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SPECIAL zu Ulrike Schweikert

Interview mit Ulrike Schweikert

von Roland Große Holtforth

Ulrike Schweikert
© Isabell Grubert/Random House

„Die Dirne und der Bischof“ ist aus Ihrer Idee entstanden, ein mittelalterliches „Frauenhaus“ zu beschreiben – so nannte man ja damals Bordelle. Wie würden Sie das Leben der Dirnen dort charakterisieren?
Es war ein hartes Leben, das sicher keine der Frauen freiwillig und zum Spaß wählte. Es waren alles Frauen, die durch irgendein Ereignis aus der Bahn geworfen worden waren und in der damaligen Gesellschaft keine zweite Chance bekamen – oder von vornherein als mittellose Mädchen in diese Welt hineinwuchsen. Einige beispielhafte Schicksale werden im Roman ja beschrieben. Meist stand das Haus unter der Leitung einer Frauenhauswirtin, die wiederum dem städtischen Henker unterstand. Die Frauen mussten gehorchen. Rechte hatten sie nur wenige, die sie bei der städtischen Justiz hätten einklagen können. Dennoch waren sie im Frauenhaus geschützter denn als freie Weiber auf der Straße. Für das Würzburger Frauenhaus ist überliefert, dass es nur aus einem Raum bestand, d.h. so etwas wie eine Intimsphäre gab es weder für die Frauen noch für ihre Freier. Dennoch glaube ich nicht, dass die Frauen ständig unglücklich oder verzweifelt waren. Sie fügten sich in ihr hartes Leben – hart auf seine Weise war auch das Leben der meisten anderen Menschen im Mittelalter. Was für die Frauen hinzukam, war die ständige Angst vor Schwangerschaft, zu der es natürlich trotz der Verhütungsversuche immer wieder kam. Abtreibungen waren lebensgefährlich und eine Todsünde. Außerdem gab es die verschiedenen Geschlechtskrankheiten – später ab dem sechzehnten Jahrhundert vor allem die Syphilis, von der man nicht geheilt werden konnte.

Der zweite Ausgangspunkt war Ihre „Begegnung“ mit der historischen Figur des Würzburger Bischofs Johann von Brunn. Was faszinierte Sie an diesem ja durchaus fragwürdigen Kirchenmann?
Die Kirchenmänner dieser Zeit, die in eine gewisse Machtposition gelangten, waren keine väterlichen Seelsorger, die sich um das seelische Wohl ihrer Gemeinden kümmerten. Es waren Fürsten und Machtpolitiker. Johann von Brunn war nur einer von vielen, der es nur ein wenig bunter getrieben hat als die meisten. Daher eignet er sich sehr gut für einen Roman. Auch von der Enthaltsamkeit hielten die meisten Kirchenmänner nichts; vielleicht wenige asketische Mönche der Bettelorden, doch die meisten anderen hatten durchaus ein abwechslungsreiches Sexualleben. Viele der Chorherren des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit waren gar verheiratet. Dagegen ging die Kirche vor – nicht gegen den Sex an sich, denn der war nicht gefährlich. Es ging ja nicht um Moral. Es ging um mögliche Erbansprüche von Ehefrauen und Kindern, die das Kirchenvermögen geschmälert hätten. Dies galt es zu verhindern. Was die Mönche, Bischöfe und Pfarrer sonst trieben, interessierte nicht. Ich fand es spannend, diese damals übliche Haltung und Lebensweise, die die eigentliche Aufgabe der Kirchenmänner völlig in den Hintergrund treten ließen, herauszuarbeiten und im Roman darzustellen.

