SPECIAL zu Zhao Jie »Kleiner Phönix. Eine Kindheit unter Mao«

»Die Erinnerungen haben mich nie losgelassen«

Zhao Jie über ihre Kindheit in China und ihr Buch »Kleiner Phönix«

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Zhao Jie: Den Gedanken, ein Buch über meine Familie zu schreiben, habe ich schon immer gehabt. Deswegen habe ich in der Vergangenheit immer wieder meine Großmutter, meine Eltern und meine Tante befragt. Mein Vater (er starb 1997) hatte sogar seine Erinnerungen über seine Familie und seine Jugend für mich aufgeschrieben. Das zweijährige Leben in dem kleinen Dorf nahe dem heiligen Ort der Revolution – Yan’an – künstlerisch zu einem Roman zu verdichten, ist ebenfalls ein ewiger, nicht wegzutreibender Wunsch von mir gewesen. Mitte der Neunzigerjahre habe ich einen Teil der Kindheitserinnerungen auf Chinesisch geschrieben, dann aber beiseitegelegt; 2002 habe ich den Yan’an-Teil auf Deutsch geschrieben. Zwischendurch habe ich immer wieder daran gearbeitet, wenn ich Zeit hatte. Mein Hauptberuf ist ja Übersetzerin. Wenn ein Auftrag kam, musste ich übersetzen. Anfang 2011 habe ich mir dann aber fest vorgenommen, das Buch, das ich als meine Mission betrachte, endlich zu Ende zu bringen. Ich zog mich für drei Monate an die Ostsee nach Ahrenshoop zurück und schrieb Teil eins auf Deutsch zu Ende und bearbeitete Teil zwei. Deshalb kann ich nicht genau sagen, wie lange ich tatsächlich an dem Buch gearbeitet habe. Es war ein langer Prozess.
Cuis Familie: vorne v.l.n.r.: Onkel, Qun, Shitou, Großmutter; hinten v.l.n.r.: Tante, Vater, Mutter, Cui, 1969



Warum hat es Ihrer Meinung nach so lange gedauert?
Zhao Jie: Dass ich erst jetzt fertig geworden bin, erkläre ich mir damit, dass ich einen Reifungsprozess durchgemacht habe: Reifung meiner Persönlichkeit und Reifung meiner Sprache. Anfang der Neunzigerjahre, als ich geheiratet und meine Tochter bekommen hatte, musste ich nicht arbeiten. Ich hätte schreiben können. Ich wollte es ja auch. Ich wurde permanent von einer inneren Unruhe getrieben. Ich war unzufrieden mit mir, mit dem Leben. Aber ich konnte dieses Buch noch nicht schreiben, weil ich nicht reif genug war. Obwohl ich Deutsch bereits vier Jahre in China studiert hatte und in Berlin noch mal vier Jahre Germanistik, wäre ich damals trotzdem nicht in der Lage gewesen, dieses Buch auf Deutsch zu schreiben. Erst durch meine Übersetzertätigkeit und durch den langjährigen Prozess der Integration in die deutsche Kultur und Sprache, in das deutsche Leben überhaupt erreichte ich die nötige Reife. Die Verschmelzung mit der westlichen Kultur half mir übrigens auch, über die Vergangenheit Chinas und meine eigene genauer zu reflektieren.
Cui, 3 Jahre alt, mit den Großeltern, 1960
Ihre Erinnerungen sind erstaunlich genau. Waren all diese Details aus Ihrer Jugend immer präsent, oder kam die Erinnerung beim Schreiben?
Zhao Jie: Die Erinnerungen sind immer präsent: Ich sehe meine Großmutter und alle anderen Menschen, die ich beschreibe, vor Augen; ich höre sie reden, lachen, weinen; ich rieche die Gerüche aus der Alte-Türvorhang-Gasse neun; ich spüre die Last, die ich im Kleinen Tal trug, auf meinem Rücken, auf meiner Schulter; ich schmecke die Köstlichkeiten auf der Zunge, die die Bauern beim Frühlingsfest aus ihren knappen Nahrungsmitteln hervorzauberten. Ich habe all die Jahre in und mit meiner Vergangenheit gelebt. Anders ausgedrückt: Weil ich schon immer dieses Buch schreiben wollte, haben die Erinnerungen mich nie losgelassen.
Westlichen Lesern in unserer Zeit muss das Leben, das Sie beschreiben, fremd erscheinen. Sie leben seit den Achtzigern in Deutschland. Haben auch Sie manchmal das Gefühl, ein früheres und inzwischen fremdes Leben zu beschreiben?
Zhao Jie: Beim Schreiben dachte ich manchmal, meine Güte, damals und heute sind ja wie zwei Welten. Das Schreiben dieses Buches ist für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Es ist schon unglaublich, wie die Welt und China sich innerhalb eines knappen halben Jahrhunderts gewandelt haben. Aber fremd ist mir jenes Leben nicht. Mein früheres Leben gehört zu mir. Es ist ein Teil meiner Identität.

