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SPECIAL zu Winfried Süß / Dietmar Süß (Hrsg.) »Das ›Dritte Reich‹«

Orientierung und neue Perspektiven

Eine Rezension von Carsten Hansen

Ob durch große wissenschaftliche Editionen, in den Feuilletons diskutierte Sachbücher, Kinofilme oder – neuerdings – Bestsellerromane: das so genannte Dritte Reich ist heute publizistisch so präsent wie selten zuvor. Selbst historisch Interessierten fällt es oft schwer, in der Masse von Veröffentlichungen Seriöses von Halbseidenem, Erfundenes von Erkanntem zu unterscheiden. Dies gilt umso mehr, als sich auch professionelle Historiker keineswegs immer einig darin sind, wie dieser oder jener Sachverhalt zu beurteilen sei. Orientierung tut also Not.

Neue Perspektiven
Das dachten sich auch die Herausgeber dieser Einführung. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, stellen die hier versammelten Beiträge zentrale Themen der NS-Geschichte pointiert dar, alle Texte sind gut lesbar und inhaltlich dicht. Neben dieser formalen verbindet auch eine inhaltliche Klammer die Beiträge: die vier Perspektiven, die der Konzeption des Bandes zu Grunde liegen.

Zum einen wird der Nationalsozialismus in geographischer Hinsicht als Teil einer „europäischen Gewaltgeschichte der Moderne“ begriffen – freilich ohne dass dadurch der besondere „Rang“ des deutschen Faschismus relativiert würde. Zeitlich wird der Akzent stärker auf die „Radikalisierungsdynamik“ der Nazi-Diktatur während des Zweiten Weltkrieges gelegt, so dass eher das Jahr 1939 als „analytischer Fluchtpunkt“ dient und nicht 1933, das „Jahr der Machtergreifung“. Drittens, und dies ist vielleicht die interessanteste Akzentverschiebung, werden sozialgeschichtliche Ansätze gestärkt, so dass „Fragen nach den Anziehungs- und Bindungskräften der NS-Diktatur“ in den Blick kommen. Schließlich wird viertens die „Hinterlassenschaft“ des Nationalsozialismus untersucht, die Fragen danach also, was mit den Opfern und was mit Tätern und Mitläufern nach dem vorzeitigen Ende des „Tausendjährigen Reiches“ geschehen ist.

Das Volksempfinden und die Gunst der Stunde
Wie produktiv diese Perspektivwechsel wirken, zeigt sich nicht nur in den einzelnen Beiträgen, sondern bereits in der Themenauswahl. Dass Judenverfolgung und Holocaust ebenso zu einer solchen Darstellung gehören wie die Wehrmacht oder die Frage nach dem Zusammenspiel von „Führer“ und Partei, versteht sich von selbst.

Dies gilt jedoch nicht für Themen wie die Rolle der Frau im „Führerstaat“ oder das Verhältnis der Wissenschaftler zum Nazi-Regime. Hier oder in Abschnitten zur Bürokratie im NS-Staat oder der Frage nach dem Charakter der deutschen „Volksgemeinschaft“ erhält der Leser wertvolle Einblicke in das, was man die „Normalität des Dritten Reiches“ nennen könnte. Zu dieser gehörte die primitive Vorteilssuche als durchgängiges Element des Volksempfindens ebenso wie die skrupellose Nutzung einer vermeintlichen „Gunst der Stunde“ durch Wissenschaftler, die Humanexperimente „im großen Stil“ durchführen wollten. Das berühmte Diktum von Hannah Arendt zur „Banalität des Bösen“ kommt einem während der Lektüre mehr als einmal in den Sinn.

Abschied von überkommenen Lesarten
Gerade in dem Beitrag „Forschen für Volk und ‚Führer‘“, der sich mit Wissenschaft und Technik im Dritten Reich beschäftigt, kommt eine weitere, vielleicht die größte Stärke des Bandes zum Tragen: die Verbindung von klaren Positionen mit einer transparenten Argumentation. So beginnt der Beitrag damit, dass die „überkommene Lesart der Wissenschaftsentwicklung in den Jahren des ‚Dritten Reiches‘“ in Form von acht Thesen vorgestellt wird, die dann nacheinander kritisch geprüft und in weiten Teilen entkräftet werden – allen voran die Annahme, die „Hitler-Diktatur sei wissenschaftsfeindlich gewesen“.

So werden in den Texten dieses Bandes verschiedene Ansätze und Argumentationen in der gebotenen Kürze präsentiert, so dass es dem Leser jederzeit möglich ist, die im jeweiligen Beitrag bevorzugte Deutung kritisch zu prüfen. Auch wenn der Band insgesamt „Servicecharakter“ besitzt, endet dieser Service doch dort, wo unbedingt der Leser am Zuge ist: bei der Urteilsbildung.

Carsten Hansen
Literaturtest
Berlin, Juni 2008