Wie typisch ist Johann von Brunn für seine Zeit? Und fällt Ihnen irgendeine Herrschergestalt aus dem 20. oder 21. Jahrhundert ein, die Sie an den Würzburger Bischof erinnert?
Johann von Brunn hat es sicher auf die Spitze getrieben und sticht daher auch in seiner Zeit hervor, doch in kleinerem Stil war seine Lebensweise unter den hohen Kirchenmännern eher die Regel als die Ausnahme. Sie wollten eher Fürsten als Seelsorger sein und meinten, ein komfortables oder gar luxuriöses Leben stehe ihnen zu. Die Armut der Bevölkerung, der sie immer höhere Abgaben abpressten, kümmerte sie nicht.
Was Johann von Brunn völlig fehlte, war ein Unrechtsbewusstsein. Er hielt dieses ausschweifende Leben und seine erpresserischen Forderungen an die Bürger für sein gottgegebenes Recht. Das erinnert mich ein wenig an manche Vorstände großer Firmen oder Politiker, denen auch dieses Unrechtsbewusstsein abgeht. Sie bedienen sich und leben in großem Stil, lassen sich Reisen und Bordellbesuche bezahlen und fühlen sich auch noch im Recht.

Ein zentrales Thema des Buches ist Loyalität: die Loyalität der Tochter zu ihrem Vater, die der Untergebenen zu ihrem Herrn usw. Haben Sie das Thema bewusst so stark gemacht, oder ist das Ideal der Loyalität so fest im mittelalterlichen Ethos verankert, dass es in einem Roman wie diesem einfach zum Thema werden muss?
Das zentrale System der mittelalterlichen Gesellschaft war der Feudalismus, d. h. die Vergabe von Land und Ämtern gegen Gefolgschaft, also Loyalität. Dies zog sich nicht nur durch die politischen Hierarchien. Auch Familien und Arbeitsgemeinschaften waren in dieser Weise aufgebaut, denn nur so gab es eine Überlebenschance. Wer alleine war und ohne Unterstützung, war verloren. Und so funktionierte selbst das Frauenhaus als eine in sich loyale Gemeinschaft mit dem Zweck, das Überleben aller zu sichern.

Der Verlust und die Wiederkehr von Erinnerungen spielen für Elisabeth, die Heldin Ihres Buches, eine ganz wichtige Rolle. Was bedeuten diese Vorgänge für die Entwicklung, die Elisabeth im Laufe des Romans durchmacht?
Es ist ein Trick. Der Verlust ihrer Erinnerung nimmt Elisabeth ihre Erfahrung und wirft sie in ihrer Entwicklung zurück. Alles ist plötzlich wieder neu – wie bei einem Kind, das sich seine Umwelt erobert – und muss hinterfragt werden. Nichts ist selbstverständlich, und alles muss neu bewertet werden.
Wir alle sind durch unsere Entwicklungsgeschichte geprägt. Die Normen unseres Umfelds und das Verhalten der Menschen, die uns begleiten, prägen unser Unterbewusstsein. Wir nehmen das als gegeben hin. Das fällt bei Elisabeth plötzlich weg und wird durch ein völlig neues Umfeld ersetzt. Auf dieses trifft sie aber als Frau mit der Fähigkeit zu denken und zu hinterfragen und nicht als Kind, das dort einfach hineinwächst. So entsteht das Spannungsfeld, in dem Elisabeth steht. In ihrer zweiten Entwicklung macht sie sich ein ganz neues Bild von der politischen und gesellschaftlichen Situation in Würzburg. Dieses unterscheidet sich deutlich von dem, das sie vor ihrem Gedächtnisverlust hatte. Mit der Rückkehr der Erinnerungen prallen diese Sichten, die sonst von verschiedenen Personen vertreten werden, in einer Person zusammen. Was ist richtig, was falsch? Ihre ursprüngliche Sichtweise oder die neu erlernte? Es gibt plötzlich keine Konstanten mehr. Alles muss hinterfragt werden. Sie sieht in sich zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Welche ist die richtige? Gibt es überhaupt eine richtige? Dieses Spannungsfeld, in dem sich Elisabeth selbst finden muss, hat mich besonders gereizt.