Von früher Kindheit an dienten Sie einer Ideologie, die die Menschen mit kollektivem Druck und Angst an sich band. Sind Sie heute manchmal wütend, dass Ihre Kindheit und Unschuld instrumentalisiert wurde?
Zhao Jie: Nein. Wenn ich wütend wäre, würde es bedeuten, dass ich auf mein Leben wütend bin. Als Kind war mir doch nicht bewusst, einer Ideologie zu dienen. Mir war auch nicht bewusst, dass wir einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Mir geht es nicht darum, zu klagen und Mao und den Kommunismus zu verdammen. Ich will durch meine persönliche Geschichte – meinen Mikrokosmos – dieses Stück Weltgeschichte unter die Lupe nehmen; indem ich versuche, mich zu verstehen, versuche ich, China zu verstehen. Als ich anfing zu schreiben, lag meine Hauptmotivation darin, dass meine Tochter später, wenn sie erwachsen ist, erfahren sollte, wer ihre Mutter ist, woher sie kommt, damit sie weiß, wo sie ihre Wurzeln findet.
Der Glaube an die Wichtigkeit und Richtigkeit der Kulturrevolution wurde am Ende tief enttäuscht. Wie ist Ihre Familie damit umgegangen? Wann und wie begann bei Ihnen die Abkehr von den Idealen Ihrer Jugend?
Zhao Jie: Mein Erwachen begann in Yan’an, setzte sich nach meiner Rückkehr nach Peking fort und endet, glaube ich, erst heute in Deutschland. Mao gab Ende 1968 eine Anweisung: »Es ist sehr notwendig, dass Jugendliche, die eine Schulausbildung haben, aufs Land gehen und eine Neuerziehung durch die armen Bauern und die unteren Mittelbauern erhalten.« Er hatte nicht damit gerechnet, dass seine Anweisung zum Gegenteil seines Ideals führte: Die aufs Land umgesiedelten Jugendlichen kehrten ihm und seiner Ideologie aufgrund ihrer Erfahrung auf dem Land den Rücken. Wie ich nämlich im zweiten Teil meines Buches beschreibe, haben wir auf dem Land die Realität kennengelernt und zu unserem großen Entsetzen festgestellt, dass die Theorie des Marxismus und Maoismus mit der Praxis nicht übereinstimmte. Erst mit der Öffnungspolitik und Liberalisierung in den Achtzigerjahren lernten wir die uns bis dahin verwehrte westliche Kultur und unser eigenes Ich kennen. Wir erkannten allmählich, dass unser Ideal eine Utopie war. Das entscheidende Datum in diesem Erwachensprozess ist zweifellos der 4. Juni 1989. Die Ereignisse am Platz des Himmlischen Friedens haben das chinesische Volk mitten ins Herz getroffen. Auch mein Vater verlor an diesem Tag seinen Glauben an den Kommunismus.
Cui bei der Apfelernte, Kleines Tal, 1977
Zu den beeindruckendsten Teilen Ihres Buches gehört Ihre Zeit als Erntehelferin in der Provinz. Haben Sie noch Kontakt zu den Menschen, die Sie damals trafen? Und wie leben diese Menschen heute?
Zhao Jie: Das Wort »Erntehelferin« ist etwas irreführend, aber ich finde kein besseres. Der chinesische Begriff hierfür lautet: zhishi qingnian, Abkürzung: zhiqing, wörtlich übersetzt: Bildung und Jugendliche, sinngemäß: Jugendliche mit Schulbildung. Gemeint sind die Abiturienten, die in der Kulturrevolution aufs Land umgesiedelt wurden. Wir waren keine Erntehelfer in dem Sinne, dass wir den Bauern bei der Ernte halfen und danach wieder nach Hause fuhren. Als wir damals aufs Land gingen, waren wir überzeugt, wir würden für den Rest unseres Lebens dort bleiben und Bauern werden, also dort neue Wurzeln schlagen. Dass die meisten von meiner Gruppe nach zwei Jahren das Dorf verlassen und studieren konnten, lag daran, dass Ende 1977 – also knapp zwei Jahre nach unserer Ankunft – die Universitäten für alle geöffnet wurden.
Nach meiner Rückkehr Anfang 1978 habe ich das Kleine Tal noch dreimal besucht: 1987, 1996 und 1997. Wenn ich meine Familie in Peking besuchte, nahm ich Kleidung mit und schickte sie an die Bewohner des Kleinen Tals. Als ich 1997 mit zwei Stern-Journalisten das Kleine Tal besuchte, um eine Reportage zu schreiben, hat Stern auf meine Bitte hin dem Kleinen Tal in meinem Namen 2000 D-Mark – damals 10 000 Yuan – gespendet, um eine Stiftung zu gründen, die die Mädchen des Dorfes, die zur Mittelschule wollen, mit einem Stipendium fördert. Ich hätte dem Kleinen Tal gern viel mehr gegeben. Aber ich weiß, dass es den Menschen dort heute viel, viel besser geht. Es gibt inzwischen sogar eine Asphaltstraße durch das Kleine Tal. Übrigens ist auch der neue chinesische Parteichef und designierte Staatspräsident Xi Jinping »einer von uns«. Er kam wie Beiyan und Ming in meinem Buch Anfang 1969 mit 16 Jahren nach Yan’an und lebte bis 1975 im circa 100 Kilometer östlich von der Stadt Yan’an entfernten Dorf Liangjiahe. »Der größte Gewinn für mich ist es, dass ich gelernt habe, was es bedeutet, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen«, schrieb er über seine sieben Jahre in Yan‘an. »Wenn ich denke, dass wir unter diesen äußerst harten Bedingungen doch noch etwas bewegen konnten, dann habe ich heute den Mut, mich jeder Herausforderung zu stellen ...« Ich glaube, er hat das stellvertretend für uns alle gesagt und damit unsere gemeinsame Erfahrung auf den Punkt gebracht. Ich setze große Hoffnung auf ihn.

