SPECIAL zu Regina Gärtner

Ein bewegendes Frauenschicksal, große Gefühle und ein atemberaubendes Setting: Regina Gärtners »Unter dem Südseemond«

»Regina Gärtners Heldin folgt auch bei ihrer schwersten Entscheidung ihrem Herzen. Von ihr können wir uns viel abgucken!« (Shape)

Interview mit Regina Gärtner

Sie erzählen in „Unter dem Südseemond“ die Geschichte einer Frau, die über sich selbst hinauswächst, über Schicksalsschläge, neue Hoffnungen, exotische Landschaften und große Gefühle. Wo haben Sie die Inspiration für diesen Roman gefunden?
Regina Gärtner: Die deutsche Kolonie Samoa bot sich als Schauplatz meines Romanes an, weil die Inseln schon damals die „Perle der Südsee“ genannt wurden. Für viele lag und liegt ja noch heute in dem Wort „Südsee“ ein Versprechen von einem paradiesischen Idyll. Aber stimmt das überhaupt? War es ein Paradies – für alle?
Im Gegensatz zu den Afrikanern oder den Kannibalen auf Neuguinea galten die Samoaner als friedfertiges und ausgesprochen schönes Volk. Man muss sich nur die Tahiti-Bilder von Paul Gauguin vor Augen halten, dann weiß man, wie die Deutschen die Südseeinsulaner damals gesehen haben. Schöne Menschen, Kokospalmen, Sandstrände, keine Malaria, keine gefährlichen Tiere. Aber gewiss war die Südsee nicht nur ein Traumland. Hier fanden die Auswanderer zwar weniger militärischen Drill und selbstherrliche Aristokratie als daheim im Kaiserreich. Statt dessen regierten mehr die Abenteuerlust und der Pioniergeist. Trotzdem mussten sie sich unbekannten Schwierigkeiten stellen: fremden Völkern, unbezähmter Natur und eine Wild-West-Mentalität, in der oft nur der Stärkere gewann.
Doch das Deutsche Kaiserreich zum Ende des 19. Jahrhunderts war ein Land im gesellschaftlichen Umbruch –zwischen moderner Wissenschaft, Sozialgesetzgebung und alten Traditionen und beherrscht von Adel und Militär. Für Ärmere gab es kaum Aufstiegsmöglichkeiten und gute Bildung war wenigen vorbehalten. Mit meiner Entscheidung, Almas Schicksal in die deutsche Südsee zu verlagern, biete ich ihr Chancen, die sie so zu Hause nie gehabt hätte. Sie muss sich völlig anderen Herausforderungen stellen, lernt aber auch eine neue, vollkommen andere Welt kennen.
Das Leben in den Kolonien war hart und entbehrungsreich. Doch aus diesem beschwerlichen Leben erwuchsen auch Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, nicht einfach aufzugeben, wenn es schwierig wurde. Erst hier lernt Alma, wie stark ihr Charakter und wie groß ihre Talente sind. Sie schafft es, wenn auch häufig auf Kosten des eigenen Glücks, die ihr zugedachten Schicksalsschläge zu meistern. Sie kämpft sich durch, überwindet Schranken, findet in Fremden Freunde und am anderen Ende der Welt ein neues Zuhause. Je mehr ich über diese Geschichte nachgedacht habe, umso mehr hatte ich das Gefühl, das es sich lohnt, sie zu erzählen.

Wie sind sie zu dem Thema „Auswandersaga“ gekommen?
Regina Gärtner: Vor einigen Jahren habe ich eine Reise durch Namibia unternommen, das ab 1884 als Deutsch-Südwest Afrika bekannt war und die bedeutendste deutsche Kolonie war. In den Straßen von Swakopmund, von denen einige noch heute deutsche Namen tragen, sah es mancherorts aus, als würde man durch ein Ostseebad im Kaiserreich spazieren. Und direkt hinter den Häusern konnte man schon die Ausläufer der Namibianischen Wüste erkennen. Das ist ein sehr beeindruckendes Bild. So idyllisch und gleichzeitig so widersprüchlich. Seit damals hat mich das Thema „Deutsche Kolonien“ nicht mehr losgelassen.
Es gab die Menschen, die Deutschland in der Ferne aufbauen wollten. Die gingen in die Kolonien. Und es gibt die Menschen, die vor Deutschland flüchten wollten. Die wanderten aus in fremde Länder. Aber beiden Gruppen war gemein, dass sie glaubten, sie würden ihr Glück eher in der Fremde finden als zu Hause. Und alle stellen sich unglaublichen und völlig unabsehbaren Herausforderungen. Das ist spannend.

