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SPECIAL zu den Thrillern von Roger Smith

WER ZUR HÖLLE IST MAX WILDE?

von Roger Smith

Roger  Smith
© Clive Sacke

Vor Jahren erzählte der große amerikanische Krimiautor Donald E. Westlake in einem Interview, wie er seine genialen Parker-Romane unter dem Pseudonym Richard Stark verfasste. Er sagte, wenn er sich an seinen Schreibtisch setzte, um als Stark zu schreiben, fühlte er sich anders. Dachte anders. Schrieb anders.

Dieser Gedanke faszinierte mich, und als ich letztes Jahr eine erste vage Idee für den Horrorroman hatte, der später »Schwarzes Blut« werden sollte, da wusste ich, dass ich dieses Buch niemals als Roger Smith würde schreiben können. Ich musste einen anderen Teil von mir erkunden, musste Erinnerungen, Einflüsse und Leidenschaften hervorholen, die ganz anders waren als jene, die die Grundlage für meine Südafrika-Thriller bildeten.

So kam es, dass eines Tages Max Wilde hereinspazierte, sich an meinen Computer setzte und anfing zu schreiben. Er verschwand, bevor es dunkel wurde, doch am darauffolgenden Tag kehrte er zurück und am Tag danach erneut. Monatelang kauerte er über meinem Laptop und hackte wie besessen in die Tastatur. Dann war er plötzlich weg und ließ nichts zurück außer einer Datei auf meiner Festplatte. Als ich las, was er geschrieben hatte, war ich erstaunt, welche Erinnerungen der Typ angezapft hatte.

Ich bin in Südafrika während der Apartheid aufgewachsen, in den späten Sechzigern und Siebzigern. Es war eine dunkle und bedrückende Zeit. Das Land wurde von einer calvinistischen weißen Diktatur geführt, deren kranke rassistische Politik einherging mit erdrückendem Puritanismus und sexuellen Repressionen. Die Zensur war drakonisch, besonders wenn es um Sex ging. Man konnte nicht einfach D.H. Lawrence lesen oder William Burroughs oder Nabokovs »Lolita«. Sexszenen in Hollywoodfilmen wurden ohne Rücksicht auf den Handlungsverlauf geschnitten.

Gewalt hingegen war in Ordnung. Schließlich gehörte sie zum Gründungsmythos des Staates Südafrika. Für Romane, Comics und Filme aus dem Horrorgenre interessierte sich die Zensur nicht.

Und so las ich als Kind die amerikanischen Heftchencomics »Creepy« und »Eerie«, diese schwarz-weißen, wunderschön gezeichneten und sehr schrecklichen Erzählungen, in denen jemand etwas unsagbar Böses tat und – meistens zumindest – damit davonkam. Oh, ich liebte diese Geschichten.

Mein Cousin arbeitete nach der Schule bei einem Filmverleih. (Wir reden hier von 16mm-Filmen. Das war lange vor der Ära der Videokassetten, von DVDs und Internetfernsehen ganz zu schweigen.) Abends kam er bei mir vorbei und brachte einen Projektor und kistenweise Filmrollen mit. Beide waren wir Horrorfans. Wir klauten heimlich ein paar Bier und sahen uns Filme an wie »The Texas Chainsaw Massacre« (das Original), ein denkwürdiges Double-Feature aus »I Drink Your Blood« und »I Eat Your Skin«, und viele andere vergessene B-Movie-Meister-werke. Reißerische Geschichten von fleischfressenden Mutanten und grausamen Serienkillern, die sich durch die Nebenstraßen Amerikas schlitzten.

Das Geschehen auf der Leinwand unterschied sich nicht großartig von dem, was es in der Zeitung zu lesen gab. In den USA waren nach dem Ende von »Flower-Power« dunkle Zeiten angebrochen, mit der Manson-Bande und dem Mord an Sharon Tate. Mit Ted Bundy, der eine Spur von toten Frauen in sieben Bundesstaaten hinterließ. Mit dem Zodiac-Killer. Dem »Killer-Clown« John Wayne Gacy, der kleine Jungs umbrachte und sie in seinem Keller verscharrte. Und dazu der Soundtrack von Jim Morrison, der leise und bedrohlich von einem »Killer on the Road« sang …

Ich war überrascht, als mir klar wurde, dass ich – dieses andere Ich, der Doppelgänger Max Wilde – einen Horrorroman geschrieben hatte; doch die Geschichte, die Wilde erzählte, leuchtete mir ein. Schwarzes Blut spielt in einer Stadt ohne Namen, in einem Staat ohne Namen, in einem Land ohne Namen, aber es handelt sich eindeutig um eine imaginäre Version Amerikas. Jenes Amerika, das den modernen Horror erfand und ihn in der Welt verbreitete. Und obwohl Schwarzes Blut in der Gegenwart spielt, ist es ein Produkt jener finsteren Kreaturen, die im flackernden Licht eines 16mm-Filmprojektors tanzen, und jener wunderbar haarsträubenden Geschichten, die durch die Tinte dieser alten Comics zum Leben erwachten.

Und Max Wilde? Ich habe Max seit ein paar Monaten nicht gesehen. Aber ich spüre seine Anwesenheit. Irgendetwas lauert im Schatten. Ich glaube, er kommt zurück …

Aus dem Englischen von Oskar Rauch

Max Wilde, Roger Smith

Schwarzes Blut

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