Wie ist ihr heutiges Verhältnis zu ihrem Heimatland? Reisen Sie noch oft nach China? Und wie nehmen Sie den dortigen rasanten Wandel wahr?
Zhao Jie: Ich habe China in den letzten Jahren nicht sehr oft besucht. 2002 war ich wegen zweier Projekte dort. 2011 habe ich meine Mutter zwei Wochen in Peking besucht. Peking hat sich inzwischen so gewandelt, dass ich es nicht wiedererkenne. Es ist wirklich unglaublich! Was mich trotz meiner Begeisterung traurig stimmt, ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Als ich die Wanderarbeiter in einer Gasse hinter den Wolkenkratzern sah, die auf dem Boden hockend ihr Süppchen in sich hineinschlürften, oder den Schneider aus der Provinz Hubei, der in einer sechs Quadratmeter großen Hütte in der Straße meines Elternhauses nahe dem Diplomatenviertel wohnte und arbeitete, wurde mein Herz kalt. Obwohl ich seit zwanzig Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, fühle und sehe ich mich absolut als Chinesin. Alles, was mit China zu tun hat, geht mich an, betrifft mich, interessiert mich. Ich bin sehr stolz darauf, dass die chinesische Regierung innerhalb einer so kurzen Zeit dieses Riesenland zu einer großen, aufsteigenden Wirtschaftsmacht gemacht hat und dass seine 1,34 Milliarden Menschen heute nicht nur genug zu essen haben, sondern auch in einem bescheidenen Wohlstand leben können, und manche sogar in Luxus. Natürlich wünsche ich mir, dass meine Landsleute in Zukunft mehr politische Freiheit haben. Aber ich bin zuversichtlich, dass China sich in positivem Sinne weiter wandeln wird.

Was kann aus Ihrer Sicht der »kleine Phönix« den deutschen Leser heute lehren?
Zhao Jie: Ich will mit meinem Buch keinen belehren. Meine Motivation habe ich schon erwähnt. Ich habe dieses Buch in erster Linie für mich geschrieben, für meine Generation, als ein Andenken an eine vergangene Epoche. Wenn mein Buch dem deutschen Leser zu mehr Verständnis für China verhelfen kann, dann ist das ein zusätzlicher Gewinn für mich, darüber würde ich mich sehr freuen.
Cui im Kleinen Tal, Zeichnung von Chen Youmin
Wenn Sie dem Mädchen Cui aus Ihrem Buch heute begegnen würden, was würden Sie ihr raten?
Zhao Jie: Ich würde ihr nichts raten. Denn wenn ich ihr etwas raten würde, dann würde es bedeuten, dass sie an einem anderen Fleck der Erde aufwachsen würde. Wenn ich mich heute im Spiegel betrachte, sehe ich äußerlich keine Spur mehr von der kleinen Cui. Cui ist inzwischen zum ich weiß nicht mehr wievielten Mal aus der Asche aufgestiegen. Ein »kleiner Phönix« eben. Aber ihr Kern ist, glaube ich, unverändert in mir geblieben.