Haben Sie selbst schon einmal darüber nachgedacht, auszuwandern?
Regina Gärtner: Nachgedacht schon. Ich bin eine neugierige Seele, die es in die Fremde treibt. Ich bin wirklich sehr viel herumgekommen, habe schon alle fünf Kontinent bereist, und leide eigentlich permanent unter Fernweh.
Andererseits genieße ich es auch, in einem Land zu leben, in dem ich bedenkenlos Wasser aus der Leitung trinken kann und in dem es weder zu nennenswerten Stromausfällen noch anderen Versorgungsengpässen kommt. Die medizinische Versorgung ist relativ gut, es gibt ein Mindestmaß an Bildungsmöglichkeiten, und es herrschen weitestgehend demokratische Zustände. So schnell würde ich ein so großes Privileg und eine so hohe Lebensqualität nicht aufgeben.

Alma hält unermüdlich am Traum von der großen Lieben und ihrem persönlichen Lebensglück fest, auch wenn ihr immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Haben Sie auch schon einmal einen Traum gegen alle Widerstände verfolgt?
Regina Gärtner: Ja, ein bisschen meiner Protagonistin steckt natürlich schon in mir. Oder besser gesagt, andersherum. Ich kann sehr beharrlich sein, wenn es um die Verfolgung meiner Ziele geht. Genau wie Alma. Ich lass mich auch nicht so schnell erschüttern, wenn ich Rückschläge erleiden muss. Gleichzeitig habe ich aber gelernt, dass es mit der Brechstange nicht schneller geht, man aber viel kaputtmachen kann. Man muss immer wieder Anlauf nehmen, muss es immer wieder versuchen, dazulernen und besser werden, auf Chancen warten können, und dann, wenn diese Chancen kommen, auch wirklich entschieden und konsequent handeln. Dass ich diesen Roman in einem so namenhaften Verlag wie den Heyne Verlag veröffentlichen kann, ist ein Beweis meiner Beharrlichkeit.

Sie erzählen in Ihrem Roman auch die Geschichte von den Schwestern Käthe und Alma, die ein sehr schwieriges Verhältnis zu einander haben. Wie wichtig ist Ihnen persönlich Familie?
Regina Gärtner: Ich habe vier Geschwister – drei Brüder und eine Schwester. Und um allen Gerüchten vorzugreifen: Es ist keine Geschichte von mir und meiner Schwester. Wir haben ein ausgesprochen gutes Verhältnis, genau, wie ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Brüdern habe.
Trotzdem findet sich ein bisschen von mir auch in der Geschichte. Mit vier Geschwistern kenne ich mich natürlich bestens aus mit Geschwisterstreitereien, Konkurrenzkämpfen, aber auch das füreinander einstehen und das Solidarisieren gegen die Eltern. Als ich mit achtzehn von zu Hause auszog, um zu studieren, habe ich am meisten meinen kleinen Bruder vermisst. Das findet sich im Verhältnis von Alma zu Fritz wieder.
Familie ist mir sehr wichtig. Hier liegen die Wurzeln, die man braucht, um in schwierigen Zeiten bestehen zu können. Alles, was man zum Leben braucht, sollte man dort mit auf den Weg bekommen: Wurzeln zum Wachsen und um heftigen Stürmen widerstehen zu können, und Flügel, um in die Welt hinausfliegen zu können.
Deswegen ist es ja für meine Protagonistin so schwierig, in der weiten Welt bestehen zu können, als ihre Wurzeln kurzerhand gekappt werden.

Waren Sie selbst schon einmal an den Schauplätzen Ihres Romans? Was ist für Sie das Besondere daran?
Regina Gärtner: Ich lebe in Köln und habe dort auch die alten Schauplätze besucht. Aber es ist nicht mehr viel zu sehen. Köln ist im Zweiten Weltkrieg ja sehr stark zerstört worden, gerade in der Innenstadt. Aber ich habe lange recherchiert und viele alte Fotos gefunden, die sehr hilfreich waren.
Nach meinem Studium bin ich mehrere Monate alleine durch Australien gereist. Ich habe dort viel vom Land kennengelernt. In Sydney war ich bereits zweimal, auch im Hafen von Freemantle an der westaustralischen Küste, wo ich mit Delfinen geschwommen bin. Natürlich sieht es dort heute ganz anders aus, und trotzdem atmet man immer ein bisschen von der Atmosphäre, die einem Land eigentümlich ist.
Für das Frühjahr 2013 hatte ich eigentlich mit meinem Mann zusammen eine Reise nach Samoa geplant. Doch im Dezember 2012 ist dort – ähnlich, wie es auch Alma miterleben musste – ein Zyklon über die Inseln gezogen, der sehr viel verwüstet hat. Als die Nachricht kam, dass dort Typhus ausgebrochen sei, stand für mich fest: Diese Reise wird verschoben. Aber natürlich steht sie ganz oben auf meiner Liste. Nichts würde ich lieber tun, als auch die originalen Schauplätze auf Samoa zu besuchen.