In Ihrem letzten historischen Roman, „Das Siegel des Templers“, schildern Sie die Abenteuer des Ritterfräuleins Juliana von Ehrenberg, die sich, als Knappe verkleidet, auf den Jakobsweg begibt. Wenn Sie die beiden, Elisabeth und Juliana, vergleichen: Was unterscheidet, was verbindet sie?
Die Hauptfiguren beider Romane sind junge Frauen, die sich in einer für sie fremden Welt zurechtfinden müssen. Sie sind aus ihrem bisherigen, behüteten Leben durch ein gewalttätiges Ereignis herausgerissen worden und müssen sich nun in der unbekannten Gefahr bewähren. Sie wachsen daran, werden reifer, mutiger und selbstbestimmter.
Juliana ist kindlicher und naiver als Elisabeth. Sie ist aber auch gefühlsbetonter und daher sehr impulsiv, was sie oft zu voreiligen und damit falschen Schlüssen und Entscheidungen führt, die sie später bereuen muss. Daran wächst und reift sie.
Elisabeth ist vom Typ her ruhiger und sanfter. Sie ist ein Mensch mit viel Verständnis und Mitgefühl für andere und auch geduldiger als Juliana. Eigentlich ist sie schon reifer in ihrem Charakter, wird aber durch den Verlust ihrer Erinnerungen in eine fast kindliche Unwissenheit zurückgeworfen. Sie zweifelt und muss sich erst langsam selbst finden, da sie ja nicht auf die Erfahrung aus der Erinnerung zurückgreifen kann.
Beiden gemeinsam ist der harte Weg zur Reife, der sie in die Lage versetzt, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen und selbst zu entscheiden, was sie wollen.

Faszinierende Frauengestalten wie Elisabeth sind so etwas wie das Markenzeichen Ihrer historischen Romane. Reizt es Sie nicht manchmal, auch einen ebenso starken männlichen Helden ins Zentrum zu stellen?
Bei meinen historischen Romanen für Erwachsene sind es tatsächlich immer Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Mit der Gemütslage von Frauen kenne ich mich einfach besser aus. Meine beiden historischen Jugendkrimis haben dagegen einen Helden – Jos Zeuner –, dem ich zum Ausgleich gleich zwei Mädchen an die Seite gegeben habe. Und auch in „Die Erben der Nacht“ herrscht Gleichberechtigung. Es gibt gleich vier Hauptfiguren: zwei junge Vampire und zwei Vampirinnen. So ist für jeden etwas dabei. Damit habe ich, glaube ich, genug Möglichkeiten, mich mit dem Innenleben männlicher Protagonisten zu befassen, und werde bei meinen historischen Romanen den Heldinnen treu bleiben.

Neben historischen Romanen verfassen Sie auch sehr erfolgreich Jugendbücher sowie Fantasy-Romane. Wie nähern Sie sich diesen unterschiedlichen Genres? Worin liegen für Sie als Autorin die wichtigsten Unterschiede?
Ein historischer Roman setzt enge Grenzen. Ich will und muss mich an den geschichtlichen Rahmen halten, und meine Fantasie kann sich nur innerhalb dieses Rahmens bewegen. Es ist viel Arbeit im Vorfeld nötig, wissenschaftlich exakte Recherche, bevor ich mit den Romanideen weitermachen und diese ausbauen kann. Ich nehme mir ca. sechs Monate für die Datensammlung, bevor ich dann das Szenenbuch erstelle, an dem ich mich beim Schreiben der Geschichte orientiere.
Bei einem Fantasy-Roman erstelle ich den Rahmen selbst. Steht dieser, muss ich mich anschließend in diesem bewegen, denn auch ein Fantasy-Roman muss logisch und in sich schlüssig sein. Die „physikalischen“ Gesetze dieser Welt müssen durch die ganze Geschichte gelten. Es ist nicht leicht, ein Gleichgewicht zu halten, wenn Magie und übernatürliche Fähigkeiten im Spiel sind. Das gerät leicht aus den Fugen und wird dann unglaubwürdig. Oder es entstehen langweilige Superhelden oder Superbösewichte. Daher ist es auch nicht ganz einfach, eigene Welten zu schaffen.
Meine Jugendbücher der Serie „Die Erben der Nacht“ liegen zwischen beiden Genres. Sie haben reale Orte und die Geschichte des 19. Jahrhunderts als Hintergrund, vor dem sich die erfundenen Hauptfiguren, Vampirclans, bewegen. Das ist dann noch einmal eine neue Herausforderung, und es macht viel Spaß, Realität und Fantasy zu verknüpfen. So treten dann beispielsweise Oscar Wilde und Bram Stoker auf und treffen auf einem Friedhof in Rom auf die Helden der Geschichte, vier junge Vampire.
Zumindest bei der Vorarbeit bin ich bei den fantastischen Romanen freier, und auch das Schreiben geht flüssiger von der Hand, da man sich nicht ständig die Frage stellen muss: Wie war es damals wirklich? Wie sah dieser Ort aus? So muss ich bei den historischen Romanen oft Details nachrecherchieren und sitze auch mal Stunden an nur einem Satz, bis so eine Frage geklärt ist.

Für Ihre Bücher recherchieren Sie überall in Europa. Als Hobby-Vulkanologin waren Sie schon in Island und Indonesien oder auf Hawaii. Lieben Sie das Reisen so sehr wie das Schreiben?
Das kann man nicht vergleichen. Ich reise sehr gerne und erforsche neue Länder. Weite, wilde Landschaften und Gebirge faszinieren mich, und eben Vulkane. Aber ich habe mich damals nach meinem Studium und dem Diplom für die Vulkanologen vom Geomar Kiel bewusst gegen einen Job in diesem Bereich entschieden, da mir das Reisen für die Forschung als Beruf zu einsam und vielleicht auch körperlich zu anstrengend wäre. Nein, Schreiben als Beruf und Reisen zur Recherche und zum Vergnügen, zur Entspannung und um neue Eindrücke zu sammeln, das ist genau die richtige Mischung.

Nach einer Banklehre, der Arbeit als Wertpapierhändlerin sowie dem Studium von Geologie bzw. Journalismus wagten Sie 2001 den Schritt, die Schriftstellerei zu Ihrem Hauptberuf zu machen. Können Sie sich vorstellen, irgendwann auch noch einmal etwas ganz anderes zu machen?
Im Moment bin ich mit meiner Arbeit rundum zufrieden. Vor allem, da ich neben den historischen Romanen auch fantastische Jugendromane schreiben kann. Das bringt viel Abwechslung und auch Reisen, die mich aus Süddeutschland hinausführen. Doch ich weiß, dass man sich immer wieder verändert, der Schwerpunkt der Interessen sich verschiebt. Alle sieben Jahre gibt es einen Umbruch, sagt man. Vielleicht gibt es in einigen Jahren etwas, das mich besonders fasziniert, dann bin ich für Veränderungen offen. Dass ich mit der Schreiberei irgendwann ganz aufhören könnte, das kann ich mir allerdings nicht vorstellen.

In die nähere Zukunft geblickt: Woran arbeiten Sie gerade? Was haben Sie sich für die nächsten zwei, drei Jahre vorgenommen?
Im Moment habe ich den dritten Band der Jugendserie „Die Erben der Nacht“ in Arbeit. Dafür bin ich nach Hamburg und Paris gereist und werde wohl noch eine weitere Recherchereise nach Paris brauchen, um einige Orte und Fakten nachzuprüfen. Danach ist wieder ein historischer Roman dran. Es geht weiter mit Elisabeth und ihrem Vater, dem prunksüchtigen und streitbaren Bischof Johann von Brunn. Anschließend Band 4 und 5 von „Die Erben der Nacht“, die mich nach Wien, Rumänien und London führen werden. Ja, ich denke, dann sind wieder einmal drei Jahre ins Land gegangen. Für weitere historische Romane habe ich auch schon ein paar Ideen, aber die verrate ich noch nicht.

Das Interview führte Roland Große Holtforth, Literaturtest.

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Ulrike Schweikert

Die Dirne und der Bischof

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