicht gerät nur die Aktivität von Nervenzellen, das „Feuern“ der Neuronen, in bestimmten Hirnregionen außer Kontrolle. Dadurch erleben manche Menschen religiöse Gefühle, viele andere bekommen jedoch einfach Angst.

Die neurobiologischen Aktivitäten sind nur Aspekte. Genauso wichtig sind die Persönlichkeit des Patienten, sein Umfeld oder seine momentane Situation. Der Psychologe Daniel Batson bezeichnet das Gehirn „nur als Hardware, durch die Religion erfahrbar wird“. Auch neurobiologische Aktivitäten der Religiosität können letzten Endes wohl nur erklärt werden, wenn auch der kulturelle Kontext mit all seinen Traditionen den Deutungsrahmen liefert, wie auch Meditationsforschungen zeigten.

Das Gehirn will glauben
Sich eine Gesellschaft ohne jeglichen Glauben vorzustellen, ist beinahe unmöglich. Jede Kultur hat ihre religiösen Vorstellungen. Ausgerechnet die Evolutionsbiologie, die so sehr im Kontrast zum derzeit aufkommenden Kreationismus steht, beschreibt, warum das religiöse Denken universell unter den Menschen verbreitet ist. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich Fähigkeiten des Denkens entwickelt, die ursächlich für den Glauben sind. So sucht beispielsweise die Kausalität unseres Denkens auch für unerklärbare Phänomene einen Grund. Schnell sind diese Gründe mystischer Natur, wenn nichts mehr anderes weiterhilft.

Doch auch der religiöse Zusammenhalt einer Gruppe bietet laut Untersuchungen einen Überlebensvorteil. Selbst ungläubige Forscher sind der Meinung, die natürliche Funktionsweise des Gehirns sei es, religiöse Gedanken zu erzeugen. Dennoch zeigt sich bei aller evolutionsbiologischen Prädisposition zur Religiosität der Verfall des Glaubens, zumindest in Europa. Während Abertausende die Eventhaftigkeit des Kirchentages feiern, sind viele Kirchen im regulären Betrieb leer. Schnabel sieht, zumindest in Europa, eine Schwächung der gesammelten religiösen Traditionen, jedoch auch die Tatsache, dass das individuelle, religiöse Erleben wichtiger wird, was man an der zunehmenden Begeisterung für Pilgerreisen, Fasten oder Schweigerituale feststellen könne.

Natürlich ist dieser Effekt den institutionalisierten Religionen ein Dorn im Auge, unterminiert er doch den Glauben an eine autoritäre Hierarchie. In einem schönen Resümee stellt Schnabel klar: „Jede religiöse Tradition ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann dem Einzelnen helfen, sich aus seiner Ich-Zentriertheit zu befreien und kann ihn auf einer anderen Ebene umso mehr versklaven. Ein Patentrezept, wie das eine ohne das andere zu erreichen wäre, ist leider nicht in Sicht.“

Schnabels Buch bietet für Gläubige, Zweifler und Atheisten eine Menge Erkenntnisse, die vor Gefahren und Irrwegen warnen, und beweist außerdem, dass bestimmte Formen des Glaubens durchaus auch mit einem wissenschaftlichen Weltbild in Einklang zu bringen sind. Und zu allem Überfluss macht das Buch auch noch eine Menge Spaß beim Lesen. Einen Heidenspaß.

Karl Hafner
München, August 2008

Ulrich Schnabel

Die Vermessung des Glaubens

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