Wie sieht ein üblicher Tag aus, wenn sie mitten im Schreibprozess stecken?
Regina Gärtner: Ich mache mir eine Kanne Kaffee, setze mich an den Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, und lese, was ich am Tag zuvor geschrieben habe. Das geht dann meistens nahtlos ins Schreiben über.
Ich habe ein bestimmtes tägliches Pensum. In der Regel schaffe ich es auch. Und wenn es mal zwei Seiten weniger sind an einem Tag, dann sind es am nächsten Tag eben vier Seiten mehr. Es hängt auch immer etwas an der Detailrecherche. Da tauchen plötzlich beim Schreiben Fragen auf wie: Ab wann gab es eigentlich Bananen in Deutschland? So eine Information herauszufinden, kann schon mal dauern.
Anders sieht es natürlich aus, wenn ich vorher den Roman plotte. Dann lese ich viel, recherchiere, kritzle, wo ich gehe und stehe Ideen in meine Notizbücher, auf Zettel, oder wenn sich gerade nichts anderes findet, auch auf Papiertaschentüchern. Das trage ich dann irgendwann alles zusammen. Durch die vielen Ideen entsteht in meinem Kopf ein Gesamtbild der Geschichte. Der Roman wird erst richtig begonnen, wenn ich genau weiß, wann und wie die Geschichte anfängt und wie sie endet.
Ob sie dann wirklich so geschrieben werden kann, hängt wiederum von der Detailrecherche ab. Ich muss die historischen Umstände berücksichtigen. Das ist ja die Kunst dabei, wenn man einen historischen Roman schreibt: Die historischen Ereignisse müssen stimmen, aber um diese Fakten herum muss man eine spannende und mitreißende Geschichte erzählen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass „Unter dem Südseemond“ auch verfilmt wird?
Regina Gärtner: Das wäre auf jeden Fall ein spannendes Projekt. Deutsch-Samoa und die Südsee – „unser Platz an der Sonne“, wie Reichskanzler Bülow 1897 die Kolonien nannte – war und ist noch heute ein echtes Sehnsuchtsthema. Und es gibt weitere Aspekte, die für eine Verfilmung sprechen.
Zum einen bietet der Roman genügend Stoff für einen gefühlvollen und gleichzeitig spannenden Film. Alma muss ja sehr viele unterschiedliche Abenteuer bestehen und Schwierigkeiten überwinden.
Die Geschichte selbst ist filmisch leicht zu erzählen und gut visuell umzusetzen. Die Südseestrände und grünen Hügel von Samoa geben eine interessante Kulisse ab. Das würden tolle Bilder werden, in die sich die Zuschauer verlieben können. Alleine die Vorstellung, Deutschland würde sich auf einem idyllischen Inselparadies finden, muss doch das Herz der Reiseweltmeister höherschlagen lassen.
Zudem gibt es derzeit ja geradezu eine Welle an filmischer Aufarbeitung deutscher Geschichte, und da passt diese Geschichte wirklich prima dazu. Die deutschen Kolonien sind bereits als Thema entdeckt und teilweise auch schon verfilmt worden, allerdings beschränkt sich das meisten auf die bekannteste deutsche Kolonie Deutsch Südwestafrika.
Etwas mehr zur „Deutschen Südsee“, wie die verschiedenen Schutzgebiete im Pazifik damals genannt wurden, findet man zwar in den historischen TV-Dokumentationen, aber auch hier fristen diese weit entlegenen Kolonien thematisch eher ein Mauerblümchendasein. Es wäre also ein frisches und weitgehend unbesetztes Motiv.
Gleichzeitig ist Auswandern ein sehr aktuelles Thema. Der Wunsch, in der Fremde sein Glück zu versuchen, ist uralt. Auch heute noch wandern Menschen mit dem Wunsch nach Veränderung oder aus purer Abenteuerlust aus. Andere treibt es in die Fremde, weil sie in ihrer Heimat keine geeigneten Möglichkeiten für wachsenden Wohlstand oder Selbstverwirklichung sehen. Da sehe ich starke Parallelen von damals zu heute.

Haben Sie schon Pläne für Ihren nächsten Roman?
Regina Gärtner: Ja, ich sitze gerade an einem Entwurf zu einem Nachfolgeband. „Unter dem Südseemond“ ist eine abgeschlossene Geschichte, allerdings endet sie kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. In den Kriegsjahren werden die Geduld, die Liebe und das Leben von Alma und ihrer Familie noch mal ordentlich durchgerüttelt.
Alma kommt als Deutsche in die britischen Kolonie Australien, die als britisches Dominion natürlich gegen das Deutsche Reich gekämpft hat. Und Almas Familie lebt auf Samoa, was direkt zu Kriegsbeginn von den Neuseeländern besetzt wurde – da sind spannende Entwicklungen zu erwarten, bis alle ihr Glück und ihre Liebe (wieder-)